Ernst Wilhelm Nay

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Das documenta-Lexikon
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Ernst Wilhelm Nay war ein deutscher Maler (1902-1968), dessen Werke auf der documenta 1, documenta II und der documenta III ausgestellt wurden.

Schirn in Frankfurt rekonstruiert Nays documenta-Raum von 1964

Zu den am meisten beachteten und umstrittensten Beiträgen zur documenta III (1964) gehörten neben dem Raum für den Amerikaner Sam Francis die drei documenta-Bilder von Ernst Wilhelm Nay, die unter die Decke gehängt worden waren. Die Gemälde, die heute dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg gehören, sind bisher nie wieder in dieser Form gezeigt worden. Jetzt aber, 35 Jahre nach dem Bilderstreit in Kassel, wird anlässlich der Ausstellung des Spätwerks von Nay in der Frankfurter Schirn (22. Januar - 26. April) der documenta-Raum mit den Bilder von Nay rekonstruiert. Dieser Raum wird der Höhepunkt der Frankfurter Schau sein.

Das Besondere an dem Nay-Beitrag war, dass er allein auf Initiative von Arnold Bode zustande kam. Bode plante als einen Schwerpunkt der documenta III die Abteilung “Bild und Skulptur im Raum”. In ihr sollte sichtbar werden, dass die Kunstwerke, Skulpturen wie Gemälde, ihren spezifischen raum und Umraum brauchten. Die Werke sollten sich über ihre Gestalt hinaus in den Raum wirken.

Bereits bei seiner ersten documenta (1955) war Bode ungewöhnliche Wege gegangen. Er hatte nicht mit schwarz-weißen Kontrasten und bühnenartigen Vorhängen gearbeitet, sondern auch einige Gemälde wie Objekte behandelt. Der Kritiker Rudolf Lange schrieb in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung: ” Hier wurden ein paar Säulen weiß gekalkt, dort schwarz gestrichen, hier hängen Gemälde an der Wand, dort stehen sie auf unauffälligen Metallständern: Immer wieder wird das Auge aufs neue überrascht…”

Arnold Bode war der große Inszenator. Auf seiner einfallsreichen, aber auch eigenwillig-selbstherrlichen Umgangsweise mit den Kunstwerken beruhte auch der Erfolg der documenta von 1955. Nun aber, neun Jahre später, wollte Bode die Maler zu seinen Verbündeten machen und mit ihnen gemeinsam ausprobieren, wie die Bilder über dich hinaus in den Raum wirken konnten. Im Vortwort zum Katalog der documenta III schrieb Bode: “Daher versuchen wir nun, Räume zu schaffen und Raumbezüge herzustellen, in denen Bilder und Plastiken sich entfalten können, in denen sie sich nach Farbe und Form, nach Stimmung und Strahlkraft steigern und verströmen.”

Dabei schlugen Bode und Haftmann einen Weg ein, der heute im Ausstellungsbetrieb normal ist, damals aber ungewöhnlich war: Für einzelne Räume wurden Werke bei einigen Künstlern bestellt. Werner Haftmann erläuterte das Verfahren am 14. 10. 1963 an den Maler Rupprecht Geiger: “… Ihre Vermutung betreffend die Auftragserteilung durch DOCUMENTA stimmt insofern, als wir wirklich gern Künstler anregen möchten, für bestimmte räumliche Situationen und am Ort etwas zu machen. Für regelrechte ‘Aufträge’ ist unsere finanzielle Decke zu kurz….”

Für den in Köln lebenden Maler Ernst Wilhelm Nay entwickelte Bode eine ganz spezielle Idee: In einem relativ schmalen, langgezogenen Raum sollten schräg unter die Decke drei großformatige Gemälde gehängt werden. Nay sollte sie eigens dafür malen.

Nay wollte anfangs nicht

Aber Nay war anfangs von der Idee wenig begeistert, wie ein Brief von Haftmann an Bode vom 8. Oktober 1963 verrät: “Die Vorstellung eines Deckenbildes in Deinem ‘musée-pilote’ leuchtet ihm nicht ein. Er fürchtet auch, dass ihm Dekorativismus vorgeworfen werden könnte, was ihn im Augenblick sehr treffen würde. Für eine Wand wäre er unter Umständen zu haben, wenn man ihm die Situation schmackhaft machen könnte. Er lehte jedenfalls die Idee nicht ab, ohne aber besonderen Enthusiasmus zu zeigen. Dabei bemerkte ich, wie schwer es ist, eine bestimmte Konzeption, die man nur in Grundzügen kennt, einem Maler verlockend zu machen.”

Haftmann drängte Bode, bald direkt nach Köln zu fahren und mit Nay zu sprechen: “Das Terrain ist präpariert. Vielleicht fängt er gar Feuer und malt Dir irgendetwas für Dein ‘Musée-pilote’….”

