Alberto Giacometti

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Das documenta-Lexikon
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Alberto Giacometti war ein schweizerisch-italienischer Bildhauer und Maler (1901 - 1966). Er wurde weltweit bekannt durch seine überlangen Figuren, die in ihrer Einfachheit an Strichmännchen erinnern. Diese zerbrechlichen Menschen formte er unter dem Eindruck primitiver Kunst und etruskischer Figurinen. Seine Werke wurden auf der documenta II, documenta III und documenta IX gezeigt.

Die Figur als Zeichen

Im Vergleich zur ersten Ausstellung erhielt die zweite documenta auch scharfe Kritiken. So sehr die Inszenierung der Räume mit Malerei im Fridericianum und der Skulpturen in und vor der Orangerie gelobt wurde, so vernichtend waren die Urteile über die Ausstellung der Kleinplastiken im Obergeschoss des Westpavillons an der Orangerie: Vom „Plastikfriedhof“ war die Rede, von einer „Schreckenskammer“ und von einem „Gruselkabinett“. Es waren nicht unbedingt die Werke selbst, die die Schelte provozierten, sondern die Art der Präsentation. Die Aufstellung der Kleinplastiken wurde als viel zu eng empfunden. Eben das, was unten vor der Orangerie den Skulpturen ermöglicht wurde – ungestörter Freiraum zur Entfaltung der plastischen Wirkung – wurde oben den kleineren Arbeiten versagt. Das führte zwangsläufig dazu, dass die bildhauerischen Leistungen der in dem Pavillon versammelten Werke zu wenig erkannt und gewürdigt wurden.

Skulptur: Drei schreitende Männer

Eine der herausragenden Arbeiten war die auf einem doppelten Sockel platzierte Skulptur „Drei schreitende Männer“ von Alberto Giacometti (1901-1966). Die Bronzefiguren stehen auf einer Bronzeplatte, durch die die drei Figuren zu einer auseinanderstrebenden Einheit werden. Die Platte mit den Figuren, die an lang gezogene Strichmännchen erinnern, wirkt wie das Modell für einen größeren Raum. Der Schweizer Giacometti versuchte stets, seine Figuren in Bezug zum Raum zu setzen, ihnen einen festen Ort zuzuweisen, der das Verhältnis von Nähe und Distanz definiert.

Auf dieser Platte stehen die drei Männer in einer klaren Beziehung zueinander. Indem sie in verschiedene Richtungen streben, erheben sie den Anspruch, den Raum zu erweitern. Nur selten gelingt es, mit so wenigen Andeutungen so nachdrücklich Bewegungsabläufe darzustellen.

Giacometti hat sich mit seinen in die Länge gezogenen, dünnen Figuren in die Kunstgeschichte eingeschrieben. Ihn interessierte als Bildhauer nicht das Volumen, auch nicht die Ausformung der einzelnen Partien. Er reduzierte vielmehr die Figur auf ihre entfernte Erscheinung, auf ihre Haltung und Bewegung. Die Figuren wurden zu Zeichen des Menschen, die immer und überall verstanden werden – so wie später A.R. Penck in seinen Bildern die Menschen als zeichenhafte Elemente malte.

Die Kunst des 20. Jahrhunderts hatte ihre Erneuerung zu einem Teil aus der Auseinandersetzung mit der afrikanischen und ozeanischen Kunst geschöpft, in der nicht die wieder erkennbare Erscheinung, sondern die Bedeutung entscheidend war. Dementsprechend setzten sich diese Kulturen oft über das Körperverständnis hinweg, das in Europa für Jahrhunderte die Kunst prägte. Daneben gab es für Giacometti ganz nahe liegende Vorbilder bei den Etruskern. In deren Gräbern hatte man lang gestreckte, schmale Votivfiguren gefunden. Hinzu kommt noch ein biografisches Motiv: Giacometti berichtete zu einer Bronzearbeit, die er „Der Wald“ nannte und bei der überlange Figuren bei einander stehen, als Kind seien ihm einzelne Bäume als riesenhafte Menschen gesehen.

In seinen Zeichnungen und Gemälden wird deutlich, dass es für Giacometti außerdem eine fruchtbare Beziehung zum Expressionismus gab, für den die Überhöhung und Streckung ein gebräuchliches Ausdrucksmittel war. In der dritten documenta wurde die Leistung des Bildhauers umfassend gewürdigt. In dieser Ausstellung war er sowohl mit Gemälden und Zeichnungen als auch Skulpturen vertreten. Ein weiteres Mal war Giacometti 1992 in der documenta vertreten. Jan Hoet hatte ihn allerdings nicht mit in die eigentliche Ausstellung einbezogen, sondern präsentierte Giacomettis Skulptur „Die Nase“ zusammen mit einigen Werken anderer Künstler im Zwehrenturm als eine Art visuelles Vorwort. Dort sollte sichtbar werden, aus welchem Kunstverständnis heraus die documenta konzipiert worden war. Der in einem Gestell hängende Kopf mit seiner überlangen Nase signalisierte, wie sehr die Plastik des 20. Jahrhunderts bemüht war, die ihr gesetzten Grenzen zu überwinden und über den vorgegebenen Raum hinaus zu wirken.


Quelle: Meilensteine - documenta 1-12


Querverweise

Auflösung der geschlossenen Form

Netzverweise und Quellen