Freiheit

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Die drei Kasseler Stadtteile Altstadt, Unterneustadt und Freiheit blieben bis in das Jahr 1384 eigenständig mit eigener Verwaltung und eigenem Bürgermeister.

Die 1330 gegründete Stadterweiterung Freiheit ging auf Landgraf Heinrich II. zurück und bildete zunächst ein eigenes Gemeinwesen mit eigenem Rat und Siegel.

Das bisherige Stadtgebiet Kassels wurde dadurch mehr als verdoppelt. Die Bewohner kamen größtenteils wohl aus den älteren Stadtteilen und aus der Umgebung.

Vor dem Elisabeth-Hospital, mit Blick durch die Oberste Gasse zur Martinskirche, 1935

In der Anfangszeit förderten befristete Privilegien wie Dienst- und Abgabenfreiheit die Ansiedlung, weshalb die „Obere Neustadt Kassel“ bald auch als „Freiheit“ bezeichnet wurde.

Damit entstand zwischen den Kasseler Städten aber auch eine gespannte wirtschaftliche Konkurrenz, die mehrfach durch Verordnungen geregelt werden musste. Spätestens 1378, als sich Altstadt, Unterneustadt und Freiheit zu einem Gemeinwesen zusammenschlossen, werden die Verhältnisse aber angeglichen gewesen sein.

Für Planung und Vermessung der Freiheit könnte der landgräfliche Zimmermeister Hermann Fürstenstein zuständig gewesen sein (†1353).

Die Oberste Gasse ist dabei ein gutes Beispiel für spätmittelalterliche Stadtplanung: Der lange und breite Straßenzug mit den Kirchtürmen als Blickpunkt animierte den Fremden dazu, die Oberste Gasse zu nutzen – und nicht den viel kürzeren, aber ehemals schmalen und gewundenen Steinweg; am Martinsplatz schuf dann die Marktgasse eine ebenso unmissverständliche Verbindung zum Altmarkt. So profitierten auch die Händler und Handwerker der Freiheit vom Durchgangsverkehr aus südlicher Richtung.

Außerdem fällt die S-förmige Biegung der Obersten Gasse auf: Dadurch war es möglich, die Gasse zunächst in gerader Linie auf die Kirchtürme auszurichten, dann aber westlich an der Kirche vorbeizuführen. Außerdem ließ sich das wellige Gelände damit gut überspielen. Und im ersten, geraden Straßenabschnitt variierte zudem die Straßenbreite: Durch die wechselnde Verengung und Aufweitung sowie durch die Biegungen der Gasse traten die seitlichen Häuserzeilen stärker in den Blick, das Straßenbild erschien lebhaft und abwechslungsreich.

Durch den Zwehrener Turm

Durch den Zwehrener Turm erreichten die Landstraßen von Niederzwehren und Wehlheiden die spätmittelalterliche Stadt. Man betrat zunächst die sog. „Freiheit“, eine Stadterweiterung aus der Zeit ab 1330. Rechts neben dem Elisabeth-Hospital führte der Steinweg auf direktem Wege weiter in die Altstadt; wegen seiner Bedeutung für den Fernverkehr war er schon im 13. Jahrhundert gepflastert, als er noch außerhalb der ummauerten Stadt lag: Immerhin war die Zwehrener Landstraße Teil einer wichtigen, alten Fernverbindung aus dem Rhein-Main-Gebiet.

Murhardsche Bibliothek Kassel (Photographie: Georg Friedrich Leonhardt) Standort: Blick aus dem Zwehrener Turm auf das Elisabeth-Hospital, um 1891-96

Die Stadtmauer der Freiheit wurde um 1361 vollendet, sodass die bisherige Altstädter Befestigung geschleift werden konnte (östlich des heutigen Graben). Der neue Zwehrener Turm war zunächst dreigeschossig, wurde aber schon im Mittelalter um zwei weitere Geschosse erhöht. Als Kassel im 16. Jahrhundert mit modernen Wällen umgeben wurde, legte man unmittelbar vor dem Turm eine Bastion an, mit einem 90 Meter langen Tunnel; Oberlichtschächte bewirkten jedoch nur eine unzureichende Beleuchtung, und nach zwei tödlichen Unglücksfällen wurde das Tor 1587 geschlossen. Im Tunnel hatte eine Kuhherde einen Offizier zu Tode getrampelt, und ein Ochse hatte eine Frau aufgespießt, die ein Bündel Heu auf dem Kopf getragen hatte. Als Ersatz diente nun das Neue Tor auf der Westseite der Stadt (vgl. Station 6). Erst nach Gründung der Oberneustadt wurde das Zwehrener Tor im 18. Jahrhundert wieder geöffnet, doch blieben Post- und Lastwagen ausgenommen. 1703-1707 erhielt der Turm eine Sternwarte aufgesetzt, die aber kaum genutzt wurde.

