Führung durch die documenta 12 (2007)

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Dirk Schwarze führt durch die documenta-Geschichte

Einleitung in unsere Serie "Führung durch die documenta" (Hinweis: Diese exklusiven Autorenbeiträge sind nicht editierbar.)

1955: documenta - 1959: II. documenta - 1964: documenta III - 1968: 4. documenta - 1972: documenta 5 (mit Bildergalerie) - 1977: documenta 6 (mit Bildergalerie) - 1982: documenta 7 - 1987: documenta 8 - 1992: Documenta IX - 1997: documenta X - 2002: Documenta11 (mit Bildergalerie) - 2007: documenta 12 (mit Bildergalerien) - 2012: documenta 13 - Arnold Bode-Preis - 2017: documenta 14

Documenta-Lexikon mit der kompletten Künstlerliste 1955-2007

Unser documenta-Führer Dirk Schwarze



Ankäufe aus der documenta 12

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Das Boot "Dream" von Hazoumé bleibt in Kassel

Es passiert nicht oft, dass ein populäres Kunstwerk auch von Experten hoch geschätzt wird. In diesem Fall ist es so: Das aus Kanistern gefertigte Boot "Dream" des Afrikaners Romuald Hazoumé erhält von allen Seiten Beifall. Erst war es Publikumsmagnet, dann erhielt der Künstler dafür den Arnold-Bode-Preis und jetzt wurde die Installation von der Stadt Kassel und dem Land Hessen für die Museumslandschaft Hessen Kassel angekauft. Wann und wo die Arbeit in Kassel gezeigt wird, ist unklar, da die Neue Galerie nach dem Auszug der documenta-Werke umgebaut wird und nicht klar ist, wie künftig das Profil der documenta aussehen wird.


Weitere Ankäufe

"Oil Rich Niger Delta"

Ebenfalls angekauft wird die Fotoarbeit des nigerianischen Künstlers George Osodi ("Oil Rich Niger Delta"). Diese Fotoserie passt hervorragend zu "Dream". Denn das Boot, das für die Fluchtträume vieler Afrikaner steht, ist aus 421 Ölkanistern gefertigt. Osodis Fotoserie nun schildert, welchen Reichtum die Ölförderunternehmen aus dem Niger-Delta holen und wie wenig die dort lebenden Menschen daran teilhaben und wie sehr sie in Schmutz und unter Gewaltandrohungen vegetieren müssen. Hier einige Beispiele aus der Serie.


Vier chinesische Stühle

Angekauft wurden auch vier der 1001 alten chinesischen Stühle, die Ai Weiwei entsprechend zu seinen 1001 Landsleuten in seinem Projekt "Fairytale" nach Kassel geholt hatte. Einige Stuhlformationen aus dem Aue-Pavillon:


Option: "Spiral Lands" und "Red Alert"

Ferner wird das Land Hessen für die Kasseler Museen zwei weitere Arbeiten ankaufen: Andrea Geyers Fotoarbeit "Spiral Lands" (2007), die in der Neuen Galerie zu sehen war, und Hito Steyerls aus drei Monitoren bestehende Video-Arbeit, in der pinkfarbene Bildschirme ("Red Alert") zu sehen waren:


Die Ankaufsentscheidungen sind als ein ermutigendes Signal zu verstehen. Sie verdeutlichen einmal, dass Stadt und Land die Position der documenta-Werke in den Museen nachdrücklich stärken wollen. Sie sprechen zudem dafür, dass sich die zeitgenössischen Sammlungen für neue Medien öffnen. In der Vergangenheit waren vornehmlich Malerei und Skulpturen/Installationen angekauft worden, aber kaum Fotografien und keine Videos.

Kurzprofil der Ausstellung

16. Juni bis 23. September 2007

Logo der documenta 12
Bei der Planung seiner Ausstellung knüpfen Roger M. Buergel und seine Frau sowie Kuratoren-Partnerin Ruth Noack einerseits bei der documenta 1955 von Arnold Bode und zum anderen bei Catherine Davids documenta X an. Dabei beziehen sich Buergel-Noack auf die in beiden Fällen angewandte Strategie, Arbeiten der aktuellen Kunst durch ältere Kunstwerke zu ergänzen, die den Weg zur jeweils zeitgenössischen Kunstproduktion ebneten. Außerdem nimmt das Team Buergel-Noack Elemente der Ausstellungsinszenierung von Bode aus dem Jahre 1955 auf: Im Fridericianum hängen transparente Vorhänge vor den Fenstern.

