Erinnerungen an die Bombennacht

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Am 22. Oktober 1943 ging das alte Kassel im Feuersturm des Großangriffs der britischen Bomber unter. Damals starben 10 000 Menschen - sie erstickten in Luftschutzkellern, verbrannten oder wurden von einstürzenden Mauern erschlagen. Es war nicht nur der Schlag gegen den Rüstungsstandort und die Stadt der Reichskriegertage, gegen Henschel, Fieseler, Wegmann und all die anderen auf den totalen Krieg getrimmten Firmen. Nein, der Feuersturm sollte die gesamte überlebende Bevölkerung demoralisieren. Den Aufstand gegen Hitler erhofften sich die Briten. Eine fatale Fehleinschätzung - trotz des kaum ermesslichen Leides, das die Bomben verursachten. Sie waren die grausame Reaktion auf den von Deutschland verursachten Krieg, auf die Deportation und Ermordung der jüdischen Mitbürger, auf Konzentrationslager und millionenfaches Unrecht. Und doch hat auch das Leid einer Zivilbevölkerung im Bombenkrieg seinen Platz.

Die Bilanz seit dem Kriegsbeginn 1939 ist für Kassel verheerend. Von den 65.000 Wohnungen, die es vor dem Krieg gab, sind noch 19.000 halbwegs intakt. Etwa sechs Millionen Tonnen Trümmerschutt müssen abtransportiert werden. Von 220.000 Einwohnern, die 1939 gemeldet waren, sind noch 71.209 Deutsche und 22.825 Ausländer (vorwiegend Zwangsarbeiter) in der Stadt. Die frühere jüdische Bevölkerung existiert nicht mehr. Etwa 1300 ehemalige Nachbarn sind bereits ab 1941 per Zug vom Hauptbahnhof deportiert und in Konzentrationslagern ermordert worden. 10 000 Menschen waren allein bei dem Großangriff der britischen Luftwaffe am 22. Oktober 1943 ums Leben gekommen. Erinnerungen an diese Zeit lesen Sie hier:

Unser Experte: Hans Germandi

Hans Germandi
Hans Germandi, dem der Vater die Liebe zur Heimatstadt mit in die Wiege gelegt hatte, lief am Tag nach der Bombardierung mit der Kriegsmarine in der Deutschen Bucht ein. Germandi, es ist ein Telegramm für Sie da, Sie sind bombengeschädigt, empfängt der damals junge Mann die Hiobsbotschaft. In Kassel dann ein Anblick, den man nie vergessen kann. Als er durch die Stadt zum Elternhaus laufen will, sieht er links und rechts nur Trümmer. Das Haus dem Erdboden gleichgemacht, Vater, Mutter und Schwester tot. Kassel-Historiker Hans Germandi wurde 1925 in Kassel geboren. Sein Spezialgebiet ist Kassels Altdtadt, die in den Luftangriffen im Zweiten Weltkrieg untergring. Der 1925 geborene wird nicht müde, die Erinnerung an das alte Kassel wachzuhalten. Unerschöpflich scheint sein Vorrat an historischen Bildern und Geschichten davon, wie es früher einmal war. Nicht so kalt und unpersönlich wie heute, sagt der Rentner, der nur einen Steinwurf von der Martinskirche entfernt wohnt. An der Kastenalsgasse stand sein Elternhaus. Zusammen mit der Schwester kamen sie bei den Bombenangriffen vor 59 Jahren ums Leben. Der damals 18-jährige Hans Germandi war als Marinesoldat eingezogen. Lesen Sie hier mehr zu Hans Germandi


Günther W. Seibert: "Wie ein Blick in die Hölle"

Günther W. Seibert hat seine Erinnerungen an die Bombennacht aufgeschrieben - lesen Sie hier Auszüge:

Als am 22. Oktober um 20.18 Uhr die Luftschutzsirenen losheulten und Fliegeralarm gaben, war ich erst einmal sauer. Wieder zu früh. Denn wenn es nach 22 Uhr Fliegeralarm gab, fielen die ersten zwei Stunden Unterricht in der Schule aus.

Ich hatte mal wieder die Aufgaben nicht vollständig gemacht, diesesmal Mathe und das hatten wir in den ersten beiden Stunden.

Günther W. Seibert
Nach aller Wahrscheinlichkeit würden die Amis - später stellte sich heraus, dass es überwiegend die Engländer waren, welche zu dieser Zeit die Luftangriffe flogen - in einer guten halben Stunde über die Stadt hinweg geflogen sein und dann gab es wieder Entwarnung. Die Folge war, dass man morgens noch schnell die Aufgaben auf der Schulhofmauer abschreiben musste.

