General Czernitschew löst das Königreich Westphalen auf

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Der Todesstoß für das „Westphälische Königreich“ kam am 28. September 1813 über den Kasseler Osten.

Vorwort

2002 schrieb ich in meinem Buch „Forstfelder Geschichte[n]": „1813 rückten Kosaken, aus Richtung Helsa kommend, unter dem General Czermitscheff nach Kassel vor. Die auf dem Forst stehenden französischen Geschütze wurden von den Russen erobert und zur Beschießung Kassels eingesetzt. An „der Wahlebach“ fand zwischen russischen und westfälischen Truppen (Cassel gehörte zum Westphälischen Königreich) ein Feuergefecht statt, welches die Russen gewannen und danach in Kassel einzogen.“

Aber ganz so einfach war es denn doch nicht. Ich will hier versuchen, das damalige Geschehen etwas komplexer darzustellen, und zwar versuche ich das weitgehend mit Zitaten (incl. der damaligen Rechtschreibung) aus Darstellungen, die kurz nach den Freiheitskriegen veröffentlicht worden waren. Ich gebe nur die Namen der Verfasser an, die Literaturhinweise sind unten aufgeführt.

Vorgeschichte

Das Königreich Westphalen in seiner Ausdehnung 1808

Das Königreich Westphalen (mit „ph“ geschrieben) wurde von Napoléon Bonaparte per Dekret vom 18. August 1807 für seinen jüngsten Bruder Jérôme geschaffen, es gehörte zum „Rheinbund“. Kassel wurde die Hauptstadt eines Reiches, das von der Elbe bis Marburg und von Bielefeld bis Nordshausen reichte. Die größte Ausdehnung hatte es 1810 mit über 63000 km2 und 2,6 Millionen Menschen.1 Viele Bürgerinnen und Bürger hatten sich im Wesentlichen arrangiert, der Handel gedieh.

Hoppe: „In den übrigen großen Städten des Landes, Hannover, Hildesheim, Braunschweig, Magdeburg und Halle, sah es völlig anders aus. Dort hielten vielfach Not und Armut ihren Einzug. Manchen Menschen wurde nicht nur die eigene Lebenslaufbahn sondern auch die ihrer Familien unwiederbringlich zerstört.“

Johann Schuster schildert, warum Czernitscheff nach Kassel zog und schreibt: „… Hier war die fremde Regierung den Einwohnern drückender, als irgend wo; fremd war sie durch das herrschende Volk, und fast noch mehr durch die Art der Beherrschung, denn alles inländische wurde zurückgesetzt, und da die Regierung entweder nicht sicher war, oder sich noch nicht sicher glaubte, so giengen die Untersuchungen und Verhaftungen Einzelner ununterbrochen fort. G. Bongars, Chef der geheimen Polizei machte sich mit immer neu erfundenen Verschwörungen wichtig, füllte die Gefängnisse und unterhielt sorgsam diese Quelle von Einkünften.“

Darum gab es im westphälischen Reich auch immer wieder Aufstände, von denen auch das Denkmal auf dem Forst Zeugnis abgibt. Hier wurden 1807 und 1809 Aufständische gegen Napoleon erschossen. (Vgl.: Urlen, Falk; Forstfelder Geschichte[n], auch: „www.kassel-forstfeld.de“)

Vor allem ging es Napoleon um das Ausheben von Soldaten für seine „Grande Armee“. Zum Angriff auf Russland bestand sie aus über 1 Million Soldaten, 20 000 kamen nur zurück. Von den fast 30000 nach Russland aufgebrochenen „Westphalen“ kamen weniger als Tausend zurück. Sie wurden beim Vormarsch als erste in die Schlacht geworfen, bevor die französischen Soldaten dann siegten, „Kanonenfutter“ also. Auf eine Anfrage hin, warum man keine Nachricht von den „westphälischen“ Teilnehmern bekommen hatte, ließ Napoleon ungerührt die Worte übermitteln: „Von der westphälischen Armee existiert nichts mehr bei der Großen Armee.“ Hoppe S. 3)

Nachdem die Grande Armee so geschwächt war, bildete sich 1813 eine Koalition von Russland und Preussen, der später auch Österreich und andere Staaten beitraten. Aber noch bevor Napoleon im Oktober 1813 in der Völkerschlacht bei Leipzig (16. bis 19. Oktober1813) geschlagen worden war, war das Westphälische Königreich durch einen Handstreich des russischen Generals Czernitschews aufgelöst worden, bei dem der Kasseler Osten eine große Rolle spielte. Czenitschew kommandierte russische Kosaken, Oberst Igor Bedriaga war Oberst in dieser Armee und fiel am Wahlebach.

