Sigurd Fahrrad und Nähmaschinenfabrik

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Firmen-Logo bis 04.Dezember 1926,danach Schreibweise Kassel statt Cassel
Die Sigurd Fahrrad und Nähmaschinenfabrik in Kassel - Bettenhausen befand sich an der Leipziger Straße 124 - 136, das Gelände war bis Juli 2008 vom Praktiker Markt Kassel belegt, heute befinden sich dort die Firmen Deichmann, Takko und Tegut. Bis Mitte der 1970er-Jahre produzierte das 1919 von dem Juden Kurt Maybaum gegründete Unternehmen. Sigurd war auch ein großes Versandhaus.

Geschichte

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Foto: Sigurdharry69

Gründung als Versandhaus

Die Firma Sigurd (Sigurd-Gesellschaft mbH) wurde 1919 als Versandhaus gegründet. Im Handelsregister, das im Kasseler Adressbuch 1921/22 abgedruckt ist, ist die Sigurd-Gesellschaft mbH für Haushaltungs- Sport- und Gebrauchsartikel aller Art genannt. Inhaber war zu diesem Zeitpunkt der jüdische Kaufmann Kurt (auch Curt) Maybaum. Maybaum wurde 1884 im niedersächsischen Hameln geboren, am 1. April 1933 nach Berlin gezogen und soll später nach Amerika übergesiedelt sein.

Die eigene Fahrradproduktion wurde 1926 eingerichtet.

Die Stadt Kassel verlieh der Firma Sigurd die Goldene Medaillie Ehrenpreis der Sadt Kassel 1928.

Im Adressbuch waren 1934 im Handelsregister unter Sigurd die Geschäftsführer Fritz Wallstab und Kaufmann Hermann Lücke genannt. [1]

Konsul Kurt Maybaum starb am 17. März 1936. Seine Geschäftsanteile erbten seine zweite Ehefrau Susanne Martel und seine Tochter aus erster Ehe, Käte Chusit, geb. Maybaum. Beide verkauften mit Kaufvertrag vom 7. November 1936 ihre Anteile an Willy Tischbein in Hannover (bis 1934 Generaldirektor der Continental-Werke Hannover) "zum Zwecke der Auflösung der ungeteilten Erbengemeinschaft“ und „weil sich die Erbinnen nicht gut verstanden". So beschrieb es später das Ausgleichsamt der Landeshauptstadt Hannover aufgrund des Kaufvertrages. Zwischen 1936 und 13. März 1937 erwarb Willy Tischbein den letzten Anteil von Geschäftsführer Fritz Wallstab. "Ab diesem Erwerb standen die Anteile der Sigurd GmbH im Alleineigentum des Willy Tischbein", so das Ausgleichsamt.

Ebenfalls am 13. März 1937 erwarb Otto Wilhelm Erdmann von seinem Schwiegervater Tischbein Anteile an Sigurd. Das Unternehmen wurde in eine Kommanditgesellschaft umgewandelt. Komplementär war Erdmann, Kommanditist Tischbein.

Später heißt die Firmierung Sigurd KG Otto Wilhelm Erdmann Kassel.

Sigurd-Aktivitäten

Sigurd gab wie Stukenbrok Kataloge heraus mit Fahrrädern (Rennräder, Halbrenner, Tourenräder, Sporträder, Geschäftsräder, Damenräder, Kinderräder), Fahrradzubehör und -ersatzteilen, Haushalts- und Gebrauchsgegenständen sowie Kleidung. Allerdings waren die Kataloge mit etwa 65 Seiten (1928 und 1929) bei weitem nicht so umfangreich, wie die Stukenbrok-Kataloge. Sigurd baute nach Errichtung der Fahrradfabrikation 1926 ein Verkaufsstellennetz auf. 1937 waren es zehn eigene Verkaufsstellen in Deutschland.

1942, 1943 und 1944 erlitt die Sigurd KG Kassel Kriegsschäden.

Erdmann zog am 1. September 1939, zwei Jahre nach seinem „Einstieg“ in die Firma Sigurd, mit seiner Familie nach Kassel. Beim großen Bombenangriff am 23. Oktober 1943 wurden die Sigurd-Werke teilweise zerstört. Dabei gingen, was sich später als sehr nachteilig erweisen sollte, Kaufverträge und andere wichtigen Dokumente verloren. Anfang 1944 kehrte die Familie Erdmann nach Rixförde zurück. Erdmann blieb bis zum Kriegsende in Kassel. Als aber kurz vor der Kapitulation die Amerikaner schon im Lande und die Briten in Sichtweite waren, verließ er die Stadt auf einem Sigurd-Rad und fuhr nicht den direkten Weg, sondern aus Sicherheitsgründen über den Harz - zu seiner Familie nach Rixförde.