Im Warnfunk der Flugabwehr, auch Tickerfunk genannt, weil in den Funkpausen ein Ticken zu hören war, wurde das Kasseler Planquadrat als Anflugsziel angegeben. Meine Mutter griff das bereitstehende Notfallköfferchen mit den wichtigsten Papieren und wir marschierten in den Keller, wo wir die beiden restlichen Bewohner des Hauses trafen, deren Familien bereits evakuiert waren. [...]

Während meine Mutter und Nachbar Dr. R. Im Keller blieben, standen Nachbar Herr B. und ich in der Haustüre und lauschten dem immer stärker werdenden Dröhnen der Flugmotoren. Am Himmel sah man die Finger der Flak Scheinwerfer und vereinzelt schoss auch die Flak. Plötzlich war aus der Nacht ein heller Tag geworden. Schräg über uns gingen zwei riesige Leuchtbomben, auch Christbäume genannt, nieder. Diese Leuchtbomben bestanden aus einzelnen Magnesiumfackeln, deren Abbrennen man in ruhigen Sekunden hören konnte. „Jetzt wird es Zeit, dass wir in den Keller kommen“ sagte Herr B., da warfen uns die Druckwellen der ersten Bomben auch schon die Kellertreppe hinunter.

Das 90 Minuten andauernde Inferno brach los.

Schon bald gab es ein kurzes Flackern in den Lampen und dann brach die Stromversorgung ab. Mit zitternden Händen wurden die Kerzen angezündet.

In einem Moment der Ruhe dachte ich, es wäre doch besser gewesen, ohne Aufgaben in die Schule zu gehen.

Plötzlich Rufe auf der Straße: „Bei Seiberts brennt´s!" Herr B., meine Mutter und ich hasteten die Kellertreppe nach oben. Durch den Druck der Bombenexplosionen war die Haustüre weit aufgeflogen.

Der Himmel war glutrot vom Feuerschein, man meinte das Prasseln der Flammen zu hören.

In dem Moment fielen keine Bomben, aber die Luft wurde von laufenden Explosionen erschüttert. Als wir in die zweite Etage kamen, konnten wir Flammen durch die Ritzen der Dachluke sehen. Der Dachboden war durch eine Metall Leiter zu erreichen, die über besagte Luke nach unten gezogen wurde. Als Herr B. und ich die Luken-Klappe nach unten zogen, kamen uns schon Funken und Brandteile entgegen. Die Leiter entriegeln und herabziehen war eine Arbeit von wenigen Sekunden. Da ich am nächsten an der Leiter stand, wollte ich als Erster hinauf. Auf halber Höhe machte ich einen Fehltritt und fiel zurück auf den Treppenabsatz. Herr B. stellte fest, dass eine Stufe der Leiter fehlte. Das war unser Glück. Die Stabbrandbombe war auf eine der recht stabilen Stufen geschlagen und hatte diese aus den Holmen gerissen. So fehlte die Durchschlagskraft und die Brandbombe brannte, halb auf der verbogenen Stufe liegend, still vor sich hin. Herr B. und ich ließen uns von meiner Mutter, die auf dem Treppenabsatz stand, eine Schaufel und Sand herauf geben. Da das halbe Dach abgedeckt war, konnte ich die brennende Bombe bequem in den Garten werfen. Herr B. deckte die angekohlten Dielen mit Sand ab und das Haus war gerettet. Bei den Nachbarn ging es nicht so glimpflich ab, deren Haus brannte lichterloh. Der Blick durch die Dachlatten auf den Ortsteil und über die Stadt mutete an wie ein Blick in die Hölle. Atemlos stiegen wir über die defekte Leiter nach unten, ich vornweg. Während unserer Arbeit auf dem Dachboden hatte meine Mutter einen Wasserkübel an die Leiter gezogen. Ich mit beiden Beinen hinein. Trotz der Tragik der Stunde mussten wir dann doch alle lachen. [...]

In Wilhelmshöhe fielen schon seit geraumer Zeit keine Bomben mehr, ob in der Stadt, war nicht auszumachen, da in unablässiger Folge Blindgänger explodierten. Aber das durch Mark und Bein gehende Heulen der niedergehenden Bomben war verstummt. Wir trauten uns dann doch vor das Haus auf die Straße. Die Straße war übersät mit Glas-, Holzsplittern und Trümmern von Dachziegeln. Es war inzwischen sicherlich Mitternacht geworden. Ich wollte zum Haus von Großvater und Tante. Meine Mutter wollte mich unter keinen Umständen gehen lassen, es sei viel zu gefährlich. Ich setzte mich durch und lief Richtung Schloß Weißenstein. Die Straßen waren fast leer. Nur hin und wieder standen Menschen vor brennenden Häusern. Dazwischen immer wieder das Detonieren von Blingängern, in der Nähe oder auch weiter weg. Ich gebe es ehrlich zu, ganz wohl war mir nicht. Bei den Großeltern war alles in Ordnung. Nach einem kurzen Bericht und Umarmung ging es wieder heim. An Schlaf war nicht zu denken. Also ging es ans Aufräumen.[...]


