Führung durch die documenta 7 (1982)

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Dirk Schwarze führt durch die documenta-Geschichte

Einleitung in unsere Serie "Führung durch die documenta" (Hinweis: Diese exklusiven Autorenbeiträge sind nicht editierbar.)

1955: documenta - 1959: II. documenta - 1964: documenta III - 1968: 4. documenta - 1972: documenta 5 (mit Bildergalerie) - 1977: documenta 6 (mit Bildergalerie) - 1982: documenta 7 - 1987: documenta 8 - 1992: Documenta IX - 1997: documenta X - 2002: Documenta11 (mit Bildergalerie) - 2007: documenta 12 (mit Bildergalerien) - 2012: documenta 13 - Arnold Bode-Preis

Documenta-Lexikon mit der kompletten Künstlerliste 1955-2007

Unser documenta-Führer Dirk Schwarze


Inhaltsverzeichnis

Kurzprofil

19. Juni - 28. September 1982

Plakat zur documenta 7
Mit dem Ende der 70er-Jahre hatte sich die Kunstszene in Europa und Nordamerika kurzzeitig geändert. In zahlreichen Ländern meldete sich eine neue Generation von Malern zu Wort, die sich ihrerseits auf Vorbilder aus den 60er-Jahren und auf die Expressionisten beriefen. Von den Neuen Wilden war die Rede. Stärker als ursprünglich geplant, reagierte die documenta7 darauf, die von dem Holländer Rudi Fuchs geleitet wurde. Diese documenta knüpfte an die großen Malerei-Ausstellungen der ersten documenten an. Fuchs gliederte die Ausstellung im Museum Fridericianum hierarchisch. Da gaben seine Helden den Ton an, zu denen er James Lee Byars, Jannis Kounellis, Mario Merz, Georg Baselitz, A. R. Penck, Jörg Immendorff, Anselm Kiefer und Ulrich Rückriem rechnete. Fuchs hatte zum Rückzug in das Museum geblasen. Er hielt nichts von der Einmischung in den sozialen Stadtraum. Gleichwohl wurde seine Ausstellung denkwürdig durch ihre plastischen Arbeiten im Außenraum. Die Spitzhacke von Claes Oldenburg, die von Thyssen-Schulte gestiftet wurde, ist eine bleibende Erinnerung. Noch folgenreicher sollte der Beitrag von Joseph Beuys werden: Er schlug vor, im Kasseler Stadtgebiet 7000 Bäume zu pflanzen und jeweils eine Basaltsäule hinzuzustellen. Die Aktion 7000 Eichen, zu Anfang von vielen misstrauisch beäugt, wurde zum für die Stadt folgenreichsten Kunstprojekt. Beuys selbst erlebte die Vollendung der Pflanzaktion nicht mehr. Er starb 1986, ein Jahr vor dem Abschluss zur documenta 8. Während die erste documenta die Bundesgartenschau als Rahmen gebraucht hatte, war die documenta 7 mit Rücksicht auf die Bundesgartenschau 1981 in Kassel bewusst um ein Jahr nach hinten verschoben worden. Erst danach wurde der Fünf-Jahres-Rhythmus zur Regel.

1000 Werke von 182 Künstlern. 380000 Besucher. Etat: 6,694 Mio. Mark. Erlöse und Spenden: 3,543 Mio. Mark. Zuschüsse: 3,151 Mio. Mark.

Kuratoren

Rudi Fuchs (*1942)

Nach dem Schweizer Harald Szeemann war der Niederländer Rudi Fuchs der zweite Ausländer an der Spitze der documenta. Fuchs hatte nach seinem Studium als Kunstkritiker gearbeitet, bevor er von 1969 bis 1974 als Assistent am Institut für Kunstgeschichte in Leiden tätig war. Danach übernahm er die Leitung des Van Abbemuseums in Eindhoven, das er zu einem Zentrum der Gegenwartskunst ausbaute. Fuchs lehnte für die documenta 7 theoretische Konzepte ebenso ab wie die Ausweitung der Ausstellung in den Stadtraum. Für ihn war einzig die Qualität entscheidend. Die Hängung und Aufstellung der Werke im Fridericianum ordnete er hierarchisch. Die zentralen Plätze erhielten die Meister („Helden“). Die documenta von 1982 wurden zu einer großen Malerei-Ausstellung („Die Neuen Wilden“). Fuchs wechselte später als Direktor von Eindhoven an das Stedelijk Museum in Amsterdam.

