Ehemalige Eisenhütte in Veckerhagen

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Die ehem. Eisenhütte in Veckerhagen

Zu den Sehenswürdigkeiten im Reinhardshagener Ortsteil Veckerhagen gehört das Industriedenkmal Eisenhütte, die ehemals landgräfliche Eisenhütte, in der Denis Papin im Jahre 1699 den ersten Dampfkessel der Welt gießen ließ.

Die ehemalige landgräfliche Eisenhütte wurde im Jahre 1581 zunächst in Vaake gegründet, wurde 1617 nach Knickhagen verlegt und war ab 1666 in Veckerhagen ansässig.

Der vermutlich schon Mitte des 13. Jahrhunderts gegründete Ort Veckerhagen war dann über fast 300 Jahre hinweg ein Hauptsitz der landgräflichen und später der kurhessischen Eisenindustrie.

Die ehemalige Eisenhütte liegt in Veckerhagen an der Oberen Kasseler Straße 55.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Das landgräfliche Eisenwerk

Unter Landgraf Moritz wurde die ursprünglich in Vaake ansässige Eisenhütte 1617 nach Knickhagen verlegt.

Nach einer erneuten Verlegung der Eisenhütte nach Veckerhagen entwickelte sich hier ab 1666 das wohl bedeutenste Eisenwerk in der Landgrafschaft nach dem Dreißigjährigen Krieg.

Die Erze für die Veckerhagener Hütte kamen - wie schon zuvor für die Eisenhütte in Knickhagen - vorzugsweise aus den Hohenkirchener Erzgruben.

Die Bedeutung des Eisengusses in Veckerhagen läßt sich nicht zuletzt an dem Verkauf der Erzeugnisse bis nach Bremen und Holland ablesen. Neben Kanonenkugeln und Kanonenrohren wurden in Veckerhagen auch eiserne Öfen, Töpfe oder Wasserleitungen hergestellt. Auf dem Wasserwege wurden die Waren ausgeliefert.

Dazu gehörten auch die Veckerhäger Öfen, die in der 1666 gegründeten Eisenhütte gegossen wurden und von dort aus mit dem Schiff zunächst nach Bremen und von dort zu Kunden beispielsweise in Skandinavien transportiert wurden.

Um das Stapelrecht von Hann. Münden zu umgehen, baute man 1673 in Veckerhagen Stapelhäuser für die auf der Weser ankommenden Waren, die ab hier auf dem Landweg nach Kassel transportiert wurden.

In der Eisenhütte in Veckerhagen wirkten u.a. Denis Papin, Robert Wilhelm Bunsen oder Carl Anton Henschel.

Erst 1903 wurde der Betrieb in Veckerhagen eingestellt; er bestimmte damit über lange Jahre das Wirtschaftsleben am Ort.

Eisenverhüttung und Köhlerei

Mehr als 200 Jahre wurde Reinhardswälder Holzkohle in der Eisenhütte Veckerhagen als Energieträger genutzt. Neben der guten Wasserversorgung im Hemeltal war das Erz aus Hohenkirchen eine der Grundlagen für den Betrieb der landgräflichen Gießerei. Für den Export und die Verschiffung der Waren nach Bremen und Holland war diese von Anfang an als merkantilistischer Großbetrieb mit bis zu 200 Beschäftigten geplant. Infolge der großen Agrar- und Leinenkrise gab es jedoch hier um die Mitte des 19. Jahrhunderts kaum Auswanderer, denn Veckerhagen belieferte gerade die neuen Bahnstrecken. Gusseiserne Rohre für die Sababurg und Wilhelmshöhe zeigten bereits vorher den hohen technologischen Stand der Hütte. Die Nachhaltigkeit bei der Nutzung nachwachsender Buchenbestände an den Osthängen des Reinhardswaldes vertrug sich gut mit dem gewaltigen Bedarf der beiden Hochöfen. Pottaschesieder und Glashütten fanden schon seit dem hohen Mittelalter in größerer Zahl ihr Auskommen in den Randlagen der Laubholzwälder. Technische Neuerungen hielten Schritt mit der industriellen Revolution. Rüstungsunternehmen der Eignerfamilie Uhlendorff sorgten noch um 1943 für eine kurze Blüte im Elektro-Härteofenbau, wie auch bereits der Manganerz-Abbau in Hohenkirchen im ersten Weltkrieg aufgelebt war. [1]


Artikel in HNA-online vom 26.11.2009

Goldene Zeit mit der Hütte

Eisenerz, Holzkohle und Wasserkraft brachten Veckerhagen groß heraus

von Antje Thon

Veckerhagen. Wie das Wohlergehen einer Gemeinde von der Wirtschaftskraft abhängt, lässt sich am Beispiel Veckerhagens wunderbar erzählen. Als die Glut in der Eisenhütte im Jahre 1903 für immer erloschen war, sollte es in den Folgejahren immer stiller werden in dem Dorf am Reinhardswald. Die Eisenbahn, die dem Unternehmer Uhlendorff versprochen worden war, sollte den Weserort nie ansteuern. Bis heute hat sich an der schlechten Erreichbarkeit des Dorfes wenig geändert.