Paul Krum wurde am Tag des Großangriffs auf Kassel neun Jahre alt

Artikel Paul Krum

Der Artikel zum Nachlesen

Küster Christoph Dietrich kümmerte sich in der Bombennacht um die Lutherkirche

Elisabeth und Christoph Dietrich
„So lebt Geschichte immer wieder auf“, sagt Kirchenvorsteher Dr. Hans Helmut Horn: „Anhand von Einzelschicksalen.“ Steinchen für Steinchen werde das Mosaik zu einem historischen Gesamtbild zusammengesetzt. So wie jetzt im Fall des Diakons Christoph Dietrich, der von 1924 an Küster an der Lutherkirche war. Die ganze Geschichte gibt es hier






Horst Salzmann hat die Zerstörung Kassels 1943 erlebt

Horst Salzmann
Am Abend des 22. Oktober 1943 geht Horst Salzmann zur Nachtschicht. Der 15-Jährige ist Luftschutzwart im Keller unter dem Residenzpalais am Friedrichsplatz. Wenn es keinen Luftalarm gibt, kann er die Nacht im Keller durchschlafen. Diese Nächte sind ihm am liebsten, denn der Schulbetrieb läuft trotz des Krieges weiter. Vom Haus seiner Eltern am Grünen Weg sind es nur wenige Minuten zu Fuß. Vier Stunden später wird er diesen Weg nicht mehr gehen können. Wegen der Flammen, wegen der Hitze. Die ganze Geschichte gibt es hier







Zusammengestellt: Mehr Erinnerungen

Willy Vasserot (78): Mit 18 Jahren bin ich als Melder einem Selbstschutztrupp in der Obersten Gasse zugeteilt. (...) Ich bekomme den Befehl, im Renthof Meldung zu machen. Viele Häuser brennen schon. Weil ich kaum noch atmen kann, habe ich den Filter der Gasmaske etwas gelockert, sofort tränen mit die Augen. (...) Zum Königsplatz war kein Durchkommen mehr. Die Flammen trafen auf der Mitte der Straße zusammen. Eine junge Frau schrie fürchterlich. Sie hatte in der Aufregung ihr Baby verloren. Am Druselplatz brach ich zusammen. Ich wurde plötzlich wach, als jemand sagte: Den müssen wir an die Seite legen, der lebt noch. Man war dabei, die Toten abzutransportieren.

Gerd Nöding (68): Als wir aus der Haustür (am Westring) kamen, erwartete uns ein Inferno: Brennende Häuser, herabstürzende Mauern und glühendes Gebälk. Auf der Straße lagen noch Brandbomben. Wir liefen in Richtung Schlachthofstraße, den Kinderwagen mit nassen Decken bedeckt, ich an der Hand meiner Mutter. Um ein Haar wären wir von einem herabstürzenden, brennenden Balken getroffen worden. P.S.: Es ist wichtig, die Erinnerung für die Generation unserer Enkel wachzuhalten, um sie vor so schlimmen Zeiten zu bewahren.

Alfred Peppermüller (69): Als Neunjähriger erlebte ich die Bombennacht im Luftschutzkeller des Bahnhofs Bettenhausen. Meine Eltern hatten damals die Bahnhofsgaststätte gepachtet. Während des Angriffs kamen plötzlich durch den Notausstiegsschacht Funken herein. Wir sind raus auf den Bahnhofsvorplatz. Ich erinnere mich besonders an das eigenartige Rauschen, das heulende Geräusch einer Bombe, die hinter dem Salzmannhof niederging. Das schaurigste Bild, das mir immer wieder vor Augen kommt, war der Anblick jener enormen Rauchwolke, die wie von Geisterhand innen glutrot beleuchtet war.

