Führung durch die 4. documenta (1968)

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Dirk Schwarze führt durch die documenta-Geschichte

Einleitung in unsere Serie "Führung durch die documenta" (Hinweis: Diese exklusiven Autorenbeiträge sind nicht editierbar.)

1955: documenta - 1959: II. documenta - 1964: documenta III - 1968: 4. documenta - 1972: documenta 5 (mit Bildergalerie) - 1977: documenta 6 (mit Bildergalerie) - 1982: documenta 7 - 1987: documenta 8 - 1992: Documenta IX - 1997: documenta X - 2002: Documenta11 (mit Bildergalerie) - 2007: documenta 12 (mit Bildergalerien) - 2012: documenta 13 - Arnold Bode-Preis

Documenta-Lexikon mit der kompletten Künstlerliste 1955-2007

Unser documenta-Führer Dirk Schwarze


Kurzprofil

27. Juni bis 6. Oktober 1968

Plakat zur 4. documenta
Im Unruhejahr 1968 offenbarte sich endgültig, dass der Versuch, das einmal gewählte documenta-Konzept nur fortzuschreiben, nicht mehr glückte. Wohl öffnete sich die documenta 4 dem Aktuellen in radikaler Weise (Pop-, Minimal- und Op-Art), doch Werner Haftmann und Werner Schmalenbach mochten das nicht mehr mittragen und waren vorher ausgestiegen. Andererseits hagelte es Proteste, weil die politisch-kritische und die Aktions-Kunst keinen Zugang hatten. Es sollte Arnold Bodes letzte documenta werden. Zusammen mit Jean Leering inszenierte er eine Ausstellung, die von den Amerikanern dominiert wurde und die der documenta zu einem Popularisierungsschub verhalf. Es gab eine erste Besucherschule von Bazon Brock, und wochenlang hielt Christo die Öffentlichkeit mit der Frage in Atem, ob es gelingen würde, seine 85 Meter hohe Skulptur verpackter Luft zum Stehen zu bringen. Und er schaffte es. Es war eine vitale Ausstellung, die zur Momentaufnahme wurde. Sie funktionierte als Unterhaltungsmaschine, in der man den Raum Roxy’s von Edward Kienholz mit einem gewissen Schaudern betrat.

1000 Werke von 152 Künstlern. 207000 Besucher. Etat: 2,104 Millionen Mark. Kosten: 2,146 Millionen Mark. Erlöse und Spenden: 1,087 Millionen Mark, Zuschüsse: 1,1 Millionen Mark.

Kuratoren

Zum vierten und letzten Mal war Arnold Bode Ausstellungsleiter. An seiner Seiten fehlten nun Werner Haftmann und Werner Schmalenbach. Zum riesigen documenta-Rat zählten Politiker und Repräsentanten der Verwaltung. Fachliche Experten waren unter anderen Prof. Freiherr von Buttlar, Gerhard Bott, Klaus Gallwitz, Eugen Gomringer, Dietrich Helms, Prof. Albert Schulze Vellinghausen, Heinrich Stünke und Prof. Eduard Trier. Wichtigste Persönlichkeit neben Arnold Bode war Jean Leering.

Ausstellungsorte

Museum Fridericianum

Das klassizistische Gebäude war 1779 als erster für die Öffentlichkeit bestimmter Museumsbau auf dem europäischen Kontinent vollendet worden. Das Fridericianum beherbergte Teile der landgräflichen Sammlungen und die Bibliothek. Im Zweiten Weltkrieg brannte das Gebäude aus. Arnold Bode entdeckte die notdürftig gesicherte Ruine als Ort für die zeitgenössische Kunst. Seit 1955 sind das Fridericianum und der davor liegende Friedrichsplatz das Herzstück jeder documenta. Seit 1988 dient der Bau zwischen den documenten als Kunsthalle. Außerdem hat in ihm der Kunstverein seine Räume.

Orangerie

In der Parkanlage Karlsaue liegt die Anfang des 18. Jahrhunderts als Gewächshaus und Lustschloss errichtete Orangerie. Sie wurde 1943 fast vollständig zerstört. Die documenta-Ausstellungen von 1959, 1964 und 1968 bezogen die Orangerie als Kulisse für die Skulpturen und Großplastiken ein. Nach dem Wiederaufbau in den 70er-Jahren war die Orangerie von 1977 bis 1987 dreimal zweitgrößter Ausstellungsplatz (nach dem Fridericianum). Seit der Einrichtung des Astronomisch-Physikalischen Kabinetts in dem Gebäude (1992) steht der documenta nur noch ein 300 Quadratmeter-Raum zur Verfügung. Neue Galerie

Das Galeriegebäude an der Schönen Aussicht wurde 1871-74 für die Gemäldesammlung erbaut. Das im Zweiten Weltkrieg beschädigte Gebäude wurde in den 60er-Jahren wieder hergerichtet. Während der documenta III waren dort die Handzeichnungen zu sehen. Auch 1968 und 1972 blieb die Galerie zentraler documenta-Standort. Seit 1976 dient das Gebäude als Museum für die Kunst seit 1750. Die Ausstellungen von 1977 und 1982 konnten nur Teile des Museums in Anspruch nehmen. 1992 lud Jan Hoet solche Künstler in die Neue Galerie ein, die mit ihren Werken den Sammlungsbestand kommentierten.

