Bärenreiter-Verlag

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Blick auf das Hauptgebäude des Bärenreiter-Verlags in der Heinrich-Schütz-Allee

Der in Kassel beheimatete Bärenreiter-Verlag ist einer der weltweit größten Musikverlage für klassische Musik.

Geschichte des Verlags

Gründung

Der Bärenreiter-Verlag in Kassel
Der Bärenreiter-Verlag wurde 1923 von Karl Vötterle in Augsburg gegründet und betätigte sich zunächst in der Herstellung und im Vertrieb von kostengünstigen Noten für die „Wandervögel“. Eine der ersten Veröffentlichungen waren „Die Finkensteiner Blätter“ aus dem Jahr 1924.

1927 zog der Verlag nach Kassel, 1933 wurden vom Arbeitskreis für Hausmusik und dem Bärenreiter-Verlag die Kasseler Musiktage gegründet, eine mehrtägige Musikveranstaltung, die bis heute existiert.

Ab 1936 vertrieb der Verlag auch Instrumente, hauptsächlich Blockflöten und Tasteninstrumente, welche sich auf dem Markt jedoch nicht etablieren konnten. Wegen der drohenden Schließung des Verlags eröffnete Bärenreiter 1944 eine Niederlassung in Basel. Das Kasseler Verlagsgebäude wurde 1945 durch Fliegerangriffe zerstört. Der Wiederaufbau begann unmittelbar nach Kriegsende, so dass sich das Unternehmen auch heute noch in der Kasseler Heinrich-Schütz-Allee befindet.

Bärenreiters Rolle im Nationalsozialismus

Widerstand und Kompromiss

Die Rolle des Verlags in der Zeit des Nationalsozialismus war ambivalent:

Die politische Einstellung des Verlages vor der Machtübernahme war wohl die Gleiche wie bei vielen anderen auch. Nicht direkte Gegnerschaft, aber auch kein positives Einsetzen für die Bewegung, mit anderen Worten Gleichgültigkeit. Nach der Machtergreifung ist dieses Verhältnis nicht anders geworden. Inhaber und Verlag stehen der Bewegung nicht ablehnend gegenüber, jedoch dürfte die unbedingte Einstellung zur Bekenntniskirche hier manche Differenz hervortreten lassen. [1]

Das ursprüngliche Verlagslogo basiert auf einer Idee Karl Vötterles und zeigt einen nach dem Bärenreiterstern (Alkor) greifenden Jungen auf dem Rücken eines trabenden Bären.

Eine Konstante des Verlagsprogramms war von Anfang an die evangelische Kirchenmusik, was von von den Nationalsozialisten nach 1933 misstrauisch beäugt wurde. Bemerkenswert ist, dass der Verlag trotz geistigen Widerstands zum Regime während der NS-Zeit einen wirtschaftlichen Aufschwung erfahren konnte. Man kann hier sowohl von "Kompromiss" als auch von "Widerstand" sprechen. Zu großen Ungereimtheiten zwischen Bärenreiter- Verlag und nationalsozialistischer Regierung kam es nicht vor 1935. Die spätere Verschärfung des Totalitarismus [2] zog jedoch zunehmend Repressalien gegen das Unternehmen nach sich.

Kasseler Musiktage

Der Arbeitskreis für Hausmusik, welcher die
Das aktuelle Logo des Bärenreiter Verlags
Verbundenheit von Laien und Fachmusikern sowie die Volksmusik und Wissenschaft fördern sollte, rief 1933 die Veranstaltung „Kasseler Musiktage“ ins Leben. Vötterle selbst sagte, dass sie sich einen harmlosen und nicht vereinsmäßigen Tarnnamen [3]zugelegt haben, um den Verlag vor dem Zugriff der Partei[4] zu schützen. Trotzdem wurden die Kasseler Musiktage immer öfter zum Ziel heftiger Angriffe seitens der NSDAP, die versuchte, gegen die Selbstständigkeit dieser Veranstaltung zu kämpfen. Jedoch sagte Vötterle, der am 1. Mai 1937 übrigens selbst Mitglied der NSDAP wurde, für die Singbewegung sei die Hitler-Diktatur eine Zeit der Bewährung gewesen. Unzählige Singwochen hätten sich nachgerade als Treffpunkt für Regime-Gegner etabliert, die evangelische Kirchenmusikszene habe als Hort des geistigen Widerstandes gegolten, kurz: Die Entwicklung sei während der Jahre 1933 bis 1945 folgerichtig weitergeschritten in einer Weise, die auch heute nicht verschwiegen zu werden braucht.[5]

