Edersee Randstraße

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Strafgefangene bauten die Edersee-Randstraße bei Harbshausen - Teil 1

Karl Höbel (links) ist Ehrenbürgermeister von Harbshausen

Harbshausen. Am 17. Dezember 1910 verkündeten vormittags um 11 Uhr drei Böllerschüsse, dass nun die Eder umgeleitet und mit dem Bau der Edertalsperre begonnen würde. Auf der gigantischen Baustelle der Firma Philipp Holzmann AG an der Sperrmauer waren in den Folgejahren etwa 1000 Arbeiter eingesetzt, darunter etwa 200 als Maurer, 100 als Handlanger, 300 in den Steinbrüchen und 200 bei der Steinbearbeitung. Dass unter ihnen auch russische, polnische und serbische Arbeitskräfte waren, die unter zum Teil primitiven Verhältnissen kampierten, ist bekannt.

Als der Erste Weltkrieg am 1. August 1914 ausbrach, gerieten in der allgemeinen Hurra-Hysterie diese nun plötzlich feindlichen Ausländer schnell unter Spionage- und Attentatsverdacht. Mitglieder des Herzhäuser und Kirchlotheimer Kriegervereins brachten mit vorgehaltenem Gewehr etwa 80 Russen und Polen, die in ihren Dörfern eingesetzt waren, nach Vöhl in Gewahrsam. Aber man brauchte doch unbedingt Arbeiter für die Fertigstellung der Straßen und Forstwege rund um den neuen Edersee – und fand Ersatz.

In Harbshausen bewahrt Ehrenbürgermeister Karl Höbel Unterlagen auf, die ihm die Einwohnerin Doris Schembowski aus München mitbrachte. Ihre Tante war dort in einem Archiv der Aufsatz eines Regierungsbaumeisters Dr. Ing. Thürnau aufgefallen, der 1917 eine Kosten-Nutzen-Studie über die „Beschäftigung von Strafgefangenen bei Wegebauten im Gebiete der Waldecker Talsperre“ im Zentralblatt der Bauverwaltung veröffentlicht hatte.

Karten studiert

Höbel studierte die dort abgedruckten Zeichnungen und Karten, befragte die ältesten Einwohner des Dorfes, erinnerte sich an Erzählungen seines Vaters, und schnell war klar: Unterhalb von Harbshausen befand sich während des Ersten Weltkriegs eine große Holzbaracke, in der bis zu 64 Kasseler Strafgefangene zum Bau der Edersee-Randstraße im preußischen Gebiet zwischen Herzhausen und Asel-Süd unterbracht waren.

Man erinnerte sich in Harbshausen plötzlich wieder an Schilderungen verstorbener Großmütter, die für das Gefangenenlager Milch liefern mussten, stets begleitet von einer nicht klar definierten Angst. Der Kasseler Justizverwaltung ging es darum, Strafgefangenen mit deren freiwilliger Einwilligung Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen, ohne dem heimischen Handwerk zu konkurrieren. Die Zuchthäusler Firmen als Leiharbeiter zur Verfügung zu stellen, war damals untersagt. Voraussetzung war auch „der Ausschluss jeglicher Berührung mit freien Arbeitern oder eingesessener Bevölkerung“ – auf der abgelegenen Wegebaustelle an den Steilhängen des Edersees bei Harbshausen war dies überhaupt kein Problem.

Packlage in Handarbeit

Strafgefangene bauten die Edersee-Randstraße bei Harbshausen ­ Teil 2


Harbshausen. Der Einsatz der Kasseler Strafgefangenen beim Chausseebau entlang des Edersees zwischen Herzhausen und Harbshausen zwischen 1912 und 1914 war bis ins Detail geregelt: Für die Gestellung der Gefangenenkommandos, Aufseher, Gebrauchsgegenstände und Betten war die Kasseler Justizverwaltung zuständig, für Löhne, Unfallversicherung, Unterbringung, Ausstattung der Baracke, Arbeitsgeräte und Vergütung hatte der Unternehmer zu sorgen. Er musste auch entsprechende Vorarbeiter die Bauaufsicht führen lassen, auf Unfallverhütung und die polizeilichen Vorschriften bei Felssprengungen achten. Zwölf Stunden Arbeit Das etwa 60 Kopf starke und in fünf Rotten aufgeteilte Gefangenenkommando wurde von einem Justizbeamten und fünf Aufsehern bewacht, vier Häftlinge hatten Innendienst in der Lagerbaracke. Die Arbeitszeit der Strafgefangenen betrug im Sommerhalbjahr zwölf Stunden, im Winter zehn ­ worin die Pausen und die Wege zwischen Baracke und Wegebaustelle enthalten waren. Regierungsbaumeister Dr. Thürnau, dessen Wirtschaftlichkeitsberechnung aus dem Jahr 1917 wir diese Daten verdanken, verzeichnete auch die Tageslöhne: Pro Arbeitskraft wurde der Justizverwaltung vom Unternehmer 1,35 Mark plus 0,005 Mark für die Unfallversicherung, also 1,355 Mark gezahlt. Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges erhöhte man auf den Tageslohn auf 1,50 Mark. Die Aufseher verdienten am Tag sieben Mark. Bewusst wurden die unerfahrenen Strafgefangenen zunächst in leichten Bauabschnitten eingesetzt. Herzustellen waren ein am Seeufer entlang führender Holzabfuhrweg (fünf Meter breit und 5,8 Kilometer lang) und ein „chausseeartig auszubauender Landweg zur Verbindung der Ortschaften Herzhausen und Harbshausen”. Davon mussten 4,9 Kilometer mit 5,25 Meter Kronenbreite neu hergestellt und ein kurzes Stück bestehender Waldweg befestigt werden. Die Leistung der Gefangenen bestand aus Rodungs-, Erd- und Felsarbeiten für 2,3 Kilometer Strecke, außerdem „in der Gewinnung, Förderung und Verteilung der Steine für 2,5 Kilometer Strecke und in der Herstellung von 7900 Quadratmeter Packlage” ­ und das alles in Handarbeit, auch bei schwierigen Felsböschungen und Grauwackenbänken, die gesprengt werden mussten. Im Vergleich zu geübten Arbeitern registrierte der Baumeister bei den Zuchthäuslern geringere Leistung, was „nicht weiter auffällig” sei, „wenn man bedenkt, dass die Gefangenen auch bei bester Behandlung immer unter einem gewissen Zwange stehen und ihnen der moralische Ansporn fehlt”, wie Dr. Thürnau meinte.