Dias und Riedweg

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Das documenta-Lexikon
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Mauricio Dias (Jahrgang 1964) und Walter Riedweg (Jahrgang 1955), die an der documenta 12 teilgenommen haben.[1]

Werk

Mauricio Dias und Walter Riedweg arbeiten seit 1993 an gemeinsamen Projekten im öffentlichen Raum.

documenta 12

Für ihre Video-Installation Funk Staden haben sie als Grundlage das Buch die Wahrhaftige Historia von Hans Staden genommen. Der aus Nordhessen stammende Hans Staden hatte im 16. Jahrhundert auf einer Amerika-Reise Schiffbruch erlitten und war in die Gefangenschaft der Tupinamba geraten, die sich ihre Feinde einverleibten, um sich deren Fähigkeiten anzueignen. Staden konnte entkommen und schrieb seinen reich illustrierten Reisebericht, der das Bild von den primitiven Wilden in Südamerika prägte.

Die Viedeo-Installation zeigt immer wieder Seiten und Bilder aus dem Buch. Die Geschichte wird in die Funk-Kultur der Favelas übertragen: Die feiernden Brasilianer spielen die Wilden, die Menschenfresser sind.



Artikel aus der HNA vom 11. Juli 2007: Kannibalen sind unter uns

Werke aus der documenta 12 - Video-Installation "Funk Staden" von Dias und Riedweg

KASSEL. Brasilianer feiern. In der Mitte ein offenes Feuer, um das sie rhythmisch tanzen. Laute Klänge und immer wieder Bilder von Gliedmaßen, die von menschengroßen Puppen stammen. Dazu Bilder von bratendem Fleisch. Zuletzt Szenen, in denen Männer mit ihren Zähnen aufblasbare Puppen packen.

Die Aufnahmen sind unmissverständlich: Da führen sich die Brasilianer von heute wie Kannibalen auf. Schließlich sind sie ja auch Nachfahren jener indianischen Ureinwohner, die der Welt in verschiedenen Berichten als Menschenfresser vorgeführt wurden.

Entscheidend zu dieser Überlieferung beigetragen hat der in dem nordhessischen Homberg um 1525 geborene Hans Staden, der später in Wolfhagen (Landkreis Kassel) gelebt haben soll und dem im Wolfhagener Museum eine eigene Abteilung gewidmet ist. Dieser Hans Staden reiste als Landsknecht im Dienst der Portugiesen zweimal nach Brasilien und fiel dort in die Hände der Tupinamba-Indianer, die ihre Feinde rituell töteten und verspeisten, um sich deren Eigenschaften anzueignen. Durch eine List überlebte Staden und konnte unter dem Titel "Wahrhaftige Historia" einen Bericht seiner beiden Reisen schreiben. Diesen Bericht gibt es in verschiedenen Buchausgaben. Erst jüngst hat das Instituto Martius-Staden (Sao Paulo) eine kritische Neuausgabe in Deutsch und Portugiesisch herausgegeben. Der Brasilianer Mauricio Dias (Jahrgang 1964) und der Schweizer Walter Riedweg (Jahrgang 1955), die seit 1993 zusammenarbeiten, haben diese Reisebeschreibung von Staden aufgegriffen. In ihrer auf drei Wände projizierten Videoarbeit sind wiederholt Seiten aus der Buchausgabe oder drastische Menschenfresserszenen zu sehen. Mitunter sind die Spielszenen mit den Schwarz-Weiß-Zeichnungen unterlegt.

Die Absicht dieser Montage ist klar: Es soll der Eindruck entstehen, als hätten die feiernden Menschen in den Favelas von Rio de Janeiro ihren Kannibalismus bis heute nicht abgelegt. Sie scheinen noch in den alten rituellen Vorstellungen und Gebräuchen gefangen zu sein. Verstärkt wird das Bild dadurch, dass man immer wieder Requisiten sieht, die wie die Reste von verspeisten Menschen wirken. Auf diese Weise ist eine Video-Produktion voller Witz und Ironie entstanden. Denn sie knüpft an die Tatsache an, dass die Europäer über Jahrhunderte in den Ureinwohnern Afrikas und Südamerikas nur Wilde und Primitive sahen.

Indem die heutigen Brasilianer das alte Vorurteil auf sich beziehen und es zuspitzen, halten sie uns als Europäern in dem Video den Spiegel vor. Die Installation bildet den Auftakt in dem documenta-Ausstellungsraum in der Gemäldegalerie von Schloss Wilhelmshöhe. Eine zweite, sehr komplexe Video-Arbeit von Dias und Riedweg ist im Aue-Pavillon zu sehen.

siehe auch

  • [Mauricio Dias and Walter Riedweg, FunkStaden, Documenta 12 Strassenkinder im Museum. Betrachtungen zu Kunst und Moral: Das Projekt “Devotionalia”]

Weblinks und Quellen

  1. Dias und Riedweg auf kunstaspekte.de