Familia Provisional

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Das Plakat zum Film: Familia Provisional - im Nachkriegs-Kassel drehten Spanier einen Film über den blühenden Schwarzmarkt. In Deutschland wurde der Streifen von 1955 wahrscheinlich nie gezeigt.

Wo steckt der Spanien-Film?

Familia Provisional - im Nachkriegs-Kassel drehten Spanier einen Film über den blühenden Schwarzmarkt

Was ist mit dem - gerade auch unter historischen Aspekten - interessanten spanischen Film, der zum Teil im zerbombten Kassel gedreht wurde, geschehen?

Kino-Forscher Werner Baus hat sich auf Spurensuche gemacht und 15 Filmmuseen in aller Welt angemailt. Darunter das National Cinema Museo in Turin und das Museo del Cine in Madrid. Alle antworteten, aber von dem Film wusste niemand etwas. Jetzt hofft Baus auf das argentinische Film-Museum in Buenos Aires. Dort stimmte die E-Mail-Adresse nicht, die Antwort steht noch aus. Denn aus Buenos Aires stammte der Regisseur. (swe)

Der Eschenstruther Kino-Forscher Werner Baus sitzt in seinem Wohnzimmer in Eschenstruth und kann es kaum glauben: Einen Dachbodenfund aus Niestetal - mit 70 Filmplakaten der Kasseler Kinos von 1920 bis 1970 - breitet er aus; dazu alte Handzeichnungen als Vorbilder für Anzeigen in der HNA, die der ehemalige Geschäftsführer des Cinema, Walther von Schlemmer, entworfen hat. Alles Resultate als Resonanz auf den Artikel in der HNA vom Dezember über Baus’ Forschungen über Kassels große Kinovergangenheit.

Aber das Spannendste für Baus sind Unterlagen über einen verschollenen spanischen Spielfilm, der vom Schwarzmarkt im Nachkriegs-Kassel handelt und in den Trümmern des Hauptbahnhofs und des ausgebrannten Rotes Palais|Roten Palais’ am Friedrichsplatz im April 1955 gedreht wurde.

„Familia Provisional“ lautet der Titel des Streifens, der wohl nie in Deutschland gelaufen ist. Der Kaufunger Viktor Schnell, heute 68, erinnert sich an die Dreharbeiten. Der damals 15-Jährige war einer der 60 Komparsen aus Kassel und dem Kreis, die für den Film ausgesucht wurden. Viktor Schnell spielte den Freund des jugendlichen Hauptdarstellers, der sich in Kassel als Kriegs-Waise mit Schwarzmarktgeschäften durchschlägt und schließlich von spanischen Eltern adoptiert wird.

Schnell erinnert sich noch gut daran, wie er damals im Alter von 15 Jahren zu seiner ersten Filmrolle kam: „Als wir im Haus der Jugend gerade ein Fußballspiel mit Uwe Seeler sahen, zogen mich plötzlich zwei Männer am Ärmel“, erzählt der heute 68-Jährige. „Sie sagten, dass sie für einen Film einen Jungen suchten, der genauso aussehen sollte wie ich.“

Schnell dachte, dass ihm da jemand einen Bären aufbinden wollte, und traf sich später mit seinen Kumpels wie jeden Sonntag auf dem Sportplatz, um für die B-Jugend des Tuspo Niederkaufungen zu kicken. „Aber die zwei Männer holten mich vom Platz, und wir fuhren in einem weißen VW zum Café Däche. Dort wartete ein Spanier, der mir mit vielen Gesten klarmachte, dass ich der Richtige für die Rolle bin.“

Danach holte der weiße VW Viktor Schnell regelmäßig zum Drehen ab. Gefilmt wurden die Schwarzmarktszenen auf einem Steinhaufen im Renthof, im zerstörten Roten Palais am Friedrichsplatz, an der Berliner Brücke in Kirchditmold und am zerstörten Hauptbahnhof in Kassel, wo die Abschiedsszene des Jungen nachgestellt wurde. Die Waggons waren mit Schülern aus Kasseler Schulen gefüllt.

Am Ende wollten die Filmleute, dass der junge Viktor für den Rest der Dreharbeiten mit nach Spanien käme. Er aber fuhr lieber nach Aachen und begann eine Lehre als Bergmann.

Quelle: HNA vom 21. Januar 2008, Autor: Stefan Wewetzer

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Drehort: Das Rote Palais an der Ecke Friedrichsplatz/Obere Königsstraße mit dem Rathaus im Hintergrund. Dort stellten die spanischen Fimleute Schwarzmarktszenen nach. Mit dabei: Komparsen aus dem Landkreis, wie der Kaufunger Viktor Schnell.