Kosak mit Pferd, Schwert und Lanze

Kosaken waren ursprünglich Gemeinschaften freier Reiterverbände, die sich im Don-, Dnepr und dem Ural-Gebiet zusammengeschlossen hatten. Zu ihnen kamen flüchtige Leibeigene, Abenteurer und Abtrünnige. Der Begriff Kosak bedeutet in etwa „freier Krieger“. Bis ins 18. Jhd. waren sie die Hauptträger des sozialen Protestes im Zarenreich gewesen, wurden dann aber nach und nach als freie Kavallerieverbände (leichte Reiterei) in die russische Armee integriert. Dafür erhielten sie Steuer - und Abgabenfreiheit.2 Sie kämpften noch mit der Lanze, z. T. auch noch mit Pfeil und Bogen. Wegen ihres exotischen Aussehens wurden sie als barbarische Wilde gefürchtet. Die Franzosen bezeichneten sie als Freischärler.

Anmarsch

Jetzt aber zum Sturz des Westphälischen Königreichs:

General Czernitschew

Unmittelbar nach der Schlacht bei Dennewitz am 06.09.1813, bei der preußische, russische und schwedische Truppen der Nordarmee Napoleon besiegten und ihn damit daran hinderten, noch weiter nach Berlin vorzudringen, fiel dem Oberbefehlshaber der schwedischen Armee, Kronprinz Karl XIX Johann ein Schreiben des Gesandten Reinhard zu Kassel an den Staatssekretär Hugo Marek in die Hände, aus dem hervorging, daß König Jérôme, in deutschen Schriften immer Hieronymus genannt, große Verteidigungsprobleme hatte. Karl Johann sah hierin eine große Chance, dem Westphälischen Königreich den Todesstoß zu versetzen. Sein General Czernitscheff, der sich bereits in Bernburg (südlich von Magdeburg) aufhielt, wurde aus diesem Anlass nach Kassel gesandt. Am 15. September 2013 überquerte er mit 3000 (hier differieren die Angaben zwischen 2000 und 5000, Hoppe errechnete 2200) leichten Reitern und 4 Kanonen bei Roßlau die Elbe und war am 24.09. in Eisleben. Diese Truppenbewegungen wurden Jérôme gemeldet, der forderte vom Hauptquartier in Mainz eine 3200 Mann starke Marschkolonne an, die ihm wegen Napoleons Direktiven aber verweigert wurde.

Anmarsch der russischen Truppen

Johann Schuster schreibt: „Ebenfalls am 28. Sept. traf G. [General] Czernitscheff vor Kassel ein. Dieser Zug steht durch seinen Erfolg und die selbst weiter verbreitete Wirkung oben an; er zeigte die Tapferkeit, Kühnheit und Kriegskenntniß seines Führers in hohem Lichte. Czernitscheff war bei Breitenhagen über die Elbe gegangen, und hatte an der Obersaale all so sehr in Furcht gesetzt, daß sich nichts feindliches mehr vor ihm sehen ließ...Er brach am 24. Sept. auf, und machte fünf und zwanzig teutsche Meilen [ca. 190 km] nach den beschwerlichsten Märschen in Tägen und Nächten.“

Hoppe schreibt: „Am 28. September, 5.30 Uhr morgens traf die russische Hauptmacht nach einem Tagesmarsch von 11 Meilen [ca. 82 km!] bei Niederkaufungen ein, um im Schutz des dichten Nebels auf Kassel vorzurücken...Trotz des Gewaltmarsches der Russen war das Überraschungsmoment dahin. Die Garnison in Kassel erwartete kampfbereit den übermüdeten Feind.“

