Entdeckungen außerhalb Europas

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Wie die documenta 12 die Kunst präsentiert (X) - Arbeiten von Nasreen Mohamedi und Atsuko Tanaka

Schon vor zehn Jahren korrigierte die von Catherine David organisierte documenta X die weit verbreitete Meinung, die Avantgarde der Kunst habe ausschließlich ihre Wurzeln in Europa und Nordamerika. Mit der Vorstellung der Arbeiten von Lygia Clark und Hélio Oiticica lernten die Besucher zwei brasilianische Künstler kennen, die in den 60er-Jahren über die Auseinandersetzung mit farbigen Stoffen und anderen Materialien vom Bild und Objekt zur (sozialen) Aktion gelangt waren.

Roger M. Buergel und Ruth Noack setzten für die documenta 12 die Suche nach den Pionieren außerhalb der so genannten westlichen Welt fort und machten erstaunliche Entdeckungen. Dabei hatte Ruth Noack einen feinen Spürsinn für Künstlerinnen, die frühzeitig feministische Fragestellungen bearbeiteten.

Eine dieser Entdeckungen ist die Japanerin Atsuko Tanaka (1932-2005), die zu der Gutai-Gruppe gehört hatte, die von 1954 bis 1972 bestand. Die Gutai-Gruppe war vor dem Hintergrund der Folgen des Zweiten Weltkrieges und insbesondere des Atombombenabwurfs über Japan entstanden. Die Künstler der Gruppe bemühten sich um einen radikalen Neuanfang, indem sie mit der Bildtradition brachen.

Atsuko Tanaka setzte sich sehr intensiv mit dem Körper und der Auflösung der festen Form in Linien und Licht auseinander. 1956 schuf sie ein Elektrisches Kleid, das aus leuchtenden, gefärbten Glühbirnen bestand. Die Künstlerin trug das Kleid in einer Aktion wie einen Kimono. In ihm illustrierte Tanaka den Übergang von der in ihren Formen erstarrten Gesellschaft in das von Technik bestimmte neue Zeitalter.

Das ursprüngliche Elektrische Kleid ging verloren. Es wurde 1986 rekonstruiert und wird in dieser Fassung im Museum Fridericianum gezeigt. Aber Tanaka hat auch intensiv zeichnerisch gearbeitet, wobei sie häufig zum Mittel der Collage griff. Mit diesen grafischen Arbeiten wird sie in der Neuen Galerie in einen völlig anderen Zusammenhang gestellt. Dort werden nämlich in unmittelbarer Nachbarschaft Werke von Künstlerinnen präsentiert, die uralte Formen des linearen Ornaments aufnahmen und zu gewagten freien Linien-Kompositionen vorstießen.

In diesen Ausstellungszusammenhang gehört ein alter gewebter Stoff, der für die ornamentale Tradition steht. Tanakas tagebuchartige Kompositionen scheinen diese Gewebestrukturen in unsere Zeit zu übertragen. Noch extremer der Liniensprache verpflichtet war Nasreen Mohamedi (1937-1990), deren abstrakte, stark dynamische Zeichnungen ein Gegenstück zu den Werken der Amerikanerin Agnes Martin zu sein scheinen.

Doch Mohamedis Zeichnungen sind gar nicht so ungegenständlich, wie man zuerst glauben möchte. Den Beweis dafür liefern die Fotografien, die von der Künstlerin ebenfalls zu sehen sind. Diese dokumentarischen Detailaufnahmen aus der Alltagswelt führen vor, dass wir überall auf Liniensysteme stoßen können. Mohamedi fand sie selbst in gedruckten Tagebüchern, in die sie über die vorgegebenen Raster noch einmal Linien eintrug. Diese Art der Überzeichnung hatte aber auch eine Auslöschung der Eintragungen zur Folge: So blieben von den Mitteilungen und Erinnerungen keine Inhalte, sondern nur Formen übrig.

HNA 14. 6. 2007