Die documenta 12 greift wie die documenta X auf Werke aus den 60er- und 70er-Jahren zurück, präsentiert aber auch alte Meisterwerke in der Gemäldegalerie von Schloss Wilhelmshöhe. Die Malerei spielt wieder eine größere Rolle als bei den beiden voraufgegangenen Ausstellungen. Ebenfalls erstaunlich breit vertreten ist die Zeichnung. Als Hauptpräsentationsort für Videos galt in der ersten Phase der Vorbereitung die Neue Galerie, doch dominieren nun eher intime Arbeiten aller Techniken. Die Auswahl der 113 Künstler und etwa 530 Kunstwerke basiert auf einem globalen Diskussionsprozess, in den über 80 Zeitschriften einbezogen sind. In Diskussionsforen und Zeitschriftenaufsätzen wurden die drei Leitmotive der documenta 12 diskutiert: Ist die Moderne unsere Antike? Was ist das bloße Leben? Was tun? Die Diskussion über die Leitmotive wird in den täglichen Lunch Lectures in der documenta-Halle fortgeführt.

Roger Buergel und Ruth Noack verstehen ihre Ausstellung als eine politische, setzen aber nicht ganz so stark wie ihre Vorgänger auf das Dokumentarische, sondern zielen auf das sinnliche (schöne) Erlebnis und die Überwältigung. Die Vermittlung sehen sie als einen zentralen Bestandteil der Ausstellung an. Ihr ordnen sich die Ausstellungsstruktur und und die architektonische Gestaltung unter.

Kuratoren

Das Team Buergel-Noack

Am 2. Dezember 2003 wurde der in Berlin geborene Roger M. Buergel (Jahrgang 1962) zum Leiter der documenta 12 berufen. Er hatte in Wien Kunst und Philosphie studiert, war von 1985 bis 1987 Privatsekretär von Hermann Nitsch, hatte verschiedene Lehraufträge und gehörte zum Autorenkreis der Zeitschrift "Springerin". Seit 1999 hat Buergel zahlreiche Ausstellungen organisiert - zumeist zusammen mit seiner Frau Ruth Noack (Jahrgang 1964), die Kunstgeschichte und feministische Theorie in USA, England, Deutschland und Österreich studiert hatte. So war auch schnell klar, dass Ruth Noack als Kuratorin in das documenta-Team kommen würde.

Ihr größtes gemeinsames Projekt war die Ausstellung "Die Regierung" (Lüneburg, Barcelona, Rotterdam und Wien). Zu den Künstlern zählten: James Coleman, Ines Doujak, Patrick Faigenbaum, Dmitij Gutov, Sanja Ivecovic, Dierk Schmidt, Allan Sekula, Andreas Sieckmann und Simon Wachsmuth. Mehrere Ausstellungen reflektierten das Ausstellungmachen wie "Dinge, die wir nicht verstehen".

documenta ist eine einzige Anmaßung Interview nach dem Start der Ausstellung

Gefangen in Widersprüchen - Roger Buergel und die Besucherzahlen

Das Kleine und der Hang zum Großen - Von Jan Hoet und Catherine David zu Roger Buergel

Das Publikum im Blick - Erstes Interview mit Roger M. Buergel

Außenseiter macht das Rennen - Die Entscheidung für die documenta-Leitung 2007


Buergel wird Chefkurator in Miami


Genau ein Jahr nach Schluss der documenta 12 ist deren künstlerischer Leiter Roger M. Buergel zum Chefkurator des Miami Art Museums (MAM) in Miami/Florida berufen worden. Er soll die Museumssammlung für die Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts aufbauen und gleichzeitig ein Vermittlungsprogramm entwickeln. Buergel Engagement in Florida beginnt schon in diesem Oktober. Derzeit hat er noch eine Gastprofessur in Karlsruhe. Er und seine Familie leben derzeit in der documenta-Stadt Kassel.