Ausstellungsorte

Museum Fridericianum

Das klassizistische Gebäude war 1779 als erster für die Öffentlichkeit bestimmter Museumsbau auf dem europäischen Kontinent vollendet worden. Das Fridericianum beherbergte Teile der landgräflichen Sammlungen und die Bibliothek. Im Zweiten Weltkrieg brannte das Gebäude aus. Arnold Bode entdeckte die notdürftig gesicherte Ruine als Ort für die zeitgenössische Kunst. Seit 1955 sind das Fridericianum und der davor liegende Friedrichsplatz das Herzstück jeder documenta. Seit 1988 dient der Bau zwischen den documenten als Kunsthalle. Außerdem hat in ihm der Kunstverein seine Räume.

Orangerie

In der Parkanlage Karlsaue liegt die Anfang des 18. Jahrhunderts als Gewächshaus und Lustschloss errichtete Orangerie. Sie wurde 1943 fast vollständig zerstört. Die documenta-Ausstellungen von 1959, 1964 und 1968 bezogen die Orangerie als Kulisse für die Skulpturen und Großplastiken ein. Nach dem Wiederaufbau in den 70er-Jahren war die Orangerie von 1977 bis 1987 dreimal zweitgrößter Ausstellungsplatz (nach dem Fridericianum). Seit der Einrichtung des Astronomisch-Physikalischen Kabinetts in dem Gebäude (1992) steht der documenta nur noch ein 300 Quadratmeter-Raum zur Verfügung.

Neue Galerie

Das Galeriegebäude an der Schönen Aussicht wurde 1871-74 für die Gemäldesammlung erbaut. Das im Zweiten Weltkrieg beschädigte Gebäude wurde in den 60er-Jahren wieder hergerichtet. Während der documenta III waren dort die Handzeichnungen zu sehen. Auch 1968 und 1972 blieb die Galerie zentraler documenta-Standort. Seit 1976 dient das Gebäude als Museum für die Kunst seit 1750. Die Ausstellungen von 1977 und 1982 konnten nur Teile des Museums in Anspruch nehmen. 1992 lud Jan Hoet solche Künstler in die Neue Galerie ein, die mit ihren Werken den Sammlungsbestand kommentierten.


Bildergalerie (neu!)

Teilnehmende Künstler

Besondere Kunstwerke

Joseph Beuys (1921-1986): „7000 Eichen“ (1982-87)

Seinen Vorsatz, direkt in die Gesellschaft einzuwirken, konnte Joseph Beuys 1982 mit seinem documenta-Beitrag verwirklichen. Er nahm sich vor, im gesamten Stadtgebiet von Kassel und bevorzugt dort, wo es kein Grün gab, 7000 Bäume (vorwiegend Eichen) zu pflanzen. Jedem wachsenden Baum wollte er als Zeichen eine gewachsene Basaltsäule zur Seite stellen. Beuys wollte dauerhaft Grün und Leben in die Stadt bringen und vor allem dort hartnäckig sein, wo der Pflanzaktion bürokratische Widerstände entgegengesetzt wurden. Die auf 3,5 Millionen Mark geschätzten Gesamtkosten wurden durch Spenden, Patenschaften und spektakuläre Aktionen aufgebracht. In der Stadt aber bildete sich großer Widerstand gegen das Projekt, weil die 7000 Basaltsäulen bis zu ihrer Verwendung auf dem Friedrichsplatz gelagert wurden. Die Vollendung der Pflanzaktion zur documenta 8 erlebte Beuys nicht mehr. Es dauerte fast 20 Jahre bis das Geschenk der "7000 Eichen" von der Stadt richtig angenommen wurde.


