Garnisonkirche (Kassel)

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Bilder der Garnisonkirche im Dezember 2007. ©GSH

Die Garnisonkirche befindet sich unweit vom Königsplatz in der Innenstadt von Kassel und wurde im 18. Jahrhundert als Gotteshaus gebaut. Sie war einst die zweitgrößte Kirche der Stadt in Form des Kasseler Barock und Wirkungsstätte des Theologen Hermann Schafft. 1987 war die Ruine der Standort eines documenta-Kunstwerks. Heute befindet sich ein Restaurant darin.

Geschichte

1731-1835

Anfang des 18. Jahrhunderts besaß die Kasseler Garnison noch kein eigenes Gotteshaus. Stattdessen wurde die Unterneustädter Kirche zur Andacht genutzt, was allerdings nur als Notlösung dienen konnte, da es immer wieder zu Auseinandersetzungen mit der dort ansässigen Gemeinde kam. Da aber weder Geld, noch Grundstück für einen Bau der Garnisonkirche vorhanden war, wurde das Vorhaben immer wieder aufgeschoben. Finanziell verbesserte sich die Lage der Kasseler Garnison erst im Jahr 1731 als die Witwe des hessischen Kapitäns Gottschalk (Katharina geb. Briede) ihr gesamtes Vermögen für den Bau stiftete.

Für den sofortigen Bau einer Garnisonkirche reichten die Fonds allerdings nicht aus, sodass die Ausführung der Kirchenerrichtung vorerst unterbleiben musste. 1752 wurde dann das Grundstück, auf dem der Bau errichtet werden sollte, gekauft. Es befindet sich in der Obersten Gasse Ecke An der Garnisonkirche. Ursprünglich befand sich an diesem Ort der freiadlige Burgsitz der Familie von Meysenbug.

Erst im Jahr 1756 (25 Jahre nachdem die erste Spende für die Kirche einging) wurde in ganz Hessen eine Kollekte erhoben, die letztendlich die Finanzierung und somit den Bau der ersten Kasseler Garnisonkirche ermöglichte. Zusätzlich spendete der Landgraf Wilhelm VIII. das für den Bau unerlässliche Eichenholz. Die Realisierung für den Aufbau der Garnisonkirche, die vor allem Kriegsbediensteten zur Andacht dienen sollte, stand allerdings unter keinem guten Stern. Zum Einen verzögerte der harte Winter 1756/57 den Beginn des Baus, zum Anderen brach kurz nach der Grundsteinlegung am 22. April 1757 der Siebenjährige Krieg aus, der den Weiterbau ebenfalls erheblich verzögerte. In dieser Zeit dienten die Grundmauern, mit einem Notdach versehen, lediglich als Speicher für Kriegsvorräte.

Die ehemalige Garnisonkirche

Erst 1765 konnte der Bau wieder aufgenommen werden, er wurde jedoch 1767 durch erneute finanzielle Engpässe unterbrochen. Wieder wurde eine Landeskollekte erhoben und außerdem ein großer Beitrag über Spenden von der Kasseler Bevölkerung entgegengenommen. Am 14. Oktober 1770 wurde die Garnisonkirche eingeweiht, jedoch ohne eine Realisierung des geplanten Turms. Erst 10 Jahre später (1780) setzte man den Uhr- und Glockenturm auf das Kirchengebäude.

Zur Jeromezeit verwandelte die westfälische Fremdherrschaft die Kirche in ein Fouragemagazin. 1812 wurden alle beweglichen Elemente (fast das gesamte Inventar wie Orgel, Bänke, Kanzel) aus der Kirche ausgebaut. Die nun völlig verwüstete Kirche diente bis 1814 als preußisches Magazin. Nach der Wiederherstellung des Kurfürstentums wurde die Garnisonkirche saniert. Die zu damaliger Zeit sehr hohen Kosten von 9370 Reichstalern trug der Staat.

Am 18. Oktober 1816 wurde erstmals wieder ein Gottesdienst in der „Hof- und Garnisonkirche“ geführt. Auch Aufführungen fanden in der darauf folgenden Zeit statt. 1831 wurde, anlässlich der Verkündigung der kurhessischen Verfassung, ein Festgottesdienst abgehalten. 1835 fand die Uraufführung des Oratoriums „Des Heilands letzte Stunden“ von Louis Spohr in der Garnisonkirche statt.