Das 1996 gegründete Museum ist aus dem Center of the Fine Arts hervorgegangen. In der bisherigen Samllung sind Künstler wie Carlos Alfonzo, José Bedia, Fernando Botero, Chuck Close, Joseph Cornell, Marcel Duchamp, Edouard Duval-Carrié, Teresita Fernández, Felix Gonzalez-Torres, Ann Hamilton, Guillermo Kuitca, Morris Louis, Ana Mendieta, Robert Rauschenberg, James Rosenquist, Rubén Torres-Llorca, George Segal, Lorna Simpson, and Frank Stella vertreten.

Buergels Berufung erfolgt zu einer Zeit, in der sich das Museum darauf vorbereitet, den spektakulären Neubau von Herzog & de Meuron zu beziehen. Der in einem Museumspark liegende Neubau soll im Jahr 2012 eröffnet werden.

Zu den Gründen für Buergels Berufung gilt sein unabhängiger, kritischer Blick auf die aktuelle Kunst. Von ihm wird erwartet, dass er beim Aufbau der Sammlung neue und wegweisende Akzente setzt. Außerdem erhofft man von ihm wichtige Impulse bei der Erarbeitung eines Vermittlungsprogramms, das für das MAM einen außerordentlich hohen Stellenwert hat. Die documenta 12 hatte sich dadurch ausgezeichnet, dass die Vermittlung ein fester Bestandteil des Ausstellungsprogramms war. Auch hatten Buergel und seine Frau Ruth Noack mit ihrer Ausstellung "Die Regierung" in Miami gastiert.

Buergel ist der erste documenta-Leiter, der unmittelbar nach und aufgrund seiner Tätigkeit in Kassel einen Job als Ausstellungs- und Sammlungsleiter erhalten hat. (1. 10. 2008)

Ausstellungsorte

Museum Fridericianum

Die Standorte der documenta (Grafik: HNA)

Das klassizistische Gebäude war 1779 als erster für die Öffentlichkeit bestimmter Museumsbau auf dem europäischen Kontinent vollendet worden. Das Fridericianum beherbergte Teile der landgräflichen Sammlungen und die Bibliothek. Im Zweiten Weltkrieg brannte das Gebäude aus. Arnold Bode entdeckte die notdürftig gesicherte Ruine als Ort für die zeitgenössische Kunst. Seit 1955 sind das Fridericianum und der davor liegende Friedrichsplatz das Herzstück jeder documenta. Seit 1988 dient der Bau zwischen den documenten als Kunsthalle. Außerdem hat in ihm der Kunstverein seine Räume. Für die documenta 12 sind die Fensterfronten (vor die transparente Vorhänge gehängt wurden) geöffnet und alle Zwischeneinbauten herausgenommen worden. Der Clou: Ansatzweise wurde das zentrale Treppenhaus, das beim endgültigen Ausbau um 1980 verloren ging, rekonstruiert. Jetzt führt in der Rotunde eine Treppe vom Erdgeschoss in den ersten Stock. In der Eingangshalle werden die Besucher dadurch überwältigt, dass die Zugänge zu den Sälen nach rechts und links durch Spiegelwände verbaut wurden.



Neue Galerie

Das Galeriegebäude an der Schönen Aussicht wurde 1871-74 für die Gemäldesammlung erbaut. Das im Zweiten Weltkrieg beschädigte Gebäude wurde in den 60er-Jahren wieder hergerichtet. Während der documenta III waren dort die Handzeichnungen zu sehen. Auch 1968 und 1972 blieb die Neue Galerie zentraler documenta-Standort. Seit 1976 dient das Gebäude als Museum für die Kunst seit 1750. Die Ausstellungen von 1977 und 1982 konnten nur Teile des Museums in Anspruch nehmen. 1992 lud Jan Hoet solche Künstler in die Neue Galerie ein, die mit ihren Werken den Sammlungsbestand kommentierten. Zur documenta 12 steht wieder das gesamte Gebäude zur Verfügung, da das Haus anschließend komplett saniert werden soll.

