Ausstellung "Verlorene Stadt": Wolfsschlucht / Opernstraße

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Rundgang 1: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Wilhelmsstraße | Station 2: Engelsburg | Station 3: Wolfsschlucht 5-11 | Station 4: Opernstraße 15 | Station 5: Gnadengässchen | Station 6: Theaterstraße | Station 7: Wolfsschlucht 19-21 | Station 8: Theaterstraße 4 und 2 | Station 9: Blick auf das Friedrichsgymnasium | Station 10: Wolfsschlucht / Kölnische Straße
Rundgang 2: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 11: Obere Karlsstraße 32 | Station 12: Obere Karlsstraße 26-28 | Station 13: Obere Karlsstraße bis Friedrichsplatz | Station 14: Obere Karlsstraße bis Weinbergstraße | Station 15: Hercules Bierbrauerei | Station 16: Karlskirche | Station 17: Wilhelmsstraße 15 | Station 18: Stadtpark | Station 19: Garde-du-Corps-Straße | Station 20: Garde-du-Corps-Platz
Rundgang 3: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Karl Bernhardi Straße | Station 2: Dock 4 auf der Seite Oberste Gasse | Station 3: Porzellanhaus Hornschu in der Obersten Gasse 5 - Teil 1 | Station 4: Porzellanhaus Hornschu in der Obersten Gasse 5 - Teil 2 | Station 5: Fingerz Kleidung & Accessoires Entenanger 2 | Station 6: Jugendbücherei Oberste Gasse 24 - Teil 1 | Station 7: Jugendbücherei Oberste Gasse 24 - Teil 2 | Station 8: Hochzeitsatelier Oberste Gasse 30 | Station 9: Druselplatz 3 | Station 10: Reformhaus Kräuterhilde Martinsplatz 1
Rundgang 4: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Martinsplatz | Station 2: Martinsplatz nach dem Abbruch des Tuchhauses | Station 3: Das Säulenportal am Martinsplatz | Station 4: Mittelgasse | Station 5: Das Grimmsche Märchenhaus | Station 6: Barockhaus von Oberst Georg du Mont | Station 7: Der Freiheiter Durchbruch | Station 8: Laubengänge am Freiheiter Durchbruch | Station 9: Kassels erste Fußgängerzone | Station 10: Der untere Abschnitt der Marktgasse
Rundgang 6: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Café Nenninger, Friedrichsplatz 8 | Station 2: Brillen Vesper, Friedrichsplatz 6 | Station 3: Köhler Herrenbekleidung, Obere Königsstraße 37 (I) | Station 4: Köhler Herrenbekleidung, Obere Königsstraße 37 (II) | Station 5: Sinn Leffers, Friedrichsplatz 19-20 (I) | Station 6: Sinn Leffers, Friedrichsplatz 19-20 (II) | Station 7: AOK Geschäftsstelle, Friedrichsplatz 14 (I) | Station 8: AOK Geschäftsstelle, Friedrichsplatz 14 (II) | Station 9: Laufladen, Friedrichsplatz 12 (I) | Station 10: Laufladen, Friedrichsplatz 12 (II)
Rundgang 7: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Haus Königsstraße 45 | Station 2: Lyceum Fridericianum, Am Friedrichsplatz 19-20 | Station 3: Das Palais der Landgrafen von Hessen Rotenburg um 1910 | Station 4: Der Königsplatz nach Nordosten 1820, ehem. Kaskade | Station 5: Brühlsches Haus um 1890 | Station 6: Obere Königsstraße und Kölnische Straße, um 1898–1905 | Station 7: Königsplatz 34 und Königsstraße 32, um 1905–1911 | Station 8: Die Baugruppe Nr. 38–46, um 1888–1890 | Station 9: Die Baugruppe Königsplatz 57–59, vor 1898 | Station 10: Das Posthaus am Königsplatz vor 1878


Dieser Artikel bündelt die Informationen der Ausstellungsstandorte 3, 4, 7, 9 und 10, Wolfsschlucht und Opernstraße.