Teilnehmende Künstler

  • Albers, Josef
  • Alviani, Getulio
  • Andre, Carl
  • Antes, Horst
  • Anuszkiewicz, Richard
  • Arakawa, Shusaku
  • Arman
  • Artschwager, Richard
  • Baer, Jo
  • Bell, Larry Stuart
  • Berns, Ben
  • Beuys, Joseph
  • Bladen, Ronald
  • Brüning, Peter
  • Bury, Pol
  • Calderara, Antonio
  • Camargo, Sergio de
  • Caro, Anthony
  • Castellani, Enrico
  • Castillo, Jorge
  • César
  • Chillida, Eduardo
  • Christo
  • Chryssa
  • Colombo, Gianni
  • Cornell, Joseph
  • Davis, Ron
  • De Maria, Walter
  • Dekkers, Ad
  • Demarco, Hugo
  • Di Suvero, Mark
  • Diller, Burgoyne
  • Dine, Jim
  • Dobes, Milan
  • Dubuffet, Jean
  • Engels, Pieter
  • Ernest, John
  • Fahlström, Oyvind
  • Flavin, Dan
  • Fontana, Lucio
  • Fruhtrunk, Günter
  • Geiger, Rupprecht
  • Geldmacher, Klaus & Mariotti, Francesco
  • Gerstner, Karl
  • Gnoli, Domenico
  • Goeschl, Roland
  • Golden, Daan van
  • Graevenitz, Gerhard von
  • Graubner, Gotthard
  • Hains, Raymond
  • Hamilton, Richard
  • Hauser, Erich
  • Heerich, Erwin
  • Held, Al
  • Higgins, Edward
  • Hill, Anthony
  • Hockney, David
  • Hoyland, John
  • Indiana, Robert
  • Jacquet, Alain George Frank
  • Jensen, Al
  • Johns, Jasper
  • Jones, Allen
  • Judd, Donald
  • Kadishman, Menashe
  • Kampmann, Utz
  • Kelly, Ellsworth
  • Kienholz, Edward
  • King, Phillip
  • Kitaj, R. B.
  • Klapheck, Konrad
  • Klein, Yves
  • Kolár, Jirí
  • Kosice, Gyula
  • Krushenick, Nicholas
  • Le Parc, Julio
  • Lenk, Thomas
  • LeWitt, Sol
  • Lichtenstein, Roy
  • Lindner, Richard
  • Lo Savio, Francesco
  • Lohse, Richard Paul
  • Louis, Morris
  • Malaval, Robert
  • Manders, Jos
  • Manzoni, Piero
  • Mari, Enzo
  • Marisol
  • Martin, Kenneth
  • Mavignier, Almir
  • Megert, Christian
  • Morellet, François
  • Morris, Robert
  • Munari, Bruno
  • Nauman, Bruce
  • Negret, Edgar
  • Nevelson, Louise
  • Newman, Barnett
  • Noland, Kenneth
  • Nusberg, Lev
  • Oldenburg, Claes
  • Olitski, Jules
  • Paolozzi, Eduardo
  • Pichler, Walter
  • Pistoletto, Michelangelo
  • Poons, Larry
  • Raetz, Markus
  • Ramon
  • Rauschenberg, Robert
  • Raveel, Roger
  • Raysse, Martial
  • Reichert, Josua
  • Reinhardt, Ad
  • Rickey, George Warren
  • Riley, Bridget
  • Rivers, Larry
  • Rosenquist, James
  • Roth, Dieter
  • Samaras, Lucas
  • Sandle, Michael
  • Schoonhoven, Jan J.
  • Segal, George
  • Severen, Dan van
  • Smith, David
  • Smith, Richard
  • Smith, Tony
  • Stanley, Bob
  • Stella, Frank
  • Sykora, Zdenék
  • Tajiri, Shinkichi
  • Takis
  • Talman, Paul
  • Tàpies, Antoni
  • Télémaque, Hervé
  • Thek, Paul
  • Tilson, Joe
  • Tinguely, Jean
  • Trova, Ernest
  • Tucker, William
  • Turnbull, William
  • Tyzack, Michael
  • Uecker, Günther
  • Ultvedt, Per Olof
  • Vasarely, Victor
  • Visser, Carel
  • Voss, Jan
  • Warhol, Andy
  • Wesselmann, Tom
  • Westermann, H. C.

