Farbenfabrik Habichs Söhne

Aus Regiowiki
Wechseln zu: Navigation, Suche
Veckerhagen - am ehem. landgräflichen Schloss

Neben der Alten Burg in Veckerhagen entstand im Jahre 1689 unter Landgraf Karl ein Barockschloss, das 1810 von der Familie Habich erworben wurde, die 1823 auch ihre Farbenfabrik von Kassel nach Veckerhagen verlegte.

Geschichte

1785 übernahm der Kasseler Apotheker Karl Wilhelm Fiedler die bis dahin „Landgräflich-Hessische“ Salpetersiederei am Wesertor. Die Farbenfabrik G. E. Habich´s Söhne stellte zunächst Chemikalien wie Salpeter, Salmiak, Pottasche aber auch Malerfarben wie das Casseler- und Braunschweiger Mineralgrün oder Berliner Blau her. Habich ist damit älter als die beiden deutschen Chemieriesen Bayer und BASF, die 1863 beziehungsweise 1865 gegründet wurden.

Braunkohlenzeche am Gahrenberg

Im Forstbetrieb Gahrenberg wurde dann in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine werkseigene Braunkohlenzeche eröffnet, die neben Braunkohle auch ein für die Farbenherstellung benötigtes Mineral lieferte. Bekannt wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts besonders das „Casseler Braun“ der Farbenfirma, die inzwischen in Veckerhagen ansässig geworden war und am Gahrenberg die weniger verkohlte Schmier- und Farbkohle abbaute. Nach dem Erwerb der Braunkohlenzeche im Reinhardswald im Jahre 1834 gehörten neben Farbkohlen auch Nussbeizen und natürliche Erdfarben zur Produktpalette.

Artikel in der HNA-Ausgabe Hofgeismar vom 14.8.2010

Ein Globus, viele Absatzmärkte

Von den Anfängen bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges – Der Weg führte bergauf

Als im Jahre 1863 die Farbenwerke Hoechst und die offene Handelsgesellschaft für Farbstoffe, die spätere Bayer AG, gegründet wurden, existierte G. E. Habich’s Söhne bereits in der dritten Generation. Auch der spätere Konkurrent, die Badische Anilin- und Sodafabrik (BASF), war Zukunftsmusik, als Georg Evert Habich im Jahre 1791 die Führung über die damals noch in Kassel ansässige Salpetersiederei übernahm und mineralische Farben anmischte. Sechs Jahre zuvor hatte sich das landgräflich-hessische Unternehmen aus seiner staatlichen Umklammerung gelöst. Dieses Datum gilt als die Geburtsstunde von G. E. Habich’s Söhne.

Georg Evert Habich war einer von vier Teilhabern. Aus alten Aufzeichnungen geht hervor, dass der Betrieb zum damaligen Zeitpunkt heruntergewirtschaftet war. Der Kaufmann brachte das Unternehmen auf einen besseren Stand. Schon bald lobte die Medizinische Fakultät der Universität Göttingen die Qualität der von ihm gelieferten Produkte wie Salmiak, Glaubersalz und Farben. Letztere gewannen gegenüber den restlichen Chemikalien rasch an Bedeutung. Gehandelt wurden mineralisches Grün, Gelb, Braunrot und etwas später auch Blau.

Der Kauf des Barockschlosses in Veckerhagen, das noch heute in Familienbesitz ist, erfolgte im Jahre 1810. Wenig später gingen die Geschäfte über an August Heinrich Habich. Gemeinsam mit den Brüdern Christian Evert und Johann Martin übernahm er zudem die Verantwortung für die Betriebe in Kassel und Mönchehof. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts förderten die Farbenfabrikanten im Reinhardswald Braunkohle. Vor allem aus der am Gahrenberg abgebauten Farbkohle stellten sie das bekannte Kasseler Braun und Nußbeize her. Weltweit wurde die Beize benutzt, um Packpapier seine typische braune Farbe zu geben.

'Zug rollte an Habichs vorbei</br> Als mit der zunehmenden Industrialisierung ein Schienennetz durch das Land gelegt wurde, spürte die Familie Habich, wie der Zug an ihnen und der Produktionsstätte vorbeirollte. Als anderswo die Güter auf von Stahlrössern gezogenen Waggons zu den Kunden gebracht wurden, war es ein dreiköpfiges Pferdegespann, das für den Fabrikanten die Transporte zwischen Veckerhagen und Kassel bewältigte. Die Situation entspannte sich, als Hann. Münden an die Bahntrasse angeschlossen und die Waren über die 1882 errichtete Fuldabrücke zum Bahnhof gebracht wurden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zählte der Hersteller zu den ersten, der Lkw anschaffte. Auf ihnen transportierte er seine Güter.

