Ein dröhnender Aufmarsch

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Ein dröhnender Aufmarsch

Geschichtsbuch: Im April 1933 kamen 4500 SA-Leute in Homberg zusammen

Von Thomas Schattner

Homberg. Ihre neue Stärke demonstrierten die Nazis 1933 in Homberg mit einem Großereignis, das Tausende in die Kreisstadt lockte. Für den 23. und 24. April erwartete man die Motorstürme des Gaus Hessen-Nassau-Nord der Sturm-Abteilung (SA). Selbst Ernst Röhm, der Stabschef der SA, hatte sich angekündigt. Insgesamt rechneten die Organisatoren mit 4500 SA-Leuten, die unter anderem zu Aufmärschen und Wehrsportübungen angereist kamen. Schon bald sollten die Einwohner, den Straßen „durch Beflaggen der Häuser ein festliches Aussehen geben“. Die letzten Einquartierungen, auch in den Dörfern, fanden am späten Abend des 23. April statt.

Schaukämpfe und Übungen

Der Samstagabend in Borken stimmte aufs Kommende ein. Ein langer Zug, bestehend aus 350 Kraftfahrzeugen, 600 Männern der SA-Stürme und ungezählten Zuschauern zog durch die Stadt zum Sportplatz. Dort begrüßte der Bürgermeister die SA-Männer. Anschließend sprach Gaupropagandaleiter Gerland, der spätere Gauleiter der Provinz Kurhessen.

Parallel fand in Homberg eine Freiheitskundgebung am Marktplatz statt. Standartengeschäftsführer Willy Wagner aus Besse sprach zu den SA-Männern. „Die Freiheit ist das höchste Gut auf dieser Welt, aber sie muss erkämpft werden“, zitierte ihn damals das Kreisblatt. Dann kam er auf den Versailler Friedensvertrag zu sprechen: „Wir werden nicht ruhen und rasten, bis der Schandvertrag von Versailles zerrissen und all das geraubte deutsche Gebiet wieder zum Mutterland zurückgekehrt und ein neues Großdeutschland geschaffen worden ist.“ „Auf zum Kampf um den Mosenberg“, lautete schon früh am nächsten Morgen die Parole. Deshalb richtete die Kraftpost an diesem 24. April ab 7.30 Uhr einen Pendelverkehr zum Mosenberg ein. Von dort und vom Schlossberg aus waren die Wehrsportübungen besonders gut zu beobachten, die um den Werrberg und um den Mosenberg herum stattfanden. Aber auch Rhünda, Wabern und Borken waren betroffen. Die Einwohner nahmen an den Ereignissen regen Anteil, denn so etwas gab es nicht alle Tage in Homberg zu sehen: „Was man dort sah, war kein einfaches Geländespiel, das war ein Manöver einer disziplinierten, glänzend geführten Truppe.“

„Am Sonntag waren ungeheure Menschenmassen in Homberg zusammengeströmt, der Verkehr in den Straßen zeigte manchmal ein beängstigendes Bild, zumal Hunderte von Autos und Motorrädern an der Übung beteiligt waren, aber infolge der gut durchdachten Organisation klappte alles vorzüglich.“

Am Mittag ab 12 Uhr erfolgte auf dem Marktplatz der dreiviertelstündige Vorbeimarsch der SA-Verbände vor ihren Führern. 15 000 Menschen verfolgten den Aufmarsch, an dem auch die Homberger SA-Kapelle und der neu gegründete SA-Spielmannszug aus Homberg teilnahm.

Hungrige braune Soldaten

„Die Verpflegung am Sonntag Mittag hatte die Frauenschaft Homberg übernommen und mustergültig durchgeführt. In 27 Kupferkesseln wurde Erbsensuppe gekocht, dazu gab es noch Würstchen. 90 Mitglieder der Frauenschaft waren eifrig tätig, um die hungrigen braunen Soldaten zu sättigen“, schrieb das Kreisblatt.

Anschließend gab es Schießwettbewerbe auf dem Schützenplatz und gegen 15 Uhr sportliche und musikalische Wettkämpfe auf dem Stellberg, an der fünf Kapellen teilnahmen, unter anderem die Homberger SA-Kapelle, die mit einer Fahnenweihe abgeschlossen wurden. So endeten die Tage in Borken und in Homberg mit einem „Massenaufgebot, wie es Homberg noch nie zuvor erlebt hat“, berichtete das Kreisblatt resümierend.

Hitler setzte auf Wehrmacht, nicht auf SA

„Ganz Homberg, ja der ganze Kreis, hat Anteil genommen an den großartigen, begeisternden Aufmärschen, (...) den Kundgebungen. Unauslöschlich wird der Eindruck bleiben: das bunte Bild der Straße, die wogende unübersehbare Menschenmenge, der dröhnende Schritt der marschierenden SA-Kolonnen“, so das Kreisblatt. Die geistige Mobilmachung setzte sich also fort, aber es dauerte nur etwas mehr als ein Jahr, dann entmachte Hitler Ende Juni 1934 mit dem sogenannten „Röhm-Putsch“ die SA, weil er für seinen geplanten Krieg auf die Wehrmacht und nicht auf die SA setzte - Wehrsport hin oder her.