Beispielhafte Kunstwerke

Konrad Klapheck (*1935): Der Krieg, Ölbild, 1965

Schreib- und Nähmaschinen, Telefone und Duschen, Fahrräder und Bohrer – das sind die Motive, die der Düsseldorfer Maler Konrad Klapheck über Jahrzehnte bevorzugte. Klapheck malt diese Maschinen in einer überdeutlichen Klarheit. Sie sind stilisiert, ins Monumentale gesteigert und magisch aufgeladen. Die Bilder wirken kühl und seelenlos. Und doch sind sie emotional angelegt. Klapheck merkte nämlich, nachdem er 1955 sein erstes Schreibmaschinenbild gemalt hatte, dass er über diese Art der Kompositionen seinen Gedanken und Gefühlen unbewusst Ausdruck geben kann. Die Maschinen sind für ihn Mütter und Väter, Herrscher und Sexbomben, Junggesellen und Kämpfer. So wird auch der Titel dieses Bildes verständlich: „Krieg“ – die Maschinen scheinen angriffsbereit zu sein.


Andy Warhol (1928 – 1987): Flowers, Acryl auf Leinwand, 1964

Die Bilder, die uns im Alltag umgeben, brachte der Pop-Künstler Andy Warhol in den Kunstraum zurück: Bilder von Marilyn Monroe und von Suppendosen, von Elektrischen Stühlen und stilisierten Blumen. Warhol, der selbst aus der Werbebranche kam, übernahm per Siebdruck die Fotovorlagen aus Zeitungen und Zeitschriften in seine Malerei. Er vereinfachte und verfremdete die Bilder und entlarvte sie als Klischees der Massengesellschaft, indem er von jedem Motiv ganze Reihen schuf. Mit Hilfe seiner Blumenbilder hatte Warhol für die documenta einen ganzen Fries geschaffen. Kein Idol oder Symbol war vor der Bearbeitung durch Warhol sicher. 1977 zeigte er in Kassel großformatige Improvisationen zum Symbol des Sowjetsystems – zu Hammer und Sichel.


Christian Megert (*1936): Spiegelraum (1964)

Op-Art und Pop-Art. Die Kunst war unterhaltsam geworden. Sie verarbeitete vertraute Bilder und benutzte die Effekte von Licht und Bewegung. Das zu allen Zeiten faszinierende Spiegelmotiv wurde nun nicht mehr gemalt, sondern zum Erlebnisraum umgestaltet. Der Schweizer Künstler Christian Megert schuf Reliefs mit Spiegelelementen und zeigte Spiegelfolien, die nach Art der Futuristen das eingefangene Bild zergliederten und vervielfältigten. Megerts große Attraktion war ein 30 Quadratmeter großer Spiegelraum, der sich ins Unendliche fortsetzte. Vor allem der sich nach unten öffnende Spiegelschacht bot nicht nur intime Einblicke, sondern verunsicherte auch die Besucher, die ihn betraten.


James Rosenquist (*1933): Fire Slide, Ölbild (!967)

Von den amerikanischen Malern war man Großformate gewöhnt. Aber dieses Bild von James Rosenquist, das eine ganze Wand im Treppenhaus des Museums Fridericianum füllte, sprengte alle Vorstellungen. Es war nicht nur über acht Meter hoch, sondern es wirkte auch wie der kleine Ausschnitt aus einem noch größeren Gemälde. Denn „Fire Slide“ (Feuerrutsche) zeigt die Beine und Schuhe eines Feuerwehrmannes, der an einer Stange zum Einsatz runterrutscht. Rosenquist setzte bei seinen Gemälden auf Überwältigung und Verblüffung. Seine Vorbilder hatte er in der Plakatmalerei entdeckt. In der documenta signalisierte das Treppenhaus-Bild den späten Triumph der Pop-Art.


Christo und Jeanne-Claude (*1935): 5600 Kubikmeter Paket, Ballonhülle und Seile (1967/68)

Rund sechs Wochen lang hielten der bulgarisch-amerikanische Künstler Christo und seine auf den Tag gleich alte Frau Jeanne-Claude die Kunstwelt in Atem: Würde es ihnen gelingen, das 85 Meter lange Luftpaket auf der Karlswiese vor der Orangerie zum Stehen zu bringen? Dreimal scheiterten der Künstler und seine Helfer. Endlich, im vierten Anlauf klappte es, und die documenta 4 hatte ihr Wahrzeichen. Unfreiwillig war der Beitrag Christos zur Aktion geworden, die der Ausstellung zu einer neuen Dimension verhalf. Von nun an waren die Zeiten vorbei, in denen die Ausstellung nach der Eröffnung unverändert und unbelebt blieb. Wie bei seinen späteren Verhüllungsprojekten hatte Christo seine Arbeit durch zahlreiche Zeichnungen und Collagen vorbereitet.


