1941

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Sonstige

Der Marsch der Juden ins Verderben

1941 begannen vom Kasseler Hauptbahnhof aus die Deportationen der Juden aus der Stadt und dem Umland. Sie wurden in Lager abgeschoben, in denen die meisten umkamen.

"Im Regierungsbezirk Kassel werden zur Zeit etwa 3.000 Juden gezählt. Hiervon leben in Kassel 1.300." Das bilanzierte SS-Hauptsturmführer Klingelhöfer von der Gestapo (Geheime Staatspolizei) schon im Frühjahr 1940. Ende 1941 wurde daraus eine furchtbare Konsequenz gezogen: Nachdem immer neue Gruppen von Juden aus dem Umland nach Kassel gebracht worden waren, wurden sie deportiert.

Der erste Transport, so wird es in dem vorzüglichen Werk "Volksgemeinschaft und Volksfeinde - Kassel 1933 bis 1945" von Jörg Kammler und Dietfrid Krause-Vilmar dokumentiert, ging am 9. Dezember 1941 nach Riga. Andere nach Theresienstadt und Lubin/Majdanek folgten 1942. Dies war, wie sich später herausstellte, das Ende der jüdischen Gemeinde in Kassel. Niemand weiß, wieviele Kasseler Juden den Endlösungs-Wahn der Nazis überlebten. In dem zitierten Buch wird erwähnt, von den 99 Kasselern, die im Sommer 1942 nach Majdanek geschafft worden waren, gebe es bis heute kein Lebenszeichen.

Das Ghetto Riga war kein Vernichtungslager; dennoch kamen die meisten Kasseler um - durch Unterernährung, durch Weitertransport in Vernichtungslager oder durch Aktionen der SS.

Auch die in ihrer Heimatstadt Zurückgebliebenen, so heißt es, waren Demütigungen aller Art ausgesetzt; ihr Leben war bestimmt von ständiger Angst, ins Konzentrationslager abtransportiert zu werden. Sie waren gebrandmarkt, weil sie in "Mischehe" mit einem "Arier" lebten oder als "jüdische Mischlinge" nicht gleich ins Visier der Häscher gerieten.

Die Jahre zuvor waren für die Kasseler Juden - im Mai 1933 gehörten der hiesigen jüdischen Gemeinde 2301 Personen an - schon qualvoll genug gewesen. Wie überall im "Reich" wanderten diejenigen, die auf den "schwarzen Listen" der Nazis standen, möglichst bald aus. Die meisten indes wollten in der Heimat bleiben - betrachteten sie sich doch als Deutsche. Auch als spätestens 1935 mit den "Nürnberger Gesetzen" auch dem letzten klar geworden war, daß sie Bürger zweiter Klasse waren, zogen sie lieber anderswohin und hofften auf bessere Zeiten, statt ins Ausland zu fliehen.

1937 wurden die Juden mit dem "J" auf der Kennkarte stigmatisiert, später mußten alle den Zusatzvornamen "Sara" und "Israel" führen, 1938 zeigte die lange als "Reichskristallnacht" verharmloste Nacht der Synagogenschändung und Geschäftezerstörung, daß der Marsch ins Verderben längst losgegangen war. Die Juden wurden aus dem Geschäftsleben ausgeschaltet, sie trauten sich kaum noch auf die Straße. 1941 begann mit den Deportationen die physische Vernichtung.

Vom Hauptbahnhof aus

Der Kasseler Hauptbahnhof wurde zum Schicksalsort der Kasseler Juden. Das ganze Unternehmen war aufs hinterlistigste organisiert. Wenige Tage vor den Transporten - die jeweilige Transportstärke sollte 1000 Personen betragen, um die Kapazitäten der Bahn auch gut auszunutzen - wurden die Opfer informiert und Auswärtige nach Kassel gebracht. Ihnen wurde vorgeschwindelt, sie kämen zum Arbeitseinsatz und sollten Nähmaschinen und Werkzeuge mitbringen.