Station 3: Wolfsschlucht 5-11

Blick aus der Opernstraße auf Wolfsschlucht 7 und 9, angeschnitten Nr. 5 (links) und Nr. 11 (rechts), Anfang der 1920er Jahre
Die abgebildeten Mietshäuser gehören zu einer Zeile von fünf Häusern (Nr. 3-11), die später der ganzen Straße den Namen gab. Als der Kasseler Architekt Johann Heinrich Wolff (1792-1869) diese Gebäude um 1838 errichtete, war er einer der ersten Verwegenen, die sich hier ansiedelten.

Immerhin hatte der Straßenverlauf bis 1834 noch die nordwestliche Kasseler Stadtgrenze bezeichnet – entlang der 1768-92 errichteten Zollmauer, die die gesamte Stadt umgab und hier, auf der Nordwestseite, einem alten Feldweg folgte. Vor der Mauer lagen an jenem Feldweg private Gärten der Kasseler; und stadtseitig verlief ebenfalls nur ein schmaler Weg, an den die Gärten und Hintergebäude der Königsstraße angrenzten – eine einsame, eher etwas verrufene Gegend.

Mit der Stadterweiterung um den heutigen Ständeplatz brach man die Mauer zwar ab und fasste die beiden Wege an ihrer Innen- und Außenseite zur Garde-du-Corps-Straße zusammen – benannt nach der nahegelegenen Garde-du-Corps-Kaserne zwischen Königstor und Wilhelmsstraße. Doch blieb der schlechte Ruf an der neuen Straße hängen, auch als der Schreinermeister Lauckhardt hier das erste große Mietshaus errichtete (Wolfsschlucht 13).

Erst recht sorgten die fünf Wolffschen Häuser in Kassel für Skepsis – und die Straße erhielt im Volksmund den Spottnamen „Wolfsschlucht“. Er dürfte nicht nur vom Namen des Bauherrn und der Höhe der Neubauten inspiriert gewesen sein – feierte doch damals Carl Maria von Webers Oper „Der Freischütz“ große Erfolge, und gerade die Schauerromantik der dortigen Wolfsschlucht mit ihren Spuk- und Teufelsszenen war allgemein bekannt... (Wegen des dabei verwendeten Feuerwerks fuhr man in Kassel übrigens bei jeder „Freischütz“-Aufführung vorsorglich Feuerspritzen rings um das Hoftheater auf.) Nach der Annexion Kurhessens durch Preußen 1866 und der Aufhebung der Garde du Corps wurde der Straßenname dann offiziell in Wolfsschlucht geändert.

Johann Heinrich Wolff, der selbst im Haus Nr. 9 wohnte, war im Baugewerbe tätig; nach einer Steinmetzlehre ließ er sich durch Johann Conrad Bromeis an der Kunstakademie zum Architekten ausbilden. Neben seinem Hauptberuf wurde er 1819 an der Akademie als Assistent Heinrich Christoph Jussows angestellt und übernahm 1821 Bromeis’ Aufgaben als Lehrer. Bis 1832 war er unentgeltlich tätig, dann wurde er zum Professor ernannt und bekam ein Gehalt. 1864 trat Wolff an der Akademie in den Ruhestand. Daneben hatte er schon 1826 eine private Architekturschule gegründet. Zu den Hofbaumeistern Schinkel (Berlin) und Laves (Hannover) hatte er gute Kontakte. Er heiratete Ida Spohr, Tochter des bekannten Kasseler Hofkapellmeisters, und zu seinen Werken gehörte auch das Musikzimmer seines Schwiegervaters.

Die fünf Wolffschen Häuser (Wolfsschlucht 3-11) waren in kostensparender Fachwerkbauweise errichtet und lediglich wie Steinbauten verputzt und verziert. 1929 brach man die Häuser Wolfsschlucht 7-11 für den Neubau Stadtsparkasse ab.

