1943

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Die Stadt versank in Schutt und Asche

Opferverzeichnis der Bombennacht in Kassel am 22. Oktober 1943
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Dettmar-zerstoerung-kassel-buch.jpg
Quelle: Werner Dettmar: Die Zerstörung Kassels im Oktober 1943.

Gebundene Ausgabe: 384 Seiten, Verlag: Hesse GmbH (1983)
ISBN-10: 3924259003, ISBN-13: 978-3924259006
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Wikipedia: ISBN-Suche


Mehrere hundert britische Flugzeuge warfen in der Nacht zum 23. Oktober Bomben im Gesamtgewicht von 1500 Tonnen über Kassel ab. Rund 10.000 Menschen kamen ums Leben.

"...dann hat meine Tochter geschrien: ,Mutti, ich ersticke’, die lag unter lauter Toten da im Keller. Und ich hatte meine Jüngste auf dem Arm, und das Kind hat noch bis 6 Uhr morgens gelebt..." Diese später zu Protokoll gegebenen Erlebnisse der damals 29jährigen Gretel S. aus der Kasseler Kastenalsgasse 34 spiegeln die Schrecken und das Grauen wieder, von denen Zehntausende von Kasseler Familien in der Bombennacht vom 22. auf den 23. Oktober 1943 heimgesucht wurden.

Nach dem Ende der stundenlangen Angriffe mehrerer hundert britischer Bomber auf die Stadt an der Fulda waren rund 10000 Menschen tot. Sie waren unter Trümmern begraben, erstickt oder bei der Flucht aus den verqualmten Luftschutzkellern in dem auf den Straßen tobenden Feuersturm verbrannt. In jener Nacht versank Kassel in Schutt und Asche. Von der historischen Altstadt, die den Lancaster- und Halifax-Bombern als Zielpunkt für ihren Flächenangriff mit Sprengbomben, Stabbrandbomben und Luftminen bis zur Größe von Litfaßsäulen diente,(verschiedene Bombenteile sind im Landesmuseum zu sehen) blieb so gut wie nichts mehr übrig.Den Feuerschein konnte man sogar in Borken (Kreis Fritzlar Homberg)noch sehen.

Bombennacht

Die mehr als tausendjährige Stadt war auf der Prioritätenliste der alliierten Luftkriegsziele ganz oben eingestuft, weil sie als bedeutender Eisenbahnknotenpunkt galt und so wichtige Rüstungsbetriebe wie Henschel (Panzerbau) und Fieseler (Flugzeuge) beherbergte. Seit 1942 richteten Briten und Amerikaner ihren Bombenkrieg aber auch gezielt gegen die deutsche Zivilbevölkerung, um ihren Widerstandswillen zu brechen eine Rechnung, die allerdings nicht aufging.

Die rund um Kassel angelegten Flak-Gürtel hatten die anfliegenden Maschinen nicht stoppen können. Die Funkmeßgeräte neben den Geschützen waren durch den Abwurf von Unmengen von Stanniolstreifen bei der Zielerfassung stark behindert, ebenso die Scheinwerfer durch britische Leuchtbomben und den kilometerhoch aufsteigenden Rauch. Dennoch gelang den Flak-Bedienungen, darunter auch viele Oberschüler, und den deutschen Nachtjägern der Abschuß von 48 Bombern.

Einer der bei einer Schweren Flak-Batterie in Obervellmar eingesetzten jungen Luftwaffenhelfer, Gebhard Niemeyer, schrieb in sein Tagebuch: "Während des Angriffs sahen wir drei Maschinen abstürzen, lichterloh brennend. Das war ein stolzer Anblick. Die eine Maschine stürzte etwa in südlicher Richtung von uns ab. Wir vermuteten etwa am Bahnhof Harleshausen." Und weiter: "Da flog im Osten von uns etwa gegen 23 Uhr die Munitionsanstalt Ihringshausen in die Luft, eine fürchterliche Stichflamme, eine gewaltige Explosion."

Als am 23. Oktober der Morgen graute, bestand das innere Stadtgebiet nur noch aus einem qualmenden Ruinenfeld. In der Oberen Karlsstraße, auf dem Marställer Platz, Königsplatz, Friedrichsplatz und an vielen anderen Stellen lagen aufgereiht die Opfer, verstümmelt oder bis zur Unkenntlichkeit verkohlt. Binnen drei Tagen mußten fast 10.000 Tote zum Teil in Massengräbern beigesetzt werden.

