Ausstellung "Verlorene Stadt": Obere Karlsstraße

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Die Obere Karlsstraße war die Keimzelle der hugenottischen Oberneustadt in Kassel.

Station 11: Obere Karlsstraße 32

An der Ecke Friedrichsplatz / Obere Karlsstraße, mit Blick auf das Haus Obere Karlsstraße 32
In der 1688 gegründeten Oberneustadt bestimmten zunächst zwei Haustypen das Bild: ein kleines Wohnhaus mit drei Fenstern in der Breite und ein etwas größeres mit fünf Fenstern. Die einheitliche, schlichte Bauweise der neuen Stadt orientierte sich an modernen französischen und niederländischen Vorbildern und stand in völligem Gegensatz zu den bunten und abwechslungsreichen Fachwerkfronten des alten Kassel.

Das Haus Obere Karlsstraße 32 war ein typisches Fünffensterhaus aus der Anfangsphase der Oberneustadt: zweigeschossig, mit ausgebautem Dachgeschoss und Giebel, ein mittlerer Hausflur, weiße Putzfassaden; die Türen und Fenster waren mit farbigen, meist beigen Umrahmungen versehen: bei den ersten Häusern nur aufgemalt, dann (wie hier) auch plastisch hervorgehoben. Die einzige jüngere Veränderung des Gebäudes war ein Ladeneinbau auf der rechten Seite. – Ganz ähnlich hatten auch die Nachbarhäuser ausgesehen, bevor im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert Aufstockungen das Bild der Oberneustadt veränderten.

Das um 1707 errichtete Haus gehörte von Anfang an mit dem benachbarten Eckhaus Friedrichsplatz 7 zusammen. Bauherr war offenbar der Wirt des Gasthauses „Zum Goldenen Engel“ in der Altstadt, Engelbert Range. Später überließ seine Witwe den Gebäudekomplex ihrem Schwiegersohn (ab 1722), dem Bäcker Johannes Werner. Dafür übernahm sie das Nachbarhaus Nr. 30 (rechts angeschnitten), das nach ihrem Tod an den Oberappellationsrat Carl Wilhelm von Fernau überging.

Werners Nachfahren behielten die Gebäude bis 1866; danach befand sich der Komplex im Besitz von Bierbrauern und Gastwirten, bis er 1943 vollständig zerstört wurde. Der letzte Name der Wirtschaft, „Zur Tante“, soll auf die beliebte Frau des Wirtes Caspar Viehmann (1878-1888) zurückgehen.

Station 12: Obere Karlsstraße 26-28

: vor dem Haus Obere Karlsstraße 17, mit Blick auf Obere Karlsstraße 24-28
Bauherrin des mittleren Hauses, Nr. 26, war vor 1714 die Witwe Bulsbach gewesen; später gehörte es u. a. dem Oberappellationsgerichts-Rat Georg Lennep (†1793), zuletzt ab 1925 dem Schreinermeister Julius Müller. Die Aufnahme aus der Mitte der 1930er Jahre zeigt mehrere Schriftzüge, die auf seinen Handwerksbetrieb mit Sarggeschäft hinweisen.

Nr. 28 gehörte anfangs zum Haus Frankfurter Straße 6 dazu; Bauherren waren bald nach 1714 die Erben des Laurentius Schmerfeld (Gesamtvogt des Hospitals Merxhausen). Ab 1801 gehörte es dem Apotheker Backhaus, der hier die Apotheke „Zum Schwan“ betrieb. Nach mehreren Besitzerwechseln (u. a. ab 1833 der Friseur Rothstein, ab 1892 der Schlossermeister Bösser) erwarb es 1933 der chirurgische Instrumentenmacher und Bandagist Brandau.

Die Tradition der Firma Brandau reicht bis in das Jahr 1860 zurück, als sich der Instrumentenmacher Anton Ernst in der Unterneustadt niederließ. 1874 trat Reinhard Brandau in den Betrieb ein, der zunächst in den Pulvermühlenweg, dann in die Obere Karlsstraße 21 und schließlich in das Haus Nr. 30 (vgl. Station 11) wechselte. Nach dem Tode Ernsts 1886 führte Brandau das Geschäft alleine weiter und verlegte 1884 auch seine Wohnung in das Gebäude. 1935 zog der Betrieb in das inzwischen erworbene Nachbarhaus Nr. 28 um.