Die Opernstraße im Vordergrund führte ab 1909 über das Grundstück des ehemaligen Hoftheaters (heute Kaufhof); es wurde nach der Eröffnung des neuen Hauses am Friedrichsplatz vermarktet, um einen Großteil der Neubaukosten zu decken. Dies ging zurück auf einen Vorschlag des früheren Theaterintendanten Adolph Freiherr von und zu Gilsa, der damit überhaupt erst die Diskussion um einen Theaterneubau am Friedrichsplatz angestoßen hatte. Die Randbebauung der neuen Straße stammt von den Architekten des neuen Theaters, Anton Karst und Hans Fanghänel.

Herkunft des Namens

Mit Wölfen hat die Straße in der Kasseler City, die sich von der Wilhelmsstraße bis zur Kölnischen Straße erstreckt, nichts zu tun. Es war vielmehr der Volksmund, der diesen Namen erfand.

Zwischen 1835 und 1840 baute der Akademieprofessor und Architekt Johann Heinrich Wolff, ein Schwiegersohn von Louis Spohr, fünf identische Fachwerkhäuser, heute würde man sagen: innenstadtnah, aber in einer Gegend, die nicht den allerbesten Ruf genoss. Die Straße, an der er baute, machten die Kasseler bald leicht ironisch zur Wolfsschlucht. Obwohl sie wenig später deutlich an Ansehen gewann, hat sie ihren Namen bis heute behalten.

Station 4: Blick von der Opernstraße 15

Vor dem Haus Wolfsschlucht 4
Aufnahme: Opernstraße in den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts

Die Kasseler Stadtsparkasse wurde 1832 vom Stadtrat gegründet – zu einer Zeit, als vergleichbare Sparkassen bereits in mehreren deutschen Städten bestanden. Die Initiative für die Kasseler Gründung war bereits 1823 vom damaligen Oberbürgermeister Carl Schomburg ausgegangen, um Dienstboten, Fabrikarbeitern, aber auch Handwerkern die Möglichkeit zu geben, Kapital für Notzeiten zurückzulegen oder für Investitionen anzusparen.

Mehrere Kasseler Bürger ermöglichten durch eigene Wertpapiere oder Wechsel eine schnelle und sichere Verzinsung. Zunächst war die Sparkasse im Rathaus untergebracht (Obere Karlsstraße 12-14) untergebracht, ab 1895 im Hintergebäude von Königsplatz 32, und ab 1909 im Neubau des Rathauses, daneben bestanden zwischenzeitlich auch Zweigstellen.

Die Räume im Rathaus reichten bald nicht mehr aus, und 1929 erwarb die Sparkasse drei der ehem. Wolffschen Häuser: Wolfsschlucht 7-11. Am 20. Juni 1931 wurde der fertige Neubau bezogen, den die Stadtbauverwaltung (Stadtbaurat Gerhard Jobst und Hans Borkowsky) errichtet hatte. Den Kern des Gebäudes bildeten der eingeschossige Kassenraum, der rückwärtig angebaut war, und der feuerfeste Tresor samt Schließfächern im Keller; die Verwaltung war im Seitenflügel untergebracht.

Den Neubau hatte man bewusst größer geplant als nötig, um Erweiterungsflächen für die Zukunft vorzuhalten. Vorerst wurden die Obergeschosse an die Hessen-Nassauische landwirtschaftliche Berufsgenossenschaft vermietet, und im Erdgeschoss an der Wolfsschlucht unterhielten die Städtischen Werke einen Ausstellungsraum.

Die Fassadengestaltung im Internationalen Stil fand große Beachtung; der Eingang wurde von großen Reliefs des Kasseler Kunstakademie-Professor Alfred Vocke umrahmt. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Schalterhalle zerstört, das massive Hauptgebäude blieb jedoch benutzbar; bis 1952 wurde es leicht verändert wiederhergestellt, einschließlich einer neuen, großen Schalterhalle.