Flucht des Königs

Schuster: „Hatte der König, und Bastineller [westph. General] erst damals seine Ankunft erfahren, als er schon vor Kassel stand. Zwei Stunden vor seiner Ankunft war K.[Kaiser] Hieronymus mit 160 Wägen, in Begleitung seiner Minister und der Gesandten, unter Bedeckung seiner französischen Gardehusaren von etwa 1 T. [tausend] und zwei Bataillonen der Fußgarde auf der frankfurter Straße entflohen; schon am 29. früh gieng der König durch das vierzehn Meilen entfernte Wetzlar, mit mehreren Wägen und eilte nach Koblenz; die Gesandten flohen nach Frankfurt. ..Czernitscheff ließ die Residenz also gleich umzingeln, um jede Flucht zu verhindern. Am Morgen des Angriffes war ein so dicker Nebel, daß man nicht auf fünf Schritte sehen konnte. Erst nach dem Angriffe erfuhr man die Flucht des Königs; Kosaken eilten auf der frankfurter Straße nach und streiften bis Giessen und Wetzlar; hinter Wetzlar erreichten sie noch fünfzig Wägen, bei denen sich Minister Malchus befand, der aber entkam.“

Angriff und Verteidigung

Vertreibung der Franzosen.jpg

Carl Venturini: "Den Kosacken entgegen, wurden einige Kompagnien Jäger und ein Detaschement neu errichteter, selbst des Reitens unkundiger Husaren, geschickt. Die Kosacken zersprengten die Armseligen leicht und trieben sie in wilder Flucht zum Leipziger-Thore wieder hinein. Unterdessen war jedoch die Fuldabrücke beim Kastell schnell barrikadirt worden, und da es Czernitscheff an Infanterie fehlte, konnte die durch Geschütz vertheidigte Brücke nicht gleich genommen werden. Allein die Kosacken bemächtigten sich der Vorstadt, die Gefangenen im Kastell, ersahen den glücklichen Augenblick, und 120 durch Bongars verruchte Polizei eingekerkerte Schlachtopfer, entrannen so den Händen ihrer Peiniger…Alix übernahm die Vertheidigung der Stadt, und da Czernitscheff sich noch im Rücken durch Bafiinellers und Zandts Detaschements für bedroht hielt, ging er vorsichtig zurück. Ein kurzes Gefecht bei Bettinghausen, worin der brave russische Oberst Bediagra das Leben verlor, entschied jedoch die Auflösung der westfälischen Truppen unter Bastineller und Zandt. Czernitscheff erhielt auch vermöge des Zulaufs jener Truppen, hinlängliches Fußvolk, neun Kanonen und genaue Kunde von der wahren Lage der Dinge in dem Sitze des wesfälischen Sardanapals" [letzter König Assyriens, der sich nach einem Leben voller Ausschweifungen während einer Belagerung durch die Meder auf einem aus seinen Reichtümern aufgeschichteten Scheiterhaufen verbrannt haben soll].


Hartmann [Übersetzung eines französischen Berichts]: „Um 10 Uhr hatte der mit der Verteidigung der Stadt beauftragte General Allix seine Dispositionen getroffen. Die Brücke und alle Tore wurden verbarrikadiert. Man bewachte die Übergänge über die Fulda. Bald wurden die Rückkehr der zur Rekognoszierung entsandten Husarenschwadron und das Vorrücken zahlreicher Freischärler [Kosaken] auf das Leipziger Tor beobachtet. Die Brücke wurde von einigen Husaren zu Fuß und einem Artilleriegeschütz verteidigt. Man kann nicht genug den Mut dieser Tapferen und ihres Offiziers loben. Der Feind wurde ständig in einem guten Abstand zu den Barrikaden gehalten. Einige verwegene Kosaken wagten sich zu nähern und fanden dabei den Tod. Das immer schlecht gelenkte Feuer der Russen hat nur ein Haus unbedeutend beschädigt, und eine Kugel hat einen unglücklichen Gärtner auf dem Friedrichsplatz getötet.“


