Erdgas für Kassel

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Dem vielfachen Wunsch der Bürger Folge leistend, Straßen und Plätze in der Dunkelheit besser zu beleuchten, wurde 1850 eine privat betriebene und als Aktiengesellschaft geführte Gasanstalt am Holländischen Platz in Kassel gegründet. Somit konnte die notdürftige Beleuchtung aus Rüböl und Hanfölbeleuchtung durch etwa 450 offen brennende Gasflammen ersetzt werden.

Geschichte der Gasversorgung in Kassel

1894 entstand im Kasseler Osten (Bettenhausen) ein Gaswerk mit einer Tageserzeugung von rund 40.000 m³, die im Laufe der folgenden Jahre auf bis zu 100.000 m³ ausgebaut wurde. In Kassel brannten zur Jahrhundertwende 1.200 Gaslaternen.

Bedingt durch die in Kassel ansässige Rüstungsindustrie (Henschel, Wegmann, Junkers, Fieseler u.a.) war es notwendig, die Stadtgaserzeugung auf die doppelte Tagesmenge (Spitzenwert 200.000 m³) zu steigern. Zur Sicherheit der Versorgung wurde 1942 eine Gasleitung aus den Hermann-Göring-Werken in Salzgitter (später Salzgitter-Ferngas) nach Kassel verlegt, und in die neue Übernahmestation in die Bunsenstraße eingespeist. Dieser Standort wurde wegen der Nähe des auf sichere Gasversorgung angewiesene Henschelwerk gewählt.

Planungen, die Anfang der 1950er Jahre einen Erneuerungsausbau der Gaserzeugung vorsahen, wurden Ende desselben Jahrzehnts wieder fallen gelassen. Im Nachbarland Holland waren gewaltige Mengen Erdgas entdeckt worden, die auf ihre Verteilung in die europäischen Netze warteten. Aber auch eine sich anbahnende Nutzung der aus deutschen Raffinerien gelieferten Gasmengen, ließ die Investitionen in die kommunalen Erzeugungsanlagen, sprich Gaswerke, wenig sinnvoll erscheinen.

Diese Überlegungen führten auf überregionaler Ebene (Main-Gaswerke AG in Frankfurt, Städtische Werke AG in Kassel und Stadtwerke Wiesbaden AG) zur Gründung der Gas-Union GmbH, die sich in der Folge um die Bedarfsdeckung und Verteilung des Erdgases zu kümmern hatte.

Planung der Gasumstellung

Nach der Stilllegung der Stadtgaserzeugung (Kokerei-Gas, erzeugt aus der gezielten Verbrennung von Steinkohle, welches mit einem Brennwert von 4.600 kcal und einem mittleren Duck von 60 mmWS in das Niederdrucknetz eingespeist wurde) begann mit einer kleinen Arbeitsgruppe die Planung der eigentlichen Umstellung.

Es sollte Erdgas eingespeist werden, dessen Brennwert bei 8.400 Kilokalorien je Kubikmeter beträgt. Fast der doppelte Wert als beim bisherigen Stadtgas. Die bisher betriebenen Geräte mussten "umgestellt" werden. Aufgrund einer Umfrage in den Kasseler Haushalten ging die Planung von 85.000 Haushaltsgeräten aus. Nach den Erfahrungen der Essener Neue Gas Technik (NGT) war als Geräteumstellgröße pro Woche eine Stückzahl von 500 Stadtgasgeräten anzunehmen. Dies war eine Voraussetzung für die Einteilung der Umstellbezirke. Der technische Bereich der Werke hatte mit einem Plansatz die Darstellung des Gasnetzes vorbereitet.

In der Arbeitsgruppe wurde nun jedes Leitungsstück mit einer vierstelligen Nummer versehen - so genannte Strangnummer - die mit Straße und Hausnummer in einer Liste festgehalten wurde. Auf diese Weise konnten den jeweiligen Straßen die rund 450 Kilometer Gasleitung mit rund 12.000 Hausanschlüssen zugewiesen werden. Die zweite Quelle für die Planung der Umstellbezirke wurde über die Erstellung von Lochkarten mit den Adressdaten der Gaskunden eingebunden.(Computer standenzu dieser Zeit nicht zur Verfügung. Die Mitarbeiter der Planungsgruppe teilten nun den Lochkarten die entsprechenden Strangnummern mit. Als Ergebnis standen nun für die weitere Arbeit entsprechende Listen zur Verfügung.

