Die Nacht als Heinemann Goldschmidt floh

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Vor mehr als 70 Jahren, Anfang Mai 1938, musste der überaus beliebte Homberger Arzt Dr. Heinemann Goldschmidt auswandern.

Er hatte sich nach Kriegsende im April 1919 in Homberg als praktischer Arzt niedergelassen, bezog seine Praxisräume zunächst im ersten Stock der Gastwirtschaft Gude. 1927 erbaute er im Schwenkenweg Nummer 6 ein eigenes, neues Haus.

Die Praxis muss sehr gut gegangen sein, die Familie Goldschmidt verreiste regelmäßig jedes Jahr. So verwundert es auch nicht, dass Goldschmidt es sich leisten konnte, im Umfeld der Geburt von Tochter Ruth ein Dienstmädchen einzustellen. Gleichzeitig engagierte sich Heinemann innerhalb der sozialdemokratischen Partei in Homberg.

Dieses Engagement zog sich durch die gesamten 20er-Jahre, schließlich kandidierte er im November 1929 für die Stadtverordnetenversammlung Hombergs, wo er dann in der Gesundheitskommission tätig war.

Heinemann Goldschmidt muss ein sehr beliebter Arzt gewesen sein. So gratulierte der Arbeiter-Gesangverein Harmonie, dessen Mitglied Goldschmidt war, seiner Familie per Zeitungsanzeige zur Geburt von Tochter Ruth. Nach Recherchen von Friedrich Dreytza ging Heinemann am 2. Mai 1938 in seiner Offiziersuniform aus dem Ersten Weltkrieg zum Homberger Bürgermeister, um sich abzumelden.

Mit den Worten, „das ist der Dank meines Vaterlandes, dass ich nun meine Heimat verlassen muss“, legte er den höchsten deutschen Militärorden, der ihm im Ersten Weltkrieg verliehen worden war, auf des Bürgermeisters Tisch. Am nächsten Morgen bestieg er mit seiner Ehefrau in Bremerhaven ein Schiff, um Deutschland für immer zu verlassen. Sein Haus hatte er noch verkaufen können.

Sohn kehrte als Soldat zurück

Sohn Ludwig gelang ebenfalls die Auswanderung. Er kehrte als US-Soldat zurück. Auf einem der ersten Panzer der Amerikaner erreichte er am 30. März 1945, dem Karfreitag, die Kreisstadt. So stand er kurz auf der Drehscheibe als die Amerikaner, von Frielendorf kommend, die Stadt einnahmen.

Eine Namensliste seines Vaters hatte er im Kopf. Dort waren Personen vermerkt, die Ludwig von Heinemann, seinem Vater, grüßen sollte. Weiterhin weiß man von Ludwig nur, dass er als Louis H. Goldsmith in Albuquerque, New Mexico, noch 1958 lebte. Danach verliert sich seine Spur.


Zur Person:

Heinemann Goldschmidt wurde am 30. September 1879 als Sohn des Handelsmanns David Goldschmidt und seiner Ehefrau Henriette (genannt Jettchen) in Hebel im Haus Nummer 34 geboren.

Nach Studium und fünfjähriger Tätigkeit als Arzt in Berlin musste auch er im Ersten Weltkrieg zum Heeresdienst.

1923 heiratete er Else Levy, geboren am 18. März 1889. Sie hatten zwei Kinder, Ruth und Ludwig. Über sein späteres Schicksal ist wenig bekannt. Goldschmidt starb 1982 in den USA.

Von Tochter Ruth ist Dank Dreytzas Recherchen bekannt, dass sie schon 1937 Homberg in Richtung USA verlassen hat.

Über das Schicksal von Heinemann und Else ist ebenfalls kaum etwas bekannt. Möglicherweise erwog Goldschmidt nach 1945, nach Deutschland zurückzukehren. Dazu kam es jedoch nicht.

siehe auch

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