Ab 1767 wurden die Kasseler Festungswerke geschleift. Den Verkehr leitete man nun am Zwehrener Turm vorbei, wofür die Häuserzeile zwischen Steinweg und Ottoneum 1769-1772 abgebrochen wurde. Der Zwehrener Turm dagegen entging dem ebenfalls geplanten Abbruch und wurde 1779/1780 als modernisierte Sternwarte dem Museum Fridericianum angegliedert. Dabei fügte man auf der Westseite ein Treppenhaus an und verlieh dem Turm seine heutige Gestalt. Beim Großangriff im Jahr 1943 brannte er aus, der verkleidete Fachwerkaufbau wurde ganz zerstört. 1959/1960 wurde der Turm nach historischem Vorbild wiederhergestellt.

Auf der einstigen Feldseite erkennt man heute noch die Führungsschienen für das Fallgitter, und im Gewölbescheitel der ehemals verputzen Torhalle finden sich zwei zugesetzte Öffnungen, die dazu dienten, eingedrungene Angreifer von oben abzuwehren. Wesentliche Teile der Sternwartenausstattung sind im Besitz der Museumslandschaft Hessen Kassel erhalten, darunter der große Mauerquadrant von Breithaupt. Ein Großteil der Instrumente war allerdings schon kurz nach Vollendung der Sternwarte nach Marburg abgegeben worden: Nach dem Tode Landgraf Friedrichs II. im Jahr 1785 hatte sein Nachfolger, Wilhelm IX., das Kasseler Collegium Carolinum aufgelöst und die meisten Professoren an die Marburger Universität versetzt. Damit war auch das faktische Ende der Kasseler Sternwarte besiegelt, die lediglich während der napoleonischen Fremdherrschaft noch einmal für kurze Zeit wiederbelebt wurde. Die Sonnenuhr auf der Südseite stammt erst aus dem Jahr 1859; nach Berechnungen von August Cöster zeigt sie nicht nur die Stunden, sondern auch die Kurven der Sternbilder und die Lemniskate der Monate an.

Das Zentrum am Martinsplatz

An der Ecke Oberste Gasse / Hedwigstraße, mit Blick auf Martinskirche und Tuchhaus, 1820 (Aquarell von Ludwig Emil Grimm); an der Südseite des Tuchhauses erkennt man die 1766 angebaute Hauptwache.

Der heutige Martinsplatz war das urbane Zentrum der 1330 gegründeten Freiheit, mit Kirche, Kirchhof, Rathaus und Marktplatz. Durch die Vereinigung der drei Kasseler Städte 1378 verlor das Rathaus zwar seine rechtliche Funktion, diente aber weiterhin als Verkaufshalle; ein 1421 errichteter Neubau erhielt 1586 sein endgültiges Erscheinungsbild und wurde als Kauf- oder Tuchhaus bezeichnet, gemäß dem wichtigsten Handelsartikel.

Der Bau der Martinskirche war 1343 schon im Gange, kam aber wegen Geldmangels nur schrittweise voran; nach mehreren Bauabschnitten konnte die (ursprünglich verputzte) Kirche erst 1462 vollendet werden, und noch immer fehlten die Türme. Der Südturm erreichte 1483-87 den ersten Umgang, und 1564-65 setzte man die achteckigen Aufbauten für Glockenstuhl und Türmerwohnung auf. An der Kirche bestand ab 1366 ein Chorherrenstift aus 12 Kanonikern, das von Landgraf Heinrich II. und seinem Sohn Otto gegründet und dotiert worden war. Zahlreiche Geistliche des Stifts waren zugleich in Verwaltungsämtern am Kasseler Hof tätig. 1429 wurde das Gotteshaus sogar zur Wallfahrtskirche, als Landgraf Ludwig I. ein angebliches Stück des hl. Kreuzes von einer Pilgerfahrt mitbrachte. Die Reformation 1526/27 brachte jedoch die Auflösung des Stiftskollegiums und das Ende der Wallfahrten. Nun erhielt der oberste Geistliche der Kasseler Diöseze (Superintendent) seinen Sitz an der Martinskirche; heute ist sie Predigtstätte des ev. Bischofs von Kurhessen-Waldeck. Mit der Reformation bestimmte Landgraf Philipp die Kirche auch zur Grablege des Fürstenhauses, und bis 1782 sind in ihren Grufträumen 68 fürstliche Verstorbene beigesetzt worden.

