Flügelaltar des Conrad von Soest in der Bad Wildunger Stadtkirche

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Der Flügelalter des Dortmunder Künstlers Conrad von Soest in der Stadtkirche

Die Anbetung der Könige.
Foto: W. Fischer
Der Wildunger Altar in der ev. Stadtkirche
Der Wildunger Altar - Ansicht

Ein Kunstwerk von europäischen Rang befindet sich in der evangelischen Stadtkirche Bad Wildungen: der spätgotische Flügellaltar des Dortmunder Meisters Conrad von Soest.

Das in den Hauptfarben Gold, Ultramarin, tiefem Rot und Grün leuchtende gut erhaltene Werk ist das erste datierte und signierte Altarbild nördlich der Alpen: Da tritt ein Maler selbstbewusst aus der Anonymität des Mittelatters heraus, kennzeichnet mit seinem Namen und hält das Datum der Fertigstellung fest 1. September 1403.

Das Altarbild zeigt im Zentrum der großen Mitteltafel eine vielfigurige Kreuzigung Christi und auf kleineren Bildern dort und auf dem rechten Seitenflügel je vier Szenen von der Passion sowie von der Auferstehung bis zum Jüngsten Gericht. Auf der linken Seitentafel befinden sich die drei abgebildeten Szenen und die Darbringung im Tempel.

Nach der frühen Prägung des Malers durch die westfälische Tafelmalerei findet Conrad seinen persönlichen Stil während eines längeren Aufenthalts in der renommiertenWerkstatt des königlichen Tafel- und Miniaturenmalers Jean d’Orieans in Paris, der für den größten Mäzen seiner Zeit, den Herzog von Berry, am berühmten Stundenbuch "Tres Belies Heures de Notre Dame" arbeitet, einem der vier schönsten Stundenbücher der späten Gotik.

Auf Conrads Altarbild findet sich neben selbstständiger Übernahme einzelner Motive aus dem Stundenbuch, die realistische und sorgfältige Darstellung auch kleiner Details wie Marienblümchen und Erdbeerpflanzen, wie Becher, Gläser, Schüsseln, Bestecke, spielende Windhunde (die Lieblingshunde des Herzog von Berry), burgunder Brokatstoffe und Modeaccessoires. Hier zeigt sich Conrads Schulung in der Buchmalerei.

Aber Conrads Bilder atmen auch die höfische Atmosphäre in Frankreich.

Huizinga schreibt in seinem Buch "Herbst des Mittelatters" von den "schön stilisierten Lebensformen, die die raue Wirklichkeit in einer Sphäre edler Harmonie erheben sollen". Conrad wird zum Hauptvermittler des sogenannten "weichen Stils der internationalen Gotik" mit ihren schönen Madonnen. In unseren drei Bildern vom Altarbild finden sie sich ja auch wieder.

Verkündigung, Geburt und Anbetung

Die ersten drei Bilder aus dem Flügelaltar - Handlungsschilderung und theologische Aussagen

Eine auszugsweise Betrachtung der ersten drei Bilder aus dem Soest-Flügelalter: Verkündigung an Maria: Conrad von Soest zeigt in seiner Malerei nicht allein die reine Handlungsschilderung der Geschichten aus den Evangelien, sondern er hat darüber hinaus den Ehrgeiz, theologische Aussagen zu machen. So will er die Maria in der Verkündigungsszene in ihrer dreifachen Bedeutung als Jungfrau, als Mutter Christi und als Himmelskönigin und nicht als schlichte Magd darstellen. Die weißen Lilien sind zugleich Sinnbilder ihrer Reinheit und Jungfräulichkeit. Die Mandelfrucht umgeben von Blumen auf dem Botenstab des Engels, auf Marias Unterkleid und auf dem Stoff über ihrem Pult sind Zeichen ihrer Fruchtbarkeit und Mutterschaft. Ihre perlenbesetzte Krone mit ihrem Namen sowie ihr kostbares Unterkleid aus Goldbrokat und ihre mit roten Steinen besetzte lange Halskette und der rote Rundedelstein auf ihrem Gürtel weisen sie zugleich als die zukünftige Himmelskönigin aus. Das Bild atmet die höfische Atmosphäre in den edlen korrespondierenden Gesten von Engel und Maria. Sie sitzt vor einer mit edlen Stoffen ausstaffierten Kemenate vor einem geschnitzten Holzpult, über das eine reich ornamentierte rote Decke mit Silberstickerei liegt, und blättert in einem kostbaren heiligen Buch. Durch viele Belege aus weiß man, dass das kostbare Buch mit Miniaturen als Sinnbild für Maria galt.

Die Geburt Christi: Nach dem Bild der Menschwerdung des Heilands ist im Weihnachtsbild Conrads zum ersten Mal in der deutschen Malerei die liebevoll-zärtliche Hinwendung des neugeborenen Christuskinds zu seiner Mutter dargestellt. Zugleich wurde in Maria auch die Verkörperung der Kirche symbolisiert, der sich Christus zuwendet. Durch die Stellung des Stallgiebels über Maria und die Darstellung der anbetenden Schar roter Engel im Hintergrund wirkt dieses Teilstück fast wie ein eigenständig gerahmtes Andachtsbildchen im Bild. Unterhalb der Maria kniet Josef, ordnet er mit einem Stab die brennenden Holzscheite und pustet in die Flammen. In einem Grapen wird der Milchbrei für Maria erhitzt. Josef hat keinen Heiligenschein und wirkt in seiner Kleidung als schlichter Handwerker und in Aussehen und Haltung als alter Mann. So bildet er einen Kontrast zur Szene des eine junge schöne Mutter liebkosenden kindlichen Gottessohns. Zugleich aber bietet er ein rührendes Bild des unermüdlich fürsorgenden Ziehvaters. Im Hintergrund steht ein Schäfer inmitten seiner Schafe und blickt in den blendenden himmlischen Glanz. Dort erscheint ihm der herabfliegende Engel und verkündet die Botschaft der Weihnacht.

Die Anbetung der Könige: Nicht im Stall, sondern unter einer großartigen gotischen Baldachinarchitektur - nur bei Markus findet die Szene im Raum statt - empfängt Maria die Könige mit dem entblößten Christuskind auf ihrem Schoß. Sie repräsentieren auch die drei Altersstufen und sind nach der neuesten Burgunder-Mode um 1400 prachtvoll gekleidet. Die Szene zeigt den höfischen Glanz, den Conrad während seines Parisaufenthalts erlebt hat.


Quelle: Artikel von Dr. Wolfgang Fischer in der HNA vom 24.12.2008