Aschrottbrunnen

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Rathaus mit Aschrottbrunnen ca. 1913

1908 hatte der jüdische Unternehmer Sigmund Aschrott, dem die Stadt Kassel bezüglich ihrer städtebaulichen Entwicklung sehr viel zu verdanken hat, zum Neubau des Rathauses den Aschrottbrunnen für den Rathausvorplatz gestiftet.

Aschrott erschloss den damals noch unbebauten Vorderen Westen als Wohngebiet; er überließ der Stadt ein Grundstück für den Bau der Stadthalle.

Seine vielen Verdienste bewahrten Aschrott jedoch nicht vor den Anfeindungen der Nazis.

Auch der von ihm gestiftete Brunnen, zwölfstufig mit einer zwölf Meter hohen Pyramidenskulptur wurde 1939 von Nazis, Kasseler Bürgern, zerstört.

Am Schluss war von der Skulptur nichts übrig geblieben. Nur die niedrige, bodennahe Sandsteinfassung des Brunnenbeckens war erhalten geblieben.

Steine der Einfassung stehen heute als 'Ruinen' im Abstand zum Brunnen-Negativ.

Der Aschrottbrunnen 1908

Wir schreiben das Jahr 1908. Nordhessens Metropole Kassel blüht; der Unternehmergeist weckt allerorten neue Kräfte. Am rührigsten tat sich Sigmund Aschrott (1826 bis 1915) hervor. Für die einen war der Geheime Kommerzienrat Wohnungs- und Grundstücks-Spekulant größten Stils, für die anderen begnadeter Firmenchef und großzügiger Spender. Zum Neubau des Rathauses stiftete er einen Brunnen. Rathausarchitekt Karl Roth sollte ihn entwerfen. Als Gegenstück zum prunkenden Henschelbrunnen auf der anderen Seite des Rathausvorplatzes entstand er, um in den rechten Vorhofteil etwas Gliederung zu bringen, "etwas zu füllen", wie Roth formulierte.

Am Aschrottbrunnen

Mehr als 30 Jahre prägte der Wasserbau das Bild vor dem Rathaus. Die Bürger waren stolz auf die imposante Anlage. Bis zum 9. April des Jahres 1939, dem Jahr, in dem im September mit dem Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg begann. An diesem Tag demolierten nationalsozialistische Aktivisten den Judenbrunnen - Sigmund Aschrott war mosaischen Glaubens.

Übrig blieb das Brunnenbecken. Zynisch wurde es 1943 in ein Blumenbeet verwandelt.

Die Jahre gingen ins Land. Kassel wurde wieder aufgebaut. Aus dem Aschrottschen Beet wurde ein Springbrunnen neben der Rathaustreppe - ein Zeichen des Vergessens. Mit der Diskussion über den Holocaust und seine Auswirkungen vor Ort kam eine Auseinandersetzung über den Wiederaufbau des Aschrottbrunnens in Gang. Hitzig gingen die Argumente hin und her. Viele Bürger befürworteten eine Nachbildung des Originals von 1908. Andere sahen in dieser Idee eine Verhöhnung der geschichtlichen Vergangenheit.

Der Verein zur Rettung historischer Denkmäler beauftragte schließlich den in Kassel beheimateten Künstler Horst Hoheisel mit dem Projekt. Dessen bestechende Idee: Was einst aufrecht sich reckte, führt jetzt, in derselben Form und Größe, in die Tiefe. 1987 wurde der Brunnen als offene Wunde entworfen: Er sollte als hohler Kegel in den Boden hineingebaut werden. Die Negativform ragt seither zwölf Meter in die Tiefe. Aus der Pyramide wurde ein Trichter, in den Wasser hineinstürzt. Wer sich auf die Gitter stellt, kann das sehen. Zwischen Ratskeller, Bezirksstelle Mitte und Tourist-Info liegt, hinter der Handy-Tankstelle des Rathaus-Kioskes, Hoheisels Brunnen verborgen.

Der Betrachter kann freilich auch sehen, wie übel der Zahn der Zeit dem hehren Gedenken Aschrotts mitgespielt hat. Unrat, Papierfetzen und Zigarettenschachteln dümpeln am Fuße des Negativbrunnens; auch die Wasser rauschen längst nicht immer. Die zerbrochenen Sandsteinbögen der alten Brunnenschale umrunden die Anlage; vermoost mittlerweile und traurig anzusehen. Am vorderen Rand, in den Boden eingelassen, eine Gedenktafel: "...soll als offene Wunde der Stadtgeschichte an erlittenes Unrecht erinnern und Mahnung sein." An der Rathauswand gegenüber ist Hoheisels Entwurf abgebildet,

Rechts daneben, ebenfalls an der Rathauswand, eine Gedenktafel für malträtierte, umgekommene und umgebrachte Sinti und Roma. Oberbürgermeister Georg Lewandowski gedachte auch ihrer, als er am 27. Januar 2002 an dieser Stelle an die Nazi-Opfer erinnerte. Das Gedenken, führte er aus, bewirkt aber auch, dass die Opfer nicht dem namenlosen Vergessen preisgegeben werden: "Wenn wir sie als Menschen mit Persönlichkeit und Namen in unserer Erinnerung behalten, dann ist der nationalsozialistische Plan, sie in ihrem ganzen Sein auszulöschen sie also nicht nur physisch, sondern auch geistig zu vernichten, am Ende doch misslungen."

Der Aschrottbrunnen heute: als Negativ

Der Aschrottbrunnen -heute als Negativ - befindet sich vor dem Kasseler Rathaus
Anfang der 80er-Jahre dachte man über Rekonstruktion und Wiederaufbau des Brunnens nach.

Der Künstler Horst Hoheisel entwickelte die Idee, den Brunnen in seiner ursprünglichen Gestalt wieder herzustellen, ohne seine Zerstörung zu verdrängen.

Nach seinem Vorschlag sollte die Pyramidenform wieder hergestellt und im Boden versenkt werden als Negativ einer endgültig verlorenen Form.

Dazu meinte Hoheisel: "Das eigentliche Denkmal ist der Passant, der darauf steht und darüber nachdenkt, warum hier etwas verloren ging."

Der Kasseler Magistrat stimmte dem Projekt 1986 zu, im documenta-Jahr 1987 wurde der Brunnen realisiert. So wurde der Brunnen vor dem Rathaus Kassel zu einem Mahnmal, das die Erinnerung an die Verfolgung der Juden auch in dieser Stadt wach hält.

Ein Modell des von Hoheisel neu gestalteten Aschrottbrunnens ist seit 1998 in der Gedenkstätte Yad Vashem im Jerusalem ausgestellt. Der Brunnen ist nicht sonderlich gross aber sehr schön.

siehe auch

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