Eine Giraffe als Panik-Opfer

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Der österreicher Peter Friedl bringt ein präpariertes Tier zur documenta nach Kassel

KASSEL. In dem großen Saal der documenta-Halle gehört eine ausgestopfte Giraffe zu den Attraktionen. Das präparierte Tier rührt viele Menschen an, weil Tierschicksale und Tiergeschichten stets zu Herzen gehen.

In der Tat erzählt die Giraffe, die Brownie genannt wurde, eine dramatische Geschichte. Sie berichtet davon, dass im Dauerkonflikt zwischen Israelis und Palästinensern nicht nur die Menschen zu den Opfern zählen, sondern auch die Tiere. Die tote Giraffe ist also ein Mahnmal für die Opfer der kriegerischen Auseinandersetzungen auf der Welt.

Die Giraffe war ein Publikumsliebling im 1986 gegründeten Zoo von Qalqilya auf der Westbank. Nachdem die Israelis die Stadt im Jahre 2000 zu einem Zentrum des Terrorismus erklärt hatten, geriet Qalqilya in die militärischen Auseinandersetzungen. Als plötzlich ganz in Zoo-Nähe ein Angriff startete, geriet Brownie derart in Panik, dass das Tier sich an einem Dachträger verletzte, zu Boden stürzte und starb. Giraffen, die stürzen, können nicht überleben, weil ihr Kreislauf stockt.

Der Zusammenbruch erschütterte auch Brownies Partnerin, die hochschwanger war. Sie verlor zehn Tage später ihr Baby.

Der österreichische Künstler Peter Friedl (Jahrgang 1960) erfuhr davon und bemühte sich, die Giraffe für ein künstlerisches Projekt zu bekommen. Denn mit dem Schicksal dieses Tieres kann er die Folgen des Konflikts eindringlicher darstellen, als wenn er zu dokumentarischen Mitteln gegriffen hätte - wie etwa Fareed Armaly, der vor fünf Jahren mit einer mehrteiligen Arbeit in der documenta-Halle vertreten war. Ganz gleich, ob Mensch oder Tier - alle leben unter der Bedrohung. Die Giraffe wird zum Sinnbild aller Opfer.

Peter Friedl war bereits 1997 zur documenta eingeladen. Einer seiner beiden Beiträge hatte viele Besucher irritiert: Die Leuchtschriften im Stadtbild parodierend, hatte er auf das Dach der documenta-Halle den Schriftzug „Kino” setzen lassen - obwohl dort keine Filme gezeigt wurden.

Die andere Arbeit hatte - vor einem sozialkritischen Hintergrund - für beste Unterhaltung gesorgt: In einem Video berichtete er von einem Mann, der am Automaten Zigaretten ziehen will, aber nichts herausbekommt - weder die Glimmstängel noch das Geld, das er hineinsteckte. Seinen Frust lässt er an dem Automaten aus und missachtet einen Bettler, der ihn um eine Mark bittet. Als der nichts bekommt, stellt er ihm ein Bein.