Arzt flüchtete in der Nacht

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1. April 1933: Boykott der jüdischen Geschäfte war Signal zur Judenverfolgung

von Thomas Schattner

Schwalm-Eder. Die massiven Proteste aus dem Ausland nutzten nichts: Für den 1. April 1933 rief Joseph Goebbels zu einer bis dahin einmaligen „Abwehraktion“ gegen Juden in Deutschland auf.

Ab diesem Samstag und noch bis zum 5. April sollten die Deutschen jüdische Geschäfte, Ärzte und Anwälte von der deutschen Bevölkerung boykottieren. Mit der Aktion verfolgte man zwei Ziele: Einerseits sollte sie ein Signal gegen die „Greuelmärchen“ der ausländischen Presse setzen. Andererseits reagierten die Nationalsozialisten so auf eine angebliche jüdische Kriegserklärung.

Der Boykottaufruf im Homberger Kreisblatt vom 31. März las sich so: „Von keinem anständigen Deutschen noch einen Pfennig in die Hände jüdischer Geschäftsleute, Ärzte und Rechtsanwälte“. Die SA bepinselte die Schaufenster mit der Aufforderung „Kauft nicht bei Juden. Die Juden sind unser Unglück“.

Mitglieder der SA postierten vor den Geschäften, so dass das Einkaufen zum Spießrutenlaufen wurde. Nicht umsonst hieß es im Homberger Kreisblatt: „Wir werden ein wachsames Auge für die haben, die uns in diesem Kampf nicht unterstützen!“ Wer sich dem Boykott widersetzte, wurde angepöbelt, als Volksverräter gebrandmarkt und fotografiert. Es wird wohl nicht viele mutige Kunden gegeben haben, die meisten ließen sich einschüchtern. Lediglich aus Gilserberg ist überliefert, dass eine Kundin nach dem Verlassen eines jüdischen Geschäftes einem SA-Fotografen zurief: „Wenn das Foto fertig ist, hätte ich gern einen Abzug“.

Gewalt oder Plünderungen hier in der Region gab es bei der ersten reichsweiten antisemitischen Aktion gegen die jüdische Bevölkerung nicht. In Fritzlar, wo die katholische Zentrumspartei herrschte, war die Resonanz auf die Aktion nicht allzu groß.

Umso erstaunlicher ist, dass Hobby-Historiker Paulgerhard Lohmann herausgefunden hat, dass der jüdische Zahnarzt Dr. Ludwig Erlanger durch den angekündigten Boykott derart in Panik geriet, dass er in der Nacht vom 31. März auf den 1. April mit Frau und seinen zwei Kindern in die Schweiz nach Basel floh. Dabei ließ er fast alles zurück, was er besaß.

Katastrophale Folgen

Der Boykott hatte katastrophale Folgen für die jüdischen Bürger. Josef Goldschmidt aus Hebel beispielsweise übernahm das Gensunger Manufakturwarengeschäft seines Schwiegervaters. Das ging zu Beginn der 30er Jahre gut, zumal er auch die Kunden Zuhause besuchte. Doch mit dem Boykott der jüdischen Geschäfte änderte sich das gravierend. „Bald wagten auch solche Kunden, die vorurteilslos eingestellt waren, den Laden nur bei Nacht und Nebel zu betreten. Den Reisebetrieb musste ich schon bald ganz einstellen, da ich nicht einmal meine Spesen mehr verdienen konnte. Überall fand ich auf den Bauernhöfen, die ich viele Jahre mit meinen Waren versorgt hatte, Schilder „Juden unerwünscht“ vor (...)“. Als Folge musste Goldschmidt 1937 sein Geschäft auflösen, die Familie wanderte aus.

Der 1. April war ein einschneidendes Datum: Vor dem Boykott gab es nur vereinzelte Aktionen, danach waren sie kanalisiert und legalisiert. Deshalb war der 1. April 1933 das Startsignal zur Judenverfolgung im Dritten Reich.

Von der Zuversicht und den Gerüchten:
In Frielendorf herrschte 1933 Optimismus - in Spangenberg wurde eine böse Kampagne gestartet

Ungewöhnlich ist der Schritt der jüdischen Gemeinde Frielendorf. Sie inserierte am 1. April in der Frielendorfer Zeitung unter der Überschrift „Gegen die Gräuelpropaganda!“ Dabei wurde ein Text veröffentlicht, den sie tags zuvor als Telegramm der Zeitung New York Harold Tribune zugestellt wurde. Der Inhalt: „Jüdische Einwohner Frielendorfs protestieren schärfstens gegen Gräuelpropaganda im Ausland. Hier herrscht Ruhe und Sicherheit“. Das kann nur als hilfloser Versuch der jüdischen Minderheit gewertet werden, sich als Deutsche zu sehen und so ihre Verbundenheit zum „eigenen“ Staat zu äußern. Deutlich wird auch die Hoffnung herrschte, dass Hitler sich nur kurz im Amt halten würde.

Von Spangenberg aus wurde eine gezielte Gerüchtekampagne gegen die Juden gefahren. In der Presse wurde den Juden vorgeworfen, sie arbeiteten mit betrügerischen Machenschaften, verkauften minderwertige Waren oder ließen unhaltbare hygienische Zustände in den Geschäften zu.

Aus der Spangenberger Zeitung: „Sehenswert! Ist ein von einem jüdischen Kaufmann verlassener Lebensmittelladen. Wer’s nicht glaubt, betrachte sich einmal die ehemalige Wirkungsstätte der Firma Salomon Spangenthal. Schmutz und Dreck und Mäuse und Lebensmittel, alles durcheinander. (...) Schade, dass die Polizei nicht einmal genauer hingesehen hat. Der Laden hätte dann schon vor Jahren dicht gemacht werden müssen. (...) Der Jude baut auf unsere deutsche Gemütlichkeit und nutzt sie mit zynischer Frechheit aus. Nach seiner Ansicht ist für uns Deutsche jeder Judendreck gut. Jeder Spangenberger, der jetzt noch mit einem Juden spricht oder gar bei einem Juden ein- und ausgeht, ist ein Verräter am deutschen Volk.“

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Jüdische Gemeinde - Gemeinden mit wechselvoller Geschichte

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