Friedrich Hölderlin

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HÄLFTE DES LEBENS

Mit gelben Birnen hänget

Und voll mit wilden Rosen

Das Land in den See,

Ihr holden Schwäne;


Und trunken von Küssen

Tunkt ihr das Haupt

Ins heilignüchterne Wasser.


Weh mir, wo nehm’ ich, wenn

Es Winter ist, die Blumen, und wo

Den Sonnenschein,

Und Schatten der Erde?


Die Mauern stehn

Sprachlos und kalt, im Winde

Klirren die Fahnen.

(Friedrich Hölderlin)


„Unser liebes Cassel“ - Hölderlin und Kassel

Friedrich Hölderlin, der bedeutendste Lyriker der Klassik, (20. März 1770 – 7. Juni 1843) wird im allgemeinen Bewusstsein und das zu Recht, mit Tübingen verbunden; hier studiert er, schließt Freundschaften, hier schreibt er eine Vielzahl seiner Werke und hier wird er begraben. Weniger bekannt ist, dass Hölderlins Aufenthalt von etwas mehr als drei Wochen in Kassel, entscheidend Einfluss auf sein weiteres Leben und sein Werk hat.

Nach dem Willen der Mutter soll Hölderlin Pfarrer werden. Auf die Lateinschule in Nürtingen folgt die Klosterschule in Maulbronn und im Oktober 1788 das Tübinger Stift. Die für Hölderlin so wichtigen Freundschaftsbünde – Neuffer und Magenau gehören ihm an - bilden sich hier. Hölderlin schreibt, beeinflusst von Schiller, die Tübinger Hymnen. Erste Gedichte werden in Stäudlins Musenalmanach für das Jahr 1792 veröffentlicht.

Der bedeutsamere Freundeskreis entsteht um 1790; Hölderlin schließt sich mit Hegel und dem fünf Jahre jüngeren Schelling zusammen, wobei vor allem der Umgang mit dem gleichaltrigen Hegel von großem, wechselseitigem Einfluss ist. Ein enger Freund wird ihm in dieser Zeit Isaac von Sinclair. Ausgelöst durch die Große Französische Revolution (1789 – 1799), entsteht im Stift ein revolutionär-patriotisch gesinnter Club, in dem Hegel als „derber Jakobiner“ gilt; Hölderlin ist „dieser Richtung zugetan“.

Im Juni 1793 legt Hölderlin im Stift das Abschlussexamen der Promotion ab. Längst hat er sich entschlossen, nicht länger „an der Galeere der Theologie zu seufzen“. Durch die Vermittlung Schillers erhält Hölderlin seine erste Anstellung als Hofmeister in Jena, zur Unterrichtung des Sohnes von Charlotte von Kalb.

Zum Ende des Jahres 1795 nimmt Hölderlin die Stelle des Hofmeisters bei der Frankfurter Bankiersfamilie „Cobus“ und Susette Gontard an - auf Vermittlung des Arztes und Naturforschers Johann Gottfried Ebel. Was nun geschieht, gehört zu den Mysterien, die ihn und sein Werk umgeben.

Hölderlin hat 1794 das Fragment von Hyperion, an dem er bereits in Tübingen gearbeitet hat, Schiller geschickt, der es im November 1794 in der Thalia veröffentlicht. Die Kritik nimmt davon keine Notiz, ein Schweizer Bankierssohn aber, Ludwig Zeerleder, schreibt den Text ab und schickt ihn, als Ausdruck seiner Verehrung, Susette Gontard.

Als Hölderlin in das Haus des wohlhabenden Bankiers Gontard tritt, ist er für dessen Ehefrau kein Unbekannter mehr und der geeignete Erzieher für ihren Sohn. Und Hölderlin, verzaubert vom Wesen Susettes, erkennt in ihr seine Diotima (die im Fragment noch Melite heißt). Der Text hat seine Wirklichkeit gefunden. Die großen Gedichte, in denen diese Liebe widerhallt, wie Menons Klagen um Diotima, gehören zu den ergreifendsten Liebesgedichten unserer Sprache. Kaum bekannt ist dagegen, wie Hölderlins berühmtes Gedicht Hälfte des Lebens mit Susette und Kassel zusammenhängt.

Um seine Familie vor dem herannahenden französischen Kanonendonner in Sicherheit zu bringen, schickt Gontard im Juli 1796 seine ganze Familie auf die Flucht, nur er bleibt in Frankfurt. Die „ganze Familie“, das heißt: Susette und ihre vier Kinder, ihre Schwiegermutter und ihre Schwägerin; dazu die Gouvernante und Vertraute Susettes, Marie Retzer – und der Hofmeister Hölderlin. In Kassel machen sie Station, danach reisen sie weiter nach Bad Driburg und kehren im September zurück nach Frankfurt.