Den Äußerungen Haftmanns ist zu entnehmen, dass er selbst von dem Plan und solcher Auftragskunst wenig hält. Vor allem wird klar, dass nicht die (noch nicht) gemalten Bilder den Umraum brauchen, sondern dass der gedachte Raum nach speziellen Bildern verlangt.

Doch Bode war nicht zu bremsen. Er warb um Nays künstlerische Mitarbeit und machte Vorschläge für die Formate (4×4 Meter) und die Farbfolge. Am 16. 12. 1963 schrieb Bode an Nay: “Ich wünsche so sehr, - daß Sie die Raumbilder malen! Mir scheint es, daß wir wieder den Raum und geistigen Ort für das Bild gefunden hätten!… 3 Bilder im Raum als Raumbilder in der Farbfolge! Diese Lösung hat das Besondere, daß das Bild C = über dem Durchgang liegt! Also nie durch die Passage der Beschauer verdeckt wird. Scheint mir die beste Lösung!…”

Nay machte schließlich mit - vielleicht auch deshalb, weil sein Wunsch erfüllt wurde, einen Raum direkt naben dem von Sam Francis zu erhalten. Werner Haftmann hatte nämlich in seinem Brief an Bode vom 8. 10. 1963 berichtet: “Dabei sieht er sich ganz gern in der Nähe von Sam Francis und Rothko, Namen, die Du im Gespräch als ungefähre Nachbarn kennst. - Mit anderen Namen sei lieber zurückhalten…”

Nays Raumbilder gehörten schnell zu den prominentesten Werken der documenta III - bewundert und heftig kritisiert. Nays Furcht vor dem Vorwurf des “Dekorativismus” erwies sich nicht als unbegründet. Die Inszenierung, so meinten Kritiker, mache sich die Bilder untertan. “Das Bild wird zum Mittel, mit dem eine, was ihren Anspruch angeht, ziemlich problematische Raumwirkung erzielt wird,” schrieb am 24. 7. 1964 der Kritiker Lothar Orzechowski in der Hessischen Allgemeinen. Auch wurde kritisiert, dass, wenn man von der “falschen” Seite in den Nay-Raum kam, man nicht die Malerei, sondern die Rückseiten der Bilder sah.

Allerdings waren auch im Umfeld des Künstlers nicht alle mit dem Ergebnis zufrieden. So schrieb Otto Grossmann am 16. 10. 1964 an Nay: “Eine gewisse Diskrepanz, unter der die Bilder leiden, liegt wahrscheinlich darin begründet, daß der Raum, der in den Bildern wirksam ist, ein anderer als der perspektivische Raum ist, in dem sie gehängt sind, wobei die konventionelle Perspektive des langgezogenen Raumes durch die Fluchtlinien unterstrichen wird, die sich aus der Schräghängung der Bilder und der sich daraus ergebenden Verjüngung nach hinten ergeben. Dadurch entsteht eine Verwirrung….”

Im Anschluss an die documenta III entwickelte sich ein heftiger Streit um die Bedeutung von Nay und seiner Malerei. Dabei war der Anlass, die ungewöhnliche Hängung, schnell vergessen. Zum Widerspruch rief vor allem die Tatsache heraus, dass Nay durch die originelle Präsentation zu dem überragenden deutschen abstrakten Maler erklärt worden war. Es waren die Kunstkritiker und -theoretiker Hans Platschek und Klaus-Jürgen Fischer, die beide auch Maler waren, die mit besonderer Heftigkeit gegen Nay polemisierten. Ein paar Zitate:

Hans Platschek am 4. 9. 1964 in der “Zeit”: “Offensichtlich ist, daß Nay Segenssprüche hervorruft und das, was er malt, auf den Händen getragen, anstatt an die Wand gehängt und angeschaut wird… Nicht Bet-Teppiche stehen schließlich zur Debatte, sondern Bilder.”

Klaus-Jürgen Fischer am 5. 11. 1964 im “Tagesspiegel”: ” Der Maler Ernst Wilhelm Nay ist deshalb zu einem “Fall” geworden, weil seine unaufhörliche Exponierung das deutlichste Symptom für die chronische Schwäche eines immer fester umreißbaren Lagers unserer kunstkritischen und kunstfördernden Intelligenz darstellt, für die die ästhetische Kategorie der bildnerischen Ordnung, Klarheit und Disziplin nicht existiert.” Und weiter: “Dennoch gilt die Regel: Je verworrener mythisch-expressiv ein Bild im farbigen, formalen und technischen Aufbau, desto mehr Chancen hat es, desto mehr Chancen hat es, von deutschen Kunstauguren als potent und bedeutend betrachtet zu werden.”

