Führung durch die Documenta IX (1992)

Aus Regiowiki

Dirk Schwarze führt durch die documenta-Geschichte

Einleitung in unsere Serie "Führung durch die documenta" (Hinweis: Diese exklusiven Autorenbeiträge sind nicht editierbar.)

1955: documenta - 1959: II. documenta - 1964: documenta III - 1968: 4. documenta - 1972: documenta 5 (mit Bildergalerie) - 1977: documenta 6 (mit Bildergalerie) - 1982: documenta 7 - 1987: documenta 8 - 1992: Documenta IX - 1997: documenta X - 2002: Documenta11 (mit Bildergalerie) - 2007: documenta 12 (mit Bildergalerien) - 2012: documenta 13 - Arnold Bode-Preis

Documenta-Lexikon mit der kompletten Künstlerliste 1955-2007

Unser documenta-Führer Dirk Schwarze


Inhaltsverzeichnis

Kurzprofil

13. Juni bis 20. September 1992

Plakat zur DOCUMENTA IX
Die documenta IX des Belgiers Jan Hoet bedeutete den Höhe- und Endpunkt einer Ausstellungsentwicklung. Seit sich 1968 die documenta in den Stadtraum erweitert hatte, war sie zu einer Art Unterhaltungsmaschine geworden. Jan Hoet führte diesen Trend derart konsequent fort, dass viele Kritiker die Ausstellung und ihr Umfeld als Zirkus empfanden. Doch die Vielzahl starker Werke und der Besucherrekord gaben dem Belgier Recht. Mit der documenta IX erhielt die Ausstellung neben dem Museum Fridericianum ein zweites eigenes Gebäude die documenta-Halle. Deren Bau war beschlossen worden, nachdem die Orangerie dem Museum für Astronomie und Technikgeschichte übergeben worden war. Dazu erhielt Hoet für die Ausstellung in der Karlsaue provisorische Bauten. Zu einem Ereignis einmaliger Art wurde die Einbeziehung der Neuen Galerie. Während bei früheren documenten Teile der Museumssammlung ausgeräumt wurden, blieb jetzt die Struktur des Hauses unangetastet. Die Künstler, die einzogen, kommentierten mit ihren Werken das Museum und die Sammlung. Die documenta IX war eine Ausstellung der Emotionen. Zum Schlüsselwerk wurde die das Innere erschütternde Video-Installation von Bruce Nauman gleich in der Eingangshalle des Fridericianums. Um Bruce Nauman herum hatte Hoet die Ausstellung entwickelt. Es gab viel Widerständiges. In der Erinnerung der Öffentlichkeit setzten sich aber die eher liebenswerten Arbeiten fest wie Mo Edogas Signalturm der Hoffnung oder Borofskys Himmelsstürmer.

190 Künstler. 609000 Besucher. Etat: 15,66 Mio. Mark. Ausgaben 21,066 Mio. Mark. Zuschüsse: 6,561 Mio. Mark, Erlöse: 9,346 Mio. Mark, sonstige Einnahmen: 5,157 Mio. Mark.

Kuratoren

Jan Hoet (*1939)

Der Belgier Jan Hoet begeistert sich für die Kunst und kann die Begeisterung an seine Zuhörer weitergeben. Nach seinem Studium der Kunstgeschichte lehrte Hoet an verschiedenen Einrichtungen. Ab 1975 baute er schrittweise das Museum van Hedendaagse Kunst in Gent aus, das unter seiner Leitung expandierte und schließlich einen Neubau erhielt. International bekannt wurde Hoet durch sein Ausstellungsprojekt „Chambres d’Amis“, bei dem Künstler ihre Arbeiten in Genter Privatwohnungen zeigten. Diese intime Schau galt als die Absage an die in Verruf geratenen Großausstellungen. Trotzdem wurde seine documenta 1992 die räumlich expansivste. Die Ausstellung setzte auf sinnliche Erfahrung in allen Bereichen. Sie wurde von vielen als Unterhaltungsspektakel kritisiert. Nach seiner Pensionierung in Gent engagiert sich Hoet seit 2002 in Herford, wo er den Aufbau eines kleinen exklusiven Kunstmuseums betreut.

