Ai Weiwei

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Das documenta-Lexikon
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Ai Weiwei in Kassel im September 2010 Foto:HNA/Koch
Ai Weiwei (geboren 1957 in Peking) ist ein chinesischer Künstler, der bei der documenta 12 (2007) zu Gast in Kassel war und 2010 den Kasseler Bürgerpreis "Das Glas der Vernunft" erhalten hat. Wegen seines politischen und gesellschaftlichen Engagements ist der Chinese regelmäßig Repressalien durch chinesische Behörden und Polizei ausgesetzt.

Leben

  • Ai Weiwei wurde in Peking als Sohn des berühmten Dichters Ai Qing geboren.
  • Von 1978 bis 1981 studierte er am Pekinger Filminstitut.
  • 1981 ging er nach New York, wo er bis 1993 lebte und arbeitete. Er studierte dort zunächst an der Parsons School of Design.
  • 1994 kehrte Ai Weiwei nach Peking zurück, wo er seitdem als freier Künstler lebt und arbeitet.

Ausstellungen

2003 waren seine Arbeiten in Luzern zu sehen. Ferner war er bei zahlreichen Gruppenausstellungen vertreten, so 2002 in Oberhausen, 2001 in Berlin und 1999 in Weimar.

Auszeichnungen

Festnahme

Am 3. April 2011 wird Ai Weiwei in seiner Heimat China festgenommen. Er soll Steuern hinterzogen haben. Aus Sicht vieler Staatsmänner war er lediglich wegen seiner Kritik am kommunistischen System festgesetzt worden. Die Familie des Künstlers hatte den gegen ihn erhobenen Vorwurf des Steuerbetrugs zurückgewiesen.

Anteilnahme in Kassel

  • Mitte April hatten die documenta GmbH und der Kasseler Bürgerverein „Glas der Vernunft“ eine Internetseite ins Netz gestellt, auf der unter www.glas-der-vernunft.de Botschaften von Kassels Einwohnern gesammelt wurden. 1001 sollten es werden - in Anlehnung an Ai Weiweis documenta-Beitrag fairytale.[2]
  • 200 Menschen beteiligten sich in Kassel am 19. April 2011 an einer Solidaritätskundgebung für den inhaftierten und zu diesem Zeitpunkt verschwundenen Ai Weiwei.[3]

Freilassung

Am 22. Juni 2011 wird Ai Weiwei gegen eine Kaution wieder freigelassen. Laut chinesischer Behörden soll Ai diverse Steuervergehen gestanden haben. Die Freilassung wurde aber auch mit seinem Gesundheitszustand begründet. Dem Künstler werden von der chinesischen Regierung noch angebliche Wirtschaftsverbrechen vorgeworfen. Wer die Kaution bezahlt hat, ist unklar.[4]. Unzählige Chinesen solidarisieren sich mit Ai Weiwei und spenden Geldbeträge, damit er die ihm zur Last gelegten Steuerschulden begleichen kann.

Rezensionen

Wille zur Provokation

Der eine Gedanke ist richtig: Der chinesische Künstler Ai Weiwei hatte nicht vor, seine am Aue-Pavillon in der Kasseler Karlsaue stehende Skulptur „Template“ zu zerstören. Auch wenn seine Reaktion vermuten lässt, er habe einen Hang zur Destruktion.

Nein, bei Ai Weiwei paaren sich chinesische Gelassenheit und der künstlerische Wille zur Provokation. Er befindet sich seit Jahren in der beneidenswerten Rolle, dass er sich Extravaganzen, auch systemkritische, erlauben kann. Eine ganze Künstlergeneration ist bei ihm in die Schule gegangen.

Verstehen kann man ihn und seine Haltung erst dann, wenn man sich die völlig anderen Dimensionen vergegenwärtigt, an denen sich sein Denken orientiert. Bei der gestrigen Befragung in der Kasseler documenta-Halle wurde er auch auf sein Projekt „Fairytale“ (Märchen) angesprochen, durch das 1001 Chinesen zur documenta kommen. Aus unserer Sicht ist das ein gewaltiges Unternehmen. Er hingegen sieht es als ein winziges Ereignis: Denn dreimal im Jahr würden in China mehrere 100 Millionen Chinesen aufbrechen, um für eine Woche zu verreisen.