Drohende Schließung des Verlags

Als Folge eines kritischen Artikels in der konservativ-christlichen Bärenreiter-Zeitschrift "Der Sonntagsbrief", in welchem gegen die nationalsozialistische Theorie des "unwerten Lebens" argumentiert wurde, drohte die Reichspressekammer den Ausschluss Vötterles und die Schließung des Verlags an. Dank Vötterles guter Beziehung zum Propagandaministerium, welches zuerst einen Aufschub und dann schließlich den Widerruf der Verordnung implizierte, konnte die Schließung des Verlages in letzter Minute verhindert werden. Das Verbot, Publikationen mit religiösem Inhalt zu veröffentlichen, versuchte Vötterle dadurch zu erfüllen, dass er den dem Bärenreiter-Verlag angegliederten Johannes Stauda-Verlag, welcher theologische Bücher und Zeitschriften herausgab, an seinen Mitarbeiter Paul Gümbel verkaufte. Vötterle blieb jedoch noch immer inoffizieller Geschäftsführer des Verlags. Zur Jahreswende 1946/47 musste sich Vötterle vor einer alliierten Spruchkammer verantworten, während Paul Gümbel bereits im Januar 1946 eine Verlagslizenz erhielt, die dazu führte, dass die Wiederaufnahme der Produktion rasch beginnen konnte.

Kriegsende

Der Wille, politischen Widerstand gegen die NS-Regierung zu leisten, war nicht der Grund für das wachsende oppositionelle Verhalten Vötterles. Ausschlaggebend waren wohl eher die NS- Kulturfunktionäre, die den Bärenreiter- Verlag immer häufiger kritisierten und attackierten. Beispielsweise wurde der Verlag bereits 1935 als politisch unzuverlässig[6] bezeichnet.

Vötterle versuchte während des Dritten Reiches immer wieder, seine verlegerischen Interessen und die der Nationalsozialisten zu trennen. Dies ist allerdings kritisch zu betrachten, da er, wie Sven Hiemke, Professor für Musikwissenschaft an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg, schreibt, versuchte, mit der eigenen Ohnmacht gegenüber einem totalitären Regime umzugehen, zu dessen Stabilität man zuvor allerdings Entscheidendes beigetragen hatte. [7]

Nachkriegszeit

Eine weitere Zweigstelle baute sich Karl Vötterle im Jahr 1958 in New York auf, 1962 folgte Paris (von 1971 bis 1980 in Tours), 1963 London (später Harlow/Essex). Nach dem Tod Karl Vötterles im Jahr 1975 übernahm seine Tochter Barbara Scheuch-Vötterle die Führung des Verlags. 1976 trat ihr Ehemannn Leonhard Scheuch in die Verlagsführung mit ein. Im Verlauf der Geschichte des Verlags übernahm Bärenreiter einige kleinere Verlage, unter anderem den Hinnenthal-Verlag im Jahr 1950, den Nagels-Verlag (mit Sitz in Celle) und den Gustav Bosse Verlag (mit Sitz in Regensburg, seit 1993 in Kassel) im Jahr 1957.

siehe auch

Das Unternehmen

Bärenreiter-Verlag heute

Die beiden Leiter des Bärenreiter-Verlags, Barbara Scheuch-Vötterle und ihr Ehemann Leonhard Scheuch
Gegenwärtig wird der Bärenreiter-Verlag von Barbara Scheuch-Vötterle und ihrem Ehemann Leonhard Scheuch geleitet.

Das Unternehmen beschäftigt derzeit mit den angegliederten Unternehmen 150 Mitarbeiter sowie weitere 20 Angestellte in der Prager Firma Editio Bärenreiter Praha.

Jährlich erschienen zwischen 40 und 50 Musikbücher und mehr als 100 Notenausgaben (mit zahlreichen weiteren Unterausgaben) sowie die Zeitschriften "Musik & Kirche", "Die Musikforschung", "Acta Musicologica" und "Musica scara" bei Bärenreiter.

Wichtige Auszeichnungen

Die Landeshauptstadt Magdeburg zeichnete Bärenreiter „für seine Verdienste um die Veröffentlichung und Verbreitung des Werks Georg Philipp Telemanns“ im März 2007 mit dem Georg-Philipp-Telemann-Preis aus. Damit ging die Auszeichnung erstmals an ein Verlagsunternehmen und nicht an eine Einzelperson bzw. an ein Musikensemble oder ein Museum.

Barbara Scheuch-Vötterle selbst wurde wenige Zeit später eine Ehrenprofessur des Landes Hessen verliehen. Ausschlaggebend hierfür waren ihre langjährigen verlegerischen Bemühungen um klassische und zeitgenössische Musik wie auch ihr Einsatz in kulturpolitischen Fragen.