In der Folgezeit fächerte sich die Produktpalette immer weiter auf. Die Familie Habich erweiterte ihren Maschinenpark. Koller zum Vermengen von Farbgemischen wurden aufgestellt, dazu Mühlen und Dampfmaschinen. Die Geschäftsverbindungen reichten bis nach Argentinien, Amerika, Russland und Skandinavien. Rund ums Schloss wurden Farben hergestellt: Im Keller entstand das Chromgelb, in der Hemelmühle wurde Knochenschwarz gemahlen, das Kasseler Braun wurde auf dem Fabrikhof und dem alten Burgboden getrocknet. Im Schloss standen Säurefässer und jede Menge Chemikalien. Der Umsatz schnellte in die Höhe. Neue Produkte, wie Teerfarbstoffe und angeriebene Druckfarben, ergänzten das Sortiment.

Umsatz verzehnfacht</br> Ein Fabrikbrand, der Erste Weltkrieg und die Inflation verpassten dem Betrieb einen Dämpfer. Langsam rappelte er sich wieder auf. Friedrich Habich baute den Betrieb weiter aus, mobilisierte den alten Kundenstamm in Italien und Ägypten, entdeckte neue Märkte in Südamerika. Trotz der Rückschläge verzehnfachte sich der Umsatz zwischen 1890 und 1925.

Während des Zweiten Weltkrieges wurde weiter produziert. Die Firma Junkers richtete auf dem Werksgelände einen Rüstungsbetrieb ein. Der Farbenhersteller selbst hatte über diesen Werksteil keine Verfügungsgewalt. Nach Kriegsende belieferte der Betrieb die Lackfabrik Schramm mit einem Olive. Die amerikanischen Besatzer motzten mit der Farbe ihren Fuhrpark auf. (ant)

Das 20. Jahrhundert

Das Unternehmen erlebte Höhen und Tiefen, überstand Weltkriege und die Weltwirtschaftskrise in den 1920er-Jahren. Im Zweiten Weltkrieg kam die Produktion fast zum Erliegen. Der Rüstungsproduzent Junkers richtete sich mit einer Produktion auf dem Firmengelände ein, über die Habich nach eigenen Angaben keine Verfügungsgewalt hatte. Nach dem Krieg rappelte sich der Betrieb vor allem mit der Lieferung großer Mengen Olive für die US-Truppen auf.

Artikel in der HNA-Ausgabe Hofgeismar vom 14.8.2010

Linien auf Fußballplatz

In der Wirtschaftswunderzeit mauserte sich der Familienbetrieb zu einem florierenden Unternehmen. Mitte der 1950er Jahre brachte der Hersteller Trockenfarben auf den Markt und zwar sowohl als anorganische Erd- und Mineralfarben, die eine große Natürlichkeit besitzen, als auch als chemische Pigmente, deren Leuchtkraft ein auffallendes Merkmal ist. Eingesetzt werden die Pigmente im Restaurationsbereich, von Künstlern und beim Einfärben von Zement oder Beton.

1959 fuhr die Produktion von Dispersionsfarben an. 1970 kamen Rasenmarkierungsfarben hinzu. Seitdem wurden unzählige Fußballspiele innerhalb der weißen Linien aus dem Hause Habich’s Söhne entschieden. Auf die boomende Kunststoffindustrie, die immer neue Werkstoffe und Produkte entwickelt, reagiert der Spezialist seit 1975 mit einem eigenen Sortiment. Flüssigfarben, Pastenfarben und so genannte Masterbatches (Farbgranulate mit einem Kunststoffanteil) ergänzten die Palette.

Seit zehn Jahren im Programm sind Wandlasuren. Mit diesem Produkt bedient das Unternehmen die Nachfrage von Heimwerkern. (ant)

Habich´s Söhne heute

Heute ist Carola Kersten Geschäftsführerin, die mit ihren Söhnen Stefan und Martin das Unternehmen leitet. Es beliefert Kunden in Deutschland, Europa und Übersee mit Farben, Pasten, Pulvern und Granulaten.

Jubiläumsjahr 2010

Im Jahr 2010 feiert der Farbenhersteller in Veckerhagen sein 225-jähriges Jubiläum. Das Familienunternehmen gehört zu den ältesten Traditionsunternehmen in Nordhessen und ist heute eine Produktionsstätte von Malerfarben, Dispersionsfarben, Rasenmarkierungsfarben und Farbgranulaten. 125 Mitarbeiter werden derzeit bei Habich’s Söhne beschäftigt.

siehe auch

Weblinks