Außenmauer des erhaltenen Untergeschosses (2007)

1850-1955

Um 1860 wurden an der Garnisonkirche Renovierungsarbeiten vorgenommen. Der Turm und die Turmuhr wurden wieder instand gesetzt und der Innenraum der Kirche wurde verändert. Ab 1867 wurden die pfarramtlichen Funktionen der Garnisongemeinde und der Hofgemeinde getrennt. 1892 wurde die Dekanei der Kirche abgerissen, um eine bessere Sicht auf die Türme der Martinskirche zu gewinnen.

Am 22. Oktober 1943 wurde die Garnisonkirche im Rahmen der britischen „Moral - Bombing“ - Offensive von Phosphor-Brandbomben getroffen. Mehrere Hundert Menschen, die im Inneren der Kirche Schutz suchten, starben. Die Kirche wurde fast komplett zerstört. 1955 wurden die noch erhaltenen Außenmauern abgetragen. Heute steht nur noch das Untergeschoss.


Neuzeit

Die Pianobar "Caruso" und das italienische Restaurant "Rossini" befanden sich von 2001-2007 in der Ruine der Garnisonkirche

Nachdem die Garnisonkirche lange Zeit weitestgehend in Vergessenheit geraten war, erlebte sie im 20. Jahrhundert eine Phase der Wiederentdeckung. 1987 während der Documenta 8 schon einmal durch einen Beitrag des japanischen Bildhauers Tadashi Kawamata in den Fokus der Öffentlichkeit geraten, weckte die Ruine 1988 erneutes Interesse. Bei Ausgrabungen stießen Archäologen des Marburger Institutes für Bauforschung und Dokumentation gleich auf mehrere Grüfte, die teilweise durch Bombeneinwirkungen des Zweiten Weltkrieges aufgeschlagen wurden waren und Aufschluss über frühere Kulturen geben konnten. Aufgrund fehlender finanzieller Mittel konnten die Ausgrabungen allerdings nicht weiter geführt werden.

Mit einem Gutachter Wettbewerb für die Garnisonkirche, der schon einige Monate zuvor ausgeschrieben wurde, erhoffte sich die Stadt Kassel baldige Ergebnisse. Drei namenhafte, von der Stadt ausgewählte, Architekten nahmen an diesem Wettbewerb teil und sollten spätestens im März oder April des Jahres 1989 neue Resultate erbringen, anhand welcher man weitere Entscheidungen fällen wollte - ob man das Grundstück der Ruine kaufe und sich das, vorher schon angetastete, Projekt, daraus ein Geschäftshaus zu bauen, wirklich lohne.

1995 ging die Ruine – zuvor noch im Besitz der Familie Kropf – schließlich an den Unternehmer Joachim Loh über, der sich als Investor für den Bau eines Wohn – und Geschäftshauses auf dem Gelände der Garnisonkirche aussprach und bereit war, für die Restaurierung rund 18 Millionen Mark zur Verfügung zu stellen. Nachdem sich für dieses Projekt allerdings keine Mieter finden ließen, blieb es offen stehen.

Mit dem Vorschlag des „Freundeskreis Garnisonkirche“, den Innenraum der Ruine doch mit einem Kultur – und Weingarten der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und der Zustimmung Joachim Lohs, wurde 1998 endlich ein Projekt angenommen, das auf keine Ablehnung stieß. Der Freundeskreis entwickelte ein Konzept, nach dem es möglich war, mit wenigen Eingriffen den Innenraum der Garnisonkirche sowohl für eine gastronomische als auch kulturelle Nutzung zugänglich zu machen. Gräber und Mauerreste sollten sichtbar gemacht werden und somit den denkmalpflegerischen Aspekt berücksichtigen; eine Steintafel mit Jesus – Worten die ursprüngliche Bestimmung des Gebäudes festhalten. Zudem sollte eine Stahl – Glas - Konstruktion die Bar vom Garten, der rund 200 Leute fassen sollte, vom Innenhof der Ruine abtrennen und Durchblicke ermöglichen. Durch, von Joachim Loh investierte, 2 Millionen Mark und einem Zuschuss von 500 000 Mark vom Hessischen Amt für Denkmalpflege zur Restaurierung konnte somit nach jahrelangem Hin und Her endlich mit den Bauten an der Garnisonkirche begonnen werden.