Aus: Meilensteine - documenta 1-12, 2. Auflage, 2007:

1964 - Ernst Wilhelm Nay: documenta-Bilder A, B und C

„Da hängen sie nun, schräg gestellt von der hohen Decke herab, im Fortschreiten als zusammenhängende Abfolge aufzunehmen, die drei Riesenbilder von E. W. Nay, die noch vor wenigen Monaten nur in der Phantasie des Auftraggebers Arnold Bode existierten und jetzt auf verblüffende Möglichkeiten vorausweisen, sie als feste Bestandteile des Raumes zu erleben.“

Carl-Georg Heise schrieb das 1964 in seiner documenta-Kritik. Ein neues Zeitalter hatte in der Ausstellungsgeschichte begonnen. Arnold Bode hatte nicht mehr nur Werke für die documenta ausgewählt, sondern hatte eine Idee entwickelt, für deren Umsetzung er gezielt Künstler mit bestimmten Arbeiten einlud oder sie zur Herstellung von Arbeiten aufforderte. Das, was heute üblich ist, dass für eine Ausstellung eigens Werke angefertigt wurden, begann Bode 1964 pionierhaft.

Vor Bodes Augen wurden die alten Kategorien hinfällig. Skulptur und Bild kamen sich näher, vor allem die Gemälde sprengten den Rahmen und drangen in den Raum vor. Gleichzeitig nahm er damit Abschied von der Vorstellung, dass ein Bild Wandschmuck sei. Es war für ihn ein architektonisches Gestaltungselement. Also entwickelte Bode das Konzept „Bild und Skulptur im Raum“. Nach Carl-Georg Heise gelangte die „kühne Planung“ nicht zur vollen Entfaltung. Aber die Besucher machten völlig neue Seherfahrungen. Der Italiener Emilio Vedova, der seit der ersten documenta regelmäßig mit seiner expressiven abstrakten Malerei in Kassel vertreten war, lockte die Besucher in ein dunkles, nur punktuell erleuchtetes Kabinett, in dem seine Tafelbilder förmlich zersprengt waren und wie Fetzen oder Torsi im Raum standen oder hingen. Die Malerei begann, auf neue Weise den Raum zu erobern. Noch weiter ging Bernard Schultze, der die Figuren seiner Malerei im Raum zu bemalten Körpern und Figurinen werden ließ. Und schließlich wurden die beiden Riesengemälde von Sam Francis wie Raumelemente präsentiert.



Bode schätzte und liebte die Malerei, ganz gleich, aus welchem Land sie kam. Er hatte den europäischen, den internationalen Blick. Trotzdem bemühte er sich immer wieder, den von ihm hoch geschätzten deutschen Malern einen angemessenen oder sogar hervorgehobenen Platz in der Ausstellung zu verschaffen. So forderte er schon 1963 Ernst Wilhelm Nay (1902-1968) auf, „3 Bilder im Raum als Raumbilder in der Farbfolge!“ zu malen. Diese Bilder, nahezu vier mal vier Meter groß, gehörten zu der Serie der „Augenbilder“ und hatten die Farbfolge Rot-Grün, Blau-Rot-Gelb und Schwarz-Grau.

Im Vergleich zu den Arbeiten von Schultze und Vedova waren die drei Werke noch klassische Tafelbilder geblieben. Ihre sensationelle Kraft gewannen sie aber erst durch die Hängung. Bode hatte sie als strenge Bildfolge schräg unter die Decke gehängt. So verwandelten sie den Raum in eine Kathedrale, in der man andächtig nach oben blickt. Sie waren zum Ersatz für Fresken geworden. Allerdings durfte man nicht von hinten auf die Bilder schauen, denn dann blickte man auf die toten Rückseiten.

Nays Bilder gehörten dank der Inszenierung von Bode zu den am meisten diskutierten documenta-Werken. Sie bewegten sich wie die meisten Bilder des Künstlers auf der Grenzlinie zwischen Gegenständlichem und Abstraktion. Die figürlichen Anker in den Bildern waren die Augen, die auf magische Weise den Betrachter in ihren Bann ziehen. Trotzdem dominierte die sich frei entfaltende, auf die Kraft der Farbe vertrauende abstrakte Malerei.

Wie Baumeister, Beckmann, Boccioni, Marini oder Picasso war Nay 1964 zum dritten Mal in der documenta vertreten. Seine Herausstellung durch die Rauminszenierung weckte Neid und Kritik. Nach der documenta III begann eine lautstark geführte Diskussion über die Bedeutung und noch mehr über die Überschätzung von Nay. Angezettelt wurde der Streit von Hans Platschek, der selbst auch Maler war und nur in der documenta II vertreten war, sowie von Klaus-Jürgen Fischer. So erregt und heftig die Diskussion war, so wenig Nachhall hatte sie. Zwar konnte die documenta Nay nicht in die Reihe der international hoch gehandelten Künstler drücken, aber sein malerischer Rang ist heute unbestritten.

Nay hatte davon geträumt, mit seiner Malerei in die dritte und vierte Dimension (Raum und Zeit) vorzudringen. Insofern kam die ungewöhnliche Hängung seinen Vorstellungen sehr entgegen. Nach der documenta aber waren die Bilder bisher nie wieder in dieser Form präsentiert worden.

Weblinks und Quellen