Gabelsbergerstraße

Aus Regiowiki
Wechseln zu: Navigation, Suche

Gabelsbergerstraße in Korbach

Ein Mann für sehr schnelles Schreiben

Der frühere Stenografieverein machte den Vorschlag, eine Straße in Korbach nach Franz Xaver Gabelsberger zu benennen. Der Mann war der wichtigste Pionier der deutschen Kurzschrift.

Franz Xaver Gabelsberger, am 9. Februar 1789 in München geboren, wurde nicht in erster Linie bekannt durch die Erfindung einer Rechenmaschine. Vor allem machte sich der bayrische Kanzleibeamte einen Namen als Erfinder einer nach ihm benannten Kurzschrift, die später Grundlage für die Deutsche Einheitskurzschrift (DEK) wurde. Sein System wurde in viele Sprachen der Welt übertragen. Gabelsbergers Stenografie (das griechische Wort bedeutet eigentlich: "Engschrift") war eine Schnellschrift, die anstelle von normalen Buchstaben schnell zu schreibende Zeichen, Vokalsymbole, Kürzungen und Kürzel (Sigel) verwandte. In Büros, bei Presse und Gericht, auch in den Parlamenten, überall dort, wo es auf schnelle Niederschrift ankam, fand die Stenografie sehr bald Eingang.

Da die Stenografie Wahlfach an vielen Gymnasien war, beherrschten bis Anfang des 20. Jahrhunderts viele Gelehrte die Kurzschrift und verfassten z. T. umfangreiche Konzepte, Vorlesungsskripte oder Forschungsberichte in Kurzschrift (z. B. Alfred Brehm, Prof. Dr. Edmund Husserl, Prof. Dr. Joseph Schumpeter, Otto Lilienthal, Prof. Dr. Dolf Sternberger, Dr. Edith Stein, Prof. Dr. Max Planck, Rudolph Virchow, Prof. Dr. Konrad Zuse u. a.). Auch Schriftsteller wie Isaac Newton, Astrid Lindgren, Charles Dickens oder Erich Kästner gehörten zu den vielen Stenografieanwendern.

Im Laufe der Jahre wurde die von Gabelsberger 1834 eingeführte Kurzschrift immer wieder verbessert. [Die mit der Gabelsberger´schen Schule konkurrierenden, aber eigenständigen Systeme von Stolze (1841) und Schrey (1887) wurden 1897 zum System Stolze-Schrey zusammengeführt.] Nach weiteren Wandlungen kam 1924 durch Regierungsvereinbarung die Deutsche Einheitskurzschrift (DEK) zustande, die - inzwischen mehrfach reformiert - noch heute besteht. Bis vor wenigen Jahren wurde sie in Schulen gelehrt; heute kann man sie an der Volkshochschule, in Stenografenvereinen, in Fernkursen oder autodidaktisch erlernen. Als Notiz- und Konzepschrift ist sie ein effizientes "Handwerkszeug" für alle geistig arbeitenden Menschen.

Einen Stenografenverein gab es auch in Korbach. Er wurde um 1986 aufgelöst, nachdem das Interesse an Kurzschrift dort nicht mehr bestand. Elektronische Medien konnten die Stenografie jedoch nicht überflüssig machen, weshalb auch heute im Hochleistungsbereich (in Parlamenten, Erörterungsverfahren, bei Kongressen, Synoden, Gerichtsverhandlungen etc.) noch immer professionelle Stenografen im Einsatz sind. Audioaufzeichnungen sind nicht vergleichbar schnell auswertbar; die Texteingabe an der PC-Tastatur ist deutlich langsamer.

Franz Xaver Gabelsberger, der Vater der deutschen Stenografie, starb am 4. Januar 1849 in München. Die Anregung, nach ihm in Korbach eine Straße zu benennen, kam vom früheren Stenografenverein. Die Gabelsbergerstraße ist eine Ringstraße, die von der Strother Straße ausgeht und auch wieder zu ihr zurückführt.