Sigurd-Stukenbrok

1932 hieß es in einem Brief an den Fahrradhandel (Auszug): [2]

„Tatsache ist, daß die... Sigurd GmbH, Kassel, einen Teil des Stukenbrokschens Unternehmens kaufte. Der geschäftsgewandte Herr Maybaum zahlte für die ‚Firma Stukenbrok‘ 48.000 RM und war es ihm gestattet, die Zahlung dieser Summe auf zehn Jahre zu verteilen. Dazu gehörten weiter die Kundenverzeichnisse und außerdem das Zugeständnis, alle für die Firma Stukenbrok noch eingehenden Aufträge unter der alten Firma zu erledigen, um so den Anschein zu erwecken, als würden diese Aufträge noch von Stukenbrok ausgeführt... Inzwischen hat Maybaum die in Einbeck einst bestehende Postabfertigungsstelle, die er mit kaufte, nach Kassel verlegt und läßt alle von dort abgehende Post mit dem Stempel Einbeck versehen. Die Auftraggeber werden dadurch in dem Glauben belassen, die Firma Stukenbrok existiere noch immer...“

Bemerkenswert ist, daß es auch nach dem Konkurs des Einbecker Versandhauses weiterhin Stukenbrok-Kataloge gab. Noch im Titel des Kataloges von 1938 hieß es „Durch Feld und Wald, durch Dorf und Stadt mit dem guten Deutschland-Rad!“ Als Schutzblechfigur wurde noch 1938 ein Stukenbrok-Steuerkopfschild montiert. Der 51- Seiten-Katalog enthielt u.a. „Deutschland-Markenräder“ und ein Geschäftsrad mit Stukenbrok-Aufdruck, sowie Zubehör, Ersatzteile, Haushaltswaren und Gebrauchsgüter.

Erdmanns Nachkriegsschicksal

Im Laufe des Jahres 1945 kehrte zunächst Erdmann, später auch seine Familie, nach Kassel zurück, was eine abenteuerliche Reise durch die amerikanische und britische Zone bedeutete.

Erdmann wollte seine Firma weiter betreiben, kam dann aber stattdessen zunächst ins Internierungslager Ziegenhain. Daraufhin siedelte seine Familie endgültig nach Rixförde (Kreis Celle in Niedersachsen) um. Das alles geschah, weil Erdmann enteignet wurde. Er stand offensichtlich nicht in allzu großer Distanz zu den früheren Machthabern und besaß eine Firma, die einmal in jüdischem Besitz war. Das genügte, um ihn zu mehreren Jahren Internierungslager in Darmstadt zu verurteilen. Aufgrund seiner Amerika-Erfahrung und seiner Sprachkenntnisse war der Aufenthalt dort für ihn erträglich. Anfang der 1950er-Jahre wurde er entlassen.

Zuvor wurde von der Familie Erdmann gegen die Enteignung Einspruch eingelegt. Da aber wichtige Dokumente verloren gegangen waren, befand die Wiedergutmachungskammer im Oktober 1950, "daß der Nachweis, die Veräußerung wäre auch ohne die Herrschaft des Nationalsozialismus zustande gekommen, nicht gelungen sei."

Im Oktober 1969 wurden Ansprüche Erdmanns auf Kriegsschadenfeststellung vom Ausgleichsamt der Stadt Kassel abgelehnt. Sie galten nicht als Rückerstattungsberechtigt.

Zuvor war auf Antrag von Susanne Schick (vorher Martel), verw. Maybaum – die zweite Ehefrau des früheren Besitzers Maybaum - und der Tochter Maybaums, Käte Chusit „die Sigurd GmbH mit einem Stammkapital von 200.000 RM wiederhergestellt“ und „Otto Wilhelm Erdmann und Martha Tischbein verurteilt, die Sigurd KG an die Sigurd GmbH zurückzuerstatten.“ So entschied die Wiedergutmachungskammer des Landgerichts Kassel im Oktober 1950.

Gegen diesen Beschluss wurde Beschwerde eingelegt, die Beschwerden zunächst zurückgewiesen. 1963 verglichen sich die Parteien.

