Friedrich Murhard

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Friedrich Wilhelm August Murhard (17781853) wurde in Kassel im Jahr 1778 als Sohn einer wohlhabenden hessischen Beamtenfamilie geboren. Die Kasseler Murhard Familie konnte auf ein ansehnliches Vermögen zurückgreifen und ermöglichte ihren beiden Söhnen, Friedrich und Karl Murhard, eine herausgehobene Erziehung und Bildung (Privatlehrer und Besuch des Kasseler Lyceum Fridericianum). FM studierte ab 1795 an der Georg-August-Universität in Göttingen Mathematik und Physik. Nach seiner Promotion war er zunächst Privatdozent in Göttingen. Daneben unternahm er zahlreiche Bildungsreisen, die ihn bis nach Konstantinopel führten. (Dies ist aber nicht ganz gesichert, weil seine dreibändige Reisebeschreibung „Gemälde von Konstantinopel“ (1804) von zahlreichen Zeitgenossen angezweifelt worden ist.) Auf seinen Bildungsreisen wurde Murhard glühender Anhänger der Gedanken der Aufklärung und der Ideen der Französischen Revolution.

Leben und Wirken

Nach einer Frankreichreise im Jahr 1806, die ihn für die kurhessischen Behörden besonders verdächtig machen musste, veröffentlichte Murhard im „Reichsanzeiger der Deutschen“ einen Artikel, in dem er die kurhessische Gerichtsverfassung kritisierte. Daraufhin wurde er von der kurhessischen Polizei verhaftet. Erst nach der Gründung des Königreichs Westphalen konnte sich Murhard wieder sicher und frei fühlen. Er trat in westfälische Dienste ein und wurde 1808 Redakteur der regierungsamtlichen Zeitung Moniteur Westphalien und 2. Bibliothekar in der Kasseler Landesbibliothek. Murhard erhoffte sich – wie viele Liberale seiner Zeit – von der Regierung Jerômes, des jüngsten Bruders Napoleons, eine grundlegende Reform des alten kurhessischen Ständestaates. Besonders nachdem am 15. November 1807 Napoleon durch ein Dekret eine fortschrittliche freiheitliche Verfassung in Kraft setzte. Die westphälische Verfassung versprach „Gleichheit aller Untertanen“, Gewerbefreiheit, Religionsfreiheit, Abschaffung der Adelsprivilegien und Öffentlichkeit der Gerichtsverfahren. „Die Verfassung des Königreichs wurde … zur Grundlage seiner (Friedrich Murhards R.O.) politischen Identifikation mit dem neuen System“ (Schäfer, S. 17)

Restauration und politische Verfolgung

Nach dem Zusammenbruch des napoleonischen Reiches setzte der alte hessische Kurfürst Wilhelm I. alles wieder in den Stand vor der französischen Besetzung. Durch die Restauration verlor FM seine Bibliothekarstelle in Kassel, er wurde aus dem Staatsdienst entlassen und hatte keinerlei Möglichkeiten einer publizistischen Tätigkeit in Kurhessen. FM ließ sich Ende 1816 in der freien Reichsstadt Frankfurt am Main, dem Sitz des Deutschen Bundestages, nieder.

Aufenthalt in Frankfurt am Main

Im Sommer 1817 übernahm Murhard die Redaktion der von ihm mitbegründeten Europäischen Zeitung, die allerdings schon am 31. März 1818 aus politischen Gründen ihr Erscheinen einstellen musste. Im Jahr 1820 gründete Murhard auf Bitten des Verlegers Cotta die überregionale politische Zeitschrift Allgemeine politische Annalen; sie diente der Verbreitung politisch liberaler Gedanken und förderte die Entwicklung freiheitlicher Verfassungen. Neben zahlreichen von Murhard und anderen namhaften liberalen Publizisten verfassten Beiträgen erschienen auch Artikel seines Bruders Karl Murhard, der ihm nach Frankfurt gefolgt war.