Allen Jones (*1937): Perfect Match, Ölbild (1966/67)

Es war die Zeit der Tabubrüche. Der Londoner Pop-Art-Künstler Allen Jones thematisierte den Sex, der bis in die 60er-Jahre öffentlich nicht behandelt worden war. Seine Lieblingsmotive waren Frauen in hochhackigen Schuhen, die ihren Körper zur Schau stellten. Das von Jones gemalte Bild reduziert die Frau – im Sinne der damals immer kühner werdenden Werbung - auf die Sexsymbole, auf die Beine, die Brüste, den roten Mund und das volle Haar. Das Gesicht bleibt ansonsten leer – so als zähle es nichts. Diese zuspitzende Darstellung der Frau ließ lange übersehen, dass Jones auch ein hervorragender Maler war, der eine ungewöhnliche Bildsprache entwickelte.


Edward Kienholz (1927-1994): Roxy’s, Environment (1960/61)

Das Kunstwerk als Bühne. Vier Jahre zuvor hatte die documenta mit der Abteilung „Bild und Skulptur im Raum“ die Malerei in die dritte Dimension erweitert. Nun aber erlebten die Besucher eine richtige Inszenierung. Der amerikanische Künstler Edward Kienholz hatte aus alten Möbeln ein Bordell aus den 40er-Jahren nachgebaut. Der Raum war mit lebensgroßen Figuren und Puppen ausgestattet, die in dieser miefigen, kleinbürgerlichen Atmosphäre auf erschreckende Weise die Erniedrigung und Zerstörung der Menschen ausdrückten. Die Besucher konnten beim Gang durch diesen Raum nicht mehr vornehm auf Distanz bleiben. Die Wirklichkeit hatte sie auf überraschende Weise eingeholt.


Peter Brüning (1929-1970): Straßenwand, Mischtechnik (1968)

Diese Sprache verstand jeder: Punktreihen und Linien, Spuren und Verbindungen. Der deutsche Maler Peter Brüning reagierte auf das neue entstandene Verkehrszeitalter, das sich an Hand von Wegezeichen und Karten orientiert. Brüning entnahm den Karten die Zeichensysteme und übertrug sie in seine dreidimensionalen Bildräume. Es entstanden künstliche Landschaften, die das veränderte Wirklichkeitsverständnis verdeutlichten. Der große Sprung vom Bild zur Skulptur verkürzte sich in Brünings Werk zum kleinen Schritt. In dieser Art von Bildgestaltung sah Brüning die letzte Möglichkeit der Landschaftsmalerei. Darüber hinaus wurde er zu einem wichtigen Erneuerer der Bildsprache.


Joseph Beuys (1921-1986): documenta-Raum (1952-67)

Empörte Besucher der documenta demolierten den Raum. Sie meinten, da seien beziehungslos Tische, Stangen, Kisten und andere Objekte abgestellt worden. Erst später erschloss sich den Menschen, die mit dem Werk des Bildhauers und Aktionskünstlers Joseph Beuys näher in Berührung kamen, dass sich das Denken und Arbeiten des Künstlers auf einer ganz anderen Ebene vollzog. Die Materialien waren für ihn schon Träger von Botschaften: Die Batterie ist ein Energiezentrum, das Kupfer leitet die Kräfte, das Blei isoliert, das Fett nährt und der Filz wärmt und schützt. Beuys präsentierte die Objekte, die zum Teil aus Aktionen stammten, wie in einem Lager, aus dem man sich die Ausrüstung beschafft, die man für neue Unternehmungen braucht. Mit seiner Arbeit führte Beuys ein neues Begriffssystem der Kunst ein.

Texte für das documenta-mobil (2005)

Pressestimmen

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1955: documenta - 1959: II. documenta - 1964: documenta III - 1968: 4. documenta - 1972: documenta 5 (mit Bildergalerie) - 1977: documenta 6 (mit Bildergalerie) - 1982: documenta 7 - 1987: documenta 8 - 1992: Documenta IX - 1997: documenta X - 2002: Documenta11 (mit Bildergalerie) - 2007: documenta 12 (mit Bildergalerien) - 2012: documenta 13 - Arnold Bode-Preis

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