Ein grundlegender Umbau wurde 1966 beschlossen und bis 1972 realisiert; u. a. errichtete man eine Erweiterung auf dem Nachbargrundstück Wolfsschlucht 5, gestaltete die Schalterhalle um und schuf eine Verbindung zum Ständeplatz. Ein erneuter Umbau erfolgte 1993.

Rechts neben der Stadtsparkasse erkennt man auf der Photographie das Haus Wolfsschlucht 13: Es war um 1834 als erstes Haus der neuen Straße vom Hofschreinermeister Carl Lauckhard (1788-1867) errichtet worden, der zuvor bereits das Hintergebäude am Palais Waitz von Eschen (Wolfsschlucht 8) besessen hatte; nachdem er Wohnung und Werkstatt in den gegenüberliegenden Neubau verlegt hatte, verkaufte er es wieder der Familie von Waitz.

Lauckhardt lieferte seit 1821 zahlreiche Arbeiten für den kurfürstlichen Hof, u.a. Ausstattungen für das Weiße Palais und das Palais Reichenbach, Parkettböden und Möbel für das Wilhelmshöher Schloss sowie den aufwendigen Parkettboden für den Thronsaal des Roten Palais, und er arbeitete an einigen Mahagonitüren des Roten Palais mit.

Das Haus blieb bis in die 1920er Jahre im Familienbesitz, ging dann an die Gewerbebank und 1931 an den Brot- und Feinbäcker Hermann Rosenbauer über. Zeitweise waren im 19. Jahrhundert hier das Obermedizinalkollegium, der Fröbelsche Kindergarten und die Landwirtschaftskammer untergebracht; bedeutende Mieter waren der kurhessische Minister von Baumbach, der Sanitätsrat Dr. Adolf Harnier und vor allem 1884/85 kurzzeitig der Hofkapellmeister Gustav Mahler, der hier u.a. an den „Liedern eines fahrenden Gesellen“ arbeitete. Er war später an den Opernhäusern in Wien und New York tätig und zählte zu den bedeutendsten Komponisten seiner Zeit.

Beim Großangriff 1943 brannte das Gebäude aus, das Erdgeschoss wurde jedoch bald wieder nutzbar gemacht; die historische Tordurchfahrt mit dem Hauseingang ist bis heute erhalten.

Neben dem Lauckhardtschen Haus folgt das Mietshaus der Brüder Ruben Elias Goldschmidt und Eduard Goldschmidt (um 1870/71); sie betrieben hier das Kontor ihrer Indigo- und Farbwarenhandlung. Zuvor hatte das Grundstück als Garten zum Haus des Hofkleidermachers Anton Hanusch gehört (Ständeplatz 3-3½). Auch das Haus Wolfsschlucht 15 brannte 1943 aus.

Geschichte

Die Opernstraße befindet sich am Opernplatz im Stadtzentrum Kassels und verbindet von der Westecke des Friedrichsplatzes ausgegend die Königsstraße mit der Neuen Fahrt und der Wolfsschlucht. Hier finden sich Geschäfte und Gastronomie. Tatsächlich gab es hier an der Königsstraße Ecke Opernstraße ehemals, d.h. von den 1760er Jahren bis in die 1900er Jahre die Oper, da, wo sich heute das Kaufhofgebäude befindet und die Opernstraße entlangführt.

Auch waren hier in den Zwanzigerjahren das Büro des AvD-Club Kurhessen und die Benz-Vertretung Apell.

Station 7: Wolfsschlucht 19-21

Blick auf Wolfsschlucht 19, um 1904-07
Das Haus Wolfsschlucht 19 ist nach Kriegszerstörungen und Neuaufbau heute das älteste Gebäude der Straße. Bauherr des ehemals freistehenden Wohnhauses war der Weißbindermeister Matthias Lingelbach, der den Neubau 1845 bezog. Von dessen Witwe übernahm 1859 der praktische Arzt und Geburtshelfer Dr. Ferdinand Emil Windemuth (1814-89) das Haus, der zugleich auch als Arzt am nahen Hoftheater tätig war.

