Ein Stück Asien mitten im Bergpark

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Das Reisterrassen-Projekt von Sakarin Krue-On

Kassel. Welten treffen aufeinander: Der barock gestaltete und romantisch umgeformte Bergpark Wilhelmshöhe und eine aus Asien gedanklich importierte Terrassenanlage zum Reisanbau. Was haben die in die antike Mythologie verweisende Parkanlage und der Reisanbau miteinander zu tun? Das documenta-Projekt des thailändischen Künstlers Sakarin Krue-On wirft viele Fragen auf, Doch soweit entfernt voneinander liegen die beiden Welten gar nicht. Denn als 1781 der Bergpark romantisch umgestaltet wurde, ließ Landgraf Friedrich II. in Höhe des Schlosses und oberhalb des Lac das chinesische Dorf Mou-Lang (Mulang) anlegen, von dem noch kleine Restbestände wie die Pagode erhalten sind. Es war damals durchaus üblich, anderen Kulturen aus anderen Weltgegenden die Reverenz zu erweisen.

Aber auch sonst hat das Projekt von Sakarin Krue-On viel mit dem Bergpark zu tun: Der gepflegten Parklandschaft, die dem bloßen Vergnügen und der Erbauung gewidmet ist, wird die Kultur des terrassierten Reisanbaus entgegengesetzt, die bei aller Schönheit vorrangig dem Grundbedürfnis der Ernährung dient. Gleichzeitig wird mit den Reisterrassen in die von Automation beherrschte Arbeitswelt eine Form der Landwirtschaft gebracht, in der bis heute die menschliche Arbeitskraft prägend ist.

Das Entscheidende an dem thailändischen Projekt ist, dass es in das herkömmliche Schema der Kunst nicht passt. Denn weder ist das Projekt von Sakarin Krue-On als eine Skulptur im traditionellen Sinne noch als ein Beitrag zu der in den 60er-Jahren entstandenen Land-Art zu verstehen, die weiträumige Zeichnungen in die Landschaft eintrug.

documenta-Leiter Roger Buergel hat verschiedentlich von der Migration der Formen gesprochen, davon also, dass nicht nur viele Menschen ihre Heimat verlassen müssen, sondern dass auch Dinge, die zum Leben gehören, aus einer Kultur in die andere übertragen werden. Sakarin Krue-On, der gern bei mythologischen Überlieferungen anknüpft, um sie ironisch mit aktuellen Elementen zu konfrontieren, überträgt einen kleinen Ausschnitt asiatischer Kultur in die Fremde Europas. Er beschert uns und den documenta-Besuchern erst einmal ein exotisches Bild.

Indem er aber auch ein Stück asiatischer Arbeitswelt hierher bringt, dreht er den Spieß um. Denn in der Vergangenheit wurden europäisch-amerikanische Verhältnisse und Arbeitsbedingungen nach Asien exportiert. Das Kunstprojekt birgt zudem ein (land-) wirtschaftliches Experiment: Denn Reis wird auch deshalb bei uns nicht angebaut, weil die Boden- und Klimabedingungen nicht unbedingt dafür geeignet sind.

Mehr als jede andere documenta zuvor wird uns die kommende mit Projekten und Bildern aus der Natur überraschen: Denn die Reisterrassen werden wie eine Antwort auf das Mohnfeld erscheinen, das Sanja Ivekovic auf dem Friedrichsplatz angelegt hat.

HNA 9. 5. 2007