Ein in Düsseldorf ansässiges Rechenzentrum wertete diese Listen aus und erstellte einen Rohrnetzplan 1:10.000 mit einer Vorgabe der Umstellbezirke. Im zweiten Arbeitsschritt wurde für jeden Gaskunde eine Stammkarte erstellt, die als Grundlage für die Geräteerhebung dienen sollte.

Mit diesen Voraussetzungen konnte die Umstellgruppe im Erdgasbüro an die Einrichtung der Umstellbezirke gehen. Zuerst wurde die Vorgabe der Düsseldorfer Bezirkseinteilung auf das vorhandene Gasnetz untersucht. Um den jeweiligen Bezirk technisch von dem folgenden zu trennen, wurde auf dem Arbeitsplan jeder Abgang in den anderen Bezirk eingezeichnet, um für die Abtrennung jeweils eine Absperrgruppe, bestehend aus einem Trennschieber sowie zwei Ausblasevorichtungen vorzugeben. Nachdem auf diese Weise der Umstellbezirk festgelegt worden war, bekam die technische Abteilung der Werke den Arbeitsauftrag zum Einbau der Armaturen. Auf diese Weise wurden für den Umstellbeginn Bezirk 01 am 14. Mai 1968 nur zwei Trennschieber benötigt. Das sollte sich aber bis zum Ende der Bezirkseinteilung ändern: Immerhin waren über 400 Trennschieber sowie auch über 800 Ausblasevorrichtungen zu montieren.

Im zweiten Arbeitsschritt wurden die Stammkarten den eingeteilten Umstellbezirken zugeordnet, entsprechende Listen ausgedruckt, die dann letztlich der Umstellfirma zur Bearbeitung dienten. Bevor dann das neue Gas in den Bezirk eingespeist werden konnte, wurde in der vorhergehenden Woche – meist am Freitagabend, nach 23 Uhr - eine so genannte Dichtheitsprüfung gemacht. Dabei standen an jedem Trennschieber auf der inneren Seite, an der Ausblasevorrichtung eine Arbeitsgruppe mit Schieberschlüssel und Messarmatur. Auf einen entsprechenden Funkauftrag hin, wurden die Trennschieber bis auf einen geschlossen. Dieser eine Schieber wurde im Beisein des verantwortlichen Mitarbeiters der Umstellgruppe geschlossen, und beobachtet, ob ein Druckabfall zu verzeichnen war. Entsprach dies der Ablesung, konnte keine andere Einspeisung mehr vorhanden sein: Der Bezirk war dicht und war für das neue Gas bereit.

Zur Gasumstellung am 14. Mai 1968 konnte Erdgas Münster wegen der Probleme mit der Ferngasleitung über Salzgitter nach Kassel kein Erdgas zur Verfügung stellen. Als Zwischenlösung wurde ein Mischgas im Gaswerk produziert. Über die südliche Ferngasleitung wurde Gas in Stadtgasqualität zum Gaswerk transportiert und dort mit Butan auf einen Heizwert analog dem Erdgas "angereichert".

Vorfall bei Dichtheitsprüfung

Bei der Dichtheitsprüfung des Bezirks Nr. 72 am 1. Dezember 1972 war durch die Unachtsamkeit eines Mitarbeiters der letzte Trennschieber geschlossen worden und das Druckmessgeräts nicht beobachtet worden. Durch den vorhandenen Verbrauch innerhalb der Insel lief der Bezirk leer – es gab keinen Gas-Nachschub mehr. Kaffee kochen, Duschen mit gasbetriebenen Geräten war nicht mehr möglich.

In der Folge wurden technische Mitarbeiter der Werke alarmiert, die jeden Haushalt in diesem Bezirk im Laufe der Nacht aufsuchen mussten, die Gasleitungen waren zu entlüften, damit wieder nur Gas in den Leitungen war. Die Aktion war am frühen Morgen beendet.

Weblinks und Quellen