Um 1872/73 verkaufte Windemuth das Haus an den Weißbindermeister Eduard Meyer. Ab 1900 gehörte es dem praktischen Arzt Dr. med. Julius Froelich, der nach dem Bau des benachbarten Garnisonkasinos den vorspringenden, seitlichen Anbau errichtete; und ab 1930 dem Photograph Ottomar Korn, der im Folgejahr sein „Photospezialhaus“ hierher verlegte (Erdgeschoss und Dachgeschoss) und die Geschäftsräume in den Vorgarten hinein erweiterte.

Beim Großangriff 1943 blieb das Haus unbeschädigt, wurde aber bei einem späteren Angriff getroffen und verändert wiederhergestellt; in den 50er Jahren wurde schließlich ein weiteres Geschoss aufgesetzt. Der dreigeschossige Kernbau und die nachträglichen Erweiterungen zur Straße hin sind bis heute noch gut ablesbar.

Prominente Mieter

Stets waren auch einzelne Zimmer oder kleine Wohnungen vermietet; prominentester Mieter ist der Architekt Carl Schäfer (1844-1908), der in den Jahren 1870/71 hier wohnte und zu jener Zeit an der Höheren Gewerbeschule lehrte. Ab 1871 arbeitete er als Universitäts- und Stadtbaumeister in Marburg, lehrte später dann in Berlin und zuletzt in Karlsruhe. Schäfer war einer der einflussreichsten Architekten seiner Zeit in Deutschland; zu seinen Werken zählen die Westfront der Kasseler Brüderkirche (deren Umbau er gerade in den Jahren 1870/71 leitete), die Marburger Universität, die Domtürme in Meißen sowie zahlreiche Kirchenbauten in Deutschland, und einige seiner Schüler prägten entscheidend die Architektur des frühen 20. Jahrhunderts mit.

Weitere Mieter waren in den 1870er Jahren der Kreisbaumeister Carl Friedrich Wilhelm Lange und sein Sohn, der Regierungs- und Baurat Franz Lange, außerdem der Rittmeister a. D. Theodor von Amelunxen und ab 1916 der Generalmajor z. D. Gustav Eisentraut (1844-1926), Vorsitzender des Vereins für Hessische Geschichte und Landeskunde.

Gewerbliche Nutzung

Das Erdgeschoss wurde im frühen 20. Jahrhundert zwischenzeitig bereits gewerblich genutzt, so um 1904-07 vom Damenkonfektionsgeschäft Geschwister Follmann (dessen Firmenschild auf dem Bild zu erkennen ist), dann von einem Bettenversand und schließlich von einem Olivenölimporteur.

Rechts daneben sieht man das Kasseler Kasino (Wolfsschlucht 21), welches um 1901 als Militär- und Zivilkasino errichtet wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg und der zwischenzeitigen Auflösung der Kasseler Garnison wurde das Ruinengrundstück vom benachbarten CVJM mit übernommen; dieser hatte 1920 das beliebte Gartenlokal „Schaubscher Garten“ (Wolfsschlucht 23) erworben und zum Kasseler Vereinsheim umgewandelt, musste 1953 aber große Teile des Grundstücks für die Anlage der Treppenstraße abgeben.

Station 9: Blick auf das Friedrichsgymnasium

Blick aus Wolfsschlucht 25 auf das Friedrichsgymnasium (Wolfsschlucht 20), um 1877-86.
Der Neubau des Kasseler Gymnasiums wurde 1840-42 nach Plänen des kurfürstlichen Oberbaurats Johann Conrad Rudolph errichtet, unter damals modernsten Gesichtspunkten; die Unterrichtsräume waren hoch und geräumig, „mit Rücksicht auf die Augen“ lichtgrau tapeziert, und die Bänke und Schreibpulte hatte man der durchschnittlichen Körpergröße der jeweiligen Altersstufen angepasst. Der Schulhof war mit Turn- und Spielgeräten, Kegelbahnen und einer Turnhalle ausgestattet.