Bis 1803 hatte in der Bildmitte ein großes Bassin bestanden, das als Pferdeschwemme und Feuerlöschteich diente. In der neuen Umfriedung von 1818 erkennt man einen kleinen Laufbrunnen mit Druselwasser.

Freiheiter Durchbruch

Blick durch den Freiheiter Durchbruch zum Altmarkt, mit Wildemannsgasse und Nebenfront des Marstalls, 1936; im Hintergrund von links die Rückfront des Hauses Brüderstraße 23, die Neubauten Freiheiter Durchbruch 12 (Glasermeister Hundertmark) und Wildemannsgasse 14 (GWG), das Haus Wildemannsgasse 12 (GWG) und die schmale Einmündung der Kettengasse

Als der Freiheiter Durchbruch 1936 nach zweijähriger Bauzeit eröffnet wurde, war damit endlich eine zeitgemäße Verkehrsverbindung zwischen Altmarkt und Martinsplatz hergestellt.

Die neue Durchbruchsstraße hatte den Vorteil, dass insgesamt nur 10 historische Bürgerhäuser abgebrochen werden mussten, von denen man sogar drei an anderen Standorten wieder aufbaute. Im Vergleich war dies eine recht geringer Eingriff: Zuvor war geplant gewesen, die Marktgasse zu verbreitern und dafür die bedeutende Randbebauung größtenteils zu opfern. Der Grundstückserwerb für den Durchbruch wurde zudem dadurch vereinfacht, dass man einen Teil des Marstallkomplexes durchschnitt; auf diesem nachträglich hinzugezogenen Areal hatten vor allem eine Reithalle und Wagenhallen gestanden – Fachwerkbauten von 1827.

Die neue Randbebauung wurde behutsam in ihre Umgebung eingefügt. Dabei griff man architektonische Konzepte auf, die das Stadtbauamt bereits 20 Jahre zuvor entwickelt hatte: Die Häuser knüpften mit ihren Giebeln und den dichten Fensterreihungen an Bauformen der Altstadt an, ohne im Detail bestimmte Baustile nachzuahmen; ihre Schlichtheit erinnerte an verputzte Fachwerkbauten und entsprach der zeitgemäßen Architektur der späten 20er und der 30er Jahre. Am Hause Hundertmark wurde außerdem ein Renaissanceportal wiederverwendet, das einige Jahrzehnte zuvor am Martinsplatz abgebaut und magaziniert worden war.

Im Zweiten Weltkrieg blieb nur das Haus Freiheiter Durchbruch 12 unbeschädigt; Nr. 14 brannte 1943 ab, wurde aber wiederhergestellt. So überliefern beide Bauten bis heute die Maßstäblichkeit der untergegangenen Altstadt. An der Stelle des ausgebrannten Marstalls wurde 1963/64 die Markthalle neu gebaut.

Porzellanhaus Hornschu in der Obersten Gasse 5

Die Oberste Gasse war vor 1943 die Hauptgeschäftsstraße der Freiheit. Diese 1330 gegründete Stadterweiterung ging auf Landgraf Heinrich II. zurück und bildete zunächst ein eigenes Gemeinwesen mit eigenem Rat und Siegel.

Standort: in der Obersten Gasse, mit Blick von der Ziegengasse in Richtung Steinweg und Zwehrener Turm, vor ca. 1927. Im Hintergrund, am Ende der Obersten Gasse, erkennt man den Seitenflügel des ehem. Hofverwaltungsgebäudes am Friedrichsplatz, das nach 1866 als Kriegsschule genutzt wurde.

Das bisherige Stadtgebiet Kassels wurde dadurch mehr als verdoppelt. Die Bewohner kamen größtenteils wohl aus den älteren Stadtteilen und aus der Umgebung.

In der Anfangszeit förderten befristete Privilegien wie Dienst- und Abgabenfreiheit die Ansiedlung, weshalb die „Obere Neustadt Kassel“ bald auch als „Freiheit“ bezeichnet wurde. Damit entstand zwischen den Kasseler Städten aber auch eine gespannte wirtschaftliche Konkurrenz, die mehrfach durch Verordnungen geregelt werden musste. Spätestens 1378, als sich Altstadt, Unterneustadt und Freiheit zu einem Gemeinwesen zusammenschlossen, werden die Verhältnisse aber angeglichen gewesen sein. Für Planung und Vermessung der Freiheit könnte der landgräfliche Zimmermeister Hermann Fürstenstein zuständig gewesen sein (†1353).

