Das Schwein auf dem Bebelplatz

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In der elterlichen Bäckerei waren viele Mäuler zu stopfen, denn in der Zeit bis Mitte der 1960er Jahre lebten in den Handwerksbetrieben neben der Meisterfamilie üblicherweise alle unverheirateten Mitarbeiter (Verkäuferinnen, Gesellen, Lehrmädchen und -jungen) und mussten natürlich auch verköstigt werden. Meine Großeltern hatten sich daher während der auch versorgungstechnisch schwierigen Kriegsjahre Hühner zugelegt, im Garten hinter dem Haus in der damaligen Hohenzollernstraße (heute Friedrich-Ebert-Straße) einen Gemüsegarten angelegt und Obstbäume angepflanzt. Nachdem mein Vater das Geschäft übernommen hatte, erweiterte er das Repertoire noch um zwei Schweine, für die hinten im Hof ein kleiner Schweinestall an das Haus angebaut wurde, umgeben von einer umzäunten Auslauffläche.

Nun muss man wissen, dass sich zwischen Friedenskirche und Bebelplatz, von der Friedrich-Ebert-Straße hin zur Lasallestraße vor der Bebauung ein sehr steiler Hang erstreckte. Mein Elternhaus, Friedrich-Ebert-Straße 141, ist in diesen Steilhang hineingebaut und das Erdgeschoß zur Straße ist nach hinten die zweite Etage. Der Hof mit dem Schweinestall liegt also zwei Etagen unter dem Straßenniveau. Ein kleines Ferkel, das auf dem Markt gekauft oder eingetauscht worden war, dort hinab zu bekommen, stellte keine Schwierigkeit dar, denn man konnte es tragen. Da die jeweiligen Schweine ihr Leben in der ebenfalls auf Hofniveau befindlichen Waschküche aushauchten, ergab sich auch für die erwachsenen Schweine kein Transportproblem.

Eines schönen Tages jedoch war einer der als “Tierpfleger“ tätigen Lehrjungen unachtsam und ließ beim Misten sowohl die Gattertür des Auslaufs als auch die Hoftür offen. Eines der erwachsenen Schweine nutzte die Gelegenheit, etwas von der großen weiten Welt kennen zu lernen und verdünnisierte sich in das Treppenhaus. Flugs rannte es, verfolgt und dadurch angetrieben von dem erschreckten Jungen, zwei Etagen die Treppen hinauf, durch die unglücklicherweise offen stehende Haustür und entschwand auf der Friedrich-Ebert-Straße in Richtung Bebelplatz.

Erst einem Großaufgebot von Männern gelang es nach mehreren Stunden das verschreckte Tier auf dem Bebelplatz wieder einzufangen. Zudem stellte es sich als sehr schwierig heraus, das Schwein dazu zu bewegen, die Treppen wieder hinab zu gehen, die es vorher so bereitwillig erklommen hatte. Auch dazu waren mehrere Männer, viel Schweiß und Zeit erforderlich.

Da sich das Schwein bei der Angelegenheit an einer Klaue verletzt hatte, musste mein Vater einen Tierarzt anrufen. Zeitgleich lag meine Mutter krank im Bett und auch sie erwartete einen Arzt. Als dieser ankam, öffnete mein damals vierjähriger Bruder, von meinem Vater entsprechend instruiert, auf sein Klingeln die Wohnungstür und fragte den verdutzten und darüber sehr erheiterten Frauenarzt: „Bist du der Schweinedoktor oder der andere?“

Von Manfred Köhler