1863 wurden an der Hofseite neue Bibliotheksräume aufgestockt, 1901 an der Straßenseite u.a. ein neuer Zeichensaal. Nachdem das Gebäude beim Großangriff 1943 ausgebrannt war, errichtete man 1954-57 einen Neubau an der Humboldtstraße.

Die Tradition der Schule reicht bis zu den drei mittelalterlichen Pfarreischulen Kassels zurück, die 1539 durch Landgraf Philipp zu einer städtischen Lateinschule zusammengeschlossen wurden. 1779 stiftete Landgraf Friedrich II. ein neues Schulhaus (Königsstraße 47) und ließ die Schulverfassung reformieren. Prominenteste Schüler des neuen „Lyceum Fridericianum“ waren Jacob und Wilhelm Grimm.

Nach heftigen Auseinandersetzungen zwischen dem kurhessischen Staat und der Stadt Kassel wurde das Lyceum mit einem 1835 gegründeten Landesgymnasium vereinigt, und das „Gymnasium, genannt Lyceum Fridericianum“ erhielt jenen Neubau auf der Rückseite des Lyceumsgrundstücks. Mit der Annexion Kurhessens 1866 ging das Gymnasium an den preußischen Staat über. Bei Abspaltung des Wilhelmsgymnasiums 1886 änderte man den Schulnamen in „Königliches Friedrichsgymnasium“.

Prominenter Schüler: Kaiser Wilhelm II.

Prominentester Schüler an der Wolfsschlucht war ab 1874 Prinz Wilhelm von Preußen, der hier 1877 sein Abitur ablegte: der spätere Kaiser Wilhelm II. Dass ein Thronerbe ein bürgerliches Gymnasium besuchte, war damals ein fortschrittliches und zugleich umstrittenes Experiment.

Das einst hochmoderne Schulgebäude galt in seiner Ausstattung inzwischen zwar als veraltet, und Wilhelms Mutter empfand die Klassenräume „ganz außergewöhnlich primitiv“. Gleichwohl hatte man die 1866 annektierten Hauptstädte Kassel und Wiesbaden ins Auge gefasst; und die Kasseler Schule habe sich – im Gegensatz zur Wiesbadener – in einem „blühenden Zustand“ befunden. Wilhelm wohnte nun im angrenzenden „Fürstenhof“ (Königsstraße 45), dessen Hintergebäude auf dem Bild rechts noch angeschnitten ist; im Sommer nutzte er das Wilhelmshöher Schloss.

Den hohen Erwartungen seiner Mutter und seines Erziehers, mit einigem aufzuholenden Lehrstoff und zusätzlichem Privatunterricht in Englisch, Französisch, Reiten, Fechten, Zeichnen und Waffenlehre, konnte der Prinz allerdings nicht gerecht werden, und seine Leistungen blieben gut bis durchschnittlich. Als Kaiser erwählte Wilhelm später die Wilhelmshöhe zu seiner Sommerresidenz, empfing dort Oberprimaner und seine früheren Lehrer und tätigte der Schule mehrere Stiftungen (darunter 1907 das erste Ruderboot), doch übte er mehrfach harte Kritik am humanistischen Gymnasium; die Schule solle nationale junge Deutsche erziehen und nicht junge Griechen und Römer. Das deutsche Schulwesen wurde in der Folge reformiert, die altsprachliche Ausbildung eingeschränkt. Seine alte Schule hat Wilhelm nie mehr wieder betreten.

Ruderverein feiert große Erfolge

"Nun rudert mal schön!", waren die Worte von Kaiser Wilhelm II., als er dem Kasseler Friedrichsgymnasium sein erstes Ruderboot schenkte. Das ist sehr lange her. 1907 brauchte der Kaiser zur Verwirklichung seiner Pläne Kadetten für die Marine, und so kam es zu Gründungen von gymnasialen Schülerrudervereinen im preußischen Herrschaftsbereich. Mittlerweile ist alles etwas unpolitischer geworden, und der Sport steht im Bootshaus an der Damaschkebrücke im Vordergrund.

