Günter Brus

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Das documenta-Lexikon
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Günter Brus ist ein Künstler (Jahrgang 1938) aus Österreich, der an der documenta 5, documenta 6 und der documenta 7 teilgenommen hat.

Werk

Brus ist Aktionskünstler und Maler. Die Arbeiten des Künstlers gingen ab den 1960er-Jahren in Richtung totaler Körperanalyse: Er urinierte und defäkierte während der Aktionen, ritzte sich mit Rasierklingen die Haut und masturbierte. 1968 kam es zum Eklat durch eine in die Kunstgeschichte eingehende Veranstaltung, die von den Medien als Uni-Ferkelei tituliert wird und in deren Gefolge er gerichtlich verfolgt und verurteilt wurde und schließlich ins Exil ging.

Brus über sein Werk Zerreissprobe

Mit der „ZERREISSPROBE“ beendete ich die Reihe meiner Aktionen (1964-1970), abgesehen von zwei späteren Kurzauftritten, sozusagen „Gastspielen“ in München und Neapel (Nitsch: OM-Theater). Die „Ästhetik der Selbstbemalung und der Selbstverstümmelung“ fasste ich später unter dem Begriff „KÖRPERANAYSEN“ zusammen.

Mit der „Körperanalyse 1“ (Berlin 1969), dem „Psycho-Dramolett“ und der „Zerreißprobe“ (beide München 1970) hatte ich die Grenze zum Extrem-Aktionismus bereits deutlich überschritten. Freilich waren Erweiterungen denkbar und ich beschäftigte mich auch damit. Ich dachte an einen „Direkten Schamanismus“ zum Unterschied eines „symbolisch-illustrativen“, wie ihn z.B. Joseph Beuys beeindruckend zelebrierte. Analytisch wie etwa Freud in die Seele, ging ich ins Fleisch bzw. an das radikale Durchbrechen von Ekelschranken. Nach der ZERREISSPROBE erkannte ich bald die Konsequenzen einer solchen Progression, welche ich hier (etwas ironisch eingefärbt) auflisten möchte: 1. Maler bemalt eine Malfläche 2. Maler bemalt sich, statt Malfläche 3. Maler geht als Malerei spazieren 4. Maler legt Bekleidung ab und entnimmt seinem Körper das Malmaterial (Blut, Urin, Kot, Speichel, Schweiß, Tränen etc.) 5. Maler formt seinen Körper zu einer Skulptur, die ihm nach und nach immer weniger ähnlich sieht. 6. Maler „suiziert“ sich – und wird weltberühmt.

Ich zog mich aus dem Programm zurück, schrieb und zeichnete am „Irrwisch“, um damit meinen Bild-Dichtungen freien Lauf zu geben. Kurzum, ich verspürte keine Lust, ein Meister des Super-van Goghismus zu werden. Im allgemeinen will ein Künstler in seinen Werken überleben – und dieser Allgemeinheit wollte ich auch angehören. Freilich, auch Urnenfriedhöfe, Gottesacker oder Schädelstätten werden in säkularisierten Zeitaltern wie Museen besucht, ganz zu schweigen von der geliebten Mumien-Show im ägyptischen Sektor. Leider aber wurde Schneewittchen aus dem gläsernen Sarg wachgeküsst. Andernfalls wäre dies die optimale Lösung für die „Selbstdarstellung als Kunstwerk“ gewesen. Ich denke, nicht mehr lange werden Märchen Wunschvorstellungen verhindern. Wenn es dann so weit ist, werden alle Künste zu Märchen geworden sein.[1]

Günter Brus, 2001

Quellen und Links

  1. Zerreissprobe auf museum-joanneum.at