Auetor

Aus Regiowiki
Wechseln zu: Navigation, Suche
(Aue-Tor), Aufnahme nach 1907

Als Kassels Festungswerke zugunsten einer Stadterweiterung unter Landgraf Friedrich II. fielen, entstand eine Reihe von neuen Stadttoren. An Stelle einer alten Bastion wurde damals an der östlichen Schmalseite des neu geschaffenen Friedrichsplatzes das Friedrichstor errichtet. Es bildete den Hauptausgang aus der Stadt zur Aue.

Geschichte

Wegen seiner Lage an so hervorragender Stelle hatte man zunächst geplant, nach dem Vorschlag des Pariser Architekten Le Doux das Tor als gewaltigen Triumphbogen zu bauen. Wahrscheinlich des hohen Kostenvoranschlages von 90.000 Talern wegen wurde aber auf dieses Projekt verzichtet. Dagegen ließ der Landgraf einen Entwurf seines Baumeisters Simon Louis du Ry ausführen: zwei flach gedeckte Wachthäuser in toskanischem Stil mit Säulenvorbauten. (Die Häuser dienten als Wache und Offiziersarrestlokal.) Ein Tor aus weiß gestrichenen Holzstaketen mit vier hohen Sandsteinpfeilern stellte die Verbindung zwischen beiden Häusern dar, auf deren Aufbauten über dem Hauptgesims römische Kriegstrophäen – Arbeiten Nahls – aufgesetzt waren. 1782 stand das Tor fertig da. Es hatte rund 11.000 Reichstaler gekostet.

Nach den Freiheitskriegen wurden die alten Pläne, am Friedrichsplatz nach der Aue hin einen Triumphbogen zu errichten, wieder hervorgeholt. Dem Architekten des Kurfürsten, Johann Konrad Bromeis, gelang es aber, Kurfürst Wilhelm II. für bescheidenere Pläne zu gewinnen. 1824 setzte Bromeis an Stelle der Torpfeiler und der weiß gestrichenen Staketen zwischen die beiden Wachthäuser einen Torbogen aus geschliffenen Quadern mit zwei an die Wachthäuser reichenden Säulenhallen. Die Häuser wurden gleichzeitig ein wenig vergrößert, so dass eine breit gelagerte Gesamtanlage entstand.

Die allgemeine Begeisterung nach dem gewonnenen Kriege von 1870 verlangte nach einer geeigneten Form, den Dank der Bevölkerung an die tapferen Söhne des Hessenlandes in diesem Feldzuge auszudrücken. Man dachte an ein Denkmal. Das Auetor, das alte Friedrichstor, sollte – obwohl es dadurch zweckentfremdet wurde – den Grundstock dafür abgeben. Man spielte mit dem Gedanken, eine Quadriga mit einer Hassia-Figur (Vorbild: das Brandenburger Tor in Berlin) obenauf zu setzen. Auch war geplant, das Auetor mit einem Standbild Kaiser Wilhelms I. zu krönen. Diesem Vorschlag jedoch widersetzte sich der bescheidene Monarch.

Als das Denkmal am 22. März 1876 feierlich enthüllt wurde, hatte man mitten auf dem Auetor einen ehernen preußischen Adler mit weit gespannten Flügeln gesetzt, der von dem Bildhauer H.W. Brandt entworfen worden war. Brandt hieß allgemein der „Löwen-Brandt“, weil seine Spezialität eigentlich die Darstellung von Löwen war. Die gewaltigen Flügel des Adlers boten dem Wind bequeme Angriffsflächen, deshalb hatte man das Tier aus Sicherheitsgründen auf seinem Rücken mit gekreuzten Eisenbändern versehen. Die Kasselaner erfanden dafür schnell die Bezeichnung „Hosenträger“.

Der Unterbau erhielt rechts und links je eine Kriegergruppe, den Abschied und die Wiederkehr der Truppen darstellend. Adler und Figuren wurden von Siemering gegossen. Die Bauleitung hatten Heinrich von Dehn-Rotfelser und Joh. Balhorn. Quer über dem Auetor prangte die Inschrift: „Hessischer Tapferkeit im Kriege gegen Frankreich 1870 und 71".