Anlässlich der 225-Jahrfeier des Friedrichsgymnasiums präsentierte sich im Jahr 2004 auch dessen Ruderverein als wichtiger Bestandteil der Schule. Rund 300 Schüler rudern von der fünften bis zur 13. Klasse und damit ist jeder Dritte Mitglied im Ruderverein des Friedrichsgymnasiums (RVFG).

Der RVFG ist einer der erfolgreichsten hessischen Ruderverein im Bereich Kinder und Jugend sowie einer der besten Schülerrudervereine bundesweit. Der Vereinsbeitritt ist auch für Personen möglich, die nicht dem Friedrichsgymnasium angehören. In 2007 feiert der Ruderverein 100-jähriges Bestehen, und es werden viele Ehemalige erwartet. Vielleicht gibt es da auch wieder ein Boot als Geschenk - wie damals, von Kaiser Wilhelm II.

Station 10: Wolfsschlucht / Kölnische Straße

Blick aus dem Haus Kölnische Straße 2 in Wolfsschlucht (links) und Kölnische Straße (rechts)

Die Aufnahme aus der Zeit zwischen 1910 und 1923 vermittelt einen guten Eindruck vom einstigen Charakter und Verlauf der Wolfsschlucht, an den Gärten und Hintergebäuden der Königsstraße entlang:

  • ganz links der Garten von Königsplatz 55, dann folgen:
  • das Haus Wolfsschlucht 22, um 1840 vom Uhrmacher Nettmann errichtet; das Grundstück war beim Neubau des Gymnasiums vom Lyceumsgrundstück Königsstraße 47 abgetrennt worden;
  • das Friedrichsgymnasium (nach der Aufstockung von 1901);
  • das niedrige Hintergebäude von Königsstraße 45 (fast ganz verdeckt; heute dort die Wohnstadt), aus der Zeit um 1770/71;
  • das weit vorspringende, zweigeschossige Gebäude Wolfsschlucht 16; es hatte bis ca. 1845 zum Grundstück Königsstraße 39 gehört, auf dem seit 1799 eine Tabakfabrik betrieben worden war (Wolfsschlucht 12-14). Alle diese Gebäude reichen wahrscheinlich bis 1799 zurück. Auch das folgende Grundstück Wolfsschlucht 10, mit einem um 1870 errichteten hohen Mietshaus, hatte ursprünglich zum Areal der Tabakfabrik dazugehört.
  • Rechts davon fällt der Blick auf das gleichfalls zweigeschossige Hintergebäude des Palais Waitz von Eschen (Wolfsschlucht 8), aus der Zeit um 1770/71,
  • dann auf die neuen Häuser der Opernstraße.

In der Bildmitte steht das Eckhaus Kölnische Straße 3 vollständig im heutigen Straßenraum; das Erdgeschoss wurde um 1825 errichtet, als sich dort noch der Vorplatz des Kölnischen Tores befunden hatte. Der Bau diente zunächst Zwecken des Postbetriebs, die Obergeschosse wurden nach dem Abbruch des Tores 1836 aufgestockt. In der Wolfsschlucht folgen

  • mehrere Mietshäuser,
  • das Gartenlokal „Schaubscher Garten“ (Wolfsschlucht 23; seit 1920 CVJM),
  • die beiden Giebel des Militärkasinos
  • und der Eckerker von Wolfsschlucht 17.

Im Garten am linken Bildrand entstand 1923 der Erweiterungsbau der Darmstädter und Nationalbank (2010 abgebrochen), und Kölnische Straße 3 wurde 1928/29 durch einen Neubau ersetzt (ca. 1965 abgebrochen). Nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs wurde die Straßenführung der Wolfsschlucht durch Neue Fahrt und Treppenstraße stark verändert; in der Blickachse der Kölnischen Straße entstand 1954-56 das EAM-Hochhaus.



Siehe auch