Führung durch die Documenta11 (2002)

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Dirk Schwarze führt durch die documenta-Geschichte

Einleitung in unsere Serie "Führung durch die documenta" (Hinweis: Diese exklusiven Autorenbeiträge sind nicht editierbar.)

1955: documenta - 1959: II. documenta - 1964: documenta III - 1968: 4. documenta - 1972: documenta 5 (mit Bildergalerie) - 1977: documenta 6 (mit Bildergalerie) - 1982: documenta 7 - 1987: documenta 8 - 1992: Documenta IX - 1997: documenta X - 2002: Documenta11 (mit Bildergalerie) - 2007: documenta 12 (mit Bildergalerien) - 2012: documenta 13 - Arnold Bode-Preis

Documenta-Lexikon mit der kompletten Künstlerliste 1955-2007

Unser documenta-Führer Dirk Schwarze


Inhaltsverzeichnis

Kurzprofil

8. Juni bis 15. September 2002

Museum Fridericianum 2002 mit den documenta-Plakaten
2002 wurde die documenta endgültig zur Weltausstellung der zeitgenössischen Kunst. An die Spitze wurde der Afro-Amerikaner Okwui Enwezor berufen, der um sich ein internationales Kuratorenteam sammelte, das entschieden dazu beitrug, die westlich-abendländische Kunst in den Dialog mit der Kunst aus Afrika, Asien und Lateinamerika zu bringen. Wie bei der documenta X erhielten die Fotografie und die Video-Arbeiten sowie das Filmprogramm ein großes Gewicht. Durch den Zugewinn der Räume der ehemaligen Binding-Brauerei hatte Enwezor die Chance, praktisch jedem Künstler einen eigenen Raum zuzuweisen und großzügige Video-Installationen zu ermöglichen. Es war eine der am stärksten politisch ausgerichteten Ausstellungen, in der mit Hilfe der Kunst die Fragen des Post-Kolonialismus und der Globalisierung abgehandelt wurden. Zur Vorbereitung der Ausstellung hatte Enwezor weltweit vier Vortrags- und Diskussionsforen (Plattformen) veranstaltet, in denen die Voraussetzungen für die Kunst der Gegenwart erörtert wurden. Während bei der documenta X die ablehnende Kritik die Anerkennung überwog, konnte Enwezor viel Zustimmung ernten.

documenta 11 in Zahlen

Kuratoren

Okwui Enwezor (*1963)

Nach Catherine David als erster Frau an der documenta-Spitze war Okwui Enwezor der erste Nicht-Europäer in dieser Position. Der gebürtige Nigerianer ging 1982 in die USA, wo er Politik und Literatur studierte. Enwezor ist als Lyriker und Essayist hervorgetreten und ist Mitbegründer des Magazins „Nka“, das sich mit zeitgenössischer afrikanischer Kunst beschäftigt. 1997 war er verantwortlicher Leiter der zweiten Biennale von Johannesburg. Zum Zeitpunkt seiner Berufung im Jahre 1998 plante Enwezor die Ausstellung „The Short Century“, die aus künstlerischer Sicht die Geschichte der afrikanischen Freiheitsbewegungen aufarbeitete und auch in München und Berlin gezeigt wurde. Zum Profil der Documenta11 gehörte, dass Enwezor sie durch vier internationale Diskussionsforen (Plattformen) vorbereitete, die er als Teil der Ausstellung begriff.

Ausstellungsorte

Museum Fridericianum

Das klassizistische Gebäude war 1779 als erster für die Öffentlichkeit bestimmter Museumsbau auf dem europäischen Kontinent vollendet worden. Das Fridericianum beherbergte Teile der landgräflichen Sammlungen und die Bibliothek. Im Zweiten Weltkrieg brannte das Gebäude aus. Arnold Bode entdeckte die notdürftig gesicherte Ruine als Ort für die zeitgenössische Kunst. Seit 1955 sind das Fridericianum und der davor liegende Friedrichsplatz das Herzstück jeder documenta. Seit 1988 dient der Bau zwischen den documenten als Kunsthalle. Außerdem hat in ihm der Kunstverein seine Räume.