Die Ausstellungsinszenierung hat das Museum total verändert. Die Öffnung des Gebäudes zur Aue hin hat ebenso dazu beigetragen wie die kraftvolle Farbgestaltung der Räume. Selbst dort, wo es schwierig ist, in den schmalen Galeriegängen mit den kleinen Kabinetten, ist es gelungen, eine Erzählstruktur anzulegen. Die Neue Galerie wirkt wie neu erfunden.


documenta-Halle

Nach der Umwandlung der Orangerie in ein Museum versprach das Land den Bau einer documenta-Halle. Den Wettbewerb entschied Prof. Jochem Jourdan für sich. Er baute ein 150 Meter langes, gegliedertes Gebäude, das der Krümmung der Hangkante zur Karlsaue folgt. Das Haus bietet drei große Kabinette, eine Seitenlichthalle und eine gewaltige Haupthalle. Während Jan Hoet 1992 über die eben vollendete Halle jubelte, waren die documenta-Leiter Catherine David und Okwui Enwezor von dem Ausstellungsgebäude nicht begeistert. Sie nutzten sie eher als Ort für Kommunikationsprojekte. Auch Buergel schien anfangs von der Halle nur wenig zu halten. Mittlerweile ist er von dem großen Saal als Ausstellungsort begeistert. Mit der Einrichtung der Ausstellung verwandelte das Team Buergel-Noack den großen Saal in ein begehbares Bild, in dessen Zentrum der Werkkomplex von Cosima von Bonin zu sehen ist. In der documenta-Halle haben außerdem der Kassel-Beirat der documenta und das Pressezentrum ihren Ort.



Temporärer Bau: Aue-Pavillon

Siehe: Schwarz, Silber und Gold

Weil Roger Buergel und Ruth Noack die Werke der documenta 12 großzügig präsentieren und den Besuchergruppen Raum für Begegnungen und Gespräche geben wollen, brauchen sie mehr Flächen als je zuvor. Deshalb entschieden sie sich, als temporären Bau einen 12 000 Quadratmeter großen Aue-Pavillon auf der Karlswiese vor der Orangerie errichten zu lassen. Der von Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal entworfene Pavillon besteht aus Gewächshausmodulen mit Runddächern. Innen sind großzügige Ausstellungslandschaften entstanden. Zwei Monate vor dem documenta-Start entstand Streit zwischen den Architekten und der documenta-Leitung. Die Architekten wehren sich dagegen, dass ihr transparenter Bau durch Planen und Vorhänge abgedunkelt und klimatisiert wird. Ihrer Meinung nach sei der Pavillon mit seiner Durchlüftung so konstruiert, dass er auch bei starker Sonneneinstrahlung nicht überhitzt werde. Roger Buergel hingegen verweist auf konservatorische Bedenken. Ohne die Planen und Vorhänge würde eine Lichteinstrahlung bis 100.000 Lux entstehen. Viele Werke vertrügen aber nur 150 Lux.

Das Team Buergel-Noack weiß, dass Pavillon kein Kristallpalast geworden ist, sondern eher eine Art Flüchtlingslager, wie manche Künstler meinten. Gleichwohl sind sie mit ihrer Entscheidung für den Bau zufrieden und wollen an der Ausleuchtung noch arbeiten.

Das erste Mal waren 1992 für eine documenta in der Karlsaue temporäre Bauten errichtet worden. Paul Robbrecht entwarf die gläsernen, an Eisenbahnwagen erinnernden Bauten, die einen Bezug zur Landschaft herstellten und sehr leicht wirken. Heute stehen die auf Stelzen errichteten Hallen in Almere (Niederlande).


Bergpark und Schloss Wilhelmshöhe

Schon immer hatte es die documenta in den Bergpark gelockt. So gab es einmal den Plan, die Skulpturen im Ballhaus und rund um das Gebäude zu platzieren. Dann hatte Arnold Bode mit der documenta III komplett in das Schloss Wilhelmshöhe ziehen wollen. Doch die Schlossruine war nicht rechtzeitig ausgebaut worden. Der Mittelbau des Schlosses wurde erst im Laufe der 60er-Jahre wieder aufgebaut (innerhalb der historischen Mauern ein Stahlbetonbau errichtet).

Seit 1974 beherbergt der Mittelbau die Antikenabteilung und die Gemäldegalerie Alte Meister der Staatlichen Museen (heute: Museumslandschaft Hessen Kassel). Die Tatsache, dass in den 70er-Jahren versetzbare Stellwände im Schloss installiert worden waren, geht auf den Wunsch Wunsch Bodes zurück, die documenta in Wilhelmshöhe zu zeigen. Erst bei der 2000 abgeschlossenen Sanierung erhielt das Schloss eine feste Galeriestruktur.