Die Oberste Gasse ist dabei ein gutes Beispiel für spätmittelalterliche Stadtplanung: Der lange und breite Straßenzug mit den Kirchtürmen als Blickpunkt animierte den Fremden dazu, die Oberste Gasse zu nutzen – und nicht den viel kürzeren, aber ehemals schmalen und gewundenen Steinweg; am Martinsplatz schuf dann die Marktgasse eine ebenso unmissverständliche Verbindung zum Altmarkt. So profitierten auch die Händler und Handwerker der Freiheit vom Durchgangsverkehr aus südlicher Richtung.

Außerdem fällt die S-förmige Biegung der Obersten Gasse auf: Dadurch war es möglich, die Gasse zunächst in gerader Linie auf die Kirchtürme auszurichten, dann aber westlich an der Kirche vorbeizuführen. Außerdem ließ sich das wellige Gelände damit gut überspielen. Und im ersten, geraden Straßenabschnitt variierte zudem die Straßenbreite: Durch die wechselnde Verengung und Aufweitung sowie durch die Biegungen der Gasse traten die seitlichen Häuserzeilen stärker in den Blick, das Straßenbild erschien lebhaft und abwechslungsreich.

Reformhaus Kräuterhilde Martinsplatz 1

Das zweite Haus von links, Oberste Gasse 61, zählte zu den wenigen Häusern der alten Kernstadt, die sich durch eine steinerne Fassade auszeichneten (vgl. auch Oberste Gasse 47, Station 7). Es war um 1622/1623 errichtet worden, für den Ratsherrn Michael Vogel.

Dieser hatte um 1605 zunächst das (später geteilte) Haus Töpfenmarkt 11-13 besessen, es dann mit der Witwe Weiss gegen Judenbrunnen 5 eingetauscht, bis er schließlich ein Gebäude an der Obersten Gasse erwarb und durch jenen Neubau ersetzen ließ.

Auch wenn sonst nur wenig über Vogel bekannt ist, legen seine Wohnorte und seine Funktion die Vermutung nahe, dass er als Kaufmann tätig war. Weitere Eigentümer waren um 1701 Oberst Steinfeld und später die Witwe des 1719 verstorbenen Geheimen Kriegsrats Freiherr von Görtz; als eine geborene von Wallenstein war sie zugleich Alleinerbin dieses Geschlechts.

Blick auf die Westseite der Obersten Gasse zwischen Druselplatz und Hedwigstraße, in den 1920er-Jahren. Das Haus mit der steinernen Fassade und dem großen Giebel ist Oberste Gasse Nr. 61, zwei Häuser weiter erkennt man die Einmündung der Hedwigstraße. An der Stelle von Nr. 59 (links angeschnitten) und Nr. 61 befindet sich heute ein privater Parkplatz.

Das Testament der kinderlosen Freifrau verursachte nach ihrem Tod 1762 erhebliche Verwicklungen: 1763 wurde in jenem Haus in der Obersten Gasse sogar ihr Nachlassverwalter, der Reichsgraf von Wartensleben verhaftet, was nicht nur großes Aufsehen erregte, sondern auch diplomatische Verstimmungen zwischen den Generalstaaten der Vereinigten Niederlande und der Landgrafschaft Hessen nach sich zog – immerhin stand der Graf als bevollmächtigter Minister und Gesandter in niederländischen Diensten. Es würde zu weit führen, auf die zwei unterschiedlichen Fassungen des Testaments, auf ein offensichtliches Taktieren der Erblasserin und ihres Nachlassverwalters sowie auf diverse nachträglich hinzugefügte Bestimmungen einzugehen, die den Argwohn der hessischen Regierung erweckt und den Vorwurf der Untreue und Urkundefälschung begründet hatten. Im Kern ging es darum, ob das beträchtliche Erbe der Witwe dem Lande zugute käme oder nicht. Die Freifrau von Görtz, die vor ihrem Tode noch mit der Landgrafschaft Hessen gebrochen hatte und nach Frankfurt gezogen war, hatte verfügt, damit ein adliges Fräuleinstift zu begründen; der Streit drehte sich nun darum, ob das Stift in Homberg oder außerhalb Hessens eingerichtet würde. Verdacht erregte auch der Umstand, dass ausgerechnet mehrere Familienangehörige des Grafen von Wartensleben die ersten Begünstigten sein sollten, und Gerüchte besagten, dass bereits Wertgegenstände beiseite geschafft worden seien. Erst nach zehn Monaten gelang es, die Verstimmungen zwischen Hessen und den Generalstaaten wegen der Verhaftung beizulegen. Von Wartensleben, der schon nach neun Tagen wieder aus dem Arrest entlassen worden war, bat 1765 um Entbindung von seinen Pflichten als Nachlassverwalter, und der Kaiser beauftragte damit den Fürsten Karl von Usingen. Das Wallensteinsche Stift wurde erst 1783, fünf Jahre nach dem Tod des Grafen, im Homberger Burgsitz der Mutter der Verstorbenen gegründet, wie es in der ersten Fassung des Testaments geschrieben stand; und auch eine direkte Unterstellung des Stifts unter den deutschen König scheiterte. Die Stiftungs-Angelegenheit war damit im hessischen Sinne ausgegangen. 1830 wurde das Stift schließlich nach Fulda verlegt, ging 1992 in der Althessischen Ritterschaft auf und wurde in der Folge aufgelöst. Das Görtzsche Haus in der Obersten Gasse wurde 1790 vom Sattlermeister Simon Seippell erworben, 1828 vom Bierbrauer Ernst Ludwig Schulz, der hier einen Gasthof einrichtete. 1870 kam das Haus in den Besitz des Bierbrauers Heinrich Eissengarthen, der aus einer alten Kasseler Bierbrauerfamilie stammte. 1897 ging es an die neugegründete Herkulesbrauerei über, 1911 an den Kaufmann Friedrich Chartier, dem bereits der rückseitig angrenzende Gebäudekomplex an der Königsstraße / Hedwigstraße gehörte. Der Gasthof „Zur Börse“, später „Landgraf Philipp“, war besonders zwischen den Weltkriegen als Vereinslokal für Sänger und Kleintierzüchter beliebt.

