Die Trümmer von Kassel

Aus Regiowiki
Wechseln zu: Navigation, Suche

Als ich ab April 1957 in Kassel die Walter-Hecker-Berufsschule besuchte, konnte man ein eigenartig lautes "Betriebswerk" sehen und darin "Es" noch hören; ich meine es waren die traurigen Schmerzlaute von Alt-Kassel, denn in diesem Werk geschah nämlich das Zermahlen der Trümmer der zerbombten Kasseler Wohn-, Verwaltungs- und Fabrikgebäude. Diese wurden nun körnig gemahlen und dann wieder zu den sogenannten Trümmersteinen "zusammengebacken".

Und man sollte es nicht glauben, selbst auf dem flachen Land, in Wabern, wo einige Leute schon immer eifrig versuchten ihren angestammten Dialekt in eine "Kasselänerische Aussprache" zu verändern; - siehe auch Karlshof in Wabern - auch dort wurden diese "neuen Kasseler Steine" aus dem Staub des alten Kassels verbaut!

Jedenfalls hatte mein Schwiegervater sich hiermit ein Waschhaus bauen lassen, in dem auch jährlich dann eigengefütterte Schweine "Hausgeschlachtet" wurden. Bis in die 80er blieb das Mauerwerk außen unverputzt, so dass man die groben rötlichen Backsteinsplitter gut erkennen konnte; die Steine waren nicht nur schwer und großformatig, sondern auch sauscharf, und "hätten beim Vermauern den Maurern so manchen kräftigen Fluch entlockt"; laut Erzählung meines Schwiegervaters!

Jedoch nur mit der tragischen Geschichte Kassels vertraute Menschen, konnten den extrem rauhen und auch groben Steinen "ansehen", dass an ihrem ursprünglichen Ort so viele Menschen junge und alte ihr Leben im schlimmen Bombenhagel der 40er Jahre lassen mussten!

Ich hörte beim Anblick des Häuschens dann im Geist das Mahlen der Steinmühle - von hinter meiner Berufsschule in der Schillerstraße; das wie das Klagen und Stöhnen des malträtierten Kassels klang! Für die Geräusche der fallenden Bomben und deren Explosionen, war ich zu meinem Glück noch zu jung gewesen; obwohl auch ich mit dem Verlust des Vaters mein Teil abbekam!

Von H.-J. Schulz am 22.3.2006