Nun gibt die documenta im Sommer 2007 erstmals ein Gastsspiel in Wilhelmshöhe. In der Gemäldegalerie werden ältere Kunstwerke (Gemälde und Miniaturen) sowie aktuelle Arbeiten präsentiert. Hauptausstellungsraum ist der Saal für Wechselausstellungen im 2. Stock, an dessen Enden jeweils eine Video-Installation präsentiert wird. Außerdem werden Bilder zwischen den Gemälden des 17. Jahrhunderts gezeigt. Daraus ergeben sich reizvolle inhaltliche und formale Beziehungen. Äußerst spannend ist die Konfrontation der bemalten Tischplatte von Martin Schaffner und der dadurch angeregten Arbeit von Sonia Abian Rose.

Seit dem 7. Mai war klar, dass der thailändische Künstler Sakarin Krue-On am Hang unterhalb des Schlosses Reisterrassen anlegt. Durch die Arbeit entsteht eine Korrespondenz zu dem chinesischen Dorf Mulang, das um 1781 im Bergpark erbaut wurde. Im Bergpark sind weitere vier documenta-Arbeiten geplant. Das Projekt bereitete mehrfach Problem. Mal gab es nicht genügend Wasser für die Pflanzen, dann drohte der Hang ins Rutschen zu kommen, und schließlich waren Anfang Juli die Nächte für die Reispflanzen zu kalt. Es musste nachgepflanzt werden.

Teilnehmende Künstler

Bildergalerien

Um die 20 Bildergalerien ausgewählter Kunstwerke zu sehen, klicken Sie bitte auf:

Frühere Kunstwerke der Woche

Konzepte, Projekte und Werke

Wieder ein Meilenstein

Hier roter Mohn, dort bitterer Reis

Ruth Noacks und Roger Buergels Bilanz

Das Tuch wird zerschnitten

Ein alter Bekannter

Auf der Höhe ihrer Kraft

Die Bildteppiche wiederentdeckt

Strenge Raster - Spontane Linien

Gespaltenes Echo

So stark waren die Frauen nie zuvor

Suche nach der richtigen Sprache

Neue Malerei mit alten Wurzeln

Die Skulptur ist zur Installation geworden

Das Schöne ist auch politisch

Die Suche nach dem Menschenbild

Bilder als Alltagsdokumente

Kannibalen sind unter uns - Video-Installation von Dias und Riedweg

Jetzt wird der Zugriff global

Lagerterror und erotische Jagd - die Arbeit von Sania Abian Rose

Ein Ort der Gegensätze

Die Landschaft erobert

Der Raum als Bild

30 000 kamen zum Auftakt

Die Kunst der Welt

Große Spiegel der Wirklichkeit

Das Museum triumphiert

Eine Ausstellungsmaschine

Mit Buergel durch die documenta

Schwarz-weiße Zeichnungen auf Pink

Alte Kunst gibt es oben

Werke einer anderen Avantgarde - Wie die documenta 12 die Kunst präsentiert (X)

Natur, Tradition und Arbeitswelt - Wie die documenta 12 die Kunst präsentiert (IX)

Schwarz, Silber und Gold - Zur Gestaltung des Aue-Pavillons

Zeichnungen voller Geschichten - Wie die documenta 12 die Kunst präsentiert (VIII)

Ins Glas geschrieben: Wie die documenta 12 die Kunst präsentiert (VII): Mary Kelly

Eine Giraffe als Panik-Opfer - Peter Friedls Zoo-Story

Die Aneignung des Fremden - Wie die documenta 12 die Kunst präsentiert (6)

documenta 12 als Gartenschau - Wie die Ausstellung die Kunst präsentiert (5)

Extremfälle des Lebens - Das zweite documenta-Magazin: Leben!

Landgraf als Herr des Karussells - Rotierende Skulptur von Andreas Siekmann

Radikale Positionen der Malerei - Wie die documenta 12 die Kunst präsentiert (4)

Ein Stück Asien mitten im Bergpark - Reisterrassen von Sakarin Krue-On

Gewalt, Tod und Schönheit - Wie die documenta 12 die Kunst präsentiert (3)

Das wiedergefundene Treppenhaus - Neuer zentraler Aufgang im Fridericianum

Zwischen Öffnen und Abgrenzen - Wie die documenta 12 die Kunst präsentiert (2)

documenta mit starken Farben - Das Architekturkonzept von Roger Buergel und Ruth Noack