Orangerie

In der Parkanlage Karlsaue liegt die Anfang des 18. Jahrhunderts als Gewächshaus und Lustschloss errichtete Orangerie. Sie wurde 1943 fast vollständig zerstört. Die documenta-Ausstellungen von 1959, 1964 und 1968 bezogen die Orangerie als Kulisse für die Skulpturen und Großplastiken ein. Nach dem Wiederaufbau in den 1970er-Jahren war die Orangerie von 1977 bis 1987 dreimal zweitgrößter Ausstellungsplatz (nach dem Fridericianum). Seit der Einrichtung des Astronomisch-Physikalischen Kabinetts in dem Gebäude (1992) steht der documenta nur noch ein 300 Quadratmeter-Raum zur Verfügung.

documenta-Halle Nach der Umwandlung der Orangerie in ein Museum versprach das Land den Bau einer documenta-Halle. Den Wettbewerb entschied Prof. Jochem Jourdan für sich. Er baute ein 150 Meter langes, gegliedertes Gebäude, das der Krümmung der Hangkante zur Karlsaue folgt. Das Haus bietet drei große Kabinette, eine Seitenlichthalle und eine gewaltige Haupthalle. Während Jan Hoet 1992 über die eben vollendete Halle jubelte, waren die documenta-Leiter Catherine David und Okwui Enwezor von dem Ausstellungsgebäude nicht begeistert. Sie nutzten sie eher als Ort für Kommunikationsprojekte.

Südflügel im Kulturbahnhof

Catherine David griff gerne zu, als ihr die früheren Räume der Bahnpost im zum Kulturbahnhof umgebauten Hauptbahnhof für die documenta X angeboten wurden. Die zwei Etagen des Südflügels wurden zu einem überzeugenden Ausstellungsraum. Auch fügte sich gut, dass im Bahnhofskino Bali das Filmprogramm der documenta präsentiert wurde. Diese räumliche Erweiterung war für Catherine David der Anlass, für 1997 einen documenta-Parcours vom Kulturbahnhof über die Treppenstraße bis zur Orangerie anzulegen. Auch 2002 blieb der Bahnhof documenta-Spielort.

Binding-Brauerei

Erstmals 2002 verließ die documenta mit Teilen ihrer Ausstellung das Zentrum der Stadt. In den Hallen der ehemaligen Binding-Brauerei, unweit vom Hafen, wurden faszinierend klare Ausstellungsräume geschaffen. Die Weitläufigkeit des Geländes erlaubte eine großzügige Verteilung der Räume an die Künstler. Der Erfolg der documenta 11 beruhte auch zu einem Teil auf der Einbeziehung und Gestaltung dieses Areals. Ein Bus-Shuttle sowie ein angemietetes Schiff, das auf der Fulda verkehrte, halfen, die Distanz zu überwinden.

Themen

Die Geschichten der Welt neu erzählt 13. 9. 2002

Bilder von den Abgründen des Lebens 4. 9. 2002

Mit dem Farbstift die Welt erklären 30. 8. 2002

Bilder und Objekte in Beziehung setzen 23. 8. 2002

Wenn die Aussage in der Schwebe bleibt 17. 8. 2002

Viele Versuche, die Welt zu verstehen 8. 8. 2002

Die Rückkehr der Realität 2. 8. 2002

Über die Kunst zu den Fragen der Welt 27. 7. 2002

Der doppelte Blick von außen 27. 10. 1998

Bildergalerie

Teilnehmende Künstler

Beispielhafte Kunstwerke

Thomas Hirschhorn (*1957): Bataille Monument, Mixed Media (2002)

Im Bataille Monument
Bataille Monument Fotos: D. S.
Inmitten der Kasseler Nordstadt, dort, wo viele Ausländer und sozial Schwache leben, schlug für mehrere Monate der in Paris lebende Schweizer Künstler Thomas Hirschhorn sein Lager auf. Mit Hilfe junger Leute aus dem Viertel baute Hirschhorn eine kleine Budenstadt mit Fernsehstudio, Bibliothek, Ausstellungsraum und Imbiss. Dazu gehörte noch eine Art Denkmal. Das ganze Projekt verstand er als ein Monument zu Ehren des radikalen französischen Denkers George Bataille. Hirschhorns Beitrag war als Provisorium angelegt. Und der Künstler konnte demonstrieren, wie gut sich selbst komplexeste Themen mit Hilfe der Anwohner aufbereiten lassen.