Ausstellungsorte

Museum Fridericianum

Das klassizistische Gebäude war 1779 als erster für die Öffentlichkeit bestimmter Museumsbau auf dem europäischen Kontinent vollendet worden. Das Fridericianum beherbergte Teile der landgräflichen Sammlungen und die Bibliothek. Im Zweiten Weltkrieg brannte das Gebäude aus. Arnold Bode entdeckte die notdürftig gesicherte Ruine als Ort für die zeitgenössische Kunst. Seit 1955 sind das Fridericianum und der davor liegende Friedrichsplatz das Herzstück jeder documenta. Seit 1988 dient der Bau zwischen den documenten als Kunsthalle. Außerdem hat in ihm der Kunstverein seine Räume.

Orangerie

In der Parkanlage Karlsaue liegt die Anfang des 18. Jahrhunderts als Gewächshaus und Lustschloss errichtete Orangerie. Sie wurde 1943 fast vollständig zerstört. Die documenta-Ausstellungen von 1959, 1964 und 1968 bezogen die Orangerie als Kulisse für die Skulpturen und Großplastiken ein. Nach dem Wiederaufbau in den 70er-Jahren war die Orangerie von 1977 bis 1987 dreimal zweitgrößter Ausstellungsplatz (nach dem Fridericianum). Seit der Einrichtung des Astronomisch-Physikalischen Kabinetts in dem Gebäude (1992) steht der documenta nur noch ein 300 Quadratmeter-Raum zur Verfügung.

Neue Galerie

Das Galeriegebäude an der Schönen Aussicht wurde 1871-74 für die Gemäldesammlung erbaut. Das im Zweiten Weltkrieg beschädigte Gebäude wurde in den 60er-Jahren wieder hergerichtet. Während der documenta III waren dort die Handzeichnungen zu sehen. Auch 1968 und 1972 blieb die Galerie zentraler documenta-Standort. Seit 1976 dient das Gebäude als Museum für die Kunst seit 1750. Die Ausstellungen von 1977 und 1982 konnten nur Teile des Museums in Anspruch nehmen. 1992 lud Jan Hoet solche Künstler in die Neue Galerie ein, die mit ihren Werken den Sammlungsbestand kommentierten.

documenta-Halle

Nach der Umwandlung der Orangerie in ein Museum versprach das Land den Bau einer documenta-Halle. Den Wettbewerb entschied Prof. Jochem Jourdan für sich. Er baute ein 150 Meter langes, gegliedertes Gebäude, das der Krümmung der Hangkante zur Karlsaue folgt. Das Haus bietet drei große Kabinette, eine Seitenlichthalle und eine gewaltige Haupthalle. Während Jan Hoet 1992 über die eben vollendete Halle jubelte, waren die documenta-Leiter Catherine David und Okwui Enwezor von dem Ausstellungsgebäude nicht begeistert. Sie nutzten sie eher als Ort für Kommunikationsprojekte.

Temporäre Bauten

Das erste Mal sind 1992 für nur eine documenta temporäre Bauten in der Aue erstellt worden. Der Architekt Paul Robbrecht entwarf die gläsernen, an Eisenbahnwagen erinnernden Bauten, die einen Bezug zur Landschaft herstellten und sehr leicht wirken. Heute stehen die auf Stelzen errichteten Hallen in Amere (Niederlande).

Ottoneum

Das im 17. Jahrhundert erbaute Ottoneum – zwischen Fridericianum und Staatstheater – war der erste feste Theaterbau Deutschlands. Später barg es landgräflichen Sammlungen und diente unter anderem als Observatorium. Heute ist in dem Renaissance-Bau das Naturkundemuseum beheimatet. Die fällige Sanierung des Gebäudes ermöglichte es, dass das Ottoneum 1992 und 1997 von der documenta genutzt werden konnte.

Bildergalerie Außenbereich


Bildergalerie Zwehrenturm


Bildergalerie Fridericianum (im Aufbau)

Teilnehmende Künstler

Beispielhafte Kunstwerke

Jonathan Borofsky (*1942): Man walking to the Sky, Stahl, Fiberglas (1992)

Die documenta IX hatte ihr Wahrzeichen und die Stadt ihr Gegenstück zum mythischen Herkules: Auf einem poliertem Stahlrohr marschiert ein Mann unbeirrt nach oben. Er geht so energisch, als könnte er endlos laufen. Dabei hat er zwei Drittel der Strecke hinter sich und hat das Ende vor Augen. Jonathan Borofsky sah diesen Mann, der wie aufgezogen nach oben strebt, durchaus doppeldeutig: Er könne wohl zum Himmel laufen, könne aber auch abstürzen. Die meisten Bewunderer der Skulptur wollten vom Absturz nichts wissen. Sie sahen den „Himmelsstürmer“, wie er bald hieß, auf dem Weg nach oben, als Hoffnungszeichen. Die Arbeit war so populär, dass sie mit Hilfe von Spenden und Zuschüssen angekauft wurde. Heute steht vor dem Kulturbahnhof in Kassel.