Die abgebildeten Häuser entsprachen in der Dachform zunächst dem Gebäude Obere Karlsstraße 32 (vgl. Station 11), nur der runde Giebel von Nr. 28 variierte das Motiv. Nachdem sie beim Großangriff 1943[1] ausgebrannt waren, wurde in den 1950er Jahren die Obere Karlsstraße zu einem Parkplatz verbreitert, die neue Häuserzeile an die Rückseite der alten Grundstücke zurückversetzt. Als erstes bezog 1958 die Familie Brandau ihren Neubau, der nun auch den rückwärtigen Teil des früheren Nachbargrundstücks Nr. 30 mit umfasste.

Station 13: Obere Karlsstraße bis Friedrichsplatz

Der Blick zeigt die Häuserzeile Obere Karlsstraße 13-23 und Friedrichsplatz 6
Ganz links erkennt man das Eckhaus Obere Karlsstraße 13 / Wilhelmsstraße, kurz vor 1714 für den Freiherrn Melchior von Blome errichtet. 1898 erwarb Jean Doetenbier das Gebäude, der die 1868 gegründete Schreinerei seines verstorbenen Vaters Johannes weiterführte; während er die Bauschreinerei 1927 aufgab, entwickelte er das Sarggeschäft zu einem Bestattungsunternehmen weiter.

Die Häuser Obere Karlsstraße 15, 19 und 21 waren um 1710-1714 als schmale Dreifensterhäuser erbaut worden – der erste vorgesehene Haustyp der Oberneustadt. Dazwischen ist das breite Gebäude Nr. 17 (mit Balkon) perfekt in die Front eingepasst: Die Fassade kombiniert ein Fünffensterhaus mit zwei seitlichen Dreifensterhäusern; sie blieb als einzige auf dieser Straßenseite weitgehend unverändert. Bauherr war ab 1711 der Manufaktur¬besitzer Abraham Maudry. Ab 1834 betrieb hier Christian Krauß eine Brauerei und Gaststätte, und Anfang der 1860er Jahre ließ er im Garten einen Saal mit Bühne und 650 Plätzen anbauen. 1883/1884 wohnte im Vorderhaus u. a. Gustav Mahler zur Untermiete.

Nach mehreren Eigentümerwechseln übernahm am Ende des 1. Weltkriegs die Familie Cöster das Anwesen und benannte es in „Bürgersäle“ um; zudem richtete Otto Cöster auf dem Gelände ein Autohaus ein. 1931 ging der Besitz an die Herkulesbrauerei über. In dieser Zeit nutzte die SA das Haus als Hauptversammlungslokal; im März 1933 wurden in den alten Brauereikellern mehrere Kasseler im Rahmen persönlicher Racheakte schwer misshandelt, der Rechtsanwalt Max Plaut erlag kurz darauf seinen Verletzungen. 1933-35 befand sich hier auch die NSDAP-Kreisleitung Kassel-Land. Beim Großangriff 1943starben über 300 Menschen in den Kellergewölben. In den 1950er Jahren wurde die Straße zu einem Parkplatz verbreitert.

Station 14: Obere Karlsstraße bis Weinbergstraße

Vor dem Haus Obere Karlsstraße 17, mit Blick zum Karlsplatz und zur Weinbergstraße
Die Aufnahme zeigt den historischen Verlauf der Karlsstraße: in einer geraden Linie vom Friedrichsplatz bis zur Weinbergstraße. In den 1950-70er Jahren wurde der Blick durch die Rathaus-Anbauten unterbrochen, nachdem zuvor schon der vordere Abschnitt zum Parkplatz verbreitert worden war.

Bei Gründung der Oberneustadt sollte die spätere Karlsstraße zunächst den nordwestlichen Stadtrand bilden; geplant waren lediglich vier Häuserblöcke beidseitig der Frankfurter Straße. Erst in der Folgezeit kamen weitere Häuserblöcke bis zur heutigen Königsstraße und zur Friedrichsstraße hinzu, und 1771-75 wurde in der Karlsstraße sogar das Rathaus der Oberneustadt errichtet: Man erkennt seine hohe, vorspringende Giebelfront oberhalb des geparkten Autos.

Im vorderen Eckhaus zum Karlsplatz (Obere Karlsstraße 20; Bildmitte, links, vgl. Station 16) wohnte in den Jahren 1861-1882 der Rechtsanwalt, Publizist und liberale Politiker Dr. Friedrich Oetker (1809-81), der sich vor allem in den kurhessischen Verfassungskonflikten der 1850er und 60er Jahre entscheidend engagierte. Aus der kurhessischen Grafschaft Schaumburg (an der Weser) stammend, hatte er in Marburg studiert und war 1837 als Obergerichtsanwalt nach Kassel gekommen.