Anfang 1991 stellte das Ausgleichsamt Hannover dann fest, dass laut Gutachten der Oberfinanzdirektion Frankfurt/Main aus 1982, Willy Tischbein, „nicht mittels eines gegen die guten Sitten verstoßenen Rechtsgeschäfts,nicht durch eine von ihm oder zu seinen Gunsten ausgeübte Drohungnicht durch eine sonstige unerlaubte Handlung die Firma Sigurd GmbH erworben hat...“ Damit ist auch ausgesagt, daß Willy Tischbein „nicht in Ausnutzung von Maßnahmen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft die Anteile der Sigurd GmbH unrechtmäßig erworben hat.“

Diese Entscheidung war eindeutig und nun endlich wurden die zu Unrecht Enteigneten entschädigt.

Sigurd nach dem Zweiten Weltkrieg

Die Kataloge der Jahre 1952 und 1954 waren wesentlich dünner, als die Vorkriegskataloge: 1952: 16 Seiten, Fahrräder, Zubehör/Ersatzteile und Nähmaschinen; 1954: 16 Seiten, Fahrräder, Fahrradzubehör/-ersatzteile, ein „Deutschland-Moped“ für 557 DM und Waffen, z.B. Teschings („jetzt wieder waffenscheinfrei“). Die „Deutschland-Räder“ trugen jetzt die Sigurd-Schutzblechfigur, ein liegendes „S“. Auch Sigurd-Fahrräder waren mit dieser „S“-Schutzblechfigur ausgestattet (ab 1940, vorher wurde der „doppelte Hermeskopf“ benutzt). [4]

Das Nonstop-Geriebe

Als Sensation der Saison wurde eine umwälzende Neuerung bezeichnet: „Das Nonstop-Getriebe (D.P.). Die außerordentlichen Vorzüge der S-förmig abgebogenen Kurbeln sind dadurch gekennzeichnet, daß der tote Punkt bereits durch den letzten Arbeitsgang des sich nach unten bewegenden Fußes um 45° überwunden wurde und daher die volle Kraft des nach oben bewegten ausgeruhten Fußes zur Kraftübertragung ausgewertet werden kann. Beim höchsten Stand eines Pedals hat die nach oben zeigende Kurbel den toten Punkt bereits um 45° überschritten und somit überwunden. Allgemein ist bekannt, daß ein Radfahrer beim Anfahren die linke Pedalkurbel um eben diese 45° nach vorne stellt, um das Hebelgesetz sich auswirken lassen zu können und demzufolge einen guten Start zu haben.

Dieser Sigurd/Stukenbrok-Katalog enthielt neben den Fahrrädern auch Fahrradersatzteile, Kinderräder und Roller, Mopeds, Nähmaschinen und zahlreiche Haushaltsartikel.

Allen Katalogen gemein war die Bezeichnung:

„August Stukenbrok (früher Einbeck) in Kassel“ (Werbeaussage: „Frisch und froh mit Stukenbrok Kassel").

Sigurds Ende

Nach der Enteignung Erdmanns übernahmen die Sigurd-Erben wieder die Sigurd-Werke. Anstelle von Fahrrädern wurden zunächst Krücken (heute Gehilfen) produziert. Aufgrund der vielen Kriegsversehrten war der Bedarf entsprechend groß.

Nach der Entlassung Erdmanns aus der Internierungshaft sprach ein Mitglied der Geschäftsleitung bei Otto Wilhelm Erdmann in Hannover vor und bat ihn, die Sigurd wieder aufzubauen. Dazu kam es aber nicht. [5]

Sigurd existierte „in wohl immer verkleinernden Form” bis Mitte der 1970er-Jahre. [6]

Quellen:

[1] Brief der Stadt Kassel, Stadtarchiv, 3.03.1998

[2] „Der Deutsche Fahrrad-, Nähmaschinen- und Kraftfahrzeughändler“ Heft 9/1932 Archiv Frank Papperitz, Pirna

[3] lt. Information von Birgit von der Ohe, Haarstorf, Enkelin Tischbeins

[4] lt. Information von Wolfgang Mangels und Uwe Fresemann, Mitglieder „Historische Fahrräder e.V.“

[5] lt. Informationen von Birgit von der Ohe, Haarstorf, Enkelin Tischbeins und aufgrund von Unterlagen von Günter Ilper, Großburgwedel/Rixförde, verheiratet mit Ena Ilper, geb. Erdmann, Tochter von O.W. Erdmann und Enkelin Tischbeins.

[6] Stadt Kassel, Stadtarchiv 3.03.1998

Verfasst durch Walter Euhus und Harald Dlugos

siehe auch

Weblinks