Die Kasseler Zeit ist für Hölderlin und für Susette entscheidend. „Unser liebes Cassel“ so wird Susette später an Hölderlin schreiben. Wahrscheinlich haben sie in Kassel zueinander gefunden. Erich Hock, der die Reise nach Kassel und Bad Driburg mit größter Sorgfalt untersucht hat, schreibt: „In Susettens Gedächtnis lebte Kassel weiter als ein Ort inniger Gemeinschaft.“ Hölderlin begegnet hier zum ersten Mal großer bildender Kunst, vor allem Zeugnissen der Antike. Der mit den Gontards befreundete Dichter Wilhelm Heinse gesellt sich zu ihnen. Mit ihm, der gern mit Malern und Künstlern verkehrt und ihnen im Ardinghello ein Denkmal gesetzt hat und der zu den besten Kennern der Malerei seines Jahrhunderts in Deutschland gehört, besuchen sie die Galerien, das Fridericianum und den Bergpark in Wilhelmshöhe. In der Gemäldegalerie sind damals auch die in der napoleonischen Zeit verschleppten wertvollen Stücke zu sehen, der kostbare Schatz niederländischer Meister und bedeutende Werke der italienischen Malerei. Auch die vier großen Tageszeiten von Claude Lorrain, die sich jetzt in der Eremitage in St. Petersburg befinden, sind ausgestellt. Am 27. Juli tragen sie sich im Besucherbuch der Galerie ein: „Mad. Gontard. Dem. Retzer / M. Hölderlin aus Frankfurt, Heinse, Professor aus Mainz.“

Die antiken Skulpturen im Fridericianum, der ausruhende Apollo, nach einem Original aus der Schule des Praxiteles, Athene als Kopie der Athena Lemnia, die auf Phidias zurückgeführt wird, versetzen Hölderlin in großes Erstaunen und Entzücken. Mehrfach durchwandert er mit Susette den Park mit dem Lac und lobt die „große und reizende Natur“. Am 6. August 1796 schreibt er an seinen Bruder: „Ich lebe seit drei Wochen und drei Tagen sehr glücklich hier in Kassel.“ Und im Jahr darauf schreibt er die Ode "An die Parzen" und der erste und der letzte Vers darin lauten:

„Nur einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen! [...] Einmal

Lebt ich, wie Götter, und mehr bedarfs nicht."

Hölderlins berühmtes Gedicht "Hälfte des Lebens" wurde 1802/03 in den Nachtgesängen veröffentlicht. Dietrich Eberhard Sattler, der Hölderlin Herausgeber, stellt fest: „Die wilden Rosen und gelben Birnen, das in den See hängende Land bezeichnen trigonometrisch genau die Zeit und den Ort des glücklichen Sommers 1796: die heute noch sichtbare Stelle am Kasseler Lac, an der sie ihr Ebenbild, die liebenden Schwäne sahen.“

Die Trennung vom Hause Gontard geschieht im September 1798. Hölderlin verlässt überstürzt Frankfurt nach einer Auseinandersetzung mit Gontard und geht nach Homburg, um Susette nah zu sein. Sie tauschen Briefe aus und sehen sich bisweilen auch heimlich. Die Trennung stürzt Hölderlin in eine schwere Krise. Er schreibt aber weiter am Empedokles und im Oktober 1799 erscheint der zweite Band des Hyperion. Da er von den Einnahmen aus seinen Werken nicht leben kann, nimmt Hölderlin weitere Stellen als Hofmeister in der Schweiz (1800) und in Frankreich (1801) an. Er hört, dass Susette schwer erkrankt sei und fährt zurück nach Frankfurt. Dort erfährt er, dass sie am 22. Juli 1801 gestorben ist.

Hölderlin trauert und macht sich schwere Vorwürfe, glaubt sich aufgrund der Trennung mitschuldig am Tod Susettes. Er ist melancholisch und traurig und teilnahmslos gegenüber seiner Umwelt, zugleich stürzt er sich in Arbeit, übersetzt Sophokles und Pindar, „den ganzen Tag und die halbe Nacht.“ Er erhält noch einmal eine Anstellung als Hofbibliothekar in Homburg; sein Gehalt zahlt sein Freund Sinclair. Am 11. September 1806 wird Hölderlin mit Gewalt von Homburg nach Tübingen geschafft, wo man ihn in das Authenriethsche Klinikum einweist. Ab diesem Zeitpunkt gilt Hölderlin als geisteskrank. Nach sieben Monaten wird er dem Schreinermeister Zimmer und seiner Familie anvertraut. Von nun an wohnt Hölderlin, dem die Ärzte „noch höchstens drei Jahre“ zu leben voraussagen, liebevoll umsorgt in Zimmers Haus am Neckar, im Turm, 35 Jahre lang.

Im Turm schreibt er noch zahlreiche Gedichte, von denen die meisten verloren gehen. Etwa fünfzig aus den späteren Jahren sind noch erhalten. Hölderlin zieht sich mehr und mehr zurück, in eine Stille, in der er seine Liebe bewahrt.


Literatur

  • Hölderlin, Friedrich: Sämtliche Werke und Briefe. In vier Bänden. Hrsg. von Michael Knaupp. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1998.
  • Bertaux, Pierre: Friedrich Hölderlin. Frankfurt: Suhrkamp, 1978.
  • Härtling, Peter: Hölderlin. Ein Roman. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1997.
  • Hock, Erich: „dort drüben, in Westphalen“. Hölderlins Reise nach Bad Driburg mit Wilhelm Heinse und Susette Gontard. Stuttgart/Weimar: J. B. Metzler, 1995.
  • Langner, Beatrix: Hölderlin und Diotima. Eine Biographie. Frankfurt-Main/Leipzig: Insel, 2001.
  • Sattler,Dietrich E.: Friedrich Hölderlin. 144 fliegende Briefe. München: Luchterhand, 1981.


I. C.