Raum sprengende Skulptur - Wie die documenta 12 die Kunst präsentiert (1)

Hinwendung zum Politischen - Die documenta als Ort politischer Kunst

Radikale Ansätze - zarte Formen - Das documenta-Magazin stellt sieben bei uns wenig bekannte Künstler vor

Einstieg in die documenta-Vorbereitung - Das erste der drei documenta-Magazine liegt vor

Die Kunst der Inszenierung - Zum zweiten Mal ein Aue-Pavillon

Spekulationen um Künstlerliste - Weitere Namen im Gespräch

Denkpausen in Palmenhainen - Zum Vermittlungskonzept der documenta 12

Was wollen eigentlich Bilder? - Das Zeitschriftenprojekt

Die drei Leitmotive - Ausgangsfragen der documenta 12

Pressestimmen

Gelungener Angriff

Zweite Presseschau

Kassel. Die Medien haben weiterhin viel Lob für die Kasseler documenta übrig. Im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" berichtet Ulrike Knöfel von einer euphorischen Ulrike Groos. Der Besuch der Ausstellung habe der Leiterin der Düsseldorfer Kunsthalle richtig Spaß gemacht. "Spaß - das war lange ein Fremdwort auf der documenta", meint Knöfel.


Außerdem urteilt die "Spiegel-Reporterin", dass die Weltkunstschau der Angriff auf das Establishment der Szene gelungen sei: "Noch nie hat sich eine documenta dermaßen deutlich von den Moden des Marktes abgekoppelt, hat so selbstbewusst Gattungsgrenzen gesprengt, auf Außenseiterkunst gesetzt und ein regelrechtes Anti-Star-System entwickelt. Denn es gibt ein Establishment innerhalb der Kunstwelt, zumindest für Teile davon wird sich der Gang durch die Schau wie eine Provokation anfühlen."

Gabi Czöppan gefallen im Magazin "Focus" vor allem Arbeiten von Künstlerinnen wie Yvonne Rainer, Marta Rosler und Mary Kelly: "Es schlägt die Stunde der starken Frauen in Kassel. Aus allen Generationen sind sie vertreten, junge und alte, bekannte und fast vergessene."

Es sei etwas Seltenes gelungen, urteilt der Deutschlandfunk: "eine Ausstellung des intuitiven Verstehens" und das Versprechen einer "unendlichen" Entdeckungsreise. Während des Durchstreifens tauche man auch ohne Katalog in die inneren Beziehungen ein, "die mit großer Sorgfalt zwischen diesen Werken aufgespannt wurden". Ein eigentümlicher Sog entstehe, "der einen am Ende danach verlangen lässt, wieder von vorn zu beginnen, um noch mehr einzutauchen". Die documenta sei "ein Bekenntnis zur fast vergessenen Alltagskultur des Hinsehens, des Auf-sich-Wirken-Lassens, des Vielleicht-etwas-Erkennens, Vielleicht den Blick-weiter-Schweifen-Lassens ..." (mal/vbs)

HNA 18.06.2007


Von Verzauberung bis Scheitern

Viel wurde in den deutschen Zeitungen vorab über die documenta 12 berichtet, Spekulatives zumeist. Jetzt ist die Ausstellung offen und die Diskussion darüber wird auf den Kulturseiten kontrovers geführt. Hier erste Stimmen.

• Die documenta 12 ist ein Erfahrungsraum. "Und wirklich - es klappt", schreibt Thomas Wagner in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. "Man taucht ein in dieses Kraftfeld aus Werken, spaziert entspannt durch diesen großen Möglichkeitsraum." Der "Fährtenleser" Buergel präsentiere die Kunst "mit all der Freude, die das Spurensuchen und Spurenlegen im Reich der Zeichen bereitet". Hat man erst einmal die "Hoffnung fahren lassen, man bekäme die besten oder teuersten Werke der meistgefragten Künstlerinnen und Künstler der Gegenwart (...) serviert, dann kann man sich auf die Kunst und die Erfahrungen, die sie ermöglicht, einlassen." (...) "Weil sie das Sensationelle meidet, befreit die d12 die Kunst aus der Gefangenschaft, in der sie die aufs Neue schielende Wahrnehmung des Marktes zu halten sucht. Hätte sie auch die Drehzahl des Spinnrads des Kuratierens gedrosselt, wäre sie wirklich wunderbar."