Vor 350 Jahren hatte wohl niemand ein Problem mit der Lage Veckerhagens. Im Gegenteil: Landgraf Wilhelm VI. dürfte im Jahre 1666 funkelnde Augen bekommen haben, als er die Eisenhütte von Knickhagen nach Veckerhagen verlagerte. Hier gab es alles, was fürs Schmelzen von Eisenerz benötigt wurde. Im Reinhardswald schlummerte Erz in rauhen Mengen, Buchen und Eichen wurden zu Holzkohle verarbeitet, und der Hemelbach lieferte die Wasserkraft. Und schließlich verfügte das Dörfchen, das wenige Jahre später ob seiner hervorragenden Eisenprodukte einen hohen Bekanntheitsgrad im Land erlangen sollte, über zwei Häfen. Der eine befand sich dort, wo noch heute die Weserflößer ihre Touren starten; der andere war hinter Habichs und Söhne.

Landgraf Wilhelms Sohn Karl habe die Hütte richtig in Schwung gebracht, sagt Bauingenieur und Lehrer Siegfried Lotze, der sich mit der Geschichte der Eisenhütte eingehend beschäftigt hat. Mit der Wahl des Standortes hatten die Akteure ins Schwarze getroffen. Die Hanglage war optimal. Denn die Arbeiter konnten so die beiden Hochöfen bequem von oben beschicken. Über eine vier bis fünf Meter hohe Leiter bugsierten sie das Erz in die Öffnung.

Erster prominenter Gast an der Eisenhütte Hessen-Kassel war der Hugenotte Denis Papin. Um 1706 entwickelte er in Veckerhagen den ersten Dampfzylinder. Dieser wiederum war die Voraussetzung für die Dampfdruckpumpe, die in Wilhelmshöhe das Wasser fördern sollte. Die Pumpe funktionierte nur kurz, da der Kreislauf nicht dicht genug war und die Ventile leckten. In der Kasseler Orangerie ist ein Dampftopf des Physikers ausgestellt. Papins Erfindung gilt aber als Vorläufer von James Watts Dampfmaschine.

200 Jahre nach ihrer Errichtung arbeiteten 200 Männer in der Eisenhütte, sagt Lotze. Für Veckerhagen, das damals um die 1000 Einwohner zählte, waren das goldene Jahre. Selbst die drei Köhlereien mit zusammen 50 Arbeitern saugten aus der Hütte Nektar, weil sie mit der Produktion von Holzkohle ihr Auskommen hatten. Niemand aus Veckerhagen sei damals nach Amerika ausgewandert, so Lotze. "Den Menschen ging es gut."

Ein leeres Versprechen besiegelte das Ende der Hütte. Der Unternehmer Uhlendorff hatte die Fabrik 1880 übernommen. Doch der Anschluss ans Schienennetz, mit dem man ihn geködert hatte, wurde von den Preußen nicht genehmigt. Wenig später wurde in KasselBettenhausen das Eisenerz eingeschmolzen. Die Hütte in Veckerhagen diente bis zum Zweiten Weltkrieg als Lager. Auch wurden dort die so genannten UDO-Härteöfen produziert, mit deren Hilfe sich hartes Stahl herstellen ließ – für die Rüstungsindustrie eine gefragte Ware.


Öfen, Kreuze, Geländer
Die Öfen der kurhessischen Eisenhütte waren die stärksten und bestverkauften Produkte. Sie fanden Abnehmer in ganz Europa und sogar in Amerika. Stubenöfen, Kochöfen, Herde und Kamine wurden in Veckerhagen ebenso gefertigt wie filigrane Zäune, Grabkreuze, Laternen und Geländer. Sogar Bügel- und Waffeleisen verließen die Fabrik, von der heute das Kontor, die Maschinenfabrik mit Schlosserei, das Rosenhaus und die Gießhalle erhalten sind. Das gesamte Industrieensemble steht unter Denkmalschutz.