1848 begründete er zunächst die „Neue Hessische Zeitung“, und nach einigen Jahren des Exils (1850-1859) die „Hessische Morgenzeitung“. Er war Abgeordneter im kurhessischen, dann im preußischen Landtag, außerdem im Reichstag des norddeutschen Bundes bzw. (ab 1871) im deutschen Reichstag. Dem Kurhessischen Diakonissenhaus ermöglichte er den Ankauf eines Grundstücks in Kassel und damit den Umzug aus Treysa; auch finanzierte er maßgeblich die Gründung der späteren Stadtbücherei. 1862 wurde er zum Kasseler Ehrenbürger ernannt.

Galerie

siehe auch

Verlorene Stadt

Ausstellung: Verlorene Stadt

Rundgang 1: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Wilhelmsstraße | Station 2: Engelsburg | Station 3: Wolfsschlucht 5-11 | Station 4: Opernstraße 15 | Station 5: Gnadengässchen | Station 6: Theaterstraße | Station 7: Wolfsschlucht 19-21 | Station 8: Theaterstraße 4 und 2 | Station 9: Blick auf das Friedrichsgymnasium | Station 10: Wolfsschlucht / Kölnische Straße
Rundgang 2: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 11: Obere Karlsstraße 32 | Station 12: Obere Karlsstraße 26-28 | Station 13: Obere Karlsstraße bis Friedrichsplatz | Station 14: Obere Karlsstraße bis Weinbergstraße | Station 15: Hercules Bierbrauerei | Station 16: Karlskirche | Station 17: Wilhelmsstraße 15 | Station 18: Stadtpark | Station 19: Garde-du-Corps-Straße | Station 20: Garde-du-Corps-Platz
Rundgang 3: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Karl Bernhardi Straße | Station 2: Dock 4 auf der Seite Oberste Gasse | Station 3: Porzellanhaus Hornschu in der Obersten Gasse 5 - Teil 1 | Station 4: Porzellanhaus Hornschu in der Obersten Gasse 5 - Teil 2 | Station 5: Fingerz Kleidung & Accessoires Entenanger 2 | Station 6: Jugendbücherei Oberste Gasse 24 - Teil 1 | Station 7: Jugendbücherei Oberste Gasse 24 - Teil 2 | Station 8: Hochzeitsatelier Oberste Gasse 30 | Station 9: Druselplatz 3 | Station 10: Reformhaus Kräuterhilde Martinsplatz 1
Rundgang 4: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Martinsplatz | Station 2: Martinsplatz nach dem Abbruch des Tuchhauses | Station 3: Das Säulenportal am Martinsplatz | Station 4: Mittelgasse | Station 5: Das Grimmsche Märchenhaus | Station 6: Barockhaus von Oberst Georg du Mont | Station 7: Der Freiheiter Durchbruch | Station 8: Laubengänge am Freiheiter Durchbruch | Station 9: Kassels erste Fußgängerzone | Station 10: Der untere Abschnitt der Marktgasse
Rundgang 6: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Café Nenninger, Friedrichsplatz 8 | Station 2: Brillen Vesper, Friedrichsplatz 6 | Station 3: Köhler Herrenbekleidung, Obere Königsstraße 37 (I) | Station 4: Köhler Herrenbekleidung, Obere Königsstraße 37 (II) | Station 5: Sinn Leffers, Friedrichsplatz 19-20 (I) | Station 6: Sinn Leffers, Friedrichsplatz 19-20 (II) | Station 7: AOK Geschäftsstelle, Friedrichsplatz 14 (I) | Station 8: AOK Geschäftsstelle, Friedrichsplatz 14 (II) | Station 9: Laufladen, Friedrichsplatz 12 (I) | Station 10: Laufladen, Friedrichsplatz 12 (II)
Rundgang 7: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Haus Königsstraße 45 | Station 2: Lyceum Fridericianum, Am Friedrichsplatz 19-20 | Station 3: Das Palais der Landgrafen von Hessen Rotenburg um 1910 | Station 4: Der Königsplatz nach Nordosten 1820, ehem. Kaskade | Station 5: Brühlsches Haus um 1890 | Station 6: Obere Königsstraße und Kölnische Straße, um 1898–1905 | Station 7: Königsplatz 34 und Königsstraße 32, um 1905–1911 | Station 8: Die Baugruppe Nr. 38–46, um 1888–1890 | Station 9: Die Baugruppe Königsplatz 57–59, vor 1898 | Station 10: Das Posthaus am Königsplatz vor 1878


Weblinks und Quellen

Quellen

  1. HNA.de-Spezial zur "Bombennacht" in Kassel

Weblinks