• "Die größte Kunstschau der Welt erreicht ihre hohen Ziele nicht. Sehenswert ist sie dennoch", heißt es in der Süddeutschen Zeitung. Holger Liebs hat zunächst Reaktionen beobachtet: "Durch die Kunstwelt zieht sich dieser Tage in Kassel ein tiefer Graben: hymnische Begeisterung auf der einen Seite, abgrundtiefes Entsetzen auf der anderen." Er selbst sieht Licht und Schatten verteilt: Der pädagogische Anspruch der documenta "führt im Ganzen zu einer erstaunlich humorlosen Veranstaltung, die manchmal gar ans Waldorfhafte, Esoterische grenzt. Aber man lernt tatsächlich viel, erblickt nie Gesehenes, ja kann sich bisweilen verzaubern lassen."

• Die Neue Zürcher Zeitung am Sonntag beschreibt einen "abwechslungsreichen Parcours. Aufregen muss man sich ebenso selten wie anstrengen". Star der documenta 12 sei der chinesische Megakünstler Ai Weiwei: Er führe mit seinem Holztor und seinen 1001 Stühlen vor, was kultureller Austausch und Wandel konkret bedeuten. "Hier löst sich das Konzept dieser documenta ganz unspektakulär ein."

• Giraffen, Chinesen, Sexpuppen - ist das Kunst?, fragt die Bild-Zeitung. Merkmal der Kasseler Ausstellung ist für das Boulevard-Blatt, dass documenta-Leiter Roger Buergel vergängliche Kunst zeigt, "die keiner kaufen kann." Doch gebe es neben Zeitgnössischem auch "alte" Kunst: "Diese Mischung gab es noch nie. Sie bildet - und macht Spaß."

• "Im Prinzip ist diese documenta 12 gescheitert - aber wie alle großen Ruinen ist auch diese hier interessant", schreiben Niklas Maak und Peter Richter in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Sie loben zwar Buergels Ansatz, die "Migration der Formen", die gegenseitige Beeinflussung der Kulturen, zu zeigen. "Natürlich könnte das sehr interessant sein - wenn der Kurator sich als Kurator und nicht selbst als surrealistischer Künstler verstünde. Das tut er aber." Die Folge: Eine "im Ergebnis wirre Präsentation von allenfalls zur Hälfte sehenswerter Kunst."

• Mit den Erwartungen, dass die documenta 12 politisch Position beziehen solle, beschäftigt sich die taz. Laut Ulrich Gutmair glauben Roger Buergel und Ruth Noack, "dass die Kunst kein Reparaturbetrieb für soziale und politische Defizite ist - und auch nicht sein soll. Damit haben sie völlig Recht." Gutmair registriert erfreut, dass "50 Prozent der Kunstschaffenden Frauen sind. Das kann man nur als Sensation bezeichnen."

HNA 17.06.2007


Ulrike Knöfel im „Spiegel”:, 14. 5. 2007

„Ganz sicher ist Buergel ein Symbol dafür, dass man eine gewisse Abkehr vom Berechenbaren wagt. Der Kunstboss versteht sich als Mann fürs Feinsinnige; er wünsche sich, sagt er, dass sich eine neue Boheme etabliert. Boheme: Das ist Aufruhr, Provokation und gesittete Muße zugleich.. (...) Da ist sie doch wieder, die inhaltliche Schwere. Und sie wird am Ende wohl beherrschend bleiben. Zum Glück. (...) Es geht auf der Documenta um den Widerstand gegen die zunehmende Harmlosigkeit in der Kunst.”


Thomas Wagner in der FAZ, 9. 5. 2007

Werkvertrauen statt Weltbewegung

Es wird Räume geben, die wie Inseln in der Gesamtinszenierung wirken, und es werden Themen wie Krieg, Protest, Biopolitik, Kolonialismus, Paradies und Garten aufgegriffen. Bezirke der Vernunft werden neben solchen des Zaubers und der Triebe stehen. Malerei, Fotografie, Installationen und Performances werden in weitläufigen, verschachtelten Arealen über historische, geographische, politische und ästhetische Grenzverläufe unterrichten. Wenige Wochen vor der Eröffnung wird erkennbar, dass Roger Buergel und Ruth Noack die Kunst der Gegenwart weder gegen einen Diskurs über sie eintauschen noch Kunst auf Dokumente reduzieren wollen. Stattdessen vertrauen sie auf die Kraft der einzelnen Werke - worin allein schon Sprengstoff steckt in Zeiten, in denen der Markt boomt und die Werke immer schneller zwischen Galerie, Museum und Auktion zirkulieren. Jedes Werk hat Raum, entfaltet seine eigene Atmosphäre und entspinnt seinen eigenen Diskurs. Denn, so die Überlegung, nur in den Nachbarschaften und Beziehungen der Werke untereinander wird wahrnehmbar, wie diese auf Situationen und Krisen außerhalb der Kunst reagieren.