Bis Ende Dezember 2007 befanden sich in der Ruine der Garnisonkirche das CARUSO – eine Pianobar – betrieben von Enrico Cosenza und Ramona Reitmeier sowie das Restaurant "Rossini" im Turm der Garnisonkirche. Neben italienischer Küche bot die Bar, die am 6.12.2001 ihre offizielle Eröffnung feierte, Theater, Musik, Kleinkunst und Kabarett an. Durch ein kleines Glasfenster im Steinboden ist es dem Besucher möglich, senkrecht in den restaurierten Keller zu blicken, der als Weinkeller für Veranstaltungen genutzt wurde. Die Ruine soll auch in Zukunft als gastronomischer Betrieb genutzt werden. Heute befindet sich das Restaurant "Il Convento" im Innern.

In der Nacht zum 25. Oktober 2014 brannte es in der Ruine. Ursache war vermutlich ein technischer Effekt, es entstand ein Schaden von 140.000 Euro Schaden.[1]

Baugeschichte und Architektur

Turmgasse im Jahr 1910 mit Blick auf den Kirchturm der Garnisonkirche.

Der zwischen der Obersten Gasse und ehemaliger Turmgasse gelegene spätbarocke Kirchenbau, welcher der an der Längsfront vorbeiführenden Straße den Namen „An der Garnisonkirche“ gab, bildet im Grundriss ein Rechteck von 40,70 Metern äußerer Länge und 20,10 Metern Breite und bestand aus einem östlichen Hauptraum, dem Kirchenschiff und einem westlich sich bündig anschließenden schmalen Vorbau, dem beiderseits von Nebenräumen eingefassten Turm. Dieser Uhr- und Glockenturm wurde 1780 nachträglich von Simon Louis du Ry aufgesetzt und 1860 instand gesetzt. Ein schlichtes Walmdach bedeckte das Kirchenschiff und das Mauerwerk der Garnisonkirche wurde aus einfachen Natursteinen gefertigt und sollte einst verputzt werden, jedoch wurde dies nie durchgesetzt.


Im Frühjahr 1757 begann unter der Leitung des Ingenieur-Oberstleutnants Brökel der Bau der Garnisonkirche nahe der Stadtmauer. Die Kirche baute man auf ein Grundstück des frei adligen Burgsitzes der Familie von Meysenbug. Es wurde 1752 für diesen Zweck angekauft und niedergelegt. Der Grundstein wurde am 22. April 1757 von Generalleutnant von Wutinau als Vizegouverneur der Residenz, in Vertretung des Gouverneurs Generalleutnant Diede zum Fürstenstein, gelegt. In den Grund wurden, neben anderen Münzen, eine Silbermedaille(auf der Vorderseite das Brustbild Landgraf Wilhelms VIII., auf der Rückseite einen Obelisken auf einem Felsen im Meer mit der Unterschrift „rectus et immotus“/ „aufrecht und fest“) und eine Zinnplatte mit lateinischem und deutschem Text eingemauert.

Eine Unterbrechung des Baues führte der siebenjährige Krieg herbei. Die unfertigen Mauern erhielten ein Notdach, das die im Inneren des Baues untergebrachten Kriegsvorräte decken sollte. Erst nach Beendigung des Krieges wurden 1765 die Arbeiten wieder aufgenommen und mit Hilfe einer 1767 erhobenen außerordentlichen Landeskollekte, sowie freiwilliger Beiträge der Einwohner Kassels, in weiteren drei Jahren zu Ende geführt. Am 14. Oktober 1770 fand dann die Einweihung statt. Von 1812 bis zum Oktober 1814 verwandelte sich die Garnisonkirche in ein preußisches Fouragemagazin (Truppenverpflegungslager), was die Überführung der Kanzel in die Unterneustädter Kirche mit sich brachte. Am 18. Oktober 1816 wurde das Gotteshaus erstmals wieder als Hof- und Garnisonkirche benutzt.

Innenarchitektur

Die Orgel - das Prunkstück der Kirche. (Bild aus der "Kasseler Post" vom 5. April 1936)

Die Garnisonkirche zeichnete sich durch ihre bescheidene Innenarchitektur aus, dem auch das einfache Inventar und der schlichte in grauem und weiß gehaltenem Anstrich entsprachen. Den Gemeinderaum umzogen im Inneren allseitig zweigeschossige Emporen, die mit ihrem horizontalen Gebälk auf toskanischen Säulen aufruhten.

Im Mittelraum lief die flache Decke in großen Vouten auf die Emporengalerie ab, während sich im obersten Umgang die Kehlen tonnenförmig zusammenschlossen. Auf den Fronten zeigte die Architektur des Schiffes ein niedrigeres Untergeschoß mit rechteckigen Fenstern, das von einem Sockel getragen und von einem schmalen Architravband als Gurtgesims abgeschlossen wurde.