Hoppe: „Das Gardejäger-Bataillon unter Major Böddiger wurde den Russen entgegen geschickt, um die Leipziger Straße zu besetzen. Die 6. Kompanie unter Kapitän von Hugo rückte bis zum Kupferhammer vor, indem sie etwa 20 Tirailleure zur Deckung der linken Flanke über die Losse entsendete, während die zweite Kompanie unter Kapitän von Altenbockum zu ihrer Aufnahme geschlossen in der Nähe des Forstbaches [Wahlebach] auf der Straße hielt. Ein Leutnant Koch, der mit 20 Mann zum Eichwäldchen geschickt wurde, ging zu den Russen über. Die vier übrigen Kompanien des Bataillons nebst zwei Geschützen wurden an der Bettelbrücke hinter dem Wahlebach ...postiert. [Wahlebachbrücke in Nähe der heutigen Kreuzung Söhrestr./Leipziger Str.] Je eine Kompanie Infanterie besetzte das Holländische und das Wesertor. Vier Schwadronen Gardehusaren, die Gardes du Corps, ein Bataillon Gardegrenadiere und 6 Geschütze nahmen an der Knallhütte bei Niederzwehren Stellung, um die Rückzugslinie auf der Frankfurter Straße zu decken“.

Kampfschauplätze

Die westphälischen Truppen sollten die russischen in Höhe des „Kupferhammers“ abfangen, wurden aber bis zum Forsthaus [dort ist heute das VW-Autohaus] zurückgeschlagen und wurden hier vernichtend geschlagen. Bei diesem Kampf wurde der Oberst Bedriaga durch zwei Kopfschüsse getötet. Gleichzeitig eroberte eine andere russische Schwadron die zum Übungsschießen auf dem Forst stehenden 4 Kanonen und zwei Haubitzen. Mit diesen wurde dann anschließend die Stadt beschossen - mit wenig Erfolg. Eine der Kugeln kann heute noch in einem Eingang an der Treppenstr./Ecke Obere Königstr. besichtigt werden.

Hartmann: „Die reitende Artillerie ...jagte im Galopp durch Bettenhausen und beschoss sodann die an der Bettelbrücke stehenden vier Kompanien, wobei eines der dort stehenden Geschütze zerstört wurde. Ohne Mühe setzten sich die Russen daraufhin in den Besitz des Leipziger Tores.“

Hartmann: „Als schließlich gegen Mittag der Feind die Nutzlosigkeit seiner Anstrengungen erkannte, brach er den Angriff ab und bezog außerhalb der Reichweite des Geschützes im Angesicht der Stadt auf der Ebene des Forstes ein Lager.


Krieger: "Der Forst...nimmt außerhalb dem Leipziger Thore, am Ende der Leipziger Vorstadt seinen Anfang, ist vollkommen eben und von einem so großen Umfange, daß der wohl sehr wenige Plätze seines Gleichen findet. Vom rechten Ufer der Fulde an, erstreckt er sich bis vor die Dörfer Bettenhausen, Waldau und Ochshausen. Landgraf Heinrich der Eiserne schenkte diesen Wald der Stadt Cassel zu Erbauung der Freyheit, wodurch er bis auf wenige Bäume... ausgehauen und nachher der Stadt zur Viehweide überlassen wurde, welches Landgraf Ludwig der Erste im Jahr 1413 bestätigte. ...Von der ungeheuren Fläche kann man sich schon dadurch einen Begriff machen, daß im Jahr 1799, zu Anfang des Maymonats ...die sämmtliche hessische Armee, aus mehr als 20,000 Mann Intanterie und Cavallerie bestehend, auf diesem Forst ein Lager aufgeschlagen hatte, sondern auch noch mehr als überflüssigen Raum behielt, um ihre Kriegsübungen in Gegenwart mehrerer Tausend von Zuschauern vornehmen zu können."