Zukunft des Verlags

Als Konsequenz aus dem Abschluss der beiden Gesamtausgaben der Werke Bachs und Mozarts 2007 und der Komplettierung der weltweit größten Musikenzyklopädie „Die Musik in Geschichte und Gegenwart" (MGG), 29 Bände hat sich der Verlag auch Bereichen geöffnet, die bisher nicht zur Programmpolitik gehörten. So wurden Gioachino Rossini, Edward Elgar, Édouard Lalo, Sergej Rachmaninoff, Claude Debussy und anderen weitere Komponisten in das Verlagsprogramm aufgenommen, deren Werke Bärenreiter bis dahin noch nicht verlegt hatte.

Die Förderung zeitgenössischer Komponisten war immer eine Konstante der Verlagspolitik. So betreut Bärenreiter heute mit Beat Furrer, Matthias Pintscher, Charlotte Seither, Miroslav Srka, Manfred Trojahn und bekannte lebende Komponisten.

Ferner gewinnt die Erschließung neuer Märkte auf internationaler Ebene (beispielsweise in China) für das Unternehmen zunehmend an Bedeutung. Mehr als die Hälfte des Umsatzes wird außerhalb Deutschlands getätigt.

Wichtige Publikationen

Die „Neue Bach-Ausgabe“ des Bärenreiter- Verlags
Seit seinem langjährigen Bestehen hat der Bärenreiter-Verlag zahllose Werke veröffentlicht, welche die Musikkultur nachhaltig beeinflussten. Allen voran ist hier die „Neue Bach-Ausgabe“ zu nennen, die historisch-kritische Gesamtausgabe aller Werke des Komponisten Johann Sebastian Bach (1685-1750). Die ersten zwei Bände erschienen nach drei Jahren Arbeit 1954, fertiggestellt wurde die Gesamtausgabe 2007. 1955 wurde der erste Band der „Neuen Mozart-Ausgabe“ veröffentlicht. Sie bietet der Forschung, nach Prüfung aller erreichbaren Quellen, einen wissenschaftlich einwandfreien Notentext. Die mehr als 100 Bände, welche zwischen 1955 und 1991 erschienen, gelten als Jahrhundertwerk der neueren Mozart-Forschung. Eine moderne Aufführungspraxis der Werke Mozart wäre ohne diese Ausgaben undenkbar. 1955 erschien auch der erste Band der „Neuen Ausgabe sämtlicher Werke“ von Heinrich Schütz (15851672), Komponist des frühen Barocks. 1956 erschien der erste Band der "Sämtliche Werke. Neue Reihe" von Orlando di Lasso (1532–1594), einer der bedeutendsten Komponisten der Hochrenaissance. Zwischen 1964 und 1975 publizierte der Bärenreiter-Verlag die „Briefe und Aufzeichnungen“ von Wolfgang Amadeus Mozart. Die „Neue Schubert-Ausgabe“, deren erster Band 1964 erschien, gilt als sichere Basis für die musikalische Praxis und Wissenschaft. 1968 wurde der erste Band der „Sämtlichen Werke“, von Franz Berwalds herausgegeben. Fünf Jahre später wurde der erste Band des internationalen Quellenlexikons der Musik (RISM) publiziert. 1977 begann die Herausgabe der Lieder Franz Schuberts in Zusammenarbeit mit dem G. Henle-Verlag. Die ersten Bände der Gesamtausgabe, von Leoš Janáček erschienen 1979. 1997 begann die Neuedition der Beethoven-Symphonien durch Jonathan Del Mar.

Neben den Gesamtausgaben und den daraus abgeleiteten praktischen Ausgaben, die die Basis des Verlagsprogramms ausmachen, erscheinen zahlreiche Einzelausgaben aus den Bereichen Chor, Klavier, Orgel, Kammermusik, Sinfonik, Oper, Musikpädagogik.

Quellenverzeichnis

  1. Hiemke,Sven: Folgerichtiges Weiterschreiten. Der Bärenreiter-Verlag im Dritten Reich. Erschienen in: Bärenreiter-Almanach. Musik-Kultur heute. Kassel: Bärenreiter-Verlag 1998. S. 161- 170.
  2. Hiemke, Sven
  3. Hiemke, Sven
  4. Hiemke, Sven
  5. Hiemke, Sven
  6. Hiemke, Sven
  7. Hiemke, Sven

Literatur

Bärenreiter-Verlag Kassel (Hrsg.): Bärenreiter im Bild. Kassel, 1968.

Vötterle, Karl: Haus unterm Stern. Kassel, 4. Auflage 1969.

Berke, Dietrich: Artikel „Bärenreiter-Verlag“, in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Zweite, neubearbeitete Ausgabe, Personenteil, Band 2. Kassel / Stuttgart 1999. Sp. 238–243.

Fritsch, Werner: Mit vollem Herzen dabei. Zum 60. Geburtstag von Barbara Scheuch-Vötterle. Erschienen in: HNA, Ausgabe vom 27.11.2007.

siehe auch

Links