Noch sieben Tage nach dem Angriff schlugen aus den Ruinen Flammen, wie die britische Luftaufklärung feststellte. Gebhard Niemeyers Tagebuch-Eintrag "Kassel ist nicht mehr" gab das Empfinden der Überlebenden wieder. Wohl kaum jemand konnte sich damals vorstellen, daß die Stadt angesichts der unvorstellbaren Verwüstung jemals wieder aufgebaut werden könnte.

Die Kurhessische Landeszeitung (mit dem Zusatz: Zweite gemeinsame Notausgabe mit den Kasseler Neuesten Nachrichten) titelte am 26. Oktober 1943: "Kasseler Bevölkerung verhielt sich vorbildlich". Und im Text hieß es schwülstig, Kassels Bürger hätten sich "bei dem schweren Terrorangriff" dem Geist der Front ebenbürtig erwiesen. Tags zuvor hatte Gauleiter Weinrich "die tapfere Bewährung von Frauen, Männern, Jungen und Mädeln, die den Flammen Einhalt zu gebieten versuchten", als beispiellos gelobt.

In den folgenden Tagen und Wochen aber füllten die Todesanzeigen viele Seiten der Kurhessischen Landeszeitung.

Bomben auf Möhne- und Edertalsperre

1350 Menschen starben in den Fluten

In der Nacht vom 16. auf den 17. Mai 1943 zerstörten britische Lancaster-Bomber mit Spezialbomben die Eder- und die Möhnetalsperre, um die für die deutsche Rüstungsindustrie lebenswichtige Stromversorgung zu unterbrechen. Beide Dämme brachen und setzten gewaltige Flutwellen frei. 330 Millionen Tonnen Wasser rissen Menschen und Tiere, Brücken, Eisenbahnlinien und Häuser mit sich. Die Menschen wurden von den Fluten vollkommen überrascht, weil es für den Fall eines Angriffs kein Warnsystem gab. Im Möhnetal starben über 1300 Menschen, darunter 750 Zwangsarbeiterinnen aus Rußland und Polen, die in einem Barackenlager untergebracht waren. An Eder und Fulda kamen 47 Menschen ums Leben. Die Fluten führten auch in Kassel zu großen Überschwemmungen.

Acht der 19 britischen Maschinen kehren nicht zurück. Von den 56 Mann ihrer Besatzungen überleben nur zwei, die in Gefangenschaft geraten.


Erlebnisberichte: Schleusen der Hölle öffneten sich

Nach dem Angriff wurden bei der Kasseler Vermißtensuchstelle Berichte Überlebender zu Protokoll gegeben. Einige wurden in Werner Dettmars Buch "Die Zerstörung Kassels im Oktober 1943" veröffentlicht.

"Es erscheint Frau K. Ottilie, ehemals Pferdemarkt 9, jetzt Steinhöferstr. 8 (geb. 22.10.1893, also am Terrortag), und sagt aus", protokollierte am 14. März 1944 die Vermißtensuchstelle der Stadt Kassel.

"Wir wollten uns gerade zum Abendessen setzen, als die Sirene ertönte. Haben dann unsere bereitstehenden Koffer mit in den Keller genommen. Wasser und Sand waren anscheinend in genügender Menge da und eigentlich nahm man ja an, daß es nicht so ernst werden würde", berichtete die Frau.

"Im Keller waren alle Hausbewohner und unser Lehrmädchen und ein Soldat. Die Leute waren eigentlich ruhig. Als gar nicht eine Schießpause eintrat, wurden sie ängstlich. ... Als die Männer (Kriegsversehrte+Greise, die man an der Front nicht mehr brauchen konnten) zum Fenster raus sahen, stellten sie fest, daß bereits die ganze Altstadt ein Flammenmeer war."

Inzwischen hatten die Räume über dem Keller Feuer gefangen, das sich nach unten durchfraß. Man beschloß, den Keller zu verlassen, um nicht zu ersticken.

"Meine Tochter mit ihrer Freundin machte den Anfang. Sie sollten zum Martinsplatz laufen, wo sie noch genügend Luft fanden. Wir sahen sie dann noch aus dem Hausflur zur Kasernenstraße hineilen, unter ihren nassen Decken. Und das war das Letzte, was wir von ihnen noch gesehen haben. ... Jetzt bin ich mit meinem Mann alleine, es war unsere einzige Tochter", endet der erschütternde Bericht.