Rückzug

Hoppe: „General Tschernytschew befürchtete eine Umgehung durch das bei Göttingen stehende Korps des Generals von Zaudt, sowie durch das Herannahen der Kürassiere Bastinellers von Heiligenstadt her. Er entschloss sich daher zum Ausweichen in der Richtung auf Melsungen. Es waren etwa 500 Gefangene gemacht worden. Bedriaga war inzwischen verstorben. Seine Leiche wurde nach Melsungen mitgeführt.“ [In Melsungen gibt es noch heute eine Erinnerungstafel und ein großes Steinkreuz].

Hartmann: „Man zweifelte nicht daran, daß der Feind in der Nacht einen neuen Angriff vornehmen würde. Aber am folgenden Tag waren die Russen verschwunden und schienen sich in Richtung Melsungen gewendet zu haben. Ein gewisser Teil von ihnen [der Kosaken] war schon im Melsunger Wald geblieben. Am folgenden Tag und dem Tag danach blieb man auf seinem Posten. Man begann zu glauben, der den Russen entgegengesetzte starke Widerstand habe dieser Art von Leuten, die ohne Möglichkeiten, sich zu ergänzen, nur leichte und wenig kostspielige Erfolge suchten, den Appetit verdorben. Aber am 30. [September] um 2 Uhr nachmittags sah man eine lange Kolonne aus dem Wald von Melsungen herausrücken und sich auf das Leipziger Tor zu bewegen. Augenblicklich wurden alle Posten verstärkt. Um 3 Uhr wurde das Leipziger Tor lebhaft angegriffen, wobei der Widerstand hartnäckig war. Das aus dem Forst schießende Geschütz des Feindes war zwar zahlreicher, aber nicht besser genutzt als am 28. [September]. Zwei Pferde unserer [der westfälischen] Husaren waren die einzigen Opfer. Dagegen tötete unsere Artillerie einige Russen.

Angriff und Sieg

Venturini: „Also erschienen seine Braven am 30sten September zum zweitenmahle vor den Thoren. Alix wollte sich zwar noch vertheidigen; aber der Tumult, welcher nun in der Stadt selbst entstand, und der Ausbruch wilder Volkswuth brachten ihn zur Nachgiebigkeit. Man schloß eine Kapitulation, die den Franzosen freien Abzug gewährte, und die Russen zogen Abends in die Stadt,.... Am 1sten Oktober erklärte Czernitscheff im Namen seines Herrn des Kaisers Alexander, mittelst einer feierlichen Proklamation das Königreich Westfalen für aufgelöset. Da sich aber Truppen von Mainz und Frankfurt her in der Gegend von Marburg sammelten, auch Slix Miene machte, das russische Korps zu umgehen und von der Nordarmee abzuschneiden, so hielt Czernitscheff für gerathen, Kassel am 3ten Oktober Nachmittags wieder zu verlassen, um über Braunschweig seinen Rückmarsch nach der Elbe zu nehmen. Die gewonnene Beute war wol des kühnen Streichs werth. Man hatte 41 Kanonen, viel Pulver und andere Munition, mehrere gut angefüllte Kassen, eine Menge Kleidungsstücken für Soldaten, des Königs Staatswagen sogar und dazu 650 Gefangene, worunter mehrere angesehene Staatsbeamten waren, in Verwahrung genommen.

Anekdote

Dazu liest man auch bei F.v.d.K. folgende Anekdote: „Als der General Czernitscheff, nach der Einnnahme von Cassel, sich wieder an die Elbe zurückzog, und seinen Truppen in der Stadt Salzwedel in der Altmark, einige Ruhetage vergönnte, stellten dort, die mit französischer Beute reich beladenen Kosaken, einen öffentlichen Verkauf an. Ein Kosak bestieg, auf freiem Markte, einen leeren Kriegerwagen, und subhastirte gleichsam ein Stück nach dem andern. Mehrere seiner Kameraden gingen Kreise der Zuschauer und Käufer umher, forderten die Trägen auf zu bieten, und, was gerade das Eigenthümliche dieser Kosaken-Auktion war, züchtigten mit ihrem Kantschuh auf der Stellen jeden, der ein schimpfliches Gebot that. Ganze Stücke grauen, blauen und weißen Tuches, die sie in dem großen Garde-Meuble zu Cassel erbeutet hatten, wurden hier für zwei bis drei Thaler verschleudert. Ebenso verkauften sie die kostbarsten seidenen Zeuge und Teppiche, die sie in dem Schlosse des Königs erbeutet hatten, für eine unbedeutende Kleinigkeit.“

