Die documenta 13 hat ein Motto

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Der Tanz war sehr frenetisch...

Die documenta 13 hat ein Motto. In einem Vortrag im Rahmen der CCA Graduate Studies Lecture Series, CCA, in San Francisco hat Carolyn Christov-Bakargiev den Titel ihrer für 2012 geplanten Ausstellung bekannt gegeben: “Der Tanz war sehr frenetisch, aufbrüllend, gerasselt, klingelnd, verdreht, rollend und dauerte (für) lange Zeit”.

In ihrem in englischer Sprache gehaltenen Vortrag (http://www.youtube.com/watch?v=kzm-4-1pN_U) blendete sie auf der Leinwand dieses Motto (Zitat) in deutscher Sprache ein.

Was wissen wir damit über die kommende documenta? Inhaltlich nichts. Aber atmosphärisch sehr viel. Zum einen lässt dieses Motto erkennen, dass Carolyn Christov-Bakargiev ähnlich wie Rudi Fuchs aus einer poetischen, erzählerisch-bildhaften Haltung an ihre Ausstellung herangeht. Zum anderen spricht daraus, dass die documenta-Leiterin jenseits von Betrachtung und Belehrung das alle Sinne aufrührende Ausstellungserlebnis sucht, die Überwältigung und die Lust an Bildern und Sprache.

An den Anfang ihres Vortrages stellte sie ein Bild der beispielhaften Stahlhäuser in der Kasseler Rothenberg-Siedlung und drei Fragen: 1) Wo sind wir? 2) Wo kommen wir her? 3) Wöhin mögen wir unterwegs sein und warum?.

Diese Fragen sind für ihre kuratorische Arbeit in Kassel wichtig und für den Vortrag selbst, in dem sie im Schnelldurchgang die documenta-Geschichte aufblätterte und in dem sie zuvor ihre Zuhörer mit der Nachkriegssituation der total zerstörten Stadt, die für die Rüstungsindustrie der Nazis von höchster Bedeutung war, vertraut machte. Es zeigt sich, dass je länger der Krieg und die Nazi-Zeit zurückliegen, desto intensiver und nachdrücklicher gehen die documenta-Leiter(innen) darauf ein. Den Anfang hatte übrigens Catherine David gemacht.

Interessant war der Hinweis, dass in der documenta 1955 die Italiener deshalb so stark vertreten gewesen seien, weil Bodes Mitstreiter Werner Haftmann damals in Venedig gelebt habe. Allerdings war mit 28 von 148 Künstlern der Anteil der Italiener nicht so hoch, wie der Vortrag nahezulegen schien. Im Zusammenhang mit den ersten documenta-Ausstellungen brachte Carolyn Christov-Bakargiev auch wieder die Unterstellung ins Spiel, die documenta der Anfangsjahre, inbesondere von 1959, sei ein kultureller Arm des CIA gewesen.

Bei der Ableitung des Namens documenta aus dem Lateinischen legte Carolyn Christov-Bakargiev das englische Wort teaching (be-lehren) nahe. Doch ursprünglich ging es bei der Wortwahl um das Dokumentieren, um das Aufzeigen dessen, was ist.

Bemerkenswert an dem Vortrag war, dass die Kuratorin, wenn sie über einzelne Bilder oder eine documenta sprach, immer den Bezug zu den parallelen politischen und gesellschaftlichen Ereignissen herstellte. Sehr ausführlich ging sie auf das Foto von der documenta 1959 ein, mit dem sie sich schon in Turin beschäftigt hatte (siehe auch: 17. 2. 2010).

Das Denken, das in der Kunst zwischen Zentrum und Peripherie unterscheidet, hält die documenta-Leiterin für überholt. Am Beispiel eines Performance-Künstler aus Singapur, der nach London geht, um dann mit seinen europäischen Erfahrungen in seine Heimat zurückzukehren, erläuterte sie, wie sich die Relationen verschoben haben.

Carolyn Christov-Bakargiev wehrt sich gegen die Ansicht, sie wähle für ihre Ausstellung aus. Vielleicht hängt diese Abwehr mit dem politisch vorbelasteten Begriff selektieren/Selektion zusammen. Nein, sie wähle nicht aus, sondern bringe Menschen und Objekte zusammen. Die Arbeit an dem Projekt documenta ist für sie ein Prozess, an dem viele beteiligt sind - Kuratoren, Denker und selbst Verwandte wie ihre Tochter.

28. 2. 2010

siehe auch