Hans Dickmann (72): In dem Kellergewölbe des Gasthauses Bärenkammer war dann Endstation. Der große Keller war voller Menschen, denn von allen Seiten kamen die Leute aus den Durchbrüchen. Wir suchten uns einen Platz zum Ausruhen. Wenn einer von uns drohte einzuschlafen, wurde er sofort von unserer Mutter geweckt. Wahrscheinlich wären wir nicht wieder aufgewacht. An den Wänden lagen haufenweise aufgestapelt die Menschen, als wenn sie schliefen - sie waren tot. Wahrscheinlich reichte auch deshalb der Sauerstoff für die anderen.

Waltraud Pape (68), die ihre Kindheit und Jugendjahre in Bad Karlshafen verbracht hat: Gegen 20 Uhr gab es auch in Karlshafen Fliegeralarm. Von meinem Elternhaus sahen wir am südlichen Nachthimmel die hellen Scheinwerfer der Flak wie lange Leuchtstäbe. Zunehmend war Flugzeugbrummen zu hören, zuweilen schrill und lauter werdend. Der Nachthimmel wurde im südlichen Bereich immer heller und in rötliche Farben getaucht.

Jürgen Rübesam (74): Am nächsten Morgen sahen wir dann die armen Menschen, die aus der Stadt die Wilhelmshöher Allee entlangkamen. Viele trugen Verbände und hatten entzündete Augen, ihre Gesichter waren vom Schrecken gezeichnet. Wir hörten das erste Mal von der furchtbaren Nacht in der Stadt, wollten das aber alles nicht so recht wahrhaben. Mein Bruder ging also los. Als er gegen Mittag zurückkam, war er ganz verstört. Er erzählte uns, die ganze Stadt liege in Trümmern.

Johanna Rastemborski, Kassel: Obwohl der 60. Jahrestag der Zerstörung Kassels vorüber ist, möchte ich noch ein Erlebnis schildern. Kürzlich las ich in einem Artikel, dass Bomberpiloten zwei Explosionen mit gelbem Rauch, Richtung Holländischer Platz, gesehen haben. In dem Buch von Werner Dettmar zum 40. Jahrestag der Zerstörung Kassels ist auf Seite 152 auch von zwei Explosionen die Rede. In der Nacht zum 23.10.1943 war ich im Keller eines allein stehenden Hauses in der Moritzstraße (damals Henschel-Anlagen, heute Uni-Gelände). Plötzlich gab es einen fürchterlichen Knall, und Flammen schlugen durch das Kellerfenster. Der Hauswirt sagte, das war eine Karbid-Halle, das passiert noch einmal. Kurz darauf erfolgte die zweite Detonation, und schlugen wieder Flammen durch das Kellerfenster. Der Schrecken war groß, aber das Haus blieb stehen. Möglicherweise ist damit das Rätsel um die zwei Explosionen gelöst.

Liesel Battenberg, Ottr.-Weißenborn: Ich war beim Angriff auf Kassel 16 Jahre alt und wohnte in einem Ort im Altkreis Ziegenhain, der etwa 60 von Kassel entfernt ist. Wir sahen nicht nur den hell erleuchteten Himmel, sondern auch die Christbäume. In Ihrem Artikel vermisse ich die Erwähnung des Einsatzes von Phosphor. Die Mehrheit der Menschen, die es ins Freie schafften, wurde von Phosphor übergossen und brannte wie eine Fackel. Am Morgen des 23. Oktober 1943 wurden alle verfügbaren Jungen (Hitlerjugend), Kinder zwischen zwölf und 16 Jahren, nach Kassel gekarrt, um nach Überlebenden und Toten zu suchen. Aus Berichten Betroffener klang blankes Entsetzen. Es wurde davon gesprochen, dass die Jungen sich weinend geweigert haben, Tote aus den Kellern und die von Phosphor verbrannten und geschrumpften Leichen zu bergen. Ich selbst musste drei Tage später zu Aufräumarbeiten nach Kassel. Von all den Toten habe ich nichts mehr gesehen, aber allein die Zerstörung um mich herum hatte auch in mir blankes Entsetzen ausgelöst.

Günter Kozica: Günter Kozica hat den Tag als neunjähriger Rothenditmolder Bub erlebt. Ein einziges Flammenmeer bot sich den Augen des kleinen Jungen, als er aus dem Schutzkeller heraustrat. Ringsum brannten alle Häuser lichterloh, die Hitze war nicht auszuhalten. Dort, wo vorher intakte Häuserzeilen gestanden hatten, sah er nun zerfressene, flammengeschwärzte Skelette oder nur noch Schutthaufen.