Ende des Westphälischen Königreichs

Am 8. Oktober zog General Allix wieder in Kassel ein, der Stadtrat hatte die Regierung zwischenzeitlich übernommen, seine Mitglieder wurden gefangen gesetzt und sollten hingerichtet werden. Am 16. Oktober erschien auch wieder Jérôme und begnadigte diese Männer. Als ob nichts geschehen wäre, wurde am 24. Oktober schon wieder ein Hofball gefeiert. Zwei Tage später erfuhr „König Lustik“ von der verlorenen Schlacht bei Leipzig und kehrte sogleich nach Frankreich zurück, um nie wiederzukehren. Aus der „Napoleonshöhe“ wurde wieder die „Wilhelmshöhe“.

Spottschrift auf das Ende des Westphälischen Königreichs

Spottschrift auf das Ende des Westphälischen Königreichs

Die Menschen in Kassel waren froh, die französische Herrschaft abgeschüttelt zu haben und schufen ein Dekret, aufgebaut ganz so, wie diese früher von König Jérôme herausgegeben wurden (so Bernd Schaeffer).


























Weitere Anekdoten

F.v.d.K. schreibt auf S. 56 f:

"Napoleon auf dem Wasser.

Auf dem Königsplatze, einem sehr regelmäßigen Octagon in Cassel, ließ, im Sommer 1812, der König von Westphalen die colossale Statue seines Bruders aufstellen. Napoleon stand auf einem hohen Postamente, von welchem sechs oder acht metallene Löwenköpfe Wasser in ein Bassin spieen. Ein Jude, der so den Kaiser mitten auf dem Wasser erblickte, rief verwunderungsvoll aus: „May! wie kommst denn Du da ,nauf? ,s ist ja doch sonst Dein Element nicht!“ Als im Monat October 1813 der Russische General Chzernitscheff Cassel besetzt hatte, banden mehrere junge Leute dem Kaiser einen Strick um den Hals, und bemühten sich ihn von dem Springbrunnen herabzuziehen. Allein er war zu stark befestigt. Sie mußten sich damit begnügen, ihm Nase und Ohren, und Arme und Beine mit Steinen zertrümmern zu können. Als der König von Westphalen nachher auf einige Wochen nach Cassel zurückkehrte, wurde der unglückliche Kaiser schnell wieder etwas ausgebessert. Späterhin, als die Russen zum zweitenmal in die Stadt zogen, schoß ein Baschkire dem Kaiser die angekittete Nase mit einem Pfeil sehr geschickt wieder weg. Jetzt ist die Bildsäule so zertrümmert, daß man nur noch einen unförmlichen Steinhaufen erblickt."

Hans Ludewig beschreibt in seinem Büchlein „Damals bei uns zuhaus“ die Schilderung eines Zeitzeugen, nämlich die seines Großvaters:

"Mit Flitzbogen gegen Napoleon

Das Erscheinen Czernitschefs in Kassel hat mich in meiner frühesten Jugend schon sehr beschäftigt. Mein damals etwa 90 Jahre alter Großvater erzählte mir etwa 1889, geistig vollkommen rege, wie er - 1797 geboren - am 30. September 1813 auf dem Königsplatz den Einmarsch der Russen beobachtet habe. Er beschrieb mir noch genau die Ausrüstung der Kosaken; hohe Pelzmützen und Lanzen, und erwähnte ganz besonders, daß sich auch eine Abteilung Baschkiren bei diesem Streitcorps befunden hatte, eine Behauptung, die ich später beim Studium alter Schriften aus jener Zeit in der Landesbibliothek bestätigt fand. Besondere Aufmerksamkeit hatte die Beschießung der auf dem Königsplatz stehenden Statue des Kaisers Napoleon I. (sie lag bis vor kurzem im Keller des Landesmuseums) bei den Kasseler Zuschauern ausgelöst, denn die Söhne Asiens versuchten immer wieder, mit ihren Flitzbogen die Nase der erwähnten Statue zu treffen. Mein Großvater erzählte diese Tatsache immer besonders heiter gestimmt.

