Finanzmarktkrisen im Werratal

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Schon vor der Finanzkrise des Jahres 2008 wurden die Finanzmärkte schon schwer erschüttert: 1923, 1929 und 1931. Von den Folgen blieb auch die ländliche Werratal-Region nicht verschont.


Finanzmarktkrisen

1923: Am Zahltag blieb das Tor zu

Wert von kurzer Dauer: Den Wert von 20 Milliarden Mark verkörperte dieser Notgeldschein des Kreises Witzenhausen. Er wurde am 31. Oktober 1923 ausgegeben. Dafür gab es zunächst 250 Gramm Leberwurst. Repro: kra/ Archiv Keller
Die erste Nachkriegsphase endete mit dem Zusammenbruch des Geldsystems, wie man ihn in diesem Ausmaß vorher nicht kannte. Erst schleichend, dann trabend und schließlich in aberwitzigem Tempo galoppierend trieb die Geldentwertung ab 1921 die Kosten für die Lebenshaltung im vom Weltkrieg und inneren Wirren gekennzeichneten Deutschland in die Höhe.

Die Ursache der explodierenden Preise lag in der durch die Folgen des Krieges hervorgerufenen Staatsverschuldung, die die Finanzkraft Deutschlands bei weitem überforderte. So fasste es Witzenhausens Stadtarchivar Matthias Roeper im Jahr 2000 in seinem Rückblick in der HNA auf das 20. Jahrhundert zusammen.

Anfang 1923 ging es mit der Stabilität der deutschen Währung rasend schnell abwärts, der Wert eines US-Dollars im Verhältnis zur Mark fiel von 1 : 7260 am 2. Januar über 1 : 350 000 im Juli und 1 : 4,6 Millionen im August bis zum November, als der Wert bei 1 : vier Billionen (eine Zahl mit zwölf Nullen) lag.

Das Preiskarussell drehte sich entsprechend auch immer schneller: So verlangte, wie Historiker Roeper in alten Unterlagen herausgefunden hat, zum Beispiel der Wirt des „Goldenen Löwen“ in Witzenhausen am 29. Oktober 1923 sechs Milliarden Mark als Eintritt für ein Lautenkonzert. Ein Pfund Leberwurst kostete in der ersten Novemberwoche 40 Milliarden Mark, in der folgenden bereits 220 Milliarden.

Der Brotpreis wurde am 17. November vom Witzenhäuser Magistrat auf 300 Milliarden Mark festgesetzt, die Briefgebühren wieder um das Doppelte, auf diesmal 20 Milliarden Mark erhöht.

Zehn Nullen: Einen Wert von zehn Billionen Mark verkörperte diese Reichsbanknote, die am 1. November 1923 ausgegeben wurde. Foto: Stadtarchiv Witzenhausen
Größere Witzenhäuser Firmen wie Engelhardt, Staffel und Ritz-Mühlen mussten Erkenntnissen Roepers zufolge nach den damals noch in bar erfolgten Lohn- und Gehaltszahlungen ihre Tore schließen, um den Beschäftigten die Möglichkeit zu geben, noch am selben Tag Waren und Sachwerte zu kaufen. Denn am nächsten Tag hatte das Geld bereits merklich an Wert verloren.

In immer kürzeren Abständen gab die Reichsbank immer höhere Banknotenwerte in Umlauf: im Februar 1923 den ersten Millionenschein, Anfang September den ersten Milliardenschein. Die Druckereien kamen mit dem Herstellen neuer Geldscheine nicht mehr nach. Um die Geldknappheit zu lindern, gaben Städte und Gemeinden, Betriebe und Banken so genanntes Notgeld heraus – der Höhepunkt des Irrsinns war erreicht, wie Roeper schrieb.

Kartoffeln kaum zu kriegen

Witzenhäuser Ansicht: Auf einer Seite war das Notgeld mit heimischen Motiven bedruckt, hier der 20-Milliarden-Mark-Schein.
In ähnlich rasantem Tempo wie die Geldentwertung wuchs die Not der Bevölkerung. So wurde die Einkellerung der Kartoffeln im Herbst 1923 auch im ländlichen Raum zum brennenden Problem.

Drei Viertel der Bevölkerung im Kreis Witzenhausen konnte den Preis von 1,5 Milliarden Mark pro Zentner nicht mehr bezahlen. Hinzu kam, dass die Landwirte Kartoffeln zurückhielten, um nicht das wertlose Papiergeld annehmen zu müssen.

Ende Oktober 1923 war die allgemeine Versorgungslage so miserabel geworden, dass der Magistrat sich gezwungen sah, per Zeitungsanzeige „Spenden zur Linderung der Not in der Stadt Witzenhausen in bar und in Naturalien (auch für die Volksküche) dringend zu erbeten“. Um wenigstens die notdürftigste Versorgung der Bevölkerung mit Grundnahrungsmitteln zu gewährleisten, ging man zum Tauschhandel über. Krasser lässt sich der völlige Zusammenbruch des Wirtschaftslebens kaum dokumentieren, kommentiert es Roeper.

Am 15. November 1923 war endlich die Rentenmark da. Aber bis ihre Wirkung zum Tragen kam und die Zustände sich nur annähernd normalisierten, verging noch viel Zeit.

1929: Geld von Konten abheben

Kurz nur war das Atemholen der Jahre 1927 bis 1929, schreibt Witzenhausens Stadtarchivar Matthias Roeper in der Fortsetzung der Geschichte des 20. Jahrhunderts in der HNA im Jahr 2000:

Eine zweite heftige Wirtschaftskrise schüttelte bald die ganze Welt und versetzte der ersten deutschen Republik den Todesstoß.

