Die Werratalbrücke wird zur Todesfalle

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Drama: Am Fuße der Werratalbrücke liegen die Wracks des abgestürzten Busses und des ebenfalls abgestürzten Tabaklastwagen samt Anhänger. Foto: Beinhorn/NH
Glück im Unglück: Schilder und ein Wall markieren das Ende der Autobahn. Dieser Wagen hat die Not-Ausfahrt offensichtlich verpasst, wurde aber aufgehalten. Foto: SAMMLUNG Beinhorn
Brückentrümmer: Herabgestürzte Teile der alten Werratal-Autobahnbrücke liegen nach der Sprengung durch die deutsche Wehrmacht am Fuß der Brückenpfeiler und müssen später mühsam beiseite geräumt werden. Foto: SAMMLUNG Beinhorn
Behelfsbauwerk: Eine von britischen Pionieren gebaute Behelfsbrücke dient sieben Jahre lang dem Autoverkehr über die Werra. Im Hintergrund Reste der alten, 61 Meter hohen Autobahnbrücke und das Wasserkraftwerk Letzter Heller. Foto: SAMMLUNG Beinhorn
Absicherung: Nach dem tragischen Unfall im Sommer 1945 wurde das Autobahnende besser gesichert. Später wurde an der Straßensperre noch ein Polizeiposten eingerichtet. Foto: SAMMLUNG Beinhorn

DAS DRAMA IM WERRATAL

Viele furchtbare Unfälle ereigneten sich nach der Brückensprengung vom 6. April 1945

Nicht einmal zehn Jahre nach ihrem Bau wird die Werratal-Autobahnbrücke in der Nacht des 6. April 1945 von einem deutschen Sprengkommando auf Befehl Adolf Hitlers gesprengt.

Den zügigen Vormarsch der Amerikaner hält die Sprengung nicht mehr auf. Noch in der selben Nacht setzen Stoßtrupps mit Booten über die Werra, und bereits am nächsten Tag beginnen amerikanische Pioniere damit, aus Pontons eine Not-Brücke über die Werra zu schlagen.

Die provisorische Brücke der Amerikaner wird nach Kriegsende von britischen Soldaten durch eine solide Behelfsbrücke ersetzt. Diese dient sieben Jahre, bis zum Wiederaufbau der Autobahnbrücke 1952, als Übergang über die Werra. Ein bei Laubach sich ins Tal schlängelnder Waldweg mit bis zu 14 Prozent Gefälle wird zur Not-Autobahnabfahrt für die von Kassel kommenden Fahrzeuge ausgebaut, um den Verkehr auf dieser Nord-Süd-Achse über die Behelfsbrücke umzuleiten.

In den nächsten Monaten werden die gesprengte Brücke und die Not-Abfahrt zur Behelfsbrücke im Tal allerdings zum Schauplatz zahlreicher tragischer Unfälle. Schuld daran ist zum einen die geografische Situation: Wer von Kassel kommend auf die Brücke zufährt, hat auf den letzten Kilometern vor dem Werratal ein starkes Gefälle von über acht Prozent vor sich, was die zerstörte Brücke im Tal wie die Rampe einer Skisprungschanze erscheinen lässt und das fahrerische Können der Fahrzeuglenker sowie die Bremsen manches Autos vor eine harte Probe stellt. Zum anderen ist die Brücke in den ersten Wochen nach der Sprengung unzureichend abgesichert. Lediglich ein englischsprachiges Hinweisschild mit der Aufschrift „No Bridge“ und quer gelegte Baumstämme auf der rechten Fahrbahnseite weisen auf das Fehlen der Brücke hin.

Das tragischste Unglück an der Brücke ereignet sich am 18. Juli 1945. Aus Salzburg kommend fährt ein mit 57 Personen vollbesetzter Postbus mit Anhänger Richtung Norden. An Bord des Busses sind ehemalige Wehrmachtssoldaten, die das Ende des Krieges in einem Lazarett erlebt haben und nun nach Hause geschickt werden, dazu einige Krankenschwestern.

Es ist der Mittag eines sehr heißen Sommertages. Die Luft über dem Asphalt der Autobahn flimmert in der gleisenden Hitze.

Ob der Fahrer des Busses die Warnhinweise und Absperrungen vor der Brücke deshalb nicht sieht oder ein Bremsdefekt ihn zwingt, ist im Nachhinein nicht mehr zu klären. Und so geschieht es: Der Bus rast ungebremst über den Brückenabbruch hinaus und stürzt 30 Meter in die Tiefe.