Zudem kam ein höheres Obergeschoß, dessen durchgehende Rundbogenfenster auf die Zwischenböden der Empore keine Rücksicht nahmen.

Die schlichte Kanzel bildete den Mittelpunkt der Kirche. (Bild aus der "Kasseler Post" vom 5. April 1936)

Die Hauptfront umfasste neun Achsen, von denen die drei mittleren Achsen als Risalit zusammengefasst und einem Flachgiebel abgeschlossen waren.

Die das Giebelfeld völlig ausfüllenden, in der Mitte besonders stark hervorgehobenen Bossen ließen auf die Planung einer größeren Skulptur schließen. Den in der Mittelachse gelegenen rundbogigen Haupteingang, dessen Archivolte ornamentierten Schlussstein trugen, flankierten Komposit-Doppelpfeiler mit obligatem Gebälk und Flachbogengiebel.

Das zugehörige und mit einfachem Schlussstein versehene Fenster des Obergeschosses war durch ein frei in die Fläche angebrachtes Schwunggesims gekrönt. Die in der Mittelachse der Rücklagen angeordneten Flachbogenportale waren fast ganz schmucklos gehalten.

Die Orgel hatte ihren Platz an der westlichen Schmalseite. Ihr gegenüber, hinter dem freistehenden Altar (einem einfachen Holztisch), war die im Empirestil gebaute Kanzel. Sie ruhte auf einem hohen, rechteckigen, geschlossenen Unterbau, der mit goldenen Ornamenten verziert war und neben der sich, zu ebener Erde, die Sakristei und auf der ersten Empore, der ehemalige Fürstand befand.

1862 nahm man bauliche Veränderungen im Inneren der Kirche vor. 1936 wurde die Garnisonkirche neu ausgemalt und renoviert und die veralterten Feinheiten wurden durch die Neuausmalung wieder stark hervorgehoben, so dass sie in neuem Glanz erstrahlen konnte. Die Wände wiesen einen mehr ins Graue hinübergehenden Anstrich auf.

Das alte Gestühl bekam gleichfalls einen helleren Anstrich. Auch die prächtige Orgel, die durch eine reiche Vergoldung verziert war, gehörte damals zu den schönsten Kirchenorgeln in Kassel.

Koordinaten

51° nördliche Breite, 9° östliche Länge


Quellenverweise

Lage der Garnisonkirche in Kassel
  • „Planung Garnisonkirche. Ruine bliebt erkennbar“. In: „Hessische Allgemeine“ 26.01.1988
  • „Zukunft der Garnisonkirche. Handel, Wandel und Geschichte“. In: „Hessische Allgemeine“ 03.09.1988
  • „Wettbewerb für die Garnisonkirche – Suche nach der städtebaulich besten Lösung“. In: „Hessische Allgemeine“ 5.10.1988
  • „Garnisonkirche. Wettbewerb wird laufen“. In: „Hessische Allgemeine“ 10.10.1988
  • „Grüfte und Reste eines Burgsitzes entdeckt“. In: „Kasseler Sonntagsblatt“ 23.10.1988
  • „Eine Ruine Sorgt für Unruhe“. In: „Bonifatiusbote Nr. 50“ 11.12.1988
  • „Innenraum soll geöffnet werden“. In: „Hessische Allgemeine“ 10.07.1998
  • „Caruso spielt Piano“. In: „Extra Tip“ 21.01.2001
  • „Garnisonkirche. Start der Arbeiten für Caruso“. In: „Hessische Allgemeine“ 25.04.2001
  • „Garnisonkirche. Caruso ist die die Ruine eingezogen“. In: „Hessische Allgemeine“ 7.12. 2001
  • „Als die Ruine zum Kunstwerk wurde“. In: „Sonntagszeit Nr. 35“ 1.09.2002
  • „Das Gotteshaus für die Garnison“. In: „Hessische Allgemeine“ 15.04.1972
  • „Die Garnisonkirche in Kassel“ Heimatbrief Niederzwehren 40. Jg. 1996 Nr.3

Literatur

  • Franz Carl Theodor Piderit, Geschichte der Haupt- und Residenzstadt Cassel, Kassel, 1882
  • Alois Holtmeyer, Die Bau- und Kunstdenkmäler im Regierungsbezirk Cassel, Bd. VI, Marburg, 1923

siehe auch

Weblinks

  • Aus HNA.de vom 26. Oktober 2014: Nach Brand im „Il Convento"-Keller: Ursache ist wohl technischer Defekt