Zweite Verhaftung

Diese publizistische Tätigkeit erregte abermals das Misstrauen der kurhessischen Behörden, die Murhard nach der Ausweisung aus Frankfurt gleichsam auf seiner Flucht in Hanau festgenommen und in das Staatsgefängnis nach Kassel bringen ließ. Dort war er acht Monate inhaftiert und wurde erst gegen eine beträchtliche Kaution entlassen.

Danach wurde er unter ein Berufs- und Veröffentlichungsverbot gestellt, auch durfte er die Residenzstadt bis 1830 nicht verlassen. Dies galt auch für seinen Bruder Karl, obwohl dieser vollkommen unschuldig war. Nach dem Inkrafttreten der fortschrittlichen kurhessischen Verfassung im Jahr 1831 konnte sich Murhard wieder der politischen Publizistik widmen, allerdings stets unter dem Argwohn der politischen Zensur und der kurhessischen Polizei.

Dritte Verhaftung

Im Jahr 1843 wurde Murhard wegen des kritischen Artikels „Staatsgerichtshof“ im von Rotteck und Welcker herausgegebenen Staatslexikon erneut verhaftet. Mit großem Polizeiaufgebot wurde der 66-Jährige unter unwürdigen Umständen in das Staatsgefängnis gebracht und erst gegen eine hohe Kaution freigelassen. Der Prozess wurde jahrelang verschleppt, bis die Revolution von 1848 diesem Justizskandal mit einer landesherrlichen Amnestie ein Ende setzte. Im Jahr 1852 wurde der fast 70-jährige Murhard „wegen Majestätsbeleidigung“ noch einmal von der Polizei verhört. Am 29. November 1853 starb er als gebrochener Mann „an Entkräftung“, wie sein Bruder Karl in der Familienchronik vermerkte. „Ihm, dem lebenslangen Streiter für Bürgerfreiheit und Menschenrechte … ist bis heute eine öffentliche Genugtuung für das, was er in seiner Heimatstadt Kassel an Entrechtung und Schmähungen erdulden musste, nicht zuteil geworden." (Schäfer, S. 23)


Das Testament

Dennoch vermachten Murhard und sein Bruder Karl der Stadt Kassel ihr gesamtes Vermögen in Form der „Murhardschen Stiftung“ mit der Auflage, eine städtische Bibliothek zu errichten. Die Murhardsche Bibliothek sollte in erster Linie „dem Studium der politischen Wissenschaften und namentlich der politischen Oeconomie“ dienen und allen Bürgern frei zugänglich sein. (Testament) Die Murhardsche Bibliothek wurde im Jahr 1895 gegründet, das Gebäude am Kasseler Brüder-Grimm-Platz wurde im Jahr 1905 errichtet.

Die Kasseler Bürger haben dieses großzügige Geschenk nicht richtig würdigen können oder wollen, im Gegenteil: die Brüder Murhard wurden als „Französlinge“ von der Öffentlichkeit gemieden, und ihr Andenken wurde in keiner Weise gepflegt. Man weiß heute nicht einmal, wo die Brüder Murhard begraben wurden; ihre Gräber wurden eingeebnet.

Literatur

  • Fuchs, Norbert: Die politische Theorie Friedrich Murhards 1778 – 1853. Diss. Erlangen-Nürnberg 1973.
  • Schäfer, Herbert: Friedrich Murhard (1778-1853). Zur Geschichte einer politischen Verfolgung, in: Friedrich und Karl Murhard, gelehrte Schriftsteller und Stifter in Kassel, hrsg. von der Stadtsparkasse Kassel, Kassel 1987, S. 14 – 35.
  • Saul, Regina: Bibliographie Friedrich Murhard, in: Friedrich und Karl Murhard, gelehrte Schriftsteller und Stifter in Kassel, hrsg. von der Stadtsparkasse Kassel, Kassel 1987, S. 76 - 82.


Dr. Rainer Olten (drolten@arcor.de)


siehe auch