Aber mit die kleinen Krebs

Von der Einquartierung dieser Russen während der kurzen Dauer ihrer Anwesenheit berichtete mein Großvater ebenfalls Interessantes. So war ein höherer Kosakenführer bei einem angesehenen Kasseler Kaufmann einquartiert. Auf der halben Treppe stand ein Kosakenposten zum Schutze dieses Obersten, ein finsterer Mann mit langem Vollbart. Als nach dem Essen sein hoher Vorgesetzter mit dem Gastgeber bei ihm vorbei kam, packte er diesen Mann bei seinem Barte, schüttelte ihn, daß dem Kosaken die Tränen herunterliefen und bemerkte dann voller Stolz zu seinem Gastgeber: „Schön Regiment, schön Regiment!" Wie mein Großvater weiter berichtete, hatten sich Kosaken bei einem Buchbinder in der Altstadt einquartiert und mit großen Appetit dessen Kleistertopf, in dem Kakerlaken sich eingenistet hatten, samt diesen aufgegessen. Sie baten später den Buchbinder, ihnen wieder dieses herrliche Gericht zu geben, „aber mit die kleinen Krebs"."



Literatur

Bretschneider, Karl Gottlieb: Der vierjährige Krieg der Verbündeten mit Napoleon Bonaparte in Russland, Teutschland, Italien und Frankreich in den Jahren 1812 bis 1815, Annaberg 1816.

F.v.d.K.: Zwölf Anekdoten, für die jetzige Zeit gesammelt, in: Das erwachte Europa, Zweiter Band, S. 59 ff.

Hartmann, Stefan: Kosaken in Kassel, in Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde, 1994, Band 99, SS 53 ff. [Hartmann übersetzt hier einen Bericht, den wahrscheinlich der Generalsekretär des Staatsrates verfasst hat. Er berichtet aus französischer Sicht den Einmarsch Czernitscheffs in Kassel].

Heidelbach, Paul: Kassel - Ein Jahrtausend Hessische Stadtkultur, Hrsg. von Karl Kaltwasser, Kassel 1957.

Hoppe, Dieter: Der Freiheit eine Gasse, 2009 (http://heiligenberg-blog.de/wp-content/uploads/hoppe/A05_Der%20Freiheit%20eine%20Gasse-Teil1.pdf).

Krieger: Cassel in historisch-topographischer Hinsicht. Nebst einer Geschichte und Beschreibung von Wilhelmshöhe, Marburg 1805, S. 103ff.

Ludewig, Hans: Bei uns zuhaus; Kassel 1957

Schuster, Johann: Der teutsche Krieg im Jahre 1813 nach Oestreichs Beitritte: Band 1, Leipzig 1814, S. 196 ff.

Urlen, Falk: Forstfelder Geschichte[n], Kassel 2002.

Venturini, Karl: Rußlands und Deutschlands Befreiungskriege von der Franzosen-Herrschaft unter Napoleon Buonaparte in den Jahren 1812—1815, Leipzig und Altenburg 1816,SS 387 - 392

Oestreichische militärische Zeitschritt, Achtes Heft, Wien 1824, S. 96 ff.

Jubelkalender zur Erinnerung an die Völkerschlacht bei Leipzig vom 16.-19. October A. D. 1813, Leipzig.

Bilder:

Kosak: Illustriertes Familien-Journal. Zur Unterhaltung und Belehrung. Band 16. 1862 , zitiert nach „http://www.lexikus.de/bibliothek/Der-Kosak-und-sein-Pferd“

Westphälisches Königreich: Wikipedia

Czernitschew: Regensburger Portraitgalerie

Kampf in der Unterneustadt: Sammlung Gerhard Böttcher

Karte des Schauplatzes: Karte von 1836

siehe auch



--Falk D. Urlen 17:31, 20. Sep. 2013 (CEST)