Der Drahtzaunfabrikant Anton Sch., ehemals Wolfhager Straße 38, jetzt Wurmbergstraße 75, berichtete: "Als wir den Keller betraten, öffneten sich die Schleusen der Hölle über dem Himmel in Kassel. Ohne Pause hörte man es zischen, pfeifen, gurgeln, brausen, krachen, donnern... Die einzige Sorge, die mich bewegte, war die, wie kommen wir von hier aus ins Freie? Im Keller hätten wir unweigerlich verschmoren müssen. Ein vierjähriges Mädchen fing laut an zu beten und rief ihr verstorbenes Brüderchen an: ,Rudolf, du bist im Himmel, du mußt uns retten!’"


Bericht eines jungen Rekruten

Mein Vater, geb. 1925 in Kassel, aufgewachsen in der Entengasse im Herzen Alt-Kassels, später mit Familie lange Zeit in Welheiden ansässig und danach als Ruheständler im Flüsseviertel, war ein waschechter Kasseläner mit hugenottischem Hintergrund. Er war als junger Wehrmachtsrekrut in Weimar bei Kassel stationiert; später landete er mit einem Himmelfahrtskommando in Italien und entging somit einem schlimmeren Schicksal. Nach Kriegsende kam er dünn, müde, traumatisiert, aber wohlbehalten zu Fuß nach Kassel zurück. Sein Bericht ist ein Auszug aus seinen Lebenserinnerungen bis 1945. Es wäre schön gewesen, auch die vielen Jahre danach noch nachlesen zu können, da er aber ein sehr aktiver Mensch war, kam er nicht so oft zum Schreiben. Sehr bedauerlich. Hier sein Bericht:


"...Da ja auch hier immer wieder nächtlicher Fliegeralarm ertönte, wurden wir alle für besondere Aufgaben bei Luftalarm ausgebildet. Ich hatte die Aufgabe, bei Fliegeralarm sofort einen Feuerlöschposten bei den örtlichen Fahrzeughallen zu beziehen. Dies tat ich auch am späten Abend des 22. Oktober 1943. Der Alarm wurde bei uns gegen 22 Uhr ausgelöst und nach einiger Zeit, ich hatte von meinem Standplatz eine gute Fernsicht nach Westen, sah ich, dass sich der Himmel in Richtung Heimat wie bei einem Sonnenuntergang mitten in der Nacht rot verfärbte. Ich wurde sehr nachdenklich, und als ich in den Kasernentrakt zurückkam,erfuhr ich von einem schweren Luftangriff auf Kassel. Dies war an einem Freitag / Nacht zum Samstag.

Ich war sehr unruhig und wartete auf den Sonntag, da wollte mich meine Mutter in Weimar besuchen, was sie öfters tat. Aber an diesem Sonntag wartete ich auf dem Bahnhof vergeblich auf einen Zug aus Richtung Kassel. Erst sehr viel später traf ein Zug aus Richtung Westen ein, und ich fragte den Eisenbahner an der Fahrkartensperre, ob Reisende aus Kassel dabei gewesen wären. Er verwies mich auf ein Ehepaar, welches ganz schwarz gekleidet war. Ich ging zu den Leuten und holte mir Auskunft. Und die war für mich niederschmetternd. Nach meinem Wohnsitz in Kassel befragt, gaben sie mir die Auskunft, dass in der Kasseler Altstadt kein Stein mehr auf dem anderen stünde und dass der größte Teil der hier wohnenden Menschen den Flammentod gefunden hätten. Auf dem Rückweg zur Kaserne überfielen mich Weinkrämpfe und Fieberanfälle, so dass ich das Krankenrevier aufsuchen musste. Ich bat meinen Kompaniefeldwebel, mir Sonderurlaub zu gewähren, aber er verwies mich auf die Vorschriften, dass erst eine Nachricht von Angehörigen vorliegen musste. Ich erklärte ihm meine Situation, und da er ein weiches Herz hatte, gab er mir auf eigene Verantwortung einen Sonderurlaubsschein mit der Auflage, wenn nichts ist, sofort zurückzukommen. Dies versprach ich ihm auf die Hand und fuhr am Montag morgen, am 25.10.43 nach Kassel.