Das Auetor am Rand des Friedrichsplatzes musste 1907 dem Bau des Königlichen Theaters weichen. Dieses wiederum wurde im Zweiten Weltkrieg beschädigt und später abgerissen. Man stellte Mittelteil, Tor und Säulenhallen in den Anlagen des Regierungs- und Gerichtsgebäudes auf. Hier neben dem Regierungsgebäude stand das Tor ohne Sinn und Zweck an wenig eindrucksvoller Stelle, bis die Bomben des Zweiten Weltkrieges es zerstörten. Die Flügelbauten, die alten Wachthäuser, verschwanden. Lediglich die Trophäen rettete man in die Gärten von Intendantur und Militärlazarett.

Das Auetor schloss damals den Friedrichsplatz in Richtung Südosten ab. Hier spielte sonntags eine Kapelle zur Wachablösung.

An dem ursprünglichen Standort des Auetors steht seit der documenta 6 im Jahre 1977 der so genannte Rahmenbau des Teams Haus-Rucker-Co, der zugänglich ist und an seinem Ende einen besonderen Blick auf Orangerie und Auepark bietet.

Hauptwache und Paraden

Nachdem am Martinsplatz 1833/34 Tuchhaus und Hauptwache abgebrochen worden waren, fand die Hauptwache im Auetor eine neue Unterkunft; ein Neubau auf der gegenüberliegenden Platzseite an der Königsstraße gelangte nicht zur Ausführung. Im Zusammenhang mit dem Umzug der Hauptwache verlegte man auch den Sitz des Stadtkommandanten vom Martinsplatz in das Haus Königsstraße 37.

Fortan fanden auf dem Friedrichsplatz allsonntäglich zwei Paraden statt, die der Regent persönlich abnahm: um 11.00 Uhr die „Kirchenparade“ nach dem Gottesdienst in der Garnisonkirche und eine halbe Stunde später die tägliche Wachtparade. Den Gottesdienst hatten in regelmäßigem Wechsel jeweils verschiedene Truppenteile der Infanterie und Kavallerie oder der Infanterie und Artillerie zu besuchen. Nach der täglichen Wachtparade zog das Musikcorps zum Auetor und spielte dort vier Stücke. Dieses Ereignis zog regelmäßig zahlreiche Schaulustige an, zumal besonders die Kapelle des Leibgarde-Regiments als die beste Militärkapelle in ganz Deutschland galt. Ihre Musiker waren zumeist Mitglieder des Hoftheater-Orchesters. Die Noten wurden damals noch nicht befestigt, sondern von Soldaten oder Kasseler Jungen gehalten, die sich um diesen Dienst drängelten.

Nach der Annexion Kurhessens durch Preußen wurde 1866 die Zollmauer aufgegeben, 1875/76 der Bogen zu einem Kriegerdenkmal umgestaltet. Die Kirchenparade entfiel, und die Konzerte bei der Wachtparade wurden auf die Sonntage beschränkt. 1907 musste das Auetor dem umstrittenen Neubau des Hoftheaters weichen. Die Wachthäuser wurden abgebrochen, die Trophäen in den Gärten der Militärintendantur Königsstraße 29 und des Militärlazaretts wieder aufgestellt; ihr weiteres Schicksal nach 1943 ist unbekannt. Torbogen und Kolonnaden versetzte man neben das Regierungspräsidium, wo sie im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden.

Der Abbruch des Auetors bedeutete einen erneuten Umzug der Hauptwache, die zunächst im Haus Königsstraße 45 unterkam und schließlich im alten Wachthaus des Wilhelmshöher Tors (am heutigen Brüder-Grimm-Platz) eine Bleibe fand. Bis 1918 waren dort 9 Mann, ein Unteroffizier und ein Spielmann stationiert.

siehe auch

Weblinks