Altstädter Friedhof

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Reichenbachgrab

„Mitten in der Stadt mit ihrem Hasten und Treiben eine Insel des Friedens: der alte Friedhof an der Lutherkirche. Die Zeit machte in Ehrfurcht Halt vor ihm; sie zog neue Wege durch den Hain der Gräber und trug Sorge, dass die erhalten blieben. Namen von Klang stehen auf den Steinen, die altersgrau und verwittert, Künder ihrer Epoche bleiben.“ [1]

Dieser Friedhof in der Kasseler Innenstadt, auf dem die Lutherkirche errichtet wurde, war bis Ende 1848 außerhalb der Stadtmauer gelegen und der Hauptfriedhof der Kasseler Altstadt. Hier stehen noch einige beeindruckende Grabsteine bzw. Totendenkmäler des ehemaligen Friedhofs (geschlossen am 30. Juni 1843 und durch den Hauptfriedhof an der Holländische Straße ersetzt).

Unter anderem liegt hier, noch heute zu erkennen, die Grabstätte der Grimm-Mutter Dorothea Grimm (Ehrengrab der Stadt Kassel).


Geschichte des Altstädter Friedhofs

Geschichte seit der Reformation

Nach der Reformation erfolgte in den Städten eine zunehmende Verlagerung der Friedhöfe außerhalb der Stadtmauern. Auch Kassel ließ einen neuen Friedhof errichten. Ob die Anlage bereits 1533 vorgenommen wurde, lässt sich nicht mehr in Erfahrung bringen. Fest steht, dass es dort bereits ein sog. Beinhaus gab, die „Emmerichsklause“, wo man die Gebeine von Toten unterbrachte.

1564 wurde der neue Friedhof vor dem Hohen Tor, welches auch aufgrund der durchfahrenden Leichenzüge als „Totentor“ bezeichnet wurde, eingerichtet. Durch seine Lage zur Altstadt erhielt er unter anderem den Namen „alter Friedhof“ oder auch „alter Kirchhof“. [2]

Ab 1597 fand eine dauernde Erweiterung des damaligen Hauptfriedhofs mit dem Ankauf zahlreicher Gärten statt. Selbst um 1830 fanden noch Verhandlungen um die Ausdehnung des sowohl für die Altstadt als auch die Oberneustadt bestimmten Begräbnisplatzes statt, der (als der größte Friedhof Kassels) auch den Namen des „großen Totenhofes“ trug.

Durch den Siebenjährigen Krieg 1756-1763 wurden viele Denkmäler zerstört, sodass aus den ersten drei Jahrhunderten seiner Benutzung kaum Monumente bestehen blieben. Die ältesten heute noch auf dem Friedhof anzutreffenden Denkmale stammen aus dem mittleren 18. Jahrhundert.

1839 wird vermerkt, dass der Altstädter Friedhof von einer Mauer umgeben war, die jedoch im späten 19. Jahrhundert durch den Bau der Lutherkirche entfernt wurde. Als eine Nebenabteilung des Altstädter Friedhofs ist der Garnisonfriedhof anzusehen, der 1770 an der Nordseite entstand. Jedoch verfiel er mit der Zeit und wurde zum Wohnungsbau freigegeben.

Das starke Anwachsen der Bevölkerung Anfang des 19. Jahrhunderts führte dazu, dass der Friedhof verhältnismäßig zu klein wurde. Da es keine Erweiterungsmöglichkeiten mehr gab, musste er am 30. Juni 1843 geschlossen werden.

Allerdings erfolgte am 1. Dezember 1854 die nachträgliche Beisetzung von Prinzessin Karoline Friederike Wilhelmine von Hessen und am 12. Januar 1876 die Bestattung des letzten Kurfürsten.

Der Altstädter Friedhof wurde am 30. Juni 1843 geschlossen und durch den am 1. Juli 1843 eröffneten Hauptfriedhof an der Holländischen Straße ersetzt.

