Die Bildteppiche wiederentdeckt

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Die künstlerischen Medien der documenta 12 - Arbeiten mit und auf Stoff

In der Rückbesinnung auf alte künstlerische Sprachen und Formen stellt die documenta 12 mit den Bildteppichen eine Technik vor, die über eine reiche Tradition verfügt, aber heute vom Kunstbetrieb überwiegend ignoriert wird. Gobelins und Tapisserien gelten heute, auch dann wenn sie von Künstlern gestaltet werden, als Kunsthandwerk. So hat es in der documenta-Geschichte bisher nur 1959 eine bemerkenswerte Schau von Bildteppichen gegeben.

Die documenta 12 könnte in dieser Beziehung einen Neuanfang setzen. Sie rehabilitiert nicht nur die zeitgenössischen Bildteppiche, sie bindet sie auch in die Tradition ein. Am sichtbarsten wird das in der documenta-Halle, in der gleich ein Dutzend Teppiche und Stoffbilder gezeigt wird. Zuerst bleibt der Blick auf dem über acht Meter langen iranischen Gartenteppich hängen, der in seiner ganzen Ausdehnung vor der blauen Wand aufgestellt ist.

An dem Teppich fasziniert, wie aus der ornamentalen Struktur vorsichtig erzählerische Elemente entwickelt werden: Man blickt aus der Vogelperspektive auf eine stilisierte Gartenlandschaft. Obwohl abstrakt, korrespondiert mit diesem um 1800 angefertigten Riesenteppich das aus Streifen geknüpfte Stoffbild von Abdoulaye Konaté, das in seinem sanften Übergang von tiefem zu hellem Blau wie eine heftige Malerei wirkt. Konatés zentrale Arbeit in der documenta-Halle sind die vier Wandteppiche, die mit ihren Verknüpfungen von Palästinensertüchern und israelischer Flagge den Traum von einer Verbrüderung im Palästinakonflikt beschwören.

Aber der Traum ist in weiter Ferne, wie jeweils unten der blutrote Saum andeutet. In die Teppiche hineingeflochten sind Schutz- und Glückssymbole aus Konatés Heimat Mali. Noch drastischer ist Konatés Stoffarbeit im Aue-Pavillon, mit der der Künstler an die Gräuel in Bosnien, Angola und Ruanda erinnert.

Gleich sieben Stoffbilder hat Cosima von Bonin in ihre weiträumige Installation in der documenta-Halle gehängt. Die Künstlerin hat zum überwiegenden Teil bedruckte (Handtuch-)Stoffe benutzt, die sie bestickt hat und auf die sie ihre weißen Formen (in Anlehnung an Rorschachtests) aufgetragen hat. Hier gewinnen die industriell gefertigten, gemusterten Stoffbahnen, die wie Leinwände eingesetzt werden, Bildqualität.

Bildteppiche im klassischen Sinne sieht man im Fridericianum von Poul Gernes (1925-1996), der Anfang der 70er-Jahre zehn ebenso ungewöhnliche wie ironische Vorschläge für eine Europaflagge in Stoff gestaltete. Die Bildteppiche kann man sich gut als Stander vorstellen.

Betrachtet man die bedruckten und bestickten Stofarbeiten, muss man auch die Bilder mit den Werbesymbolen von Zheng Guogu sowie die Stofftücher von Tanaka Atsuko (1932-2005) im Blick haben. Ihr von 1955 rekonstruiertes pinkfarbenes Tuch, das täglich neben dem Aue-Pavillon aufgespannt wird, gibt sich ganz der Farbe hin. Das zehn mal zehn Meter große Tuch stellt die Verbindung zur Aktionskunst her.

HNA 15. 9. 2007