Die Fahrt endete für alle Züge in Kassel-Wilhelmshöhe, und hier wurden alle ankommenden Soldaten von der Feldgendarmerie in Empfang genommen. Fronturlauber mussten ihre Waffen sofort abgeben, da es in den letzten Tagen viele Selbstmorde in der Stadt gegeben haben soll. Ich hatte ja keine als Rekrut und konnte losziehen. Was sich meinen Augen bot, als ich in die Altstadt kam, kann ich hier kaum in Worten wiedergeben, aber es ist ja alles hinreichend bekannt.

Ich versuchte, meine Mutter zu finden, indem ich viele bis zur Unkenntlichkeit verbrannte und erstickte Leichen überprüfte. Unsere Straße war von den herabgestürzten Trümmern verschüttet und nur noch in der Mitte war ein Streifen von vielleicht einem Meter frei, und hier lagen die geborgenen Toten.

Meine Mutter war aus dem brennenden Inferno unter Einsatz ihres Lebens geflüchtet - wir haben uns in Nordshausen bei einer Cousine von ihr wiedergetroffen, um dann als Bombengeschädigte nach Hümme bei Hofgeismar zu evakuieren. Hier hatten wir ja zahlreiche Verwandte und kamen dort auch unter. Ich meldete mich auf der Standortkommandatur am Opernplatz Ecke Obere Königsstraße und hier wurde mein Urlaubsschein verlängert und meine Einheit in Weimar verständigt. In den Tagen darauf versuchte ich noch mit meiner Mutter, aus unserem Keller etwas zu bergen, aber außer ein paar Porzellangegenständen war alles verbrannt. Mein schönes Fahrrad, das ich so geliebt hatte, war auf einem Trümmerberg an einer herausragenden Stange ausgeglüht hängengeblieben."


Artikel in HNA-online vom 21.10.2009

Der Tod im Feuersturm

Am 22. Oktober 1943 versank die Altstadt – 10 000 Menschen kamen ums Leben

Kassel. Freitag, 22. Oktober 1943. Ein sonniger und klarer Herbsttag. Eigentlich ideal für einen Spaziergang im Habichtswald oder durch die Aue. Doch daran denken die Menschen vor 66 Jahren kaum noch. Der Krieg bestimmt das Leben – und an diesem Tag schlägt er in all seiner Brutalität zu.

Auf genau dieses klare Wetter hatte das britische Bomberkommando nach dem missglückten Großangriff vom 3. Oktober gewartet. 400 Bomber befinden sich bereits im Anflug auf Kassel, als der Abspann im Ufa-Kino an der Königsstraße läuft. "Münchhausen" heißt der Film. Es wird für lange Zeit die letzte Vorführung sein.

Um 20.17 Uhr ertönt der Fliegeralarm. Wenig später beginnt der schrecklichste Angriff, den Kassel je erlebt hat. Diesmal treffen die Zielmarkierungen genau, die gefürchteten Christbäume gehen über der Martinskirche nieder. Luftminen und Sprengbomben schlagen Lücken in die Altstadt, decken Dächer ab, reißen Türen und Fenster heraus. Danach entfachen 400 000 Brandbomben einen verheerenden Feuersturm. Nach nur einer Stunde haben die Bomberpiloten ihren Auftrag erledigt. Gegen 21.30 Uhr drehen sie ab.

Sie hinterlassen ein Inferno aus brennenden und einstürzenden Fachwerkhäusern. In den Kellern und auf den Straßen kämpfen die Menschen ums nackte Überleben.

Für 10 000 von ihnen – darunter 2000 Kinder – ist es ein vergeblicher Kampf. Die Luft in den Kellern, wo sie Schutz suchen, ist durch das Feuer immer schlechter geworden. Wer wegen des Sauerstoffmangels und durch das eindringende Kohlenoxidgas müde wird und einschläft, wacht nicht mehr auf.

Bei 70 Prozent der Opfer wird später als Todesursache Erstickung festgestellt. Andere werden von herumfliegenden Trümmern erschlagen oder sterben in den Flammen. In dieser Nacht geht die Residenzstadt mit ihrer 1000-jährigen Geschichte unter. Das Inferno ist noch viele Kilometer entfernt zu sehen, der Nachthimmel leuchtet glühend rot. Damals weiß niemand, dass der mörderische Krieg noch 18 Monate dauern wird.

von Thomas Simon


siehe auch

Jüdische Gemeinde - Gemeinden mit wechselvoller Geschichte

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