Arnsbach und sein Steinzeitdorf

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Der Entdecker

Als Lehrer Möller wieder einmal mit seinen Schulkindern zwischen 1932 und 1935 unterwegs war, entdeckte er die ersten Funde auf dem Flurstück "Im Ort", einem Ackerstück in der Nähe der Schwalm. Möller wähnte dort eigentlich gar keine Funde, weil er diesen Bereich eigentlich zum Überschwemmungsgebiet der Schwalm rechnete. Dr. Nass aus Marburg, Vertreter von Professor von Mehrhart, dem staatlichen Vertrauensmann für Bodenaltertümer, stellte anhand der Funde fest, dass dort eine Siedlung aus der jüngeren Steinzeit, also 5.000 - 4.000 v. Chr gewesen sein müsste. Eine Siedlung der bandkeramischen Kultur, die nach den Verzierungen auf den Gefäßen so bezeichnet wird.

Die Zeit drängte

Die vermutete Siedlung, nordöstlich des Dorfes, am zur Schwalm hin abfallenden Hang lag genau in dem Bereich, in dem ein neuer Braunkohletagebau entstehen sollte, weshalb man sich zur baldigen Ausgrabung entschloss.

Die Grabung

Der Student Edward Sangmeister aus Marburg war mit der Leitung beauftragt worden. Die Ausgrabungen begannen am 01. Oktober 1936 zunächst mit einigen heimischen Arbeitskräften, später mit einer Abteilung des Homberger Arbeitsdienstes. Die Ausdehnung der Siedlung (Ost-West) betrug 300 - 350 Meter Länge und in Nord - Süd Richtung etwa 210 Meter Breite. Zwischen den Grubenverbänden und einzeln kleinen Gruben kamen gut erkennbare Grundrisse von langen Rechteckbauten zum Vorschein. Sie wurden alle nach einem Schema angelegt. Sie hatten eine Länge von ca. 25 Meter und eine Breite von 8 Meter. Die Längsachse lag in Südost - Nordwest Richtung. Das Innere der Häuser war durch 6 Querwände, die die einzelnen Räume trennten, abgeteilt. Abgeschlossen wurden die Grabungen im Jahr 1938.
"Der Kumpf" von Arnsbach, bandkeramisches Gefäß

Die Funde

Die Hauptfundmengen bildeten Keramikscherben, in denen sich ein hoher Anteil verzierter befand. Die verschiedenen Zusammenstellungen von Stichen und geritzten Bändern zeigten, dass es sich im Großen und Ganzen um Scherben der jüngeren Spiralkeramik handelt. Ein großer schwarzgrauer Topf ("Arnsbacher Kumpf") und ein eigenartiges Zwillingsgefäss waren die bedeutendsten Gefässfunde. Auch Steingeräte wurden ziemlich häufig gefunden, so eine große Anzahl von Dechseln bzw. Schuhleistenkeilen (Steinäxte zur Holzbearbeitung), Feuerstein - und Quarzitklingen und zahlreiche Mahlsteine. Sie sind im Landesmuseum Kassel aufbewahrt.

Die Geburtsstunde der Landwirtschaft

Die linearbandkeramische Kultur, zu der die Siedlung zählt, datiert in die Zeit um 5.000 v. Chr. Erstmals griff der Mensch in die bis dahin unberührte Landschaft ein. Die erste bäuerliche Kultur entstand mit dem beginnenden Ackerbau und dem Anbau von Getreide. Mit der Domestikation (Umzüchtung) wilder Tiere zu Haustieren begann die Viehzucht sowie die Haustierhaltung. Die Herstellung von Keramik begann. Steingeräte wurden überschliffen. Mit dem Bau von ortsfesten Holzhäusern endete die Zeit der Jäger und Sammler. Der sesshafte Landwirt als Nahrungsmittelproduzent und Viehzüchter war geboren. Auffallend ist, dass eine Fundkonzentration besonders im Bereich der Lössböden der "Niederhessischen Senke" festzustellen ist, die wohl auch schon für die bäuerlichen Aktivitäten der Bandkeramiker die besten Voraussetzungen boten.

Umdenken in der Wissenschaft

Auch für den wissenschaftlichen Bereich der Archäologie führte das Grabungsergebnis von Arnsbach zu einer grundlegenden Veränderung. Zwangsläufig musste man Abstand nehmen von der bis dahin geltenden Auffassung, dass die Bandkeramiker "kurvokonvexe" (kurvig,gewölbte,in die Erde eingetiefte) Grubenhäuser als Hausgrundform bevorzugten. Der "Pfostenständerbau" als oberirdische Hausgrundform der Bandkeramiker wurde mit dem Ergebnis von Arnsbach bestätigt. Eine Änderung der Lehrmeinung war die Folge der neuen Erkenntnisse.

Unter der Abraumhalde

Heute liegt die Grabungsstelle der ehemaligen Steinzeitsiedlung etwa 60 -70 Meter nordöstlich des Arnsbacher Feuerwehrgerätehauses unter dem Abraum der "Arnsbacher Kippe", einer Abraumhalde des Borkener Bergbaureviers, mittlerweile ein bewaldeter Hügel zwischen Arnsbach und der Schwalm. Die bandkeramische Siedlung Arnsbach ist das bedeutendste vorgeschichtliche Zeugnis menschlicher Besiedlung im Borkener Raum. Die Geschichte Arnsbachs beginnt also nicht erst mit der Ersterwähnung 1245, sondern schon vor ca. 7.000 Jahren mit der Besiedlung durch Bandkeramiker. Eine Replik des "Arnsbacher Kumpfes" kann im Dorfgemeinschaftshaus von Arnsbach besichtigt werden. Das nordhessische Arnsbach gehört heute zur Stadt Borken in Hessen.

Der "Ausgräber von Arnsbach", Prof. Dr. Edward Sangmeister ist am 18. Januar 2016, gut zwei Monate vor seinem 100. Geburtstag, im Alter von 99 Jahren in Freiburg i. Br. verstorben.

Literatur

  • Friedrich Döring
 - Germania, Jahrgang 21, Oktober 1937, Heft 4, Seite 213 bis 217 
 - Die ersten Bauernkulturen,Jungsteinzeit in Nordhessen,Kassel 2000, Seite 58 bis 61)

Siehe auch