Wahrscheinlich geben sich der Künstler und die documenta-Leitung auch nur ganz pragmatisch. Denn wenige Tage vor dem Einsturz der Skulptur hatten Fachleute die Widerstandskraft des Bauwerkes für den Fall von Sturm- und Orkanböen nicht als ausreichend eingestuft. Folglich wurde die Skulptur weiträumig eingezäunt. Für den Wiederaufbau in der alten Form hätte es kaum die Genehmigung oder hohe Sicherheitsauflagen gegeben. Außerdem wurden bei dem Zusammenbruch zahlreiche Türen und Fenster, die aus chinesischen Abbruchhäusern stammen, zerstört. Ersatz müsste erst aus China herbeigeschafft werden.

Natürlich sind alle dankbar, dass kein Mensch zu Schaden kam. Aber weil nur seine eigene Arbeit gelitten hat, lehnt sich Ai Weiwei fast selbstzufrieden zurück. So bringt auf ganz unerwartete Weise seine in sich zusammengebrochene Skulptur das Bild der Hausruinen nach Kassel, die zum Teil zwangsgeräumt wurden. Der verborgene politische Charakter wird aus seiner Sicht nun offenbar.

HNA 22. 6. 2007

"Template" - eine Skulptur und ihr Fall

Im Gegensatz zur Öffentlichkeit war Ai Weiwei nur im allerersten Moment geschockt, als am 20. Juni nachmittags in einem heftigen Gewittersturm seine Skulptur "Template" zusammenbrach. Für ihn ist eine neue Form entstanden, die die Gewalten der Natur dokumentiert, die aber auch daran erinnert, dass die in der Skulptur verwendeten Türen und Fenstern aus Abrisshäusern in China stammen.


Einige der 1001 Chinesen, die durch Ai Weiweis Projekt "Fairytale" (Märchen) nach Kassel kamen und dort die Kaskaden und den Herkules erkundeten. Es handelt sich um Studenten aus Shanghai.


Ai Wei Wei - Liebling der Menschen und Medien

Kein anderes Projekt der documenta 12 beflügelt derart die Fantasien der Menschen in Kassel und außerhalb der Stadt wie der Plan von Ai Wei Wei, 1001 Chinesen zur documenta nach Kassel zu holen. Die einen malen sich aus, wie es werde, wenn die Chinesen im Gänsemarsch (oder in welcher Formation sonst) durch Kassels Innenstadt oder die Ausstellungsräume laufen; die anderen möchten wissen, wie man diese Chinesen von anderen unterscheiden könne; und wieder andere könnten sich vorstellen, einen der Chinesen bei sich aufzunehmen.

Das Projekt wächst zur sozialen Plastik aus, an deren Gestaltung viele teilnehmen wollen. Die Leute empfinden die Aktion als etwas Rührendes, vor allem wenn sie hören, dass einige der Chinesen noch nie außerhalb ihres Dorfes waren oder bisher keine amtlichen Papiere hatten.

Ai Wei Wei ist zum documenta-Star geworden. Dementsprechend wird mit Hochachtung und Sympathie verfolgt, dass er in der Ausstellung alte chinesische Stühle aus der Qing-Dynastie verteilen will - 1001 an der Zahl, also symbolisch je einen Stuhl für jeden zur documenta geholten Chinesen. Das gleiche Interesse gilt seinem Bauwerk, das am Aue-Pavillon entsteht und das den Widerspruch zwischen chinesischer Bautradition und modernem, ungebremsten Wachstum thematisiert.

