Drahtbrücke

Aus Regiowiki
Wechseln zu: Navigation, Suche
Drahtbrücke über die Fulda

Die Drahtbrücke befindet sich in Kassel. Die als Hängebrücke ausgeführte Fußgängerbrücke überpannt seit 1870 die Fulda in Kassels Innenstadt.

Geographie

Die formschöne Hängebrücke deren Spannweite 84 Meter aufweist, wurde 1870 als Fußgängerbrücke, die auch von Radfahrern genutzt werden darf, über der Fulda direkt nördlich der erst seit 1926 existierenden Hessenkampfbahn errichtet. Dadurch bekam der Auedamm am Nordende der Karlsaue eine gelungene Verbindung zur damals dicht bebauten Unterneustadt und diese neben der Fuldabrücke eine weitere Verbindung zum Stadtteil Mitte und damit zur Innenstadt.

Geschichte

Die Drahtbrücke um 1870
Von der Firma Henschel gebaut: Die Drahtbrücke im Jahr 1885. Fußgänger mussten für die Überquerung drei Pfennig, Reiter drei Silbergroschen bezahlen. Erste Entwürfe für das Bauwerk gab es bereits 1813, als Kassel Hauptstadt des Modellstaats "Westphalen" war. HNA-Archivfoto: Kegel/Repro:Koch
Rudern auf der Fulda in Kassel 1956, kurz vor der Drahtbrücke (Foto: Eberth)
Idyll am Fluss: Die Drahtbrücke, so, wie wir sie heute kennen, ist erst die dritte Konstruktion seit der ersten Inbetriebnahme im Jahr 1870, Archivfoto: HNA (Koch)

Nachdem unter Landgraf Friedrich II. um 1770 die alte Stadtbefestigung geschleift wurde, errichtete man alljährlich im Sommer an der Stelle der heutigen Brücke eine Schiffsbrücke. Diese Verbindung, die bis in die 1840er Jahre bestand, wurde später durch eine Fähre ersetzt. Aus dem Jahre 1813, als Kassel Hauptstadt des napoleonischen „Modellstaat“ Westphalen war, haben sich zwei Entwurfszeichnungen für eine dreibögige Steinbrücke zur projektierten „Ville commerçale“ erhalten. Sie gehen auf Planungen von Heinrich Christoph Jussow zurück und sind an der Stelle der heutigen Brücke angesiedelt. (Staatliche Museen Kassel, Graphische Sammlung, Inv. GS 6305, 6328)

Die Drahtbrücke, deren Drahtsystem an zwei Pylonen aufgehängt ist, wurde am 1. November 1870 dem Fußgängerverkehr übergeben. Die Brückenkonstruktion wurde vom Ingenieur Eduard Rohde entworfen und von Henschel gebaut. Weil sie vorerst in Privatbesitz war, musste bis zum 31. März 1896 jeder bezahlen, der darauf die Fulda überqueren wollte: Fußgänger 3 Pfennig und Reiter 3 Silbergroschen. Seit dem 1. April des gleichen Jahres, als sie zum Eigentum der Stadt wurde, ist ihre Überquerung kostenlos. Ursprünglich besaß die Brücke auf jeder Seite zwei Pylone (Pfeiler) aus Backstein, die nach oben schmaler wurden und durch einen Bogen mit dem Kasseler Wappen und der Jahreszahl 1870 verbunden waren. Über den Widerlagern ruhte auf der Aueseite je ein Hirsch, auf der Unterneustädter Seite je ein Löwe. Der schmale Brückensteg wurde 1912 verbreitert und 1930 abermals erneuert.

Im Februar 1940 wurde die Brücke durch die von den Eismassen weggerissene Gerhardtsche Badebrücke schwer beschädigt und durch ein Hochwasser vollständig zerstört. Die Brücke wurde um einen Meter verbreitert und höher gelegt, um für Schiffe die Durchfahrt zu erleichtern. Die alten Pylone war dafür nicht ausreichend und wurden durch größere Neubauten ersetzt, außerdem die Widerlager verstärkt. Ende November 1941 wurde die Brücke freigegeben und ist somit einer der wenigen Profanbauten Kassels, der im Zweiten Weltkrieg errichtet wurde. Während dieses Kriegs wurde die Drahtbrücke am 17. Mai 1943 von einem starken Hochwasser heimgesucht, nachdem die Staumauer des Edersees um kurz vor 2 Uhr (Morgens) durch einen britischen Fliegerangriff zerstört wurde, worauf sich rund 160 Mio. m³ Wasser durch das Eder- und Fuldatal über Kassel nach Norden in die Weser und damit zur Nordsee ergossen. Mit der Flut- und Schlammwelle, die ihren Höchststand etwa um 15 Uhr erreichte, trieben Tierkadaver, Baumstämme und Hausteile durch die niedrig liegenden Stadtteile, wodurch erneut Schäden an der Brücke verursacht worden sind. Durch einen Bombenangriff 1945 wurde die Brücke fast völlig zerstört, indem nur die Torpfeiler erhalten blieben. Nach Kriegsende wurden sofort neue Seile gespannt und die Gehwegkonstruktion wiederhergstellt, und beeits Anfang 1946 konnte die Brücke wieder dem Verkehr übergeben werden.

Zwischen den 1950ern und 1997, als es in einem kleinen Teil der Unterneustadt einen Messeplatz gab, wurde die Drahtbrücke alljährlich im Juli und August von den vielen Besuchern des Kasseler Zissels überquert, die vom Messeplatz zum Veranstaltungsgelände am Auedamm oder umgekehrt liefen. Insbesondere seit dem Entfernen des nachfolgend erwähnten Zusatzpfeilers schwanken die Brückensegmente unter der Last der Menschen zumeist stark, was die Stabilität der Brücke nicht beeinträchtigt.

Nachdem die Drahtbrücke mehrfach - zum Beispiel durch Hochwasser - beschädigt wurde, musste sie häufig ausgebessert und 1955 durch einen Zusatzpfeiler in der Flussmitte verstärkt werden. 1997 wurde sie saniert, wobei neben anderen aufwendigen Arbeiten die Pylone restauriert, die Widerlagerhohlräume ausbetoniert und die Gehwegsegmente mit Betonfertigteilen versehen wurden. Weil dadurch die Eigentragfähigkeit der Hängebrücke wieder hergestellt werden konnte, wurde der Zusatzpfeiler entfernt. Nach dreimonatiger Sperrung wurde die Brücke am 20. Juni für Fußgänger und Radfahrer wieder eröffnet."1

Das Bild zeigt eines der beiden "Portale" an der Drahtbrücke bei Nacht. Die Drahtbrücke überspannt die Fulda in Höhe der Orangerie. Von der Drahtbrücke aus hat man in der einen Richtung einen schönen Blick auf die Fuldabrücke. Beim Blick in die andere Richtung sieht man die Spitzhacke.

Die Drahtbrücke heißt im Volksmund Wackelbrücke.

Literatur

  • Joachim Danziger: Kasseler Brücken, Kassel 1962, Typoskript im Stadtarchiv Kassel, III Ed/14
  • Wolfgang Hermsdorff, Ein Blick zurück aufs alte Kassel Bd. 2, Kassel, 1979

Links