Ecke Bonk (*1953): Buch der Wörter, Installation (2002) - 2007 angekauft

Ecke Bonk: Die Lieferungen des Wörterbuches Foto: D.S.
Im Museum Fridericianum hatten Jacob und Wilhelm Grimm als Bibliothekare gewirkt. Dort erarbeiteten sie die Grundlagen für ihre sprachwissenschaftlichen Untersuchungen und für das von ihnen begonnene Deutsche Wörterbuch mit seinen rund 300.000 Stichwörtern. Ecke Bonk widmete dieser Großtat seine dreiteilige Arbeit. In einem Raum stellte er die einzelnen Textlieferungen zum Wörterbuch aus. Die schmalen Hefte waren wie Bilder zu betrachten. Daneben lief als Projektion Tag und Nacht die Abfolge der Stichwörter, wobei die Abfolge so eingerichtet war, dass vom ersten bis zum letzten jedes Stichwort (in der alphabetischen Reihenfolge) einmal zu sehen war. Krönung der poetischen Arbeit war die Projektion der nach dem Zufallsprinzip ausgewählten Texte zu den Stichwörtern auf drei Wände eines Raumes. Es wurde sichtbar, welch enormer Kosmos sich durch das Wörterbuch erschließt. Immer neu wurde man in die Texte hineingezogen.

Bereits in der Schlussphase der documenta 11 begannen die Bemühungen, das Werk für Kassel anzukaufen. In der Öffentlichkeit war ein großes Interesse dafür da, doch weder die Neue Galerie noch das Brüder Grimm-Museum waren zur Übernahme bereit. Schließlich schien doch eine Finanzierung möglich, und die Universität war bereit, die Arbeit in dem neuen Geisteswissenschaftlichen Institut zu installieren. Doch zuletzt brachten Konflikte die Ankaufsbemühungen zu Fall (weitere finanzielle Forderungen des Künstlers, Unklarheiten darüber, wer das Werk pflegt usw.

Erst 2007, unmittelbar nach Schluss der documenta, konnte der Ankauf des Werkes für 145000 Euro perfekt gemacht werden. Auch sagte Museumsdirektor Dr. Michael Eissenhauer zu, dass die für Kassel so wichtige Arbeit in der Neuen Galerie gezeigt werden solle.

Shirin Neshat (*1957): Tooba, Video (2202)

Aus dem Video von Shirin Neshat Foto: D.S.
Zu den besonderen Leistungen der documenta 11 gehört, dass sie eine Vielzahl gelungener und eindringlicher Video-Installationen bot. Eine der herausragenden Präsentationen war die Doppelprojektion der in New York lebenden Iranerin Shirin Neshat. Auf der einen Wand sah man, wie die Gestalt einer alten Frau allmählich mit dem Stamm eines Baumes verschmolz, der auf einem umfriedeten Grundstück stand. Auf der gegenüberliegenden Seite wurde gezeigt, wie sich eine Gruppe von Dorfbewohnern der Mauer, die den Baum umgab, näherten, wie sie bedrohlich die Mauer überwanden und sich dann doch nichts Dramatisches ereignete. Das war eine äußerst poetische Auseinandersetzung mit dem Mythos von Mensch und Natur.


Doris Salcedo (*1958): Novembre 6 und Thou-less, Stahl, Holz, Blei (2001/02) - 2002 angekauft

Teil der Arbeit von Doris Salcedo Foto: D.S.
Ein Raum, der den Opfern der Gewalt gewidmet war. An den Wänden hingen die ausdrucksstarken Bilder von Leon Golub. Davor standen auf dem Boden Stühle. Einige Stühle wirkten, als seien sie verschmolzen oder zusammengewachsen, andere sahen kaputt und zerstört aus – wie amputiert. Die Kolumbianerin Doris Salcedo wollte mit ihrer Arbeit an eine Tragödie in ihrem von Gewalt und Krieg erschütterten Land erinnern. Statt das Drama, von dem sie berichten wollte, mit vordergründigen menschlichen Figuren darzustellen, hatte sie einen Umweg gewählt: Die Stühle, die zum alltäglichen Leben gehören, wurden hier zu Symbolen für die Menschen. Sie dokumentierten das Leiden, das die Menschen zu erdulden hatten. Ein Teil der Arbeit wurde 2002 für die Neue Galerie angekauft.

Yinka Shonibare (*1962): Gallantary and Criminal Conservation, Mixed Media (2002)

Eine der Arbeiten von Shonibare
Erstmals waren Künstler aus Afrika beziehungsweise afrikanischer Abstammung mit schwergewichtigen Arbeiten in der documenta vertreten. Das Raumbild des in London lebenden Künstlers Yinka Shonibare führt in das 18. Jahrhundert zurück. In der Zeit war es üblich, dass junge Adlige aus England in die Fremde reisten und sich dabei das Recht herausnahmen, sich in den Gastländern auch sexuell freizügig zu bedienen. Shonibare präsentierte eindeutige Liebensszenen, wobei er die Figuren im Wortsinne kopflos handeln ließ. Die handelnden Personen waren in schöne Stoffe gekleidet, die wir als afrikanisch empfinden. In Wahrheit handelt es sich aber um Farben und Muster, die die Kolonialherren nach Afrika gebracht haben.


