Der lange Weg zum eisernen Kran

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Auf den Schlagden in Münden ist von der Betriebsamkeit früherer Zeiten, vom Be- und Entladen der Schiffe, vom Transport der Waren zur öffentlichen Waage und in die Packhäuser oder in die Stadt nichts mehr zu spüren. Zudem sind die Schlagden in neuerer Zeit im Interesse der Verkehrssicherheit sowohl für Autofahrer wie für Fußgänger baulichen Veränderungen unterworfen worden, so dass sie kaum noch eine Vorstellung von ihrer früheren Funktion vermitteln.

Die breiten, zum Wasser führenden Treppen, die das Be- und Entladen der Schiffe ohne einen auf der Schlagd stehenden Kran überhaupt erst ermöglichten, sind verschwunden. Zäune und Leitplanken, die es früher dort wie anderswo nicht gab, sorgen dafür, dass niemand mehr - vor allem Kinder, wie es früher immer wieder geschah -, durch einen Sturz in den Strom zu Tode kommen oder zumindest in Lebensgefahr geraten kann. Den Anwohnern Parkplätze für ihre Autos zu bieten, ist die zeitgemäße, wenngleich dem gesamten Ambiente widersprechende Zweckbestimmung der Schlagden geworden. Diese wird auch noch gestört, durch einen Absatz gegenüber vom Logenhaus auf der Rotunde bei der Schlagdspitze. Es liegt nahe, in diesem Absatz ein Überbleibsel zu vermuten, dem früher eine praktische Bedeutung zukam.

Die Suche nach seinem Ursprung führt in die Zeit des Baus der Lagerhäuser in den Jahren 1837/38. Sie waren nötig geworden, weil zum 1. Januar 1838 die 1814 von der Regierung in Hannover getroffene Regelung aufgehoben wurde, wonach die Stadt Münden und das Obergericht für das gesamte übrige Königreich Hannover zum Zollausland gemacht worden waren. Um eine Zone weiter aufrechtzuerhalten, in der die Fernhändler noch nicht zwischen Durchgangsgütern und bei Einfuhr in das Königreich Hannover zollpflichtigen Waren unterscheiden mussten, entschloss sich der Magistrat zum Bau der Lagerhäuser.

Noch während der Bauzeit kam der Gedanke auf, zur Erleichterung des Ladebetriebes einen Kran anzuschaffen. Schon sechs Jahre zuvor hatte der Stadtbauinspektor Fraas an den Magistrat eine Eingabe betreffend die Aufstellung einer Wuppe an der Bremer Schlagd gemacht. Eine Wuppe oder Wippe war eine einfache zweiarmige Hebevorrichtung. Wenn man in anderen, an schiffbaren Flüssen gelegenen Städten gesehen hat, schrieb Fraas, wie oft die einfachsten Maschinen zweckmäßig angebracht sind, um mit geringem Kraft-Aufwande und [mit] Zeitgewinnung Schiffe entladen zu können, und wie ängstlich es vermieden wird, so kostbare Geschirre, als die Schiffe sind, durch zu heftiges Aufsetzen der Lasten zu erschüttern, so sei es unbegreiflich, dass bis jetzt auf unserer Bremer Schlagt noch keine Hebemaschine, selbst der einfachsten Art, angelegt wurde. Fraas empfahl dem Magistrat die Anschaffung einer Wuppe, deren Kosten er auf insgesamt kaum 150 Taler bezifferte, eine verhältnismäßig geringe Summe.