Wilfried Gräber aus Burghaun: Meine Mutter wohnte mit meiner Schwester, die in der Bombennacht 1943 gerade 3 ½ Jahre war und mir, damals 6 ½ Jahre alt, in der Tischbeinstraße. Mein Vater war Sanitäter in Biedenkopf, etwa 100 Kilometer Luftlinie entfernt. Fast jede Nacht gab es zuletzt Fliegeralarm. Zum Teil waren es Scheinangriffe, manchmal gab es auch Bombenabwürfe, so dass die Fensterscheiben barsten. Meine Mutter versuchte, uns Kinder nach jedem Alarm schnell anzuziehen. Ich selbst stand, so hat sie es mir später erzählt, kerzengerade und stocksteif, noch halb schlafend im Bett. Für meine Mutter war es schwierig, mich in diesem Zustand ebenfalls schnell anzuziehen. Meine Mutter trug dann meine Schwester auf ihrem Arm etwa 40 Stufen runter in unseren Doppelkeller. In der anderen Hand trug sie einen Koffer mit notwendigen Sachen. Ich ging nebenher ebenfalls in den Keller. Sobald der Angriff vorüber war, leuchtete meine Mutter mit Kerzen die Steppdecke ab und entfernte die Scherben, die überall herumlagen. Dies passierte manchmal sogar zweimal in einer Nacht, wenn es nach einem Scheinangriff zunächst Alarm und dann Entwarnung gegeben hatte und kurze Zeit später erneut die Sirenen heulten. Als dann die Angriffe immer heftiger wurden, gingen wir anfangs zum Weinbergbunker. Wir waren noch unterwegs, als die Aufklärungsflugzeuge schon ihre Christbäume gesetzt hatten. Die Stadt war taghell erleuchtet und schon fielen die ersten Schüsse und Bomben. Gespenstisch huschten die Lichtkegel der Flakabwehr über den Himmel oder waren es die Scheinwerfer der Flugzeuge, deren Motoren man durch lautes Brummen schon deutlich hörte? Da zwischen Alarm und Angriffen nur wenig Zeit verblieb, konnten wir nicht mal den etwa fünf Minuten langen Fußweg bis zum Weinberg später noch laufen. Wir gingen dafür in unseren Doppelkeller in der Tischbeinstraße. So auch in der schrecklichen Bombennacht in 1943: Wir saßen dort auf einer Bank, als es rundherum schrecklich krachte. Zunächst fielen Sprengbomben und Luftminen. Mit jedem Schlag zuckten wir zusammen, wir weinten vor Angst. Die Bomben lösten einen so starken Luftdruck und lautes Heulen aus, dass ich bis heute dieses Pfeifen und Krachen nicht vergessen habe. Dann folgten Brand- und Phosphorbomben. Da bei den meisten Häusern der Umgebung dadurch die Dächer rundherum abgedeckt wurden, brannte es überall - so jedenfalls wurde es von einem berichtet, der kurz nach oben gegangen war. Wir saßen verängstigt nebeneinander, heulten und zitterten vor Angst. Dann kam die Aufforderung, dass alle Erwachsenen raus mussten, um den Dachstuhl des Nachbarhauses zu löschen. Mit Eimern und Sand versuchten sie das Feuer zu löschen. Dann wurde mit dumpfen Schlägen die Wand des Nachbarhauses so weit geöffnet, dass die Bewohner mit Kapuzen und nassen Tüchern über dem Kopf durch die Öffnung in unseren Raum krochen. Nun drang auch noch Rauch ein. Ringsum wurde geweint und gezittert. Endlich gab es Entwarnung, der schlimmste Angriff war vorbei. Mein Vater hatte den über 100 Kilometer entfernten roten Himmel von Biedenkopf aus gesehen und sofort gewusst, dass Kassel bombardiert wurde und es dort überall brennen musste. Er hatte irgendwie erfahren, dass wir alle am Leben waren und dass unser Haus nicht beschädigt wurde. Mein Vater holte uns dann umgehend nach Biedenkopf, wo wir evakuiert wurden. Unser Haus wurde dann doch noch, etwa vier Wochen vor Kriegsende, durch Brandbomben getroffen und brannte aus. Neben der Dankbarkeit für das Überleben bleibt die schlimme Erinnerung mit den noch immer nervösen Nachwirkungen, die sich bis heute durch Schlafstörungen bemerkbar machen. Selbst Blitze und Donnerschläge erinnern und erschrecken mich noch heute.

Aufruf

Haben auch Sie Erinnerungen an die Bombennacht? Dann schicken Sie sie unter dem Stichwort "Bombennacht" per Email an online@hna.de oder per Post an Hessische/Niedersächsische Allgemeine (HNA), Frankfurter Straße 168, 34121 Kassel

siehe auch

Weblinks

Bombennachtspezial auf HNA.de