Bruce Nauman (*1941): Anthro/Socio, Video-Installation (1992)

Der Sänger Rinde Eckert in Anthro/Sozio Foto: Hamburger Kunsthalle
Klagende Rufe hörte man schon beim Betreten des Museums Fridericianum. Hatte man den Raum von Bruce Nauman betreten, dann befand man sich in mitten von Monitoren und Großprojektionen auf die Wände. In allen Videobildern sah man den gleichen kahl rasierten Schädel (des Sängers Rinde Eckert), der die Rufe „Help me, hurt me, sociology, feed me, eat me, Anthropology“ ausstieß (Hilf mir, verletz mich, Soziologie, füttere mich, iss mich, Anthropology). Diese nervenden Rufe, halb klagend, halb befehlend, irritierten sehr. Nauman, der in vielen Arbeiten die menschliche Gewalt thematisiert hat, machte mit dieser Installation klar, dass alle Bemühungen der Wissenschaft, den Menschen zu ergründen (und zu verbessern), gescheitert sind.


Ilya Kabakov (*1933): Die Toilette, Environment (1992)

Ein Toilettenhaus auf dem Hinterhof des Fridericianums. Der Bau, so einfach und unansehnlich, wie er früher auf dem Lande in der Sowjetunion gebaut worden war. Natürlich gab es getrennte Eingänge für Männer und Frauen. Doch waren sie in dem Gebäude drin, fanden sie sich in einem Gemeinschaftsraum wieder. Es gab zwar durch Seitenwände abgetrennte Plumpsklos, ansonsten befand man sich aber in einer fast normalen, komplett eingerichteten Zwei-Raum-Wohnung. Die Arbeit des aus der Sowjetunion kommenden Künstlers führte auf wunderschöne Weise die sozialistische Wirklichkeit vor, in der einfache Leute wie auf dem Klo lebten.


Mo Edoga: Signalturm der Hoffnung, Holz, Fundstücke (1992)

Wie 20 Jahre zuvor der Düsseldorfer Künstler Anatol sorgte 1992 der in Mannheim lebende Nigerianer Mo Edoga für die Rückbesinnung auf das Handwerkliche. Nicht das fertige Produkt war sein Ziel, sondern der Weg dahin. Der Künstler, der auch Mediziner ist, bringt der Industriewelt die Kräfte und Bilder zurück, die in der Natur Afrikas ihren Ursprung haben. Mo Edoga sammelte Schwemmholz und andere weggeworfenen Materialien und baute aus ihnen einen urwüchsigen Turm. Langsam und mit großer Sorgfalt verknüpfte er die Hölzer und verlieh damit der Konstruktion große Stabilität. Er demonstrierte, dass Leben und Arbeit, Kunst und Handwerk eine Einheit bilden können. Seinen Turm, in den er zum Schluss auch reflektierende Flaschen hängte, vollendete er zum Ende der Ausstellung.


Joseph Kosuth (*1945): Passagen-Werk, Stoff mit Texten bedruckt (1992)

Die Neue Galerie in Kassel ist ein Museum für die Kunst seit 1750. Regelmäßig zur documenta stellt sich die Frage, ob die Neue Galerie von der Großausstellung genutzt und dafür (teilweise) ausgeräumt wird. 1992 wählte man einen Weg. In die Neue Galerie wurden Künstler eingeladen, die bereit waren, sich mit dem Museum und seiner Sammlung zu beschäftigen. Den schönsten Beitrag lieferte Joseph Kosuth. Er ließ zwei übereinander liegende Galeriegänge weiß beziehungsweise schwarz streichen und ließ über alle gezeigten Werke weiße bzw. schwarze Tücher hängen, die mit Texten aus Kunst, Philosophie und Politik bedruckt waren.