Die Chancen, dass Buergel und Noack in die Geschichte der documenta als diejenigen eingehen werden, die nach den Diskursschlachten und all dem ästhetisch verpackten Alarmismus der beiden letzten Ausgaben der Weltkunstschau wieder auf das künstlerische Werk vertrauten, stehen nicht schlecht. Geht das Konzept auf, wird die Kunst nicht hinter Sekundärem wie Markt, Diskurs, Wissen oder Spektakel verschwinden. Hier soll nichts instrumentalisiert werden. Alles, was sich an Assoziationen, Überlegungen, was sich an Wissen über politische Konflikte ergibt, soll vom einzelnen Werk ausgehen, von diesem erzeugt und getragen werden. Auf diese Weise, so hoffen die Kuratoren, werde eine Erfahrung möglich, die, weil sie Sinne und Verstand anspricht, jede Menge kultureller Unterschiede, historischer Kontinuitäten und formaler Bezüge einschließt.


Hanno Rautenberg in der "Zeit", 12. 4. 2007

Der Kasseler Weltmoment

Nur: Wie soll das alles zusammengehen? Wie lässt sich ästhetischer Eigensinn mit ethischer Bildung vereinbaren, wie historische Rückbesinnung mit dem politischen Gegenwartshandeln, wie globaler Fernblick mit lokaler Nahbetrachtung? Die Gefahr, dass aus dem ehrgeizigen Sowohl-als-auch der Documenta 12 am Ende ein flaues Weder-noch wird, ist nicht gerade gering. Doch auch das hat diese Documenta vielen anderen Großausstellungen voraus: Sie setzt nicht auf das Erwartbare, weder auf die kontrollierende Didaktik der vorigen Documenta noch auf den schönheitsseligen Populismus der Berliner MoMA-Ausstellung. Sie bleibt unberechenbar, voller Wagnisse.

Eines dieser Wagnisse heißt Dmitrij Gutow, ein bekannter Künstler aus Moskau. Er wird im Gewächshaus der Documenta einen langen, hohen Zaun aus verwittertem Metall und verknoteten Drähten aufbauen. Dabei denkt man natürlich als Erstes an den Eisernen Vorhang. Doch das meint Gutow nicht. Seine metallenen Gespinste beziehen sich auf ein Manuskript von Karl Marx, das er mit seltsamen Fratzen überzog. Und er denkt auch an die Kleingärten rund um Moskau, eingefriedet von selbst gebauten Zäunen aus Planken und rostigen Matratzenfedern. Und drittens an Kalligrafie, für die er sich mindestens so sehr interessiert wie für den Marxismus. In seiner Kunst durchdringen sich fernöstliche Formen und nahwestliche Gedankengebilde ganz ähnlich wie auf der persischen Miniatur des 14. Jahrhunderts. Doch wird der Documenta-Besucher erkennen, was Gutow bei seiner Installation vor Augen hatte?

Jedenfalls beginnt im Juni eine windungsreiche Bildungsreise. Viele dialektische Haarnadelkurven warten auf den Betrachter, Panoramastrecken der Schönheit und Tunnel des Unverständlichen. »Vielleicht wird es sein wie auf einer Heimfahrt von Ferran Adrià«, sagt Buergel und erzählt von dem experimentierlustigen katalanischen Koch, der auch zur Documenta 12 eingeladen wurde. »Er hat sein Restaurant hoch in den Bergen. Am Ende des Abends ist man voll der wundersamsten Speisen und schön angetrunken. Dann muss man mit dem Auto die rasend steilen Serpentinen hinunter und weiß nicht, ob man jemals heil ankommen wird.« So soll sie sein, die Documenta 12: beglückend und gefährdend, befriedend und bedrohend – eine dialektische Sensation.

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