Garde-du-Corps-Straße

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Von den Husaren zur Hochgarage

Die Garde-du-Corps-Straße im Zentrum hat von Pferden auf Autos umgesattelt

Die erste Hochgarage ihrer Art im Bundesgebiet entstand 1955 in der Garde-du-Corps-Straße. Auf der Fläche des früheren Stadtparks und nach Plänen des Architekten Paul Bode.

Wie ein Wunderwerk moderner Baukunst wurde das viergeschossige Parkhaus mit 850 Einzelstellboxen auf 2000 Quadratmetern sowie einer Tankstelle, einer Reparaturwerkstatt und einer Imbiss-Gaststätte im Erdgeschoss damals gefeiert. Das Besondere des kubischen Funktionsbaus mit teilweise gewölbter und verglaster Fassade: Er war die erste Hochgarage in der Bundesrepublik Deutschland, die ohne Aufzug auskam. Das deutsche Parkhaus war geboren, bekam den Namen System-Bode und wurde auf Centrum-Garage getauft.

Ein paar hundert Jahre früher ritten Soldaten hoch zu Ross über den Platz im Zentrum der Stadt. Denn gegenüber der einst baumbestandenen Gartenanlage befand sich das Husaren Casernement. Die Kaserne der kurhessischen Garde du Corps beherbergte die Leibgarde des Kurfürsten. Und das seit dem Jahr 1619 unter Landgraf Moritz dem Gelehrten.

Weiter ging’s für die Innenstadt-Dragoner und ihr Regiment in wechselnden Stärken und unter wechselnden Namen - darunter Kavallerie-Abteilung des Garde du Corps, Husarenregiment Nr. 14, kurfürstliche Husaren. Von 1716 bis 1866 war Schluss mit diesem Hickhack. Das Regiment der 14er Husaren hieß endgültig Garde du Corps - und ist damit Namenspatron für die gleichnamige Straße und den ehemaligen „gens dármesplatz“ zwischen Fünffenster- und Wilhelmsstraße. 1890 wurde unser Husaren-Regiment geschlossen, 1910 die Garde-du-Corps-Kaserne geräumt und abgerissen.

Und erst ganz am Ende der 1920er-Jahre wurde auf dem freien Areal neu gebaut: das Capitol-Lichtspieltheater. Es steht heute noch schräg gegenüber der ersten aufzugs- und rampenfreien Hochgarage der Republik.

Geschichte

Garde-du-Corps-Straße

Blick aus dem Obergeschoss des Hauses Wilhelmsstraße 5 auf die Husarenkaserne (ehem. Garde-du-Corps-Kaserne)
Für das Reiterregiment Gens d’armes, das 1684 nach französischem Vorbild eingerichtet worden war, wurde 1768 am Rand der Oberneustadt eine Kaserne errichtet; sie sollte die Kasseler Bürger von den bisher üblichen Einquartierungen in den Häusern entlasten. Die knapp 100m lange Front säumte dabei die Nordwestseite eines Stadtplatzes, der zugleich hinter dem Weißensteiner Tor (später: Königstor) als wirkungsvolles Entree der Stadt neu angelegt worden war.

Ende des 18. Jahrhunderts wurden die Gens d’armes aus Kassel abgezogen; in die freigewordene Kaserne zog nun die traditionsreiche fürstliche Leibgarde: die Garde du Corps, welche zuvor in der sog. Klosterkaserne beim Zeughaus untergebracht war. Um 1821/1822 erweiterte Hofbaumeister Johann Conrad Bromeis die Kasernenbauten auf fast 170m Länge und stockte sie außerdem auf; die innere Platzfläche wurde als sandbedeckter Reitplatz umzäunt.