Für die Inanspruchnahme der Wuppe schlug er eine nach dem Gewicht der bewegten Lasten zu zahlende Gebühr vor, die der städtischen Kämmerei zugute kommen würde. Kein vernünftiger Schiffer hob Fraas hervor, der die Nachtheile kennt, den die Schiffe durch das Ausladen an den Masten der Schiffe selbst erleiden, wird sich weigern, eine derartige Gebühr zu bezahlen. Der Magistrat scheint den Vorschlag des Bauinspektors wohlwollend aufgenommen zu haben, aber erst nach mehr als einem Jahr wurden Erkundigungen bei den Mündener Weserschiffern nach der Einschätzung eingezogen. Sie teilten dem Magistrat Anfang April 1833 mit, es sei zu wünschen, daß man in der Folge diejenigen Güter, welche die Weser herauf hier an die Stadt kommen, auf eine leichtere Art, wie bisher an den Schiffsmasten üblich gewesen, ausladen könnte, nur dürfte den Schiffern hierdurch keine höhere Abgabe zur Last fallen, als es bisher bei der gewöhnlichen Ausladung geschehen ist. Das Wuppegeld müßte daher sehr gering gehalten werden. Dieses dürfe aber auch keinen Bezug auf die Niederfahrt haben, indem die Wuppe zu der Einladung nicht vortheilhaft und die bisherige übliche Einladung weit schneller als mit einer Wuppe geschehen kann. Leider führten sie nicht aus, wie das Verladen im einzelnen vor sich ging.

Tatsächlich aktuell wurde die Angelegenheit indessen erst anläßlich des Baus der neuen Lagerhäuser. Jetzt war auch nicht mehr von einer schlichten Wuppe, sondern von einem Kran die Rede. Im Zuge der Erörterungen, welcher Art der Kran sein sollte, gab Stadtbauinspektor Fraas zu bedenken, daß man an den bedeutendsten Handelsplätzen am Rheine und Maine die bisherige Art und Form der Schiffs-Krähne als Raum verschwendend, häufiger Reparaturen bedürfend, und unzuverlässig verlassen und dagegen, namentlich in Cöln und Frankfurt, gegossene eiserne mit Kettenseilen nach englischen Mustern verfertigte Krähne angeschafft hat. Da sich in Köln ein eiserner, von der Gutehoffnungshütte im bergischen Land bei Oberhausen hergestellter Kran in sechsjährigem Betrieb als hinreichend zuverlässig erwiesen habe, empfahl Fraas, diesem Beispiel bei der Bestellung zu folgen, zumal der beengte Platz auf der Bremer Schlagd die Errichtung eines - damals herkömmlichen - hölzernen Krans nicht zulasse. Die Mehrkosten für einen eisernen Kran würden zudem durch seine längere Lebensdauer aufgewogen. Hölzerne Kräne stellten wahre Ungetüme dar, denn sie wurden durch ein großes, von Menschen betätigtes Tretrad im Inneren des Standkörpers angetrieben. Ein derartiger Kran hätte nach den Ermittlungen des Bürgerrepräsentanten Wüstenfeld, etwa 450 Taler gekostet.

Auf einer gemeinsamen Sitzung des Magistrats mit den Bürgerrepräsentanten am 19. August 1837 wurde beschlossen, den Fabrikanten Friedrich August Natermann zu bitten, genaue Erkundigungen über die Kosten für einen eisernen Kran einzuziehen, während der Bürgerrepräsentant Knochenhauer beauftragt wurde, möglichst rasch aus Bremen eine Zeichnung und einen Kostenvoranschlag für einen hölzernen Kran zu besorgen. Diese Erkundigungen ergaben bereits nach kurzer Zeit eine Bestätigung der Bedenken des Baunispektors Fraas. Darauf bat der Magistrat auf Empfehlung der Kommission für den Bau der neuen Lagerhäuser umgehend die Gutehoffnungshütte um ein Angebot für einen eisernen Kran. Die Gutehoffnungshütte bezifferte die Kosten einschließlich einer Kette und des Fundamentankers auf 1700 Taler.

Der Magistrat nahm dieses Angebot an und akzeptierte, dass die Lieferung wegen zahlreicher bereits vorliegender Aufträge erst im folgenden Jahr möglich war. Sie erfolgte im März 1838. Hinzu kamen die Kosten für das Fundament, das noch vorhanden ist.

(Dr. Johann D. von Pezold)