Ausgelöst durch den Börsenkrach am 24. Oktober 1929 in New York – der „Schwarze Freitag“ an der Wall Street gilt seitdem bei vielen Menschen als Synonym für die Angst vor Wirtschaftskrisen – taumelte die Welt, und insbesondere Deutschland, in die bislang schlimmste und folgenschwerste Wirtschaftskrise der Geschichte.

So schnell sie konnten, schreibt Roeper weiter, hoben auch die Witzenhäuser ihre Ersparnisse von den Bankkonten ab. Da half es nur wenig, dass das Kreisblatt dringend um Vertrauen für die heimischen Banken warb – zu frisch war die Erinnerung an 1923.

Natürlich brachten die Massenabhebungen die Wirtschaft erst recht in Schwierigkeiten, verschärften die bald eintretende Geldknappheit und Absatzkrise die im Verlauf des Jahres 1929 ohnehin bereits gestiegene Arbeitslosigkeit.

„Die starke Wirtschaftsdepression“, schrieb Witzenhausens Bürgermeister Domke im städtischen Verwaltungsbericht, „setzt sich in bedenklichem Maße fort, ohne daß bisher begründete Aussichten auf eine Besserung zu spüren wären“.

Wohlgemerkt, gibt Historiker Roeper zu Bedenken, diese Beschreibung kennzeichnet die Situation vor dem Börsenkrach.


1931: Trostlosigkeit lässt Radikalität wachsen

Silber ist billig: Diese Geschäftsanzeige erschien im Juli 1931 mehrfach im Witzenhäuser Kreisblatt. Repro: sff/HNA
Der Zusammenbruch der Finanzwirtschaft im Juli 1931, der in anderer Interpretation als Reinigungskrise gesehen wurde, kam nicht so plötzlich wie der Banken-Crash 2008.

Schon 1930 manifestierte sich die Krise in Deutschland, die ihren Ausgang mit dem Börsenkrach im Oktober des Vorjahres hatte, in erster Linie in der sprunghaft steigenden Zahl der Arbeitslosen. Die wurden zwar gesetzlich unterstützt, genossen aber bei weitem nicht die soziale Sicherheit, die heute selbstverständlich ist.

Damals erhielt, wer ohne eigenes Verschulden seinen Job verlor, zunächst eine aus der „Hauptunterstützung“ und dem „Familienzuschlag“ zusammengesetzte Arbeitslosenunterstützung. Nach 26 Wochen wurden die Erwerbslosen der „Krisenfürsorge“ zugewiesen, die von Reich und Gemeinden zu gleichen Teilen finanziert werden musste. Die unterste Stufe bildeten dann die „Wohlfahrtspflegefälle“, die die seit 1930 ohnehin großen Löcher in den kommunalen Haushalten zu riesigen Gruben werden ließen.

1931, am 13. Juli, brach dann die „Darmstädter und Nationalbank“ (Danatbank), die zweitgrößte deutsche Geschäftsbank, zusammen. Um eine allgemeine Panik zu verhindern, übernimmt die Reichsregierung per Notverordnung eine Ausfallbürgschaft für das Geldinstitut.

Schon am 14. Juli erfolgt auch im Witzenhäuser Kreisblatt mit dicken Lettern ein „Aufruf der Reichsregierung“: „Es kommt darauf an, dass das deutsche Volk in dieser schweren Lage die Nerven behält und nicht durch mangelndes Selbstvertrauen die Schwierigkeiten vermehrt.“

Noch am gleichen Tag hatten sich Reichsbank, Privatbanken und Sparkassen verständigt, dass Auszahlungen nicht mehr in vollem Umfang vorgenommen werden. Durch kurzfristig angeordnete „Bankfeiertage“ wird der gesamte Finanzverkehr lahmgelegt. Auch die Sparkasse in Witzenhausen schloss – „natürlich auf höhere Anordnung“ – für zwei Tage. Das förderte wiederum nicht gerade das Vertrauen der Sparer.

Das Geld soll im Land bleiben: Anzeige Mitte Juli 1931 im Witzenhäuser Kreisblatt. Repro: sff/HNA
Im August, so schrieb Stadtarchivar Matthias Roeper in seinem Jahrhundertrückblick, beherrschte die Krise immer mehr das Leben. In Witzenhausen schlossen die einst so erfolgreichen „Aeolus-Werke“ ihre Tore wegen Rückgangs der Umsätze und Ausfall von neuen Aufträgen. Und das Erntefest begnügte sich wegen der „schweren Zeit“ mit einem Gottesdienst im Stadion mit anschließendem Konzert.

Ebenfalls im August 1931 wurde eine jüdische Wandervogelgruppe aus Köln von einer großen Gruppe „Jugendlicher“ bei Wendershausen mehrmals angegriffen und zum Teil verletzt – erst das Überfallkommando der Kasseler Polizei beendete nachts um 3 Uhr die Gewalt.

Angesichts der trostlosen wirtschaftlichen Verhältnisse stieg die Radikalität der betroffenen Bevölkerung, die sich in Handgreiflichkeiten, aber auch in allgemeinem politischem Extremismus äußerte. Damit war vor allem den Nationalsozialisten der Boden bereitet, 1933 die Macht im Land zu übernehmen.

Quellen

  • HNA vom 6. November 2008