Lutherkirche

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts brachte der Bau der neugotischen Lutherkirche, die am 27. November 1897 eingeweiht wurde, auf dem Gelände des Altstädter Friedhofs eine große Veränderung mit sich. Das Grundstück wurde zu einem kleinen Park umgestaltet, in dem man zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch 170 Grabsteine, 17 Grabkreuze und 3 Grabplatten zählte. Während des Zweiten Weltkrieges gingen viele von diesen Grabzeichen zugrunde. In den 30er Jahren wurden zahlreiche, künstlerisch bedeutsame Denkmäler vom Friedhof in das Kasseler Museum für Sepulkralkultur umgesetzt.

Sanierung des Altstädter Friedhofs

Nachdem der Altstädter Friedhof durch den Hauptfriedhof ersetzt wurde, ist seine Sanierung immer wieder Gegenstand für Debatten in der Bevölkerung und den öffentlichen Medien. Als ständiges Streitthema steht vor allem die Finanzierung und Verantwortlichkeit für die Restauration im Mittelpunkt. Nachdem die Ruhestätte am Lutherplatz stark durch den Bombenangriff im II. Weltkrieg in Mitleidenschaft gezogen wurde, begann in den sechziger Jahren die Wiederherstellung des Kurfürstengrabes und des Mausoleums für ca. 30.000 DM.

Dass 1977 während des umstrittenen Baus eines Fußweges durch den Friedhof gleichzeitig nur umgefallene Steine wieder aufgestellt und von da an dem Altstädter Friedhof wider Erwarten weniger Beachtung geschenkt wurde, führte zu starken Vorwürfen gegenüber der Stadt. Zu viele Abgase und fortschreitende Verwitterungen griffen die wertvollen Steinmale an. Ein Abtransport zerstöre aber nur das Ensemble, während ein Belassen nur den weiteren Zerfall über Jahrhunderte fortdauern ließe, hieß es als Gegenargument von der Stadt. Überall gäbe es Abgase, zudem sei die Aktion wie so oft eine Kostenfrage.[3]

Deswegen bot im Jahre 1985 der Gesamtverband der ev. Kirchengemeinde Kassel 3.000 DM für die Rettung der Gräber an. Nach einem Gutachten aus dem vorherigen Jahr wäre jedoch ein Betrag von 80.000 DM erforderlich, um den Zerfall aufzuhalten. Darum übernahm man einzig die Sanierungskosten für das Grab von Dechant Johann Heinrich Ertner; die anderen Grabsteine wurden in ihrem maroden Zustand belassen. Der Vorschlag, den Gräbern mittels Kisten und Folien eine „Enthausung“ zu geben und so vor den Witterungen zu schützen, wurde vorerst aus Kostengründen abgelehnt, da es nach Angaben des Rathauses sinnvoller sei, die Mittel für die Enthausung gleich in die Renovierung mit einzubringen.[4]

Durch Spenden lokaler Baustoff- und Handelsunternehmen und der Arbeit von freiwilligen Helfern des Kasseler Technischen Hilfswerkes werden im November 1985 zwei Dutzend Steine eingepackt, um so nicht ganz dem Wetter schutzlos ausgeliefert zu sein. Die Holz- und Plastikfolienverkleidungen werden jedoch kurz darauf wegen der unansehnlichen Optik bemängelt, und daraufhin im Mai 1986 abgebaut. Eine Turnhalle als möglicher Unterbringungsort der Grabsteine wird von der Gemeinde abgelehnt, da sie die Halle weiterhin als Materiallager verwenden möchte. Sechs bis acht der wertvollsten Steine von besonderem Wert werden deshalb – wie schon einige Grabsteine zuvor - im September 1986 zuerst in einer städtischen Halle verwahrt und dann ins Kasseler Zentralinstitut für Sepulkralkultur gebracht. Unter anderem handelt es sich um den Grabstein von L.F. Christian von Eschwege, für dessen Grab ein Duplikat auf dem Altstädter Friedhof aufgestellt wurde. Der Rest der Grabmale blieb der Witterung ausgesetzt. Denn Ehrengrabmäler werden von der Stadt instand gesetzt, die Pflege der Anlagen selbst übernimmt das Städtische Umwelt –und Gartenamt. Die lutherische Kirchengemeinde fühlt sich nach § 9 des Vertrages zwischen der Stadt Kassel und der Gemeinde ebenso nicht für den Gräbererhalt verpflichtet.

Daher geschah lange nichts. Doch wegen dem drohenden Zerfall und den immer heftigeren Empörungen der Einwohner der Stadt wurden die Grabsteine für kurze Zeit im städtischen Klärwerk untergebracht. Als nicht nur das Wetter dem Friedhof zusetzte, sondern eine Kaninchenplage grassierte, wurden zur Eindämmung Frettchen und aufgestellte Fallen eingesetzt. Im selben Jahr (2001) gründet sich der „Förderverein Kurfürstengrab“, welcher sich, ähnlich wie später der Lions Club Kassel, tatkräftig mit der Restaurierung der Anlagen und Gräber befasst.

Sonstiges

Im Rahmen der Ausstellung "Memoria - 3790 nach Christus" des elsässischen Künstlers Raymond E. Weydelich im Kasseler Museum für Sepulkralkultur wurden am 14. September 1997 auf dem Lutherplatz so genannte Memoria-Kapseln in einem Betonsarkophag, der "Gruft der Zukunft", begraben. Alles, was in den ca. 30 cm langen und etwa 5 cm breiten Aluminium-Kapseln Platz fand, sollte der Nachwelt - die Bergung ist für das Jahr 3790 n. Chr. angekündigt - als historisches Fundstück erhalten bleiben.

Grabdenkmäler auf dem Altstädter Friedhof

Das Reichenbach-Grab gegenüber dem evangelischen Gemeindeamt an der Spohrstraße.
Grabmale

Auf dem 15 000 Quadratmeter großen Lutherplatz, der bis 1843 drei Jahrzehnte lang als Altstädter Friedhof der Hauptfriedhof der Stadt war, liegen berühmte Persönlichkeiten aus der deutschen und vor allem der Kasseler Geschichte begraben. Prominent sind etwa die Gräber der Grimm-Frauen: Dorothea, die Mutter der Geschwister Grimm, wurde hier beigesetzt, deren Tochter Lotte sowie Marie Elisabeth, die Frau des Maler-Bruders Ludwig Emil. Es sind heute Ehrengräber der Stadt Kassel.

Im zweiten Weltkrieg und durch verschiedene Baumaßnahmen wurden viele Steine zerstört oder sind verschwunden.

Heute stehen noch 70 Grabmäler, bestehend aus Sandstein, auf dem Lutherplatz.

- Jost Bürgi (1552-1632), Mathematiker (Entdecker der Logarithmen) und kurfürstlicher Uhrmacher, auf dessen Grabstein auf einer Platte in erhabenen Buchstaben steht: "Auf diesem Friedhof liegt begraben der landgräflich hessische und kaiserliche Uhrmacher sowie Mathematiker Jost Bürgi, geb. 28.2.1552 in Lichtenstein, Schweiz, gest. 31.1.1632 in Kassel. 1579-1604 und in späteren Jahren tätig in Kassel als genialer Konstrukteur von Messinstrumenden und Himmelsgloben, Erbauer der genauesten Uhren des 16. Jahrhunderts, Erfinder der Logarithmen."

- geheimer kurfürstlicher Kammerrat von Heppe

- Auguste von Schlotheim († 1798)

- Mausoleum der Kurfürstin Wilhelmine Karoline von Hessen (1747-1820), Gattin von Kurfürst Wilhelm I. von Hessen,

- Auguste Friederike Christine von Hessen (1780-1841), Gattin von Kurfürst Wilhelm II. und deren Tochter Karoline Friederike Wilhelmine (1799-1854) (Fürstengrab)

- Gräfin Luise von Hessenstein (1804-1829)

Grab der Charlotte Amalie Grimm

- Dorothea Grimm († 1808), Mutter der Gebrüder Grimm

- Charlotte Amalie Grimm (1793-1833), Schwester der Gebrüder Grimm und Frau des kurfürstlichen Ministers Ludwig Hassenpflug; ihr Sargophag wurde von den Brüdern errichtet, auf der Grabplatte kniet ein bronzener Engel, der ein Kreuz in den Händen hält

- Elisabeth Grimm († 1842), Frau des weniger bekannten Grimm-Bruders und Malers Ludwig Emil Grimm

- Das Reichenbach-Grab: Graf Wilhelm von Reichenbach (1815-1822), unehelicher Sohn von Kurfürst Wilhelm II.; seine Mutter war Emilie Ortlöpp, die spätere Gräfin von Reichenbach (1791-1843)

- Karl Friedrich Gerstäcker (1788-1825), Opernsänger am Kasseler Hoftheater

- Johann Heinrich Ertmer (1784-1834), katholischer Priester und Dechant von Kassel

auf der einen Seite seines Grabsteines steht: "Dem treuen Seelenhirten die Gemeinde.", auf der anderen sind Name und Lebensdaten erwähnt

- Christian von Eschwege (1793-1821), Lieutnant im Krieg gegen Napoleon und Jagdjunker; führte den Leichenzug von Kurfürst Wilhelm I. als Totenritter an

- Karl Schomburg († 1841), Oberbürgermeister Kassels

Kurfürstengrab

Im Kurfürstengrab sind Kurfürstin Wilhelmine Karoline von Hessen, Gattin des Kurfürsten von Hessen, Wilhelm I. Auguste Friederike Christine von Hessen, Frau von Wilhelm II., ihre Tochter Karoline Friederike Wilhelmine und Gräfin Luise von Hessenstein begraben.

Es liegt an der Südseite des Altstädter Friedhofes und ist umgittert. Es ist nur durch ein separates Tor zu betreten, für welches man sich den Schlüssel erst holen muss.

Fürstengrab

Denkmalskandal um das Kurfürstengrab

Es grenzte bereits an einen kleinen Skandal, als die Hessische Allgemeine am 20.01.1950 über die gefallenen Engelsfiguren „Verehrung“ und „Liebe“ am arg mitgenommenen Grabe des Kurfürsten berichtete und den Sturz als ein Symbol der Zeit deklarierte.

Zwei Jahre später wurde das Reichenbachgrab lediglich umgittert, anstelle der Stadt kümmerten sich ehemalige Angestellte des Fürstenhauses um die Instandhaltung. Als diese ihre Arbeit niederlegten, geschah Jahrzehnte lang nichts für den Erhalt des Kurfürstengrabes. Als 1985 Grabsteine neben der Begräbnisstätte des Fürsten zum Wetterschutz in Holz- und Plastikfolienverkleidungen eingepackt wurden, bot die Stadt finanzielle Unterstützung in Höhe von 50.000 DM an. Den Ausschlag zu einem noch viel größeren Denkmalskandal als im Jahre 1950 boten aber die dabei fehlenden 10.000 bis 15.000 DM für die Restaurierung. Während das Geld aufgetrieben werden sollte, wurde das gusseiserne Gitter des Grabmales, das in Bronze nachgegossen werden sollte, zwischengelagert. Ein Rathausmitarbeiter sah es fälschlicherweise als Schrott an und verkaufte das wertvolle Gitter an einen Schrotthändler für 12,68 DM. Durch Zufall erkannte Kunsthistoriker Gerhard Seip Überreste des noch nicht eingeschmolzenen Denkmals auf einem Kasseler Schrottplatz und das Rathaus sah sich großen Vorwürfen gegenüber. Für einen Nachguss forderten hessische Gießereien bis zu 250.000 DM. Dank dem Fall der Mauer übernahm die Gießerei Heinrichshütte in Würzbach/Thüringen den Auftrag für die vergleichsweise geringe Summe von 91.000 DM, um so Arbeitsplätze zu erhalten. 1993 wurde das Reichenbachgrab, mit anmontiertem Gitter und gereinigten Unterbau und Sarkophag, wieder der Kirche übergeben. Größeres Interesse bekam es noch einmal im Mai 1994 wegen dem Raub eines Bronzeengels, der ca. ein halbes Jahr später in einem Waldstück bei Zierenberg entdeckt wurde.

Siehe auch

Quellen- und Literaturhinweise

Literatur

  • Stadtarchiv
  • HNA-Archiv
  • Stadtmuseum
  • Online-Artikel von Pfarrer i. R. Stolze
  • Fußnoten

Quellen

  1. HNA, 1933
  2. HNA-online vom 4.11.2013: Schätze auf dem Friedhof - Grabmale auf dem Lutherplatz
  3. HNA, 09.11.1984
  4. Extra-Tip, „Das Grab vom unehelichen Kurfürstensohn vergammelt“, 16.06.1985

Weblinks