Per Kirkeby (*1938): Backsteinbau (1982)

Der dänische Künstler Per Kirkeby arbeitet auf verschiedenen Feldern mit sehr unterschiedlichen Ausdrucksmitteln. So war er 1982 in der Ausstellung als Maler mit kraftvollen Farbimprovisationen vertreten, die entfernt an Landschaften und Figuren erinnerten. Gleichzeitig entwarf er für das Außengelände (neben der Orangerie) einen strengen Backsteinbau, der sich mit klar gegliederter Architektur auseinander setzte, aber trotzdem eine selbst bezogene, geheimnisvolle Skulptur blieb. Der stille und hermetische Bau gefiel an diesem Ort. Kirkeby war daher bereit, ihn der Stadt als Geschenk zu überlassen. Doch trotz internationaler Proteste wurde der Backsteinbau abgerissen. Zehn Jahre später sorgte die documenta für Entschädigung. Kirkeby erstellte in Verlängerung der documenta-Halle einen Backsteinbau, der auch stehen blieb.


Jonathan Borofsky (*1942): Five Hammering Men, Stahl und Motoren (1982)

Über Jahre hinweg notierte der Amerikaner Jonathan Borofsky seine Träume und Traumbilder. Aus diesen Protokollen schöpfte er Ideen für seine künstlerische Arbeit. Dazu zählten das Bild eines fliehenden Mannes mit Tasche und Hut oder eines übergroßen Maschinenmenschen, der flach wie ein Schattenriss ist und unablässig einen Hammer bewegt. Fünf dieser überdimensionalen Hammer-Männer stellte Borofsky in der Neuen Galerie in den Saal, in dem ansonsten die neue wilde Malerei zu sehen war. Die Figuren wirkten wie schwarze Raumzeichnungen. Ein paar Jahre später ließ Borofsky auf der Basis dieser Vorlagen eine Riesenfigur bauen, die heute in Frankfurt vor dem Messeturm steht.


Daniel Buren (*1938): A L’autre, Stoff (1982)

Der französische Künstler Daniel Buren hat für sich und sein Werk den regelmäßig gestreiften Markisenstoff als zentrales Material entdeckt. Die weiß-roten, weiß-blauen oder weiß-grünen Streifen kennt jeder. Wenn also der Künstler diese Stoffe in seinen Arbeiten verwendet, erhebt er nicht den Anspruch, ihn selbst hergestellt zu haben. Ihm geht es allein darum, mit Hilfe des vertrauten Dekors Architekturelemente oder Räume neu zu definieren. In der Ausstellung von 1982 konzentrierte er sich darauf, den Blick auf die Fenster- und Türformen des Fridericianums und der Orangerie zu lenken. Während er im klassizistischen Friderianum die Sprossenfenster in gestreifte Glasbilder umsetzte, gliederte er in der barocken Orangerie de große runde Türöffnung durch fünf Stoffbahnen in der Weise, dass die Gesamtform bewusst wurde und zugleich ein symmetrisches Bild aus Farbfeldern entstand.


Mario Merz (1925-2003): Isola (Spiraltisch), Glas, Stahl, Steinplatten, Reisig (1982)

Viele italienische Künstler haben unter der Erblast der Antike gelitten. Daher nahm auch Mario Merz bewusst eine anti-klassische Haltung ein. Statt des edlen Marmors setzte er einfache („arme“) Materialien ein und wurde zu einem Hauptvertreter der Arte Povera. Merz beschäftigte sich mit Naturgesetzlichkeiten und entdeckte in der Zahlenreihe des Naturphilosophen Fibonacci (1-1-2-3-5-8-13-21…) eine Vorgabe für Konstruktionen seiner Bauten. Seine Skulpturen in Form von Iglus waren Schutz- und Zufluchtsräume, Urbehausungen. Für die documenta 1982 schuf Merz einen Spiraltisch, in dem sich die Elemente der Natur(Holz und Stein) und der Technik (Stahl und Glas) miteinander verbanden. Der Tisch ist heute in der Neuen Galerie in Kassel zu sehen.