Bodys Isek Kingelez (*1948): Kimbeville, Papier, Karton, Sperrholz (1994)

Bodys Isek Kingelez: Kimbeville Foto: D. S.
Wie könnte die Stadt der Zukunft aussehen? Der aus dem Kongo stammende Künstlers Bodys Isek Kingelez ist kein Architekt. Aber seit Jahren lässt er seine Fantasie schweifen und baut aus einfachsten Materialien Traumstädte. Diese Gebilde sind stets bunt, wirken leicht kitschig und wachsen noch weiter in den Himmel. Aber sie haben etwas Liebenswertes. Sie wirken verspielt und menschlich. Selbst Hochhausschluchten wirken weder fremd noch anonym. Wenn man die Fantasiebauten von Kingelez mit den realen Wolkenkratzern vergleicht, dann merkt man, dass die Differenzen gar nicht so groß sind. Denn auch die Architekten wollen die Funktionsbauten zu schmuckvollen Türmen und kathedralartigen Gebäuden erheben.


Jeff Wall (*1946): Invisible Man, Cibachrome in Leuchtbox (2001)

Leuchtbox-Foto von Jeff Wall Foto: D.S.
Fografie jenseits der Dokumentation: Der Kanadier Jeff Wall ist ein Meister panoramaförmiger Aufnahmen, die er in Leuchtkästen präsentiert und die wie Gemälde wirken. Die Fotos sind kunstvoll inszeniert und oftmals in mehreren Arbeitsgängen zusammengestellt. Trotzdem erscheinen sie meist wie spontan entstandene Momentaufnahmen. Hier blickt man in einen geheimnisvollen Raum. Die Aufnahme ist nach dem Roman „The Invisible Man“ von Ralph Ellison komponiert. Darin wird von einem Mann erzählt, der sich in einen Raum zurückgezogen hat, den er mit 1369 Glühbirnen erleuchten kann. Mit Hilfe der Helligkeit will er Gewissheit über seine eigene Existenz erlangen, um sich so auf seine Aufgaben draußen in der Welt vorzubereiten.


Georges Adéagbo (*1942): L’explorateur et les explorateurs devant l’histoire de l’exploration. Letheatre du monde, Mixed Media 2002

Aus der Installation von Adéagbo Foto: D.S.
Der aus Benin stammende und dort lebende Georges Adéagbo versteht sich selbst nicht als Künstler, bewegt sich mit seinen Arbeiten aber seit Jahren im Kunstbetrieb. Für die Ausstellungen, in die er eingeladen wird, schafft er Erinnerungsräume, in denen er das Treibgut zeigt, das er geborgen hat. Er bringt Figuren und Bilder aus seiner Heimat mit und kombiniert die Dinge mit Bildern, Manifesten, Zeitungen, Büchern und Kuriosa, die er am Ort der Ausstellung gefunden hat. So mischt er die Kulturen und gestaltet Monumente, in denen sich der Zeitgeist spiegelt. Der Raum, den er in Kassel gebaut hatte, war in Teilen speziell der documenta und ihren Heroen (Arnold Bode, Joseph Beuys, Harald Szeemann) gewidmet.


Constant (*1920): New Babylon, Zeichnungen, Bilder, Modelle (1956-74)

Für die meisten Besucher barg der der Raum des Niederländers Constant eine Überraschung. Man kannte Constant als Maler, der ein wenig in Vergessenheit geraten ist. Nun aber wurde er mit einem 30 bis 40 Jahre alten Projekt vorgestellt, in dem er sich städtebaulichen Visionen hingegeben hatte. Allerdings waren seine Studien und Modelle nicht als konkrete Vorschläge für eine Stadt gedacht. Vielmehr verstanden sich die Arbeiten als gedankliche Einübungen in ein neues Denken, als Entwürfe für eine Gesellschaft, die sich unter den Bedingungen der Automatisierung neu organisieren muss. Die Documenta11 hatte mehrere Künstler und Architekten eingeladen, die utopische Modelle vorgestellt hatten. Dahinter hatte der Wunsch gestanden, die stadtgestalterische Diskussion nicht nur geradlinig fortzuführen, sondern durch Gegenentwürfe aufzubrechen.

Texte für das documenta-mobil (2005)

Pressestimmen

Links

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