Freiheiter Durchbruch

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Freiheiter Durchbruch - historische Aufnahme
Das "alte" Kassel: Freiheiter Durchbruch mit Blick auf den Altmarkt

In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg wurden die Wohnverhältnisse in der Kasseler Altstadt immer katastrophaler. Die politisch Verantwortlichen wussten sehr wohl um die Probleme; die Situation zu verändern, fehlte ihnen einfach das Geld. So blieb es den Nationalsozialisten vorbehalten, 1935 in einem Großprojekt zur Arbeitsbeschaffung die Altstadtsanierung zu ihrer Sache machen.

Mit dem Freiheiter Durchbruch, dem Bau einer neuen Straße vom Altmarkt zum Martinsplatz im ehemaligen Stadtbezirk Freyheit beseitigten sie zahlreiche Altbauten und siedelten deren Bewohner um. Natürlich feierten sie sich selbst ausgiebig und mit dem ihnen eigenen Pathos, obwohl die Kasseler Bevölkerung mit einem „Notopfer für Arbeitsbeschaffung“ nicht unerheblich zum Erfolg des Ganzen beigetragen hatte.

Quelle

  • Uwe Feldner: Stadt-LEXIKON - (Fast) alles über KASSEL, erschienen im Herkules Verlag

siehe auch

Verlorene Stadt

Ausstellung: Verlorene Stadt

Als der Freiheiter Durchbruch 1936 nach zweijähriger Bauzeit eröffnet wurde, war damit endlich eine zeitgemäße Verkehrsverbindung zwischen Altmarkt und Martinsplatz hergestellt. Die neue Durchbruchsstraße hatte den Vorteil, dass insgesamt nur 10 historische Bürgerhäuser abgebrochen werden mussten, von denen man sogar drei an anderen Standorten wieder aufbaute. Im Vergleich war dies eine recht geringer Eingriff: Zuvor war geplant gewesen, die Marktgasse zu verbreitern und dafür die bedeutende Randbebauung größtenteils zu opfern. Der Grundstückserwerb für den Durchbruch wurde zudem dadurch vereinfacht, dass man einen Teil des Marstallkomplexes durchschnitt; auf diesem nachträglich hinzugezogenen Areal hatten vor allem eine Reithalle und Wagenhallen gestanden – Fachwerkbauten von 1827.

Die neue Randbebauung wurde behutsam in ihre Umgebung eingefügt. Dabei griff man architektonische Konzepte auf, die das Stadtbauamt bereits 20 Jahre zuvor entwickelt hatte: Die Häuser knüpften mit ihren Giebeln und den dichten Fensterreihungen an Bauformen der Altstadt an, ohne im Detail bestimmte Baustile nachzuahmen; ihre Schlichtheit erinnerte an verputzte Fachwerkbauten und entsprach der zeitgemäßen Architektur der späten 20er und der 30er Jahre. Am Hause Hundertmark wurde außerdem ein Renaissanceportal wiederverwendet, das einige Jahrzehnte zuvor am Martinsplatz abgebaut und magaziniert worden war.

Im Zweiten Weltkrieg blieb nur das Haus Freiheiter Durchbruch 12 unbeschädigt; Nr. 14 brannte 1943 ab, wurde aber wiederhergestellt. So überliefern beide Bauten bis heute die Maßstäblichkeit der untergegangenen Altstadt. An der Stelle des ausgebrannten Marstalls wurde 1963/64 die Markthalle neu gebaut.

Blick von der Wildemannsgasse durch den Freiheiter Durchbruch zum Martinsplatz, 1936; links die Nebenfront des Marstalls, in der Bildmitte der Neubau Freiheiter Durchbruch 10. Das Fachwerkgebäude ganz rechts ist ein früheres Nebengebäude des Marstalls, errichtet um 1827; daneben erkennt man weitere Neubauten.

Damit die neue Straße nicht als breite Verkehrsschneise das Stadtbild störte, überbaute man die Bürgersteige z. T. mit Laubengängen. Auf gleiche Weise konnten auch einige historische Bauten als Eckhäuser erhalten werden. Den ersten Neubau errichtete 1934 der Schlossermeister Wagner: Freiheiter Durchbruch 10, an markanter Stelle neben dem Marstall. Das behutsame Vorgehen unterschied sich deutlich vom Historismus des 19. Jh., der keine Rücksicht auf den historischen Baubestand und das Stadtbild genommen hatte. Erst 1913 hatte ein Wandel eingesetzt: Man richtete eine städtische Bauberatung mit dem neuen Stadtbauinspektor Erich Labes ein und erließ 1915 ein „Statut gegen Verunstaltung“. Labes, der bald zum Stadtbaurat aufstieg und zeitweise sogar die Aufgaben eines Dezernenten übernahm, arbeitete dabei kongenial mit dem Leiter des Stadtbauamtes Ernst Rothe zusammen. Das Ziel war eine Anknüpfung an die örtlichen Bautraditionen des 18. und frühen 19. Jh., als Architektur und Stadtplanung noch als Einheit aufgefasst wurden. Privaten Bauherren in der Innenstadt wurden enge Auflagen gemacht, und die großen Siedlungsvorhaben jener Zeit konzipierte man als städtebauliche Ensembles; als Beispiele seien Huttenplatz, Ihringshäuser Straße, Karolinenstraße und Goetheanlage genannt. Beim Bauen im historischen Bestand reichte die Bandbreite (je nach Situation) von einer behutsamen Einpassung moderner Architektur bis hin zur getreuen Kopie vorhandener Formen, um auch hier neue Ensembles zu schaffen. Am Freiheiter Durchbruch beschritt man einen Mittelweg, wobei die Fassadenentwürfe zumeist von der Stadt vorgegeben wurden. Die Gebäude wurden zumeist von privaten Anliegern errichtet und mit öffentlichen Mitteln gefördert.

Rundgang 4: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Martinsplatz | Station 2: Martinsplatz nach dem Abbruch des Tuchhauses | Station 3: Das Säulenportal am Martinsplatz | Station 4: Mittelgasse | Station 5: Das Grimmsche Märchenhaus | Station 6: Barockhaus von Oberst Georg du Mont | Station 7: Der Freiheiter Durchbruch | Station 8: Laubengänge am Freiheiter Durchbruch | Station 9: Kassels erste Fußgängerzone | Station 10: Der untere Abschnitt der Marktgasse