Das Gebäude wurde beim Großangriff 1943 zerstört, die massiven kreuzgewölbten Keller sind jedoch noch heute erhalten. Eine Anzahl von Weinflaschen befindet sich unter den Beständen des Stadtmuseums. Links daneben, im Haus Oberste Gasse 59, erkennt man das Fischgeschäft Ehlers und den Kurzwarenladen von Ludwig Welsbacher („Barmer Band-Lager“), rechts daneben, im Haus Oberste Gasse 63, das Lebensmittelgeschäft Kratzenberg.

Unterer Abschnitt der Marktgasse

In der unteren Marktgasse, 1936; links das Haus Marktgasse 27, rechts der Neubau Brüderstraße 29 zwischen Marktgasse und Freiheiter Durchbruch

Der untere Abschnitt der Marktgasse zählte zu den reizvollsten Straßenbildern der Altstadt: Die Biegungen der Gasse, die Vorsprünge einzelner Gebäude und die aufwändigen Bildhauerarbeiten mancher Handwerker- oder Kaufmannshäuser schufen eine einzigartige Atmosphäre.

An der engsten Stelle sogar nur 5 Meter breit, war dieser Straßenabschnitt bis zur Eröffnung des Freiheiter Durchbruchs 1936 ein einziges Verkehrshindernis gewesen – als Fußgängerzone konnte er nun seinen ganzen malerischen Reiz entfalten.

Dieses Wertes war man sich auch bewusst, als man im Zuge der Durchbruchs- und Sanierungsarbeiten 1935 die beiden Häuser Marktgasse 36 und 38 abbrach, die in der rechten Bildhälfte gestanden und einen markanten Blickpunkt der Gasse gebildet hatten.

Besonders das Haus Nr. 38 fiel durch seinen willkürlichen Vorsprung und eine aufwändige Steinkonsole auf, die über 1m weit vorkragte und das Obergeschoss trug; an ihrer Stirnseite erinnerte ein bebrillter Kopf an den Optikerberuf des Bauherren.

Dessen Identität lässt sich nicht mehr sicher feststellen, möglicherweise handelte es sich aber um den Brillenkrämer Bernd Parwein, der aus Danzig zugewandert war und 1627 das Kasseler Bürgerrecht erworben hatte.

siehe auch

Verlorene Stadt

Ausstellung "Verlorene Stadt":

Rundgang 4: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Martinsplatz | Station 2: Martinsplatz nach dem Abbruch des Tuchhauses | Station 3: Das Säulenportal am Martinsplatz | Station 4: Mittelgasse | Station 5: Das Grimmsche Märchenhaus | Station 6: Barockhaus von Oberst Georg du Mont | Station 7: Der Freiheiter Durchbruch | Station 8: Laubengänge am Freiheiter Durchbruch | Station 9: Kassels erste Fußgängerzone | Station 10: Der untere Abschnitt der Marktgasse