Gusseisenerzeugnisse aus dem Industriebetrieb, in dem über lange Zeit Kurhessen seine Eisenarbeiter ausbildete, finden sich heute noch im Schloss Wilhelmsthal. Dort ist ein Ofen ausgestellt, aber auch in der Löwenburg gibt es Ausstellungsstücke. Das Tor des Ständehauses in Kassel enthält ebenfalls Füllungen aus Eisen, die in Veckerhagen gegossen worden sind. Und schließlich ist im Stadtmuseum Hofgeismar ein Dampftopf zu sehen, wie ihn Denis Papin entwickelt hatte. (ant)

Reinhardswalderz in Kriegsschiffen
Das Eisenerz, das in Veckerhagen verhüttet wurde, hatte eine hohe Qualität. Es stammte aus Hohenkirchen und Mariendorf auf der anderen Seite des Reinhardswaldes. Der Rohstoff zeichnete sich durch seine wertvollen Beimengungen, insbesondere den hohen Mangangehalt aus. Diese Eigenschaft führte dazu, dass aus ihm Panzerkreuzer gebaut wurden. Bis zum Ersten Weltkrieg wurde das Erz ins Ruhrgebiet verkauft. Reste des Rohstoffs liegen noch heute im Reinhardswald, vor allem entlang der Strecken, die die Hüttenarbeiter genommen hatten, um das Erz nach Veckerhagen zu transportieren. (ant)

Erste Analyse von Gichtgas
Der Chemiker Robert Wilhelm Bunsen erforschte in der Eisenhütte die Qualität der Hochofengase Was Robert Wilhelm Bunsen im Jahre 1838 in Veckerhagen herausfand, brachte die Wissenschaft ein gutes Stück voran. Der Chemiker untersuchte an den beiden Öfen der Eisenhütte am Reinhardswald die chemische Zusammensetzung und physikalische Qualität der Hochofengase. Weltweit sei dies das erste Mal gewesen, dass sich ein Forscher mit dieser Frage beschäftigt hatte, sagt der Reinhardshäger Bauingenieur und Historiker Siegfried Lotze. Überhaupt habe Bunsens Interesse dem Hochofenprozess gegolten.

Nach Lotzes Erzählungen mutet die Apparatur des Wissenschaftlers nach heutigen Maßstäben relativ einfach an: Flintenrohre soll der Chemiker der Länge nach aneinander geschweißt haben. Von oben soll er sie Stück um Stück in das Herz des Ofens geschoben haben, an dessen Boden Erz und Kohle schichtweise eingebracht wurden. Während von unten Sauerstoff in den Ofen geblasen wurde, sammelte Bunsen die beim Schmelzen entweichenden Gase. Schicht für Schicht fing der Chemiker das Hochofengas auf und portionierte sie in Glasrohren, die er mit Pfropfen verschloss. An der Gewerbeschule am Martinsplan in Kassel analysierte Bunsen unter anderem das so genannte Gichtgas und stellte fest, dass es brennbar und giftig ist und einen geringen Heizwert besitzt.

Wie Lotze sagt, habe ein paar Jahre zuvor der Kasseler Industrielle Carl Anton Henschel gemeinsam mit dem Hütteninspektor Johann Conrad Pfort neue Turbinen, Gebläse und energiesparende Apparate für das europäische Montanwesen entwickelt. Die ersten Oberweserdampfer (ab 1843 in Hann. Münden gebaut) sollen hier ihre Baumaterialien und durch Henschel die Dampfmaschine erhalten haben. (ant)


Kulturlehrpfad Mühlenbach – Wasserkünste der Eisenhütte

Bei der Eisenverhüttung in Veckerhagen waren ab 1666 die Holzkohle aus dem Reinhardswald und eine gleichmäßige Wasserversorgung im Hemeltal ausschlaggebend. Das Eisen- und Mangan-Erz aus Hohenkirchen wurde bis 1903 in zwei Hochöfen verhüttet. Die alten Wasserläufe und Sammelsysteme aus der Barockzeit sind noch im Gelände ablesbar. Die Standorte der früheren Kohlenschuppen und Meilerplätze unterhalb des „Judenfriedhofs“ bilden ein Technikensemble seltener Dichte. Als mit Erweiterung der Eisengießerei vor 160 Jahren das Gefälle für die Henschel-Turbinen erhöht werden musste, entstanden gusseiserne Rohrleitungen. Diese noch heute mit Wasser bespannten seltenen Technikbauwerke betreut seit Jahren der Mühlenbach-Verein. Hierzu gehören auch die „Schlammkammer“ als neoromanisches Einlaufbauwerk östlich der Hemelmühle und Druckleitungen zum Uhrenturmgebäude. [2]

siehe auch

An der ehem. Eisenhütte in Veckerhagen

Weblinks und Quellen

Quellen

  1. Text aus dem Veranstaltungsprogramm 2013 des ECOMUSEUMs REINHARDSWALD - EIN MUSEUM WEITGEHEND IM FREIEN
  2. Text aus dem Veranstaltungsprogramm 2012 des ECOMUSEUMs REINHARDSWALD - EIN MUSEUM WEITGEHEND IM FREIEN

Weblinks

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