Thomas Schütte (*1954): Die Fremden, Keramik, glasiert (1992)

Die menschliche Figur erlebte 1992 als Skulptur ihre Wiedergeburt. Während auf dem Friedrichsplatz Borofskys Mann auf dem Stahlrohr nach oben strebte, standen auf dem Portikus neben dem Fridericianum bunte Keramikfiguren mit allerlei Gepäckstücken. Es waren Fremde. Sie sahen aus, als wären sie nach einer langen Reise angekommen und würden demütig auf ein Zeichen warten, dass sie bleiben können. Thomas Schütte hatte damit ein Thema aus dem aktuellen politischen Streit aufgegriffen. Seine bunten unbewegten Keramikfiguren hatten etwas Märchenhaftes. Sie erinnerten an Holzspielzeug oder an die Puppen in der Puppe. Ein Teil der Figurengruppe konnte dank eines Stifters auf dem Portikus stehen bleiben.


Jan Fabre (*1958): Hand to listen (1992)

An mehreren Stellen in den Ausstellungsgebäuden traf man auf eine nachgebildete menschliche Hand, die ein blaues Glas an die Wand hielt. Der belgische Poet, Künstler und Regisseur Jan Fabre hatte in diesen kleinen Arbeiten eine Erfahrung aus seiner Jugend aufgegriffen: Um zu hören, was im Kinderzimmer passiert, hatte seine Mutter ihr Ohr an ein Glas gehalten, das sie an die Wand gedrückt hatte. In der documenta befanden sich die Handobjekte an Außenwänden. Das heißt: Jan Fabre stellte auch den Außenbezug her – als gelte es zu erlauschen, was draußen in der Wirklichkeit passierte. Damit erhob er den Anspruch, die Trennung zwischen Innen (Kunst) und Außen (Wirklichkeit) zu überwinden.


Flatz (*1952): Bodycheck, Sandsäcke, Leder (1992)

Der Aktionskünstler Flatz fordert die Besucher heraus. Immer wieder entwickelt er Arbeiten, in denen er sie verleitet, selbst gewalttätig zu werden. Zur documenta IX hatte er in einen Raum dichte Reihen von mit Sand gefüllten Ledersäcken gehängt, so wie sie zum Boxtraining genutzt werden. Die Besucher mussten hindurchgehen, wenn sie die dahinter installierte Arbeit eines anderen Künstlers sehen wollten. Wenn man sich vorsichtig zwischen den Säcken hindurchwand, konnte man fast ohne Berührung passieren. Die meisten Besucher aber fühlten sich herausgefordert. Sie stießen die Säcke mit Kraft beiseite und versetzten so ganze Reihen in Schwingungen und brachten andere Besucher in Bedrängnis.


Guillaume Bijl (*1946): The History of Documenta, Wachsmuseum (1992)

Ein Künstler macht die Geschichte der Ausstellung, zu der er eingeladen ist, zum Thema. In drei Schaufenstern eines Kaufhauses am Friedrichsplatz zeigte Guillaume Bijl als Wachsfigurenkabinett den documenta-Gründer Arnold Bode und seine Frau, den zur Leitfigur gewordenen Künstler Joseph Beuys und den aktuellen Ausstellungsmacher Jan Hoet. Der Sinn war doppeldeutig. Auf der einen Seite verstand sich der Beitrag als eine Verklärung, auf der anderen Seite ironisierte er den Mythos. Jeder Figur war ein Symbol zugeordnet. Zu den Bodes gehörte eine abstrakte Skulptur, bei Beuys sah man eine Fettecke und Hoet wurde von einem Schwan begleitet, denn seine documenta fand im Zechen der Schwäne (als Logo) statt.


Texte für das documenta-mobil (2005)

Pressestimmen

Links


Dirk Schwarze führt durch die documenta-Geschichte

Einleitung in unsere Serie "Führung durch die documenta" (Hinweis: Diese exklusiven Autorenbeiträge sind nicht editierbar.)

1955: documenta - 1959: II. documenta - 1964: documenta III - 1968: 4. documenta - 1972: documenta 5 (mit Bildergalerie) - 1977: documenta 6 (mit Bildergalerie) - 1982: documenta 7 - 1987: documenta 8 - 1992: Documenta IX - 1997: documenta X - 2002: Documenta11 (mit Bildergalerie) - 2007: documenta 12 (mit Bildergalerien) - 2012: documenta 13 - Arnold Bode-Preis

Documenta-Lexikon mit der kompletten Künstlerliste 1955-2007

Unser documenta-Führer Dirk Schwarze

Persönliche Werkzeuge
Namensräume
Varianten
Aktionen
Navigation
Portale Regionen
Portale Themen
Werkzeuge