Die meisten Insassen des Busses sind sofort tot. Einige sind schwer verletzt. In dem am Fuße der Brücke gelegenen Laubach wird das Unglück beobachtet. Aus dem Dorf eilen nach und nach immer mehr Helfer herbei, die sofort damit beginnen, die Toten und Verletzten zu bergen. Auch das in Münden stationierte britische Militär sowie zwei ortsansässige Ärzte sind nach kurzer Zeit am Unfallort. Noch während die Verletzten in einen herbeigerufenen britischen Sanitätswagen geladen werden, geschieht jedoch das Unfassbare: Noch während sich die Helfer im Tal um die schwerverletzten Bus-insassen bemühen, ist ein mit Tabakballen und einigen Anhaltern beladener Lastwagen ebenfalls auf die Brücke gefahren. Einige Anwohner versuchen den Wagen noch durch aufgeregtes Winken und Schreien aufzuhalten, aber der Fahrer reagiert nicht und hält weiter auf die gesprengte Brücke zu. Offenbar erkennt auch er die tödliche Gefahr nicht.

Das tragische Schicksal nimmt seinen Lauf. Der Tabak-Lastwagen erfasst einen auf der Fahrbahn stehenden Jungen aus Laubach, und Sekunden später stürzt auch er über das Brückenende in den Abgrund.

Es ist nur ein kurzer Schatten, den die Helfer im Tal wahrnehmen, bevor der Lastwagen von oben in die Unfallstelle kracht. Mitten in den Verbandsplatz schlägt der Lastwagen ein. Einige der dort liegenden Verletzten werden zermalmt. Auch einer der beiden Ärzte, Dr. Eberhardt Hahn, hat keine Chance wegzuspringen und wird tödlich getroffen.

Am Ende dieses schrecklichen Tages zählt man 40 Tote. Mehr als ein Dutzend Schwerverletzte werden in die umliegenden Krankenhäuser eingeliefert. Doch so unglaublich es klingt: Auch bei diesem schweren Unglück müssen einige Businsassen einen besonderen Schutzengel haben und bleiben unverletzt.

Als Reaktion auf die dramatischen Ereignisse vom 18. Juli wird die Brückenzufahrt schließlich mit einem Erdwall zusätzlich gesichert. Aber auch noch die nächsten Monate bleibt die steile Not-Abfahrt nach Laubach ein Unfallschwerpunkt, der so manchem Dorfbewohner unverhoffte Mitbringsel aus havarierten Lastwagen bietet. Um weitere Plünderungen zu verhindern und die Unfallgefahr noch weiter zu verringern, wird später an der Notabfahrt ein ständiger Polizeiposten eingerichtet. Dieser hält den Verkehr an, warnt vor dem steilen Gefälle und fordert die Fahrer auf, vorsichtig im ersten Gang die steile Abfahrt nach Laubach zu meistern.

Damit sinkt die Unfallgefahr, aber eine Normalisierung der Verkehrssituation ergibt erst der Wiederaufbau der Werratalbrücke im Jahre 1952. Dankbar für den Neubau sind besonders die Laubacher, die seitdem wieder in einem verträumten Dorf wohnen und die Brücke nun im Wappen tragen.

Das Dorf im Schatten der Brücke

Die Autobahnbrücke über die Werra ziert seit 1962 das Wappen der Gemeinde Laubach

Seit 1962: Werratalbrücke im Gemeindewappen. Repro: NH

Die Laubacher leben seit 69 Jahren im Schatten der Werratal-Autobahnbrücke. Seit 1962 ziert die Werratalbrücke auch das offizielle Wappen des Ortes.

Im Wappenbrief der Gemeinde heißt es: „Die Autobahnbrücke, die bei Laubach das Werratal überspannt, hat in den letzten Jahrzehnten das Leben des Dorfes stark beeinflusst. Der silberblaue Wellenbalken darunter, die Werra, ist erniedrigt angebracht, um das Laubacher Ufer mehr hevorzuheben. Der Waldreichtum des Kaufunger Waldes, an dessen Abhang Laubach liegt, wird durch goldene Eichenblätter symbolisiert. Die Farben des Wappens deuten in ihrer glücklichen Verbindung die hessische (rot-silber) und die hannoversche (gold-silber) Vergangenheit an.“

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