Sammelstelle vor der Abfahrt war der Schulkomplex Schillerstraße. Dort filzten Mitarbeiter des Judenreferats der Gestapo die Ankömmlinge und beraubten sie ihres Schmuckes und Bargelds sowie ihrer Papiere. Dann wurden sie in einem Zug zum Bahnhof getrieben. Ein Teil des Gepäcks und Arbeitsgerät kamen in einen Extrawaggon - der noch auf dem Bahnhof abgekoppelt wurde, während die Juden ihrem Schicksal entgegenfuhren.

Nazideutschland im Schulbuch

Begeistertes "Sieg Heil!" auf Hitler

Der Alltag des Jahres 1941 spiegelte sich auch in den Schulbüchern der damaligen Zeit. Zuvörderst aber ging es um die Vermittlung des Nazi-Gedankengutes.

Die nazistische Ideologie machte vor nichts und vor niemandem halt. Selbstverständlich hatte sie längst in die Schulbücher Einzug gehalten. Beispiele zuhauf finden sich in dem 1941 aufgelegten Werk "Mein Hessenland", wo es gleich zu Beginn um Kassel ging:

Frohe Marschlieder´

"Heute ist eine große Kundgebung auf dem Friedrichsplatz. Durch die Straßen der Stadt schmettert die Musik, dröhnen die Trommeln, erschallen frohe Marschlieder; in langen Reihen kommen auf mehreren Anmarschstraßen die SA., SS., HJ., BDM., die Wehrmacht und unzählige Vereine." (Für die heutigen Generationen müssen die Kürzel teilweise übersetzt werden: Es handelte sich um die Schutz-Abteilung, die Schutz-Staffel, die Hitler-Jugend und den Bund Deutscher Mädel).

Fahne flattert lustig

"Die Hakenkreuzfahnen flattern lustig im Wind. Fast eine Stunde schon dauert der Aufmarsch, und immer noch kommen neue Abteilungen an. 20000, ja 30000 Menschen in brauner, schwarzer und feldgrauer Uniform stehen jetzt in langen Reihen ausgerichtet auf dem Platz, und viele tausend Zuschauer... stehen noch ringsum..."

Rasch fordert auch im Schulbuch der Führerkult seinen Tribut: "Da erschallt aus mehreren Lautsprechern... das Wort: Achtung - Achtung - Achtung! und alsbald herrscht eine gespannte Stille. Jeder will die Rede hören, die vom Balkon des Schlosses herunter vom Gauleiter gehalten wird. Ein begeistertes "Sieg Heil!" auf den Führer Adolf Hitler beschließt die Rede, und dann stimmt die Kapelle an zum Lied der Deutschen und zum Horst-Wessellied."

Und in diesem Stil geht es weiter: 1933 bis 1936 war, die Nazis herrschten schon in Deutschland, mitten durch "die verborgensten Winkel und dumpfen Höfe der Altstadt" der Freiheiter Durchbruch als neue Straße geschaffen worden. Auch diese verkehrspolitische Maßnahme wird unter das Banner der neuen Herrscher gestellt:

"Sie legt in ihrem schmucken Zustand Zeugnis ab von dem Geist und Opferwillen der neuen Zeit. Viele Familien mußten zwar ihre schlechten Behausungen aufgeben. Sie wurden dafür in gesunden, sonnigen Wohnungen der Außenstadt untergebracht. Die Wohnengebliebenen haben durch den Durchbruch Luft und Sonne in ihre Häuser bekommen."

Bei der Schilderung des Bergparks Wilhelmshöhe kommen die Autoren leicht ins Schleudern. Statt den Kurfürsten zu benennen, der ihn anlegen ließ (Wilhelm I.), wird anonym festgestellt, dort sei "ein ganzer Berg des Habichtswaldes, der Karlsberg, in einen herrlichen Park umgewandelt worden..."

Das Kasseler Gebirge

Wenig weiter wird ein Bild vom sonntäglichen Vergnügen der Kasseler, Kasselaner und Kasseläner gezeichnet:

"Für die Bevölkerung von Kassel ist der Habichtswald der sonntägliche Erholungsort. Die ganze Familie zieht, mit einem schweren Rucksack beladen, in welchem Kuchen und gemahlener Kaffee der Hauptinhalt ist, hinauf ins Gebirge. Überall laden freundliche Gaststätten zum Verweilen ein: ,Hier können Familien Kaffee kochen!’"

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