Artelmissen

Aus Regiowiki
Wechseln zu: Navigation, Suche

Artelmissen ist ein im Mittelalter wüst gefallenes Dorf im Galgengrund, einem kleinen Bachtal zwischen der Landesstraße 561 und dem Weserradweg bei Gieselwerder und Lippoldsberg im heutigen Landkreis Kassel.

Wo der Henker wartete

Artikel in HNA-online vom 20. Juli 2010

Der Galgengrund am Weserradweg gehörte zum wüst gefallenen Dorf Artelmissen

von Jörg Nolte

Oberweser/ Wahlsburg. Der letzte Blick des Verbrechers schweift über die Weser und den Reinhardswald, dann legt ihm der Henker den Strick um den Hals und tritt den Schemel, auf dem er steht, entschlossen weg. Beine zucken. Die Menge johlt. Nach wenigen Minuten ist das Schauspiel vorbei. Der Kriminelle ist tot. So oder so ähnlich könnte sich eine Hinrichtungsszene vor 800 Jahren im Galgengrund zwischen Gieselwerder und Lippoldsberg abgespielt haben.

Wie viele Menschen überhaupt dort ihr Leben ließen und welcher Gräueltaten sie beschuldigt wurden, lässt sich heute nicht mehr sagen. Dagegen lässt sich die Frage beantworten, wohin der Galgen gehörte, der einst in dem kleinen Bachtal an der Weser stand und auf den die Flurbezeichnung hinweist? Zählte er zu Gieselwerder oder zu Lippoldsberg ? „Zu keinem von beidem“, sagt Oberwesers Altbürgermeister Roland Henne, der sich mit historischer Forschung in der Weserregion beschäftigt.

Nach Hennes Erkenntnissen war der Galgengrund die Hinrichtungsstätte des bereits um 1240 wüst gefallenen Dorfes Artelmissen, auch Artelesem genannt, das direkt am heutigen Weserradweg lag, nicht weit entfernt vom Bachtal. Mehr als 200 Keramikscherben wurden an dem alten Siedlungsplatz gefunden und datiert – die ältesten stammen aus dem 8. Jahrhundert, die jüngsten aus dem 13. Jahrhundert.

Etwa 15 Höfe
Die Datierung der Scherben legt den Schluss nahe, dass das Dorf im 13. Jahrhundert verlassen wurde. Der Grund dafür könnte die Stadtgründung von Gieselwerder um das Jahr 1240 sein, mutmaßt Roland Henne. Auch von der Größe der Ortschaft hat der Hobbyhistoriker eine Vorstellung. „Etwa 15 Höfe haben dort gestanden. Für damalige Verhältnisse ein großes Dorf“, erklärt Henne. Dass es sich bei der Wüstung mit höchster Wahrscheinlichkeit um Artelmissen handelt, ist erst in den vergangenen Jahren klar geworden. Noch 1997 in der Chronik der Waldenserdörfer Gottstreu und Gewissenruh schrieb Henne, dass der dortige Wüstungsplatz wohl Werden oder Howardessen sei. Beide Orte sind aber inzwischen bei Gottstreu-Weißehütte lokalisiert worden.

Wo Artelmissen gelegen haben könnte, wusste man bis dato nicht genau. Aber die Indizien sprachen für eine Lage in der Nähe von Lippoldsberg. Beispiele: 1080 war Artelmissen eines von fünf Dörfern, das Erzbischof Siegfried von Mainz, der damalige Landesherr, von der Mutterkirche in Oedelsheim löste und dem Kloster Lippoldsberg zuschlug. 1202 schenkte Graf Adalbert von Everstein den Nonnen in Lippoldsberg seine Rechte in Artelmissen.

Und auch einige Flurbezeichnungen sprechen für Artelmissen. So gibt es in der Nähe eine Untiefe in der Weser, die Semischer Pfuhl genannt wird. Wahrscheinlich ist auch der Flurname Seefeld gleich neben der Wüstung aus dem Begriff Semisches Feld entstanden. Semisch von Artelesem - ähnlich wie Werdersches Ecke von Gieselwerder.

siehe auch

Weblinks