In den politisch ereignisreichen Jahren 1831 und 1848 spielte die Garde-du-Corps eine unrühmliche Rolle, als sie am 7. Dezember 1831 und 9. April 1848 mit ihren Säbeln gewaltsam gegen wehrlose Kasseler Bürger vorging. In jener zweiten Garde-du-Corps-Nacht 1848 verhinderte schließlich nur die Besonnenheit einzelner Bürger, dass die aufgebrachte Volksmenge, die schon das Zeughaus geplündert hatte, das Gebäude in Brand setzte; noch in derselben Nacht musste Kurfürst Friedrich Wilhelm I. die bereits aus Kassel abgezogene Garde auflösen, um die angespannte Lage zu entschärfen; ihre Aufgabe als Leibgarde übernahmen in der Folge Husaren.

1851 wurde die Garde-du-Corps unter altem Namen wiederhergestellt, nach der Annexion Kurhessens durch Preußen 1866 aber erneut aufgelöst. Nun bezog das 14. Husarenregiment die Kaserne, den Reitplatz umgab man mit einer Mauer.

Garde-du-Corps-Platz

An der Fünffensterstraße, etwa heute auf den Parkplätzen an der Evangelischen Kreditgenossenschaft, mit Blick zur Wilhelmsstraße.

Die Aufnahme aus den Jahren 1899-1910 lässt die Weite des Garde-du-Corps-Platzes nur ungefähr erahnen – fast dieselbe Fläche liegt noch einmal im Rücken des Photographen. Auf der Reitbahn erkennt man Soldaten des 14. Husarenregiments in ihren blau-weißen Uniformen, im Hintergrund bestimmen moderne Fassaden das Bild: Wolfsschlucht 2 und Wilhelmsstraße 5 waren um 1882/1883 anstelle zweier städtischer Armenhäuser errichtet worden. Und der großen Eckkomplex Garde-du-Corps-Straße 3½ und 3¾ geht auf Um- und Neubauten von ca. 1898/1899 zurück; zwei Pferdeköpfe, die zuvor in der Gartenmauer eine Hofeinfahrt flankiert hatten, wurden am sog. Pferdekopfhaus in der heutigen Konrad-Adenauer-Straße neu aufgestellt.

Nachdem die Husaren im Jahre 1910 einen Neubau an der Bosestraße bezogen hatten, stand die Kaserne leer; in den Wintermonaten 1911-1913 verwandelte der Messerschmied und Schlittschuhhändler Jansen aus der benachbarten Wilhelmsstraße die Reitbahn in eine Eisbahn, die abends künstlich beleuchtet wurde. Ab 1912 vermietete man einige Nebengebäude an der Wilhelmsstraße, und für die Chassalla-Lichtspiele (zuvor Wilhelmsstraße 2½) hatte man hier einen neuen Saal errichtet.

Im Frühjahr 1914 wurde ein Großteil der Kaserne abgebrochen, um die Seidlerstraße über das Gelände zu führen; sie erinnert bis heute an den Maurer- und Steinhauermeister Heinrich Seidler, der in der Garde-du-Corps-Nacht 1848 als Kommandeur der Bürgergarde entscheidend zur Beruhigung der Situation beigetragen und die Auflösung der Garde erwirkt hatte. Nachdem ein 1917 geplanter Schwimmbadneubau durch die Inflation vereitelt worden war, wurde das Gelände aufgeteilt; 1929 eröffnete auf dem verbliebenen Rest des Reitplatzes das Lichtspielhaus „Capitol“. Die letzten Teile der Kasernenbauten brannten 1943 aus.

siehe auch

Verlorene Stadt

Ausstellung: Verlorene Stadt

Rundgang 2: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 11: Obere Karlsstraße 32 | Station 12: Obere Karlsstraße 26-28 | Station 13: Obere Karlsstraße bis Friedrichsplatz | Station 14: Obere Karlsstraße bis Weinbergstraße | Station 15: Hercules Bierbrauerei | Station 16: Karlskirche | Station 17: Wilhelmsstraße 15 | Station 18: Stadtpark | Station 19: Garde-du-Corps-Straße | Station 20: Garde-du-Corps-Platz