Keith Haring (1958-1990): Ohne Titel, Siebdruck, Tusche und Lack auf Plane (1982)

Die Kunst der Straße eroberte das Museum. Der New Yorker Künstler Keith Haring hatte sich von der Graffiti-Kunst inspirieren lassen. Er übernahm einige Elemente und entwickelte ähnlich wie der Deutsche A.R. Penck eine zeitlos einfache Zeichensprache. Haring reduzierte die Formen auf simple Umrisse und Flächen und benutzte leuchtende Farben. Seine Figuren sind stets bewegt und voller Emotionen. Auch in diesem Bild hält die Figur Hilfe rufend die Hände hoch, während durch ihren Körper Tiere springen. Die auf den ersten Blick heiter wirkende Szenerie ist in Wahrheit bedrohlich. Die Straßenkunst wurde durch diese Bilder geadelt und auf Dauer erhalten.


Claes Oldenburg (*1929): Die Spitzhacke, Stahl (1982)

Die Zeit der Denkmäler und Statuen war vorüber. Was konnte an ihre Stelle treten? Einen ganz eigenen Vorschlag machte der Pop-Art-Künstler Claes Oldenburg. Er entwarf Monumente, in denen er alltägliche Gebrauchsgegenstände ins Überdimensionale vergrößerte: Wäscheklammer und Feuerwehrschlauch, Lippenstift und Billardkugel. Diese Monumente sind zu Stadtzeichen geworden. Weil in Kassel zahlreiche Baustellen waren, als er eine Idee für die documenta suchte, entschied sich Oldenburg für eine Spitzhacke. Er ließ sie an der Stelle am Fuldaufer aufstellen, an der die Verlängerung der Achse vom Herkules über die Wilhelmshöher Allee auf den Fluss treffen würde. Auf diese Weise machte er die Stadtstruktur bewusst. Die Spitzhacke, so stellte er sich vor, habe der über Kassel thronende Herkules dorthin geschleudert.


Jörg Immendorff (*1945): Naht (Brandenburger Tor), bemalte Bronze (1982)

Einer der wenigen Maler, die sich wiederholt in ihrer Arbeit mit der deutschen Teilung beschäftigten, war der in Düsseldorf lebende Jörg Immendorff. Seine Serie der Café-Deutschland-Bilder beschworen die Widersprüche der damaligen Situation, die zuweilen einer Eiszeit ähnelte. In der Ausstellung von 1982 war er auch mit Gemälden vertreten. Vor dem Fridericianum stand von ihm als Mahnmal eine Skulptur, die die Form des Brandenburger Tores übernahm. Malerei und Skulptur waren darin eine einzigartige Verbindung eingegangen. Die Säulen bestanden aus untereinander verschlungenen Figuren und Symbolen, die zum Personal der deutsch-deutschen Geschichte gehören. Die Arbeit befindet sich heute im Ludwig Forum in Aachen.


Georg Baselitz (*1938): Mädchen von Olmo, Ölbild (1981)

Er ist einer der wichtigsten Maler der Gegenwart: Georg Baselitz brauchte viele Jahre, um die Anerkennung zu erlangen. Auch seine Beteiligung an der documenta 5 hatte ihm nicht den Durchbruch gebracht. Erst zehn Jahre später war er etabliert, als er von Rudi Fuchs als einer der „Helden“ (Meister) der Kunst vorgestellt wurde. Baselitz erregte Aufsehen dadurch, dass er seine Motive so malte, dass sie stets auf dem Kopf standen. Er wollte damit signalisieren, dass es nicht auf die Darstellung sondern auf die Malerei ankomme. In dem Bild von 1981 wurde eine Weiterentwicklung von Baselitz sichtbar. Seine Malweise wurde roher und abstrakter. Ihm ging nun ausschließlicher um das Zusammenspiel der Farben und die Spannungen der Formen. Man spürte, dass er seine groben Holzschnitzarbeiten begonnen hatte.

Texte für das documenta-mobil (2005)

Pressestimmen

Links


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