Keine Gänsehaut für den alten Duden

Hand aufs Herz! Hätten Sie gewusst, woher die Gabelsbergerstraße ihren Namen hat? Die Vermutung liegt nahe, dass hier ein Ort namens Gabelsberg im Spiel ist, dem diese Straße ihren Namen verdankt, so wie etwa Kasseler Straße, Berliner Straße, Bochumer Straße und viele andere. Weit gefehlt!

Zwar gibt es westlich der bayerischen Stadt Landshut einen Ort namens Gabelsberg (ein Ortsteil von 85408 Gammelsdorf); ihn müsste man auf dem Straßenschild aber statt "Gabelsbergerstraße" - in einem Wort - stattdessen: "Gabelsberger Straße" schreiben - mit zwei Wörtern und ohne Bindestrich (gemäß DIN 5008 [Regeln für die Textverarbeitung] sowie DUDEN). Wer in manchen Städten die Straßenschilder auf ihre Rechtschreibung hin kritisch betrachtet, kann mitunter sein blaues Wunder erleben. In Korbach kann man zwar dringend sanierungsbedürftige Straßenschilder entdecken, aber keins, bei dem der alte Duden eine Gänsehaut bekommen würde.

Die Serie

Straßennamen sind wichtig. Nicht nur, weil durch sie dem Ortsunkundigen, der Post, dem Paketzusteller, dem Arzt, dem Rettungsdienst und Lieferanten das Auffinden bestimmter Personen erleichtert wird. Sie ermöglichen den Anwohnern auch eine gewisse Identifikation. Mögen sich Nachbarn noch so sehr von einander unterscheiden, eins verbindet sie: Sie alle sind Bewohner der gleichen Straße. Straßennamen hat es nicht immer gegeben. Offiziell wurden sie in Korbach erst Ende des 19. Jahrhunderts eingeführt. Bis dahin gab es viele namenlose Straßen. Natürlich hatte man Standortbezeichnungen schon früher. Sie waren aber recht allgemeiner Art: An der Neustädter Kirche etwa, oder Am Markt. Andere bezeichneten ein ganzes Stadtviertel. Flurname oder Zielort Bei der Namengebung griff man zurück auf Flurbezeichnungen (Am Waldecker Berg) oder auf die Lage der Straße (Oberstraße). Die Ausfallstraßen bezeichnete man nach ihren Zielorten (Wildunger Landstraße). Viele Straßen tragen aber auch den Namen einer bekannten oder bedeutenden Persönlichkeit, von Stadtältesten oder Ehrenbürgern. Bei Vergabe von Namen aus Politik und Regierung ist man heute in Korbach vorsichtig geworden, um späteren Umbenennungen aus dem Weg zu gehen. So wurde aus dem Adolf-Hitler-Platz nach 1945 wieder der Berndorfer Torplatz, aus der Litzmannstraße die Friedrichstraße, aus der Hindenburgstraße wieder wie früher die Bahnhofstraße. Zur Diskussion standen nach 1945 auch die an Kriegsschauplätze des Ersten Weltkrieges erinnernden Skagerrakstraße, Langemarckweg und Flandernweg. Neue Namen mussten her Die enorme Entwicklung der Stadtbebauung nach dem Zweiten. Weltkrieg brachte es mit sich, dass zahlreiche neue Straßen entstanden. Sie alle brauchten neue Namen. So entstand ein Blumenviertel, in jüngster Zeit auch ein Dichterviertel. Zahlreiche westdeutsche Städte, in die es einst Korbacher verschlagen hatte, standen Pate, aber auch mitteldeutsche Städte. Auch ehemalige ostdeutsche Städte und Gebiete, aus denen viele Korbacher Neubürger vertrieben worden waren, gaben neuen Straßen ihre Namen.

Der Autor

Der Korbacher Hans Osterhold beschäftigt sich schon lange mit heimatkundlichen Themen. Für die HNA hat der Museums- und Stadtführer eine Serie über die Namen Korbacher Straßen verfasst. diese ist ab April 2001 in der HNA Waldeckische Allgemeine erschienen.