Der Künstler wurde 1957 als Sohn des Dichters Ai Qing in Peking geboren. Die Familie wurde bald nach seiner Geburt in die Wüste Gobi geschickt. Erst mit 18 kehrte er in seinen Geburtsort zurück. 1981 erhielt er die Erlaubnis, zum Studium nach New York zu gehen, wo er von Dada und der Konzeptkunst geprägt wurde. In einem Interview sagte er 2005 zu dieser Zeit: "Duchamps hatte mir das beigebracht: Kunst ist eine Lebens- und keine Produktionsform. Ich konnte mit dieser Maxime vor mir entschuldigen, dass ich mit meinen Arbeiten keinen Erfolg hatte."


1993 kam er wieder nach Peking und wurde bald zu dem Künstler, der die junge chinesische Avantgarde um sich versammelte. Ai Wei Wei ist Künstler und Architekt, Begründer einer Galerie unter dem Namen "China Art Warehouse", politisch engagiert und provokant. Ein Grundmotiv seiner Arbeit ist die Zerbrechlichkeit und zerstörung der chinesischen Kultur.

Von den Brüdern Grimm zu 1001 Nacht

Die Chinesen, die der Künstler Ai Weiwei zur documenta 12 einlädt, werden nicht ausgestellt

Kassel. „Fairytale“ (Märchen) heißt das Projekt, das der chinesische Künstler Ai Weiwei zur documenta 12 realisiert. Ai hat den Titel nicht nur deshalb gewählt, weil sein Vorhaben, 1001 Chinesen zur documenta nach Kassel zu bringen, märchenhaft klingt. Entscheidend war vielmehr, wie documenta-Sprecherin Catrin Seefranz auf Anfrage sagte, dass er bei seinem Besuch in Kassel vom documenta-Beirat mit der Stadt und ihrer Geschichte vertraut gemacht wurde und dabei auch auf die Brüder Grimm und die Märchen stieß.

Die Arbeit „Fairytale“ ist also ganz auf Kassel und die Grimm-Märchen zugeschnitten. Der Brückenschlag zu „1001 Nacht“ folgte erst im zweiten Schritt.

Die Arbeit ist Teil der Ausstellung. Das heißt aber nicht, dass die 1001 chinesischen Gäste ausgestellt werden. Dem Künstler geht es darum, zu untersuchen, wie sich ein sozialer Raum verändert, oder was es bedeutet, wenn Menschen auf der anderen Seite des Globus mit einem solchen Kunstereignis konfrontiert werden. Da Ai auch Gestalter und Architekt ist, kann sich Catrin Seefranz vorstellen, dass er einen Weg findet, die Gäste (im Gegensatz zu anderen chinesischen Besuchern) als Projekt-Teilnehmer erkennbar zu machen.

Im Moment wird noch diskutiert und darüber verhandelt, ob die Filme, die derzeit in China zur Vorstellung der Projekt-Teilnehmer produziert werden, während der documenta in Kassel zu sehen sein werden. Die chinesischen Gäste, die in mehreren Etappen kommen, werden in einer ehemaligen Fabrikhalle auf dem Gottschalkgelände in Kassel schlafen. Die Halle, die heute zur Uni gehört, soll dafür umgestaltet werden.

Mann des Jahres

Der documenta-Künstler Ai Weiwei wurde 2009 von Lesern und einer Jury des Männer-Magazins GQ. - Gentlemen's Quarterly in der Kategorie Zivilcourage zum „Mann des Jahres" gewählt worden. [5]

siehe auch

Einzelnachweise

  1. Aus HNA.de vom 26. September 2010: Kasseler Bürgerpreis an Künstler Ai Weiwei
  2. Aus HNA.de vom 5. Mai 2011: 1001 Worte für Ai Weiwei - Verschwinden bewegt die Kasseler
  3. Aus HNA.de vom 19. April 2011: 200 Menschen setzten sich auf Stühlen für Künstler Ai Weiwei ein
  4. Aus HNA.de vom 22. Juni 2011: Künstler Ai Weiwei auf